Buck Brannaman mit William Reynolds
„Vertraue dem Pferd“ – Auf den Spuren des Pferdeflüsterers
Kosmos-Verlag, ISBN 978-3-440-11983-9
„Vertraue dem Pferd“ – Auf den Spuren des Pferdeflüsterers, Teil 5
Nun, es brachte Rachel beinahe um zu sehen, wie ich ihren Wirbelwind zähmte. Sie dachte sich, ich ruiniere ihre gut geölte Flugmaschine. Sie fragte, ob sie sie ein letztes Mal reiten könnte, um mir wirklich zu zeigen, was die Stute kann. „Na klar“, sagte ich und sah mir den Wirbelsturm von der Bande aus an. „Da!“, sagte sie, während sie mir Tornados Zügel zurückgab, was so viel beinhaltete wie: „So reitet man diese Stute, vergiss es nicht!“ Ich brachte eine sehr talentierte Stute nach Hause, die zwei Gangarten konnte: Schritt und Renngalopp. Regala (ich hatte ihren Namen geändert) war dazu komplett steif in ihrem Körper. Rachel konnte reiten wie der Teufel und Regala war athletisch, deswegen sind die beiden nicht umgefallen. Ich ritt diese Stute in zwei von Bucks Kursen in jenem Sommer und Herbst. Wir machten viele Wendungen und Biegungen, und ich entwickelte einen guten Trab mit ihr. Doch beim Galoppieren hing ich ihr die ganze Zeit mit dem Zügel im Maul, weil sie mich mit jedem riesigen Galoppsprung aus dem Sattel zog.
Jeder, der schon eine Weile mit Buck reitet, weiß, dass er nicht auf den Leuten herumhackt. Er stellt einfach seine Lernmöglichkeit in den Raum und lässt die Leute finden, was sie brauchen. Wenn jemand in Schwierigkeiten kommt, greift er ein, damit es für ihn oder sie sicher bleibt, aber meistens geht Buck an die Menschen genauso heran wie an die Pferde. Er baut die Situation auf und lässt uns dann suchen, bis wir die Antwort gefunden haben. Manchmal dauert das einen Tag und manchmal dauert es auch Jahre.
Nachdem Buck mich zwei Kurse lang mit dieser Stute im Höllentempo gesehen hatte, fand er, dass es Zeit war, einzugreifen. Am zweiten Tag des zweiten Kurses gab er der Gruppe die Anweisung, am losen Zügel zu galoppieren. Ich ließ meine Stute die einzige Galoppgeschwindigkeit gehen, die sie kannte - gestreckter Renngalopp - und ließ die Zügel durchhängen. Buck ließ uns zweimal um die gesamte Reitbahn rennen – und Regala wurde ständig schneller. Als wir in vollem Tempo vorbeirasten und Buck erkannte, dass die Stute nicht selbst verlangsamen würde, rief er: „Theresa, nimm diese Stute zurück!“ Als ich nach den Zügeln griff und vergeblich daran zog, verfeinerte er seine Anweisung: „Nimm den Zügel an, bis die Wirkung in den Pferdebeinen ankommt... dann gib nach.“ Das war eine Offenbarung. Ich habe laufend versucht, Regala zu zügeln und sie sogar etwas langsamer bekommen, aber ich war nie deutlich genug geworden, um bis zu ihren Füßen zu gelangen und sie zum Durchparieren zu bekommen. Es ist schwer zu beschreiben, wie wichtig diese Lektion für mich war. (Sie hat sich sogar auf andere Bereiche meines Lebens ausgewirkt. Ich habe die meiste Zeit meiner Karriere auf Managerposten gearbeitet. Zu wissen, wann man die Zügel annehmen muss, ist eine wesentliche Fähigkeit in der Geschäftswelt, und diese Fähigkeit habe ich nach Bucks rechtzeitiger Anweisung deutlich verbessert.) Ich kann immer noch den Moment fühlen, in dem Regala schließlich durchpariert hat. Ich habe sofort nachgegeben. Wir bekamen zwei normale Galoppsprünge hin, bevor sie wieder schneller wurde. Also griff ich wieder zu, bemerkte eine Reaktion, gab nach und fühlte den Erfolg mehrerer normaler Galoppsprünge. Nach und nach bekamen wir immer mehr lockere Galoppsprünge am losen Zügel.
Bei Buck hat alles etwas mit dem Wissen zu tun, wann man sanft und feinsinnig sein soll und wann man zugreifen muss und es genauso meint, um dann genauso viel Druck aufzubauen, wie man für eine Veränderung braucht – und das war bei dieser Stute viel.
Ich will nicht die Geschlechter verallgemeinern, aber wie vielen meiner Freundinnen fällt es auch mir schwer, wirklich nachdrücklich mit einem Pferd umzugehen, genauso wie viele Männer daran arbeiten müssen, sanfter zu sein. Ein echter Horseman muss beides können. Das Pferd ist so ein kraftvoller Lehrer, weil es ein viel größeres Ausdrucksspektrum hat als der Mensch. Wir neigen dazu, bei den Ausdrucksmöglichkeiten zu bleiben, mit denen wir uns wohlfühlen, und bewegen uns in diesem Rahmen. Aber das Pferd füllt dieses Spektrum aus; wenn ihr Verhalten für uns zu feinfühlig ist, bekommen wir nicht mit, was sie brauchen, und wenn sie zu kühn für uns sind, ebenso. Die Fähigkeit, dem Pferd auf allen Ebenen entgegenzukommen, ist das, was Buck versucht, uns beizubringen.
Regala gab mir das, was ich wissen musste: Dass es okay ist, Einhalt zu gebieten und sie einen Gang herunterzuschalten, wenn ihre Ausdrucksweise auf der großen, gewagten Seite des Spektrums spielt. Nach einem Jahr auf Skeeter und einem auf Regala fühlte ich mich schlussendlich im letzten Frühjahr bereit, wieder mit neuem Werkzeug bei Equinox anzufangen. Das Sattelproblem hatte mich weiterhin beschäftigt, auch in der zweijährigen Reitpause. Einige gute Freunde halfen mir. Wir benutzten jede Technik, die wir finden konnten: Wir gewöhnten sie an ein Seil um ihren Rumpf und brachten die Vorderbeine in Bewegung, sodass sie sich nicht gegen das Vorderbein stemmen würde. Ich habe sogar ihre Hinterbeine mit dem Lasso eingefangen. Dies ist eine Übung aus Bucks Bodenarbeit, die viele Leute überschlagen, weil es ganz schön beängstigend sein kann. Ein Pferd ist schlauer als ein Mensch, und Equinox wusste, dass hinter diesen ganzen Techniken nicht wirklich ein Sattel stand.
Es war das Festziehen des Gurtes, wovor sie wirklich Angst hatte, und dies fand ich an einem Samstag im Februar 2003 heraus, an dem ich lernte, dass ich sie nie wieder beim Satteln aus dem Gleichgewicht bringen durfte. Diese Entdeckung war nicht allein meine, es war ein Zusammenspiel aus dem, was Buck mir beigebracht hatte, wie ich den Druck anwenden und wann ich nachgeben sollte. Es wurde auch noch verstärkt durch meine Arbeit mit Mike und Deanie. Sie haben mir beigebracht, dass dieses Wegscheuchen der Pferde mit einem Stab mit kleiner Flagge daran zwar genug Druck aufbringt, um die Pferde aus ihrer Komfortzone zu schicken, aber nicht so viel, dass sie derart verängstigt sind, dass sie nicht mehr damit umgehen können – und das ist die gleiche Technik, die Buck im ersten Kurs mit der sensiblen Paint-Stute angewendet hat. Praktisch bedeutet dieses „Flaggenscheuchen“, dass man die Flagge zum Pferd streckt, das Pferd berührt und schnell wieder auf Rückzug geht – ungefähr dann, wenn das Pferd denkt, das flatterige Ding würde es umbringen. Dann geht die Flagge weg, und das Pferd stellt fest, dass es ihm immer noch gut geht. Aber dann kommt das Ding wieder und es ist immer noch fürchterlich beängstigend, aber es ist kein Schreck, der bestehen bleibt. Es ist ein kleiner Schreck, wie ein Vogel, der in ihr Sichtfeld fliegt: Sie erschrecken sich, aber gehen nicht gleich durch. Mit dieser Technik hatte ich Regala innerhalb einer Stunde an die Flagge gewöhnt, sodass ich sie später reiten und die Flagge herumschwingen konnte, ohne dass es ihr etwas ausmachte.
Es kam mir in den Sinn, dass Equinox schließlich gelernt hatte, den Sattel zu tolerieren und zwar mehr aus dem Wunsch heraus, es richtig zu machen als eine wirkliche Akzeptanz dafür zu haben; die Angst lauerte immer noch. Also benutzte ich diese Methode von Annäherung und Rückzug und nahm den Sattel mit in den Roundpen, um es zu testen. Ich fing ganz locker an und stupste sie ein wenig in der Gurtlage mit meinen Händen – so schnell, dass sie nur Zeit hatte, etwas zusammenzuzucken und ein oder zwei Schritte zu machen. Ich arbeitete mich langsam vor, von der kurzen Berührung bis zu längerem, stärkerem Druck in der gesamten Gurtlage, aber ich ließ immer nach, sobald sie Anzeichen von Angst zeigte. Bald stand sie mit entspanntem Unterkiefer da und ruhte mit einem Bein, während ich Druck auf den gesamten normalerweise berührungsempfindlichen Bereich ausübte. Ich dachte mir, es sei Zeit für den Sattel. Equinox machte sich steif, sobald ich den Sattel vom Boden anhob. Ich warf den Sattel auf die Art und Weise auf ihren Rücken, wie Buck es mir gezeigt hatte, also hoch und weit, damit er sanft in der Mitte ihres Rückens landete. Bevor der Sattel jedoch überhaupt richtig lag und die Füße der Stute sich bewegen konnten, zog ich ihn schon wieder herunter.
Equinox sah mich komplett erleichtert an. Ich streichelte sie und wir begannen von vorn. Lediglich kurz berührte der Sattel ihren Rücken, und dann war er auch schon wieder unten. Obwohl ihr Fuß sich noch einen Schritt bewegte, blieb sie an Ort und Stelle. Ich brachte sie wieder in Position und schwang den Sattel noch einmal auf ihren Rücken, ließ den Sattel eine Sekunde dort, bis sie sich umsah und die Schulter sich steif machte, dann nahm ich ihn wieder herunter. Wir wiederholten dies etwa noch sechs oder sieben Mal, bevor ich den Sattel oben ließ und sie ihn auf ihrem Rücken akzeptierte. Ich ließ sie dort stehen und über die Richtigkeit ihrer Handlung nachdenken.
Anstatt zum nächsten Punkt überzugehen – der Arbeit mit dem Sattelgurt –, überraschte ich die Stute und zog den Sattel nochmal herunter. Sie belohnte meine Geduld damit, dass sie ihren Kopf bis fast auf den Boden senkte, während sie mit ihren Augen rollte. Dann gähnte sie, ihre Zunge rollte aus dem Maul und drehte sich. Alles Zeichen eines entspannten Pferdes. Ich ließ sie diesen Erfolgsmoment genießen und nahm dann den Sattel wieder auf und schwang ihn auf ihren Rücken. Dieses Mal ließ ich ihn dort liegen und ging auf die andere Seite, als ob ich den Gurt herunterlassen wollte. Equinox᾽ rechtes Auge sah mich misstrauisch an. Ich nestelte ein wenig herum, bevor ich wieder herumging und den Sattel herunternahm. Sie stand still, während ich darüber nachdachte, wie weh dies meinen Schultern schon tat, und dann schwang ich den Sattel wieder auf ihren Rücken. Diesmal ging ich herum, ließ den Sattelgurt herunterhängen und schwang ihn ein wenig hin und her, ging wieder zurück und nahm den Sattel ab. Als ich ihn das nächste Mal auf ihren Rücken schwang, griff ich eilig nach unten, um den Gurt zu greifen. Als ich sah, wie sich ihr Vorderbein steif machte, trat ich den Rückzug an und nahm den Sattel wieder ab.
Equinox begann zu verstehen. Sie verstand, dass sie hier das Tempo bestimmte. Sie entspannte sich. Ich schwang den Sattel erneut, sah keine Steife und berührte daher ihre Brust mit dem Gurt, was zu einem leichten Schweifschlagen führte. Daher kam der Sattel sogleich wieder herunter. Dann wieder zurück und den Sattelgurt anziehen, um nun tatsächlich Druck darauf zu bringen, den ich sofort wieder nachließ. Aber diesmal ließ ich den Sattel oben. Sie gab mir zu verstehen, das sei nun okay, also machten wir das auch noch sechs, sieben Mal: Gurt hochheben, bis er sie berührte, herunter und wieder lockerlassen, berühren, lockerlassen, mit mehr Druck berühren, nachgeben, berühren und nachgeben, bis ich mir sicher war, dass ich den nächsten Schritt machen und das Gurtleder durch die Schlaufe ziehen konnte. Aber ich machte nicht weiter. Ich zog den Sattel herunter und ließ sie über den neuen Stand der Dinge nachdenken, was sie mit einem offenen Blick in meine Richtung tat. Außerdem ruhte sie auf einem Hinterbein und senkte ihren Kopf. Und dann kam der Sattel erneut auf ihren Rücken, der Gurt wurde gestrafft und das Gurtleder heruntergezogen - dann gab es ein Nachgeben. Wir wiederholten den kompletten Gurtungsprozess mit dem Gurtleder, straff herunterziehen, nachgeben, straffen, nachgeben – so lange, bis das für sie okay war, dann sattelte ich sie ab.
Wir saßen da und genossen den langsamen, ruhigen Tag und ich sattelte sie wieder. Dieses Mal sagte ich: „Okay, Kleines, du bist jetzt bereit dazu, dass ich den Gurt fest durch das Gurtleder ziehen kann. Damit gibt es keinen Weg zurück, denn dann ist der Gurt halb angezogen, aber noch nicht gesichert.“ Das heißt, wenn Equinox dann in die Luft gehen würde – was bis dato so sicher war wie das Amen in der Kirche –, dann könnten wir ganz schön in Schwierigkeiten kommen. Ich befestigte den Gurt langsam und in aller Ruhe, immer bereit, schnell anziehen zu können, falls es notwendig war, aber für Equinox war das alles in Ordnung. Als der Sattel sicher befestigt war, gingen wir los. Und da konnte man es sehen: Das steife, rechte Vorderbein – es machte mindestens einmal bei dieser Runde um den Roundpen kürzere Schritte, aber Equinox lief sich ein. Ich sattelte die Stute wieder ab und sattelte sie gleich wieder. Diesmal bewegte ich sie sofort. Ich suchte nach Spannung und fand keine, ich führte sie vorwärts, aber diesmal gab es weniger Steife, sie verging auch schneller. Ich sattelte sie ab und wieder auf und dieses Mal, als sie ganz ohne Steifigkeit losging, führte ich sie in einen leichten Trab. Der Gurt spannte sich ein wenig, sie beschleunigte ihre Schritte, aber sie beruhigte sich ganz schnell wieder. Wir machten einfach gleich ein wenig Bodenarbeit, die wir das ganze Jahr noch nicht getan hatten.
Neulinge, die mir zugesehen hätten, hätten mich für verrückt gehalten. Vom Zuschauerplatz aus und ohne dieses Wissen hätten sie nicht gesehen, dass sie sich überhaupt bewegte. Immerhin, obwohl Equinox᾽ Füße fast immer stocksteif beim Satteln stehen blieben, sagte sie mir doch jedes Mal immer wieder, wie viel sie davon vertragen konnte. Ich hatte diese Anzeichen schon vorher gesehen, aber ich hatte gedacht „Ich muss sie einfach da hindurchbringen.“ Also schnippte ich mit dem Seil, um ihre Füße zum Stillstand zu bringen. Danach sattelte ich sie einfach und schaute zu, wie sie steif und voller Widerstand sich einlief. Manchmal bockte sie oder ging einfach nur vorwärts, aber sie hatte es nie wirklich akzeptiert. Ich hatte mich nur selbst an der Nase herumgeführt. Zu dem Zeitpunkt, wenn wir das Satteln hinter uns hatten, war Equinox schon so verächtlich, dass sie, ganz gleich wie gutmütig sie von Natur aus war, einfach die Kontrolle übernehmen und versuchen musste, mich loszuwerden. Wenn ich mir schon mit diesem Ding, das ihr offenbar so wichtig war, kein Vertrauen einhandeln konnte, wie konnte sie mir dann bei irgendetwas anderem vertrauen?
Nach vier langen Jahren voller Arbeit und Sorge ritt ich sie schließlich im letzten Frühjahr mit Zuversicht. Mike und Deanie waren Gastgeber eines Kurses bei Charlie, also wusste ich, dass ich viel Zuspruch bekommen würde. Es war wunderbar. Wenn sie sich verloren fühlte, half ich ihr, den Weg wiederzufinden. Wenn sie nervös wurde, beruhigte ich sie. Wenn sie scheute und umhersprang, ritt ich sie einfach weiter, so wie ich auch jedes andere Pferd durch kleinere Sorgen einfach weiterreiten würde. Mit anderen Worten: Nachdem ich sie vier Jahre lang wie ein zerbrechliches Gut behandelt hatte, behandelte ich sie jetzt wie ein Pferd. Jedes Pferd. Ein Pferd ohne Vorgeschichte. Ein Pferd, das einfach ein wenig Richtungsangabe und Unterstützung brauchte und ein wenig Hilfe auf dem Weg. Hätte ich diese Ritte schon ein Jahr zuvor machen können? Nein. Aber irgendwann sollte ich an diesem Punkt ankommen und mit Hilfe von Buck und den anderen talentierten Horsemen, die er in unserer Gruppe in Washington ausgebildet hatte, kam ich auf Augenhöhe mit meiner Stute. Nicht sofort, aber Stückchen für Stückchen, über einen längeren Zeitraum. Hätte das ein Horseman mit besseren Fähigkeiten schneller erreichen können? Natürlich, aber er oder sie hätte mir dann meine Stute zurückgegeben, und ich hätte sie nicht unterstützen können. Und ich lerne immer noch. Auch mit dem Erfolg auf Equinox von letztem Frühjahr war ich immer noch nicht in der Lage, sie letzten Sommer im Kurs mit Buck zu reiten. Wenn man bei Buck in einem Kurs mitreitet, kommt man immer an seine eigenen Grenzen, und das sollte man nicht unterschätzen. Also ritt ich Regala bei den Kursen und Equinox zu Hause.
Bei einem Kurs in Tacoma sah ich etwas, das bei mir Eindruck hinterließ. Eine zaghafte, junge Reiterin mit einem Araber hatte Probleme, die Aufmerksamkeit ihres Pferdes zu erhalten. Während der Bodenarbeit rannte das Pferd sie um. Unter dem Sattel sah es so aus, als hätte jemand das Gaspedal voll durchgetreten und das Lenkrad scharf nach rechts eingeschlagen. Das Pferd hechtete los, die Reiterin versuchte, die Hinterhand weichen zu lassen, es rannte einfach nur Kreise auf der Stelle. Dieses Pferd sah aus wie Calvin aus der Serie „Calvin und Hobbes“, nachdem dieser den ganzen Morgen seine Frühstücksflocken gefuttert hatte – es hatte schlichtweg ein Aufmerksamkeitsdefizit. Buck ließ die beiden sich etwa einen Tag lang abmühen. Das Mädchen brachte etwas koordiniertere Versuche hervor, aber sie schien immer noch wie eine Mücke auf einem Elefanten zu sein. Als Buck hinzukam und das Führseil in die Hand nahm, lernten wir, was Präsenz bedeutet. Er zog die Gedanken dieses Pferdes innerhalb von Sekunden auf sich und hielt sie dort. Er führte den Araber ein-, zweimal an sich vorbei, um ihm zu zeigen, dass er wusste, wo seine Füße waren und dass er die Kontrolle darüber hatte. Aber er machte körperlich überhaupt nichts mit diesem Pferd. Er befahl einfach diesen Respekt mit seiner Präsenz. Nach etwa dreißig Sekunden mit Buck am Führseil hätte dieses Pferd salutiert, wenn es dies gekonnt hätte. Um seinen mentalen Einfluss zu demonstrieren, gab Buck das Pferd in die Hand der Besitzerin zurück und ging weg, einmal komplett durch die Reitbahn, und dieses Pferd verfolgte jeden seiner Schritte mit Blicken, während er zwischen den anderen Pferden in Schlangenlinien ging. Als Buck dem Pferd zu verstehen gab, an Ort und Stelle zu bleiben, tat es dies. Selbst nachdem Buck das Pferd an die Reiterin zurückgab und sowohl die Füße als auch die Gedanken des Pferdes beruhigt waren, verfolgten die Augen des Pferdes volle zehn Minuten lang jede Bewegung von Buck. Als es schließlich für das Pferd offensichtlich wurde, dass Buck nicht zu ihm zurückkehren würde, fing es wieder an zu tänzeln und seine Besitzerin herumzuschubsen.
Dies war eine der beeindruckendsten Taten, die ich jemals von Buck gesehen habe. Und dieses Erlebnis hat mich überzeugt, dass ein wirkliches Ergreifen genauso viel mit Präsenz wie auch mit Technik zu tun hat. Ich erkannte, dass dies etwas war, was mir bei Equinox fehlte: Präsenz. Ich hatte mich durch Hunderte verschiedener Dinge mit ihr durchgearbeitet, aber es gab eine Sache, die ich nicht gemacht hatte: sie gesattelt und geritten, und zwar ohne den Rückhalt von Freunden, Helfern oder Kursleitern.
Also stand ich eines winterlichen Sonntags früh auf, zog mir sorgfältig meine besten Reitsachen an, säuberte mein Sattelzeug, fing Equinox von der Wiese ein, putzte sie, bis sie glänzte, und nahm sie dann mit in die Reitbahn und sattelte sie. Es waren keine anderen Pferde zur Unterstützung da. Keine Freunde. Kein Kursleiter. Nur ich und meine Stute. Das Satteln klappte prima – dieser Dämon war vernichtet. Ich wendete alle Kniffe an, die Buck uns beim Jungpferdekurs beigebracht hatte, das nenne ich eine Sicherheitskontrolle vor dem Start: alle vier Füße überprüfen, damit man weiß, ob alles auch richtig arbeitet, die Hinterhand in beide Richtungen weichen lassen und die Vorhand in beide Richtungen herumschicken, führen und rückwärtsweichen lassen, auftrensen – das heißt prüfen, ob noch weitere Bodenarbeit notwendig ist, bevor der Reiter aufsteigt. Equinox war hierbei recht gut, also stellte ich sie passend an den Zaun, damit ich von dort aus aufsteigen konnte. Der erste Ritt war sicherlich nichts, womit man prahlen könnte. Wir schafften es einfach beide.
Die Ritte wurden im Laufe dieses Frühjahrs und Sommers immer besser, manchmal kam ein kleiner Rückschlag. Buck hatte mir nach meinem ersten Jungpferdekurs mit Equinox gesagt, dass sie und ich diese Probleme bewältigen würden, und ich habe mich an diesen Worten festgehalten. Ich bin froh, heute sagen zu können, dass wir es geschafft haben. Bei manchen Kursen hält Buck einen beeindruckenden Vortrag, wo er die Schritte beschreibt, die zur Vollendung der Reitausbildung des Pferdes führen. Er demonstriert und beschreibt die verschiedenen Ausrüstungsgegenstände, die im Laufe der Zeit benutzt werden. Ich mag diese Demonstration, denn sie symbolisiert die Reise, die ein Horseman zurücklegt.
Mein Lieblingsteil ist der Moment, wo er die bosalita erklärt, ein Bosal aus Leder, das nur so breit wie ein Bleistift ist. Es wird mit einem Lederbändchen an der Stirnlocke des Pferdes befestigt. Buck erklärt, dass die bosalita keine wirkliche Funktion hat; es ist Schmuck, der das Pferd ehrt. Nachdem er im letzten Jahr diesen Vortrag für uns gehalten und die bosalita erklärt hatte, kam ich nach Hause und schrieb dieses Gedicht:
Welch Sehnsucht nach der Ehre, eines Tages die bosalita tragen zu dürfen! Wenn ich am Ende meines Lebens ins Licht zurückkehre, hoffe ich zu fühlen, wie mein Herr sie in meinem Haar befestigt – als Symbol, dass ich dem Großen Meister erlaube, sein Werk an mir zu vollenden. Dass ich nach Widerstand und Unbeugsamkeit mich doch seinen Händen gefügt habe. Dass ich, als ich unsicher war, lernte, mich frei nach vorn zu bewegen und seiner Führung zu folgen. Dass ich auch bei Flucht, als mein Schicksal mir egal war, gelernt habe, mein Tempo zurückzunehmen und auf ihn zu warten, bis ich mir wieder seiner sicher war. Ich lief vertrauensvoll, leicht und sicher auf dem Pfad, den er mir bereitet hat.