Renate Ettl
Serie:
Therapien für Pferde (11): Osteopathie
Die Abhängigkeit von Struktur und Funktion
Wenn reiterliche Probleme auftreten, eine Lahmheit nicht lokalisierbar ist, Bewegungsstörungen vorhanden sind oder Wirbeldornfortsätze offensichtlich nicht an ihrem Platz sind, wird der Osteopath gerufen. Ein paar Griffe zum „Einrenken“ von Wirbeln und Gelenken – und das Pferd sollte wieder fit sein. So die Vorstellung vieler Pferdebesitzer von der Osteopathie.
Der Begriff „Osteopathie“ bedeutet wörtlich übersetzt eigentlich „Knochenkrankheit“. So wäre demnach eine Osteopath ein Knochenkranker. Dem ist aber nicht so, denn der Osteopath ist jemand, der mit Hilfe des Knochenapparates Krankheiten heilt. Eigentlich ist der Begriff Osteopath also falsch gewählt, und obwohl man sich Gedanken über eine andere Begrifflichkeit wie etwa Osteotherapeut gemacht hat, ist es allgemein bei der Bezeichnung Osteopath geblieben.
Der Begründer der Osteopathie war Andrew Taylor Still, der am 6. August 1828 in Virginia in den USA geboren wurde. Durch seinen Vater, der als Arzt arbeitete, erwarb Still ein umfassendes Wissen im Bereich der Medizin. Andrew Taylor Still musste den Tod von drei seiner Kinder und seiner ersten Frau verkraften, hinzu kamen die Wirren des Bürgerkriegs mit all seinen fürchterlichen Folgen von Krankheiten und Verletzungen.
Krankheit als Störung der Mechanik
Das Interesse Stills an Mechanik, das ihn sogar landwirtschaftliche Maschinen entwerfen ließ, übertrug er in Verbindung mit seinen medizinischen Kenntnissen auf die Struktur des Menschen. So kam er zu dem Schluss, dass eine Krankheit schlichtweg aus einer Störung der mechanischen Struktur des Menschen entsteht. Er stellte fest, dass Krankheiten immer mit einer Bewegungseinschränkung von bestimmten Wirbelsäulenabschnitten einhergehen. Aufgrund der Blockierung von Wirbeln wird die Blut- und Nervenversorgung von Organen gehemmt. Durch die Wiederherstellung der Mobilität konnte somit die Krankheit geheilt werden, da das jeweilige Gebiet wieder optimal versorgt wurde.
Als Still diese Erkenntnis aufstellte, war er 46 Jahre alt. Es war die Geburtsstunde der Osteopathie – und zwar exakt am 22. Juni 1874, am Vormittag um 10 Uhr. Nach vielen Heilungserfolgen gründete Still im Jahr 1892 die erste Osteopathieschule in Kirksville. Ab 1892 wurde die Osteopathie vom Staat Vermont anerkannt, während weitere Staaten nach und nach folgten. In Europa dauerte es viel länger, bis die Heilmethode Anerkennung fand: 1993 erkannte Großbritannien, gefolgt von Australien und Neuseeland die Osteopathie an. Erst am 24. Juni 2000 folgten Belgien und am 5. März 2002 Frankreich. Auch in Finnland, Malta und Island ist der Beruf des Osteopathen gesetzlich geregelt. Bis dato ist das Berufsfeld der Osteopathie in Deutschland offiziell noch nicht anerkannt. Die Osteopathen in Deutschland arbeiten offiziell im Rahmen des Heilpraktiker-Gesetzes. In der Schweiz hingegen ist die Osteopathie in sechs Kantonen gesetzlich geregelt.
Die Pferde-Osteopathie steckt demnach immer noch in den Kinderschuhen. In den 70er-Jahren machte sich der französische Tierarzt Dr. Dominique Giniaux als Pferde-Osteopath einen Namen. Er gilt als der Begründer der Pferde-Osteopathie. Ebenso war Pascal Evrard einer der ersten, der die Osteopathie aufs Pferd übertrug. Evrard machte die Pferde-Osteopathie unter anderem in Deutschland bekannt.
Leben ist Bewegung
Zwar entwickelte Andrew Taylor Still den Begriff der Osteopathie, doch osteopathische Behandlungmethoden waren teils schon in der Antike bekannt. Nach dem Motto „Leben ist Bewegung und Bewegung ist Leben“ ist klar, dass Bewegungseinschränkungen die natürlichen Funktionen des Organismus einschränken. Eine Bewegungseinschränkung kann in den verschiedensten Strukturen auftreten. Es können Bänder, Sehnen, Muskeln, Faszien oder Gelenke betroffen sein. Der Osteopath betrachtet demnach nicht nur die Knochen des Patienten allein. Hier grenzt sich der Osteopath auch von der Chiropraktik ab.
Die Osteopathie ist auch von der Physiotherapie abzugrenzen. In der Physiotherapie kommen unter anderem Hilfsmittel wie Wärme, Wasser, Elektrizität etc. zum Einsatz. Sie kennt aber auch viele manuelle Techniken und Mobilisierungsmaßnahmen. Der Physiotherapeut kümmert sich sowohl um die Gelenke und Knochen als auch um die Faszien und Muskeln. Die Osteopathie ist eine rein manuelle Behandlungsmethode, die sich nicht nur mit den Knochen, sondern mit dem gesamten Organismus, einschließlich der Organe, befasst. Sie ist eine eigenständige und ganzheitliche Medizinform.
Die Osteopathie stellt das Gleichgewicht eines Lebewesens auf allen funktionellen Ebenen wieder her. Der Osteopath überprüft also, ob sich alle Strukturen physiologisch bewegen lassen. Wenn Blockierungen festgestellt werden, wendet der Osteopath bestimmte Techniken an, um die Strukturen wieder zu mobilisieren. Hierzu muss der Osteopath natürlich erst die Kenntnis darüber erlangen, wie sich eine Struktur eigentlich bewegen kann. Es gibt verschiedenste Arten von Gelenken, die je nach Ausformung und Art eine bestimmte Bewegung der Knochen zulassen. Während ein Kugelgelenk zwei Knochen gegeneinander in alle Richtungen bewegen lässt, können zwei Knochen, die über ein Scharniergelenk miteinander verbunden sind, nur in Flexion und Extension bewegt werden.
Mit den Händen sehen
Dem Osteopathen muss nicht nur klar sein, in welche Richtung sich welche Struktur bewegen kann, sondern auch wie weit die physiologische Bewegung geht. Nur dann ist er in der Lage, eine krankhafte Veränderung zu diagnostizieren. Hierfür muss der Behandler ein Gefühl für das Gewebe entwickeln und lernen, mit den Händen zu sehen.
Die Struktur eines Gelenks bestimmt also seine Funktion. Die Funktion hingegen bestimmt auch die Struktur. Die Funktionalität der Körperstrukturen stimuliert den Fluss der Körperflüssigkeiten. Alle Zellen, die Organe, Nerven und Gelenke können nur dann richtig arbeiten, wenn sie mit Nährstoffen über das Blut und den Liquorfluss entsprechend versorgt werden. Ist die Versorgung gehemmt, ist das Organ in seiner Funktion eingeschränkt und geschwächt. Somit bedingen sich Funktion und Struktur gegenseitig.
Das bedeutet in der Praxis, dass gestörte Bereiche, sei es im funktionellen oder strukturellen Bereich, andere Areale beeinflussen und Störungen hervorrufen. Eine Störung im Bereich des Hufs – sei es durch eine Verletzung oder falsches Bearbeiten – kann reflektorisch Probleme in der Halswirbelsäule verursachen. Diese wiederum hat Auswirkungen auf die Hinterhandaktivität, welche sich im Lendenbereich manifestiert und letztendlich auch organische Probleme nach sich ziehen kann.
Der Osteopath will diesen Störkreislauf unterbrechen und regt somit die Selbstheilungskräfte des Körpers an. Dabei benützt der Behandler nur seine Hände als Werkzeug. Damit überprüft er zunächst die Bewegungsqualität des Gelenks, Muskels oder Organs. Der Osteopath testet dabei die Extension, Flexion, Rotation, Lateroflexion und Translation auf den verschiedenen räumlichen Ebenen.
Ein großes Repertoire an Techniken
Nachdem die Untersuchung abgeschlossen ist, entscheidet der Osteopath sich für eine geeignete Behandlungstechnik. Hier hat er – trotzdem er nur mit seinen Händen arbeitet – einen großen Fundus: Sein Repertoire umfasst neben strukturellen Techniken auch Reflextechniken, craniosakrale Techniken, Weichteiltechniken, Gewebe- und Faszientechniken. Mit diesen Techniken gibt der Behandler der jeweiligen Struktur einen bestimmten Impuls, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Den gestörten Strukturen wird die Mobilität wieder zurückgegeben, Dysfunktionen können behoben werden und die Strukturen können sich den normalen Funktionen wieder anpassen.
Nach einer osteopathischen Behandlung sieht man nicht immer gleich ein Ergebnis. Der Körper benötigt einige Zeit, um sich an das wiedererlangte Gleichgewicht zu gewöhnen. Deshalb sollte man dem Pferd nach der osteopathischen Behandlung einige Tage Ruhe gönnen. Auf keinen Fall sollte das Pferd an den darauffolgenden zwei bis drei Tagen an Turnieren teilnehmen oder ein hartes Training durchlaufen müssen. Am besten, man gewährt dem Tier eine dreitägige Reitpause. In dieser Zeit sollte es nicht in der Box verbleiben, sondern ausreichend Bewegungsmöglichkeit haben. Idealerweise darf das Pferd einige Tage Weidegang genießen, bevor das Training wieder langsam aufgenommen wird.
Eine osteopathische Behandlung ist bei vielen Gesundheitsstörungen angesagt, insbesondere aber bei Lahmheiten, Reitproblemen, Lumbalgien, brachialen Neuralgien, Ischialgien, Rückenproblemen und viszeralen, funktionellen Störungen. Eine osteopathische, aber auch physiotherapeutische Behandlung ist auch zur Prävention anzuraten. Die prophylaktische Betreuung des Sport- und Freizeitpferdes kann verhindern, dass sich irreversible Störungen einstellen. Schon bevor sich ein Problem manifestiert und das Pferd beispielsweise zu lahmen beginnt, kann eine Behandlung die Fitness des Pferdes erhalten oder wieder herstellen.