Beinschutz für Pferde
Die unteren Beinpartien des Pferdes brauchen viel Schutz – und was machen Profis in diesem Fall?
Text: Holly Endersby
Übersetzung: Sonja Grünauer
Nichts ist schöner, als ein top Reining-Pferd zu beobachten, wenn es schnelle, große Zirkel zeigt und danach mühelos in langsame, versammelte Zirkel übergeht, dann schnell geradeaus galoppiert, um einen hervorragenden Sliding Stopp zu machen und einen explosiven und gleichzeitig kontrollierten Rollback zu zeigen. Doch jedes dieser Manöver beansprucht Knochen, Bänder, Sehnen und Muskeln – daher ist ein entsprechender Beinschutz ein wichtiges Sport-Utensil und nicht nur ein modisches Detail am Pferd. In diesem Artikel erklären wir, wie sich Muskeln, Bänder und Sehnen der unteren Beinpartien des Pferdes bewegen und woher die Antriebskraft des Pferdes kommt. Weiters gibt es Tipps von erfolgreichen Trainern, wie und wann sie verschiedene Modelle von Gamaschen einsetzen, um Verletzungen z.B. bei den Stopps zu vermeiden.
Anatomie der unteren Beinregionen des Pferdes
Das Pferdebein ist ein Wunder der natürlichen Auslese und biomechanischen Entwicklung. Die Knochen gehören zum Skelettgerüst des Pferdes. Mit ihnen kombiniert ist eine Struktur von Muskeln, Bändern und Sehnen; die komplexesten Knochen findet man in den unteren Beingelenken. Die Gelenke verbinden feste Knochen und sind beweglich, indem sie von Muskeln und Bändern unterstützt werden. Fesselgelenke sind Schlüsselpunkte für Sliding Stopps und müssen die Hauptbelastung übernehmen. Das Fesselgelenk befindet sich zwischen Sprungbein, Sesambein und dem ersten Zehenglied. Es kann nicht seitlich bewegt werden, jedoch ist es wichtig für die Vorwärtsbewegung und die Absorption der Erschütterungen bei einem Sliding Stopp. Dies funktioniert deshalb, weil das Fesselgelenk es zulässt, dass die Hinterhand des Pferdes tiefer unter den Schwerpunkt des Pferdes geht. Wenn die Erschütterungen nicht abgefangen werden könnten, würde dies die ganze Biomechanik in den Bewegungsabläufen des Pferdes stören, die Einleitung eines Sliding Stopps wäre gar nicht möglich.
Das Krongelenk, das sich zwischen erstem und zweitem Zehenglied befindet, ist auch für die Vorwärts- und Rückwärtsbewegung zuständig.
Das Karpalgelenk (auch fälschlich als „Knie“ bezeichnet) ist auf Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen beschränkt und besteht aus sieben verschiedenen Knochen. Dieses Gelenk ist eine Brücke zwischen dem oberen und dem unteren Beinbereich und dem Griffelbein. Wenn ein junges Pferd beginnt, den Spin zu lernen, laufen die Karpalgelenke Gefahr, aneinander zu schlagen. Passiert dies, können Weichteile (Muskeln, Bänder oder Sehnen) beschädigt werden, eine Entzündung kann entstehen.
Bild 1: Die verletzbarsten Körperteile eine Reiningpferdes zu schützen, ist die Aufgabe von Beinschonern. Auf diesem Bild verwendet Andrea Fappani Classic Equine Splint, Bell und Skid Boots während des Turnierbewerbs.
Knie und Fesselgelenk (Fußwurzel) arbeiten in einer Einheit miteinander. Man nennt sie auch beidseitige Gelenke, weil ihre Bewegungen ineinander greifen. Das Fesselgelenk besteht aus sechs Knochen zwischen Schienbein, Sprungbein und Griffelbein. Dieses Gelenk kann sich nach vorne und nach hinten bewegen. Skid Boots werden dafür erzeugt, um diesen Bereich des Beines zu schützen.
Bänder sind Teil der komplexen Beinstruktur und bestehen aus starkem Gewebe, das die Knochen zusammenhält. Die Stützbänder laufen hinter den Metakarpalknochen weiter bis zum Fesselgelenk. Ohne passende Gamaschen können diese leicht verletzt werden. Die Seitenbänder verlaufen an der Außenseite der Beine, während mittlere Bänder an der Innenseite verlaufen.
Die Muskeln sind die Kraftquelle der Pferdebewegung und sind durch Sehnen mit den Knochen verbunden, sie bestehen aus faserartigem Gewebe. Die Muskeln erzeugen durch Kontraktion und Entspannung einen Bewegungsablauf. Die Kontraktion verkürzt den Muskel, die Entspannung bringt den Muskel wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Von hier kommt die Antriebskraft. Werden die Muskeln angespannt, aktivieren sie die Sehnen, die wiederum die Gelenke bewegen – das Ergebnis ist Bewegung. Die Muskeln arbeiten immer paarweise. Die Kraft entsteht durch Ziehen und nicht durch Drücken. Der Beugemuskel biegt und der Streckmuskel bringt alles wieder in die normale Position. Die oberflächliche Beugesehne und die tiefe Beugesehne sind für die Bewegung der unteren Beinbereiche zuständig. Um Knochen, Bänder, Sehnen, Gelenke und Muskeln vor Verletzungen zu schützen, sind z.B. Gamaschen als Beinschutz sehr wichtig.
Was machen die Profis?
Reining-Trainer wissen, dass ihre Existenz davon abhängt, dass die Pferde gesund bleiben. Daher investieren sie entsprechend Geld in den Schutz der Beine der Pferde. Welcher Beinschutz eingesetzt wird und ab welchem Pferdealter, ist von Trainer zu Trainer unterschiedlich. Die meisten sind überzeugt davon, dass der Schutz der Pferdebeine sehr wichtig beim Training und beim Turnier ist.
Der 2-Millionen-Dollar-Reiter Andrea Fappani beginnt, seine 2-jährigen Pferde ohne Hufeisen zu reiten. Trotzdem verwendet er leichte Splint Boots des Herstellers NRHA Corporate Partner Classic Equine.
Bild 2: Die Skid Boots aus Leder von Pro Equine sind aus weichem Leder angefertigt.
Bild 3: Shawn Flarida bevorzugt leichten und atmungsaktiven Beinschutz. Wenn ein Pferd stark schwitzt, kann es dazu führen, dass die Gamaschen zu schwer werden.
Bild 4: Die Professional Choice VenTECH Elite Sports Medicine Boots sind die Favoriten von Bob Avila und Al Dunning. Diese Boots wirken unterstützend und stoßabsorbierend, während die Pferdebeine kühl bleiben. Sie sind in verschiedenen Farben und Mustern erhältlich.
„Ich verwende diese Boots, weil sie das Sprungbein schützen und trotzdem nicht zu eng anliegen“, erklärt der NRHA Profi-Reiter aus Scottsdale, Arizona. „Je weniger Equipment ich anwende, wenn ich mit dem Training eines Pferdes beginne, desto besser ist das. So bleibt der Bewegungsablauf des Pferdes natürlicher, wenn sie das erste Mal geritten werden.“
Der 4-Millionen-Dollar-Reiter Shawn Flarida erklärt, dass es wichtig ist, wenn der Beinschutz aus atmungsaktivem Material besteht. „Wenn der Beinschutz aus nicht atmungsaktivem Material besteht, dann wird zu viel Schweiß des Pferdes aufgenommen, das Material wird viel zu schwer“, sagt der NRHA Profi-Reiter aus Springfield, Ohio. „Es ist also wichtig, die Pferdebeine kühl zu halten. Daher wähle ich jenen Beinschutz, der aufgrund von Poren im Material Luft ans Pferdebein lässt.“
Nicht nur das Alter des Pferdes spielt eine Rolle, welcher Beinschutz eingesetzt wird, sondern auch der Pferdetyp. Manche Boots-Typen lassen sich problemlos jedem Pferdebein anpassen. „Eine Polo-Gamasche kann vielen verschiedenen Pferde passen“, erklärt Jared Leclair. „Es ist jedoch sehr wichtig, dass diese korrekt ans Pferdebein angelegt werden. Bei uns im Stall verwenden wir täglich diese Polo-Gamaschen und auch Knie-Schoner.“
So wie Fappani beginnt der NRHA-Profi aus Pilot Point (Texas), seine 2-jährigen Pferde mit Splint Boots während der ersten Monate zu trainieren. Sobald das junge Pferd Manöver wie Spins erlernt, nimmt er zusätzlich Bell Boots (Hufglocken). Leclair bevorzugt Beinschutz vom Hersteller Pro Equine.
Casey Deary verwendet die gleiche Marke an Boots und ganz spezielle Polo-Gamaschen. „Das Material dieser Polo-Gamaschen ist exzellent“, sagt Deary, eine NRHA Profi-Reiterin aus Weatherford, Texas. „Doch man muss darauf achten, diese korrekt anzulegen. Werden sie zu eng angelegt, kann man eine Überhitzung der Beine hervorrufen. Denn je kühler wir die Pferdebeine halten können, desto besser ist dies für das Pferd. Bei Clinics oder wenn ich mein Pferd daheim länger reite, verwende ich keine Polo-Gamaschen.“
Bild 5: Die Wrangler Skid Boots von Professional Choice sind für Performance-Pferde geeignet. Diese Leder-Boots haben eine hervorragende, schützende Lederschale und sind gut geeignet zur Stoßabsorbierung.
Flarida verwendet die Polo-Gamaschen oft bei seinen älteren Pferden, speziell dann, wenn die Sehnen unterstützt werden sollen. „Die Polo-Gamaschen geben zusätzlich Halt und Schutz“, erklärt er. Auch Fappani betont, dass dieser Beinschutz nur von erfahrenen Reitern angelegt werden sollte. „Man kann Bänder-Probleme hervorrufen, wenn die Verschlüsse ungleichmäßig fixiert werden“, betont er. Deary stimmt der Aussage zu und meint, „besonders Pferden nach Beinverletzungen lege ich selbst den Beinschutz an.“
Hersteller entwickeln immer wieder neue Designs. Bei genauer Betrachtung sieht man, dass der Iconoclast Equine Support Boot sowohl die Fesselgelenke als auch Sprunggelenke schützt. Splint Boots schützen besonders vor seitlichen Verletzungen, was bei der Reining besonders wichtig ist. Polo-Gamaschen und Splint Boots geben beim Training einen besonders guten Schutz, doch was verwendet man für spezielle Manöver wie Spins und Sliding Stopps?
Wenn ein Pferd beginnt, Spins zu erlernen, achtet Fappani darauf, dass das Pferd Knieschoner trägt. „Wenn die Knie beim Erlernen des Manövers aneinander schlagen, kann es passieren, dass das Pferd aus Angst davor bei diesem Manöver zögert“, erklärt er. „Ein Knieschutz verhindert dies. Es ist zu empfehlen, nur an einem Knie den Schoner anzubringen, denn der Schutz an beiden Knien wäre zu wuchtig.“
Sliding Stopps sind das Markenzeichen eines guten Reining-Pferdes. Doch dieses Manöver ist auch belastend für Fesselgelenke oder Sprunggelenke. Um diese Bereiche zu schützen, sind Skid Boots sehr wichtig. Deary bevorzugt die Skid Boots von Pro Equine, die aus weichem Leder gefertigt sind. „Dieses Ledermaterial ist nicht hart, und das Pferd empfindet es nicht als unangenehm“, erklärt er. „Beachte, dass das andere Material dieser Boots biegsam ist, damit sich das Pferd damit wohl fühlt.“ Die neuen Performance Skid Boots von Classic Equine sind aus Hermann Oak Harness Leder gefertigt. Das gleiche Material wird auch für qualitativ hochwertige Zaumzeuge und Sättel verwendet. Fappani verwendet gerne Skid Boots aus Leder. „Diese Boots verrutschen nicht und bleiben am Pferdebein immer in der richtigen Position“, sagt er. „Doch ich verwende Skid Boots immer für kurze Zeit während einer Trainingseinheit. Sobald die Übungen des Sliding Stopps beendet sind, nehme ich die Skid Boots wieder ab.“ Derselben Meinung ist Flarida. „Wir legen die Skid Boots erst an, wenn wir die Sliding Stopps üben und nehmen sie danach wieder ab. Einfach um sicher zu gehen, dass das Pferd in diesem Bereich nicht aufgerieben wird, sollten diese Boots perfekt passen.“
Das Problem bei den meisten Skid Boots besteht nicht in ihrem Design, sondern mit dem Boden, auf dem sie mit dem Pferd eingesetzt werden. Kleine Partikel wie Sandkörner kommen automatisch bei einem Stopp in den Skid Boot. Das ehestmögliche Abnehmen der Boots nach den Sliding Stopp-Übungen verhindert, dass sich das Pferd an der Stelle, wo der Skid Boot aufliegt, aufreibt.
Anpassen und Pflege von Beinschutz
Die richtige Auswahl des passenden Beinschutzes ist sehr wichtig. Leclair sagt, dass gesunder Menschenverstand hier Vorrang haben sollte. „Wenn ein Teil des Equipments deinem Pferd nicht passt, dann setze ich es nicht mehr an. Die meisten Verkäufer bei Shows tauschen gerne nicht verwendete Teile aus und helfen dir, das passende Utensil zu finden. Sie wollen dem Kunden behilflich sein, also nütze die Ratschläge, die du dort bekommen kannst.“ Flarida erzählt, dass das falsche Anlegen von Boots nicht nur ein Problem bei Amateuren ist. „Ich habe schon viele Non-Pro-Reiter gesehen, die sehr auf ihr Pferd geachtet haben“, sagt er. „Sie verstehen die Wichtigkeit von Beinschutz und wissen auch, wie man diesen richtig anlegt.“
Jeder Trainer betont, wie wichtig es ist, die Boots zu säubern. Laut Fappani säubert seine Crew die Gamaschen nach jedem Einsatz, bevor diese wieder dem nächsten Pferd angelegt werden. Wenn das Material nassgeschwitzt ist, sollte es zum Trocknen aufgehängt werden. „Schmutzige Boots erhöhen die Gefahr von Infektionen, speziell dann, wenn das Equipment nass ist. Diese können Wunden hervorrufen, daher sollte man sich die Zeit nehmen, sein Equipment zu reinigen und trocknen zu lassen.“ Flarida betont jedoch, dass das tägliche Waschen der Boots das Material auch schädigen kann, doch dies sollte es dem Reiter Wert sein – seinem Pferd zuliebe. Leclair meint, auch wenn man nicht viel Geld zur Verfügung hat, sollte man nicht unbedingt am Beinschutz sparen. „Am besten, man kauft sich Leder Skid Boots und ein Paar gute, leicht anzuwendende Splint Boots.“ Fappani fügt noch hinzu: „Vergiss beim Training nicht auf den Beinschutz“, warnt er. „Wir selbst setzen keine Polo-Gamaschen ein, um zu vermeiden, dass die Pferdebeine sich zu sehr erhitzen. Stattdessen verwenden wir Splint Boots bei allen Pferden.“
Was nehmen wir aus diesem Artikel mit nach Hause? Es ist viel billiger, die Beine seines Pferdes zu schützen, als Kosten für die Behandlung einer Verletzung zu haben. Daher sollte man den Beinschutz beim Training, beim Transport und beim Turnier verwenden.
Über den Autor
Holly Endesby aus Pollock (Idaho) und ihr Ehemann haben einen Stall mit neun Pferden und Mulis, die sie reiten. Sie wurde bei der American Morgan Horse Association World Champion Show Reserve Champion in der Non Pro Reining und zweimaliger Reserve National Champion in der Kategorie Non Pro Freestyle. Endersby und ihr Reining-Pferd Murphy, ein Pferd das für 1000 Dollar ausgemustert wurde, weil es angeblich unreitbar war, wurden auch Reining Champion bei der Far West Regional Three Years Running. Sie liebt es immer noch, geritten zu werden.
Bild 6: Der Iconoclast Equine Support Boot hat ein Verschluss-System aus zwei Straps, was verhindert, das zu viel Druck aufs Fesselgelenk kommt – weiters wird eine Überbelastung des Fesselgelenks vermieden.
Bild 7: Der Equilibrium Western Sport Boots mit Flex- und Stretch-Technologie verhindert das Eindringen von Schmutz in den Boot und dadurch das Wundreiben der Pferdebeine.