7 Grundsätze für ein gutes Training

Du bist deines Pferdes Lehrer. Nütze die nachfolgenden Tipps, um ein guter Lehrer für dein Pferd zu sein.

 

Text: Bob Avila mit Sue M. Copeland

Fotos: Cappy Jackson

Übersetzung: Sonja Grünauer

 

Denke zurück an deinen Lieblingslehrer. Er oder sie hat jedes Kind in der Schulklasse als eigene Persönlichkeit gesehen, oder? Dies macht einen guten Lehrer aus. Und genauso sollte ein guter Trainer sich gegenüber seinen Reitschülern verhalten. So wie bei Kindern, sind auch alle Pferde verschieden. Sie unterscheiden sich in Aussehen, Energie-Level, Toleranz und Ehrgeiz. Manche kann man zu Leistungen antreiben, andere nicht. Manche tun für dich alles, andere sind nicht so kooperativ. Es ist dein Job, so viel wie möglich über jedes Pferd zu lernen, mit dem du arbeitest, damit du sein Potenzial fördern und Konflikte minimieren kannst. So macht dem Pferd das Lernen Spaß, und auch dir macht die Arbeit mit dem Pferd Freude. Nachfolgende Grundsätze stammen aus meiner langjährigen Arbeit als Lehrer. Ich hoffe, sie sind hilfreich für dich.

 

1. Schätze die Energie ein

Ein zu energiegeladenes Pferd kann sich nicht gut konzentrieren und kann dich verletzen. Es ist in seinem und deinem Interesse, dass es seine Energie abbauen kann, bevor du aufsteigst – speziell dann, wenn du das Pferd noch nicht kennst oder es längere Zeit nicht geritten wurde. Arbeite es an der Longe oder im Round Pen. Wie lange dauert es, bis es stoppen will und zu dir kommen will? Dauert es nur wenige Minuten, dann handelt es sich um ein Pferd mit einer niedrigeren Energie-Level. Man wird beim Training weniger Arbeit mit ihm haben als mit einem Pferd, dass ein Energiebündel ist. Wenn das Pferd jedoch Runde um Runde läuft – wie das Duracell-Häschen aus der Werbung – dann handelt es sich um ein eher „heißes“ Pferd. Es wird möglicherweise jedes Mal vor dem Training zusätzlich eine Arbeitseinheit im Round Pen oder an der Longe brauchen, damit es sich gleich an Anfang abreagieren kann, um sich danach beim Training besser auf seine Aufgaben konzentrieren zu können.

Deine Fähigkeit, ein Pferd richtig einzuschätzen, ist der Schlüssel für deinen Erfolg beim Training des Tieres: Du willst ein ruhiges Pferd nicht überfordern oder ein heißblütiges Pferd nicht unterfordern. Daher verstehe ich jene Leute nicht, die am Ende der Longe oder in der Mitte des Round Pens stehen und gleichzeitig während der Arbeit mit dem Pferd mit dem Handy telefonieren. Sie widmen dem Pferd dadurch nicht ausreichend Aufmerksamkeit. Das kann sowohl beim Menschen als auch beim Pferd bei der zukünftigen Zusammenarbeit zu Frustrationen führen.

2. Erkenne die Toleranzgrenze deines Pferdes, was die Ausübung von Druck betrifft

Du kennst das Bild, wenn kleine Kinder da sitzen, ihre Arme verschränkt haben und sagen „Ich will das nicht machen!“. Dein Pferd könnte dies auf seine eigene Art und Weise machen, wenn du zu viel Druck ausübst – sowohl physisch, als auch mental. Entweder blockt das Pferd ab oder es wird überreagieren. Es ist deine Aufgabe als Lehrer, herauszufinden, warum dein Pferd so reagiert. Ist es frustriert, weil es körperlich müde oder sauer ist? Wenn dies so ist, wird das Pferd nicht mehr gut für dich arbeiten und/oder wird schlampig oder steif in seinen Bewegungen. Einerseits solltest du von einem Veterinär prüfen lassen, ob das Pferd schmerzen hat und/oder dir beim Training entsprechend lange Zeit lassen, damit es physisch fit genug ist, dem Druck, den du ausübst, standzuhalten.

Ist dein Pferd mental müde oder durcheinander? Ist es mit seinem Fokus woanders? Übe entsprechend weniger Druck aus. Beginne Tag für Tag wieder langsam, den Druck zu steigern, damit das Pferd nicht überfordert ist. (Und vergiss niemals, dass es immer wieder Rückschläge geben wird. Manchmal kann es auch sein, dass sowohl Pferd als auch Reiter einige Tage Pause brauchen, um sich physisch und mental erholen zu können.)

Oder langweilt sich dein Pferd bei Training? Ich habe immer wieder Reiter gesehen, die ihr Pferd in die Arena bringen und jeden Tag das gleiche machen. Ein erfahrenes Pferd wird nur wenige Tage pro Woche konzentriertes Training benötigen, speziell während der Turniersaison. Ein gelangweiltes Pferd, so wie ein gelangweiltes Kind, sucht nach Möglichkeiten, Blödsinn zu machen, wird eventuell sauer und bemüht sich nicht mehr. Je mehr man das Hirn des Pferdes fordert, indem man ihm immer wieder neue Aufgaben stellt, desto weniger wird sich das Pferd langweilen.

3. Sei konsequent (und vergiss nicht darauf, das Pferd zu loben)

Wenn du an Turnieren teilnimmst, lange Ausritte machst oder Wochenendkurse mit deinem Pferd besuchst – bei solchen Events reitest du dein Pferd meist mehr als daheim. Das könnte Probleme hervorrufen. Wenn du z.B. daheim pro Woche an einigen Tagen eine halbe Stunde pro Trag reitest, solltest du, weil du an einem Turnier teilnehmen willst, dein Pferd jeden Tag etwas länger reiten, um es entsprechend vorzubereiten. Es sollte nicht plötzlich bei einem Turnier physisch oder mental überfordert werden. Leider geben die meisten Reiter ihren Pferden die Schuld, wenn es am Turnier nicht klappt, weil das Pferd überfordert ist. Meist heißt es dann: „Daheim hat es immer gut funktioniert!“ Klar, dass es daheim besser funktioniert, weil dort Reiter und Pferd nicht so unter Druck stehen.

Reite dein Pferd daher daheim genauso, wie du es bei einer Show reiten würdest. Du solltest dein Pferd aber nicht so drillen, dass Langeweile entsteht, stelle jedoch sicher, dass dein Pferd mental und physisch fit ist für seine bevorstehende Aufgabe. Sonst kann es passieren, dass dein Pferd den Start bei einer Show als Angsterlebnis in Erinnerung hat.

Beachte außerdem: Wenn du dein Pferd reitest, sei fair und lobe es, wenn es auf deine Hilfen korrekt reagiert. Durch das Danke sagen lernt dein Pferd, mit Freude mitzuarbeiten.

4. Lass dein Pferd ein Pferd sein

Viele Turnierpferde leben aus Sicherheits- und kosmetischen Gründen in Boxenhaltung. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass Pferde, die regelmäßigen Koppelgang haben, sich besser entspannen können und Sozialkontakte pflegen können, was sehr wichtig für das seelische Gleichgewicht und das Hirn ist. Außerdem hält dies ein Pferd auch gesund und kräftigt die Muskulatur. Auch wenn du ein Showmanship-Pferd hast oder dein Pferd sich auf der Koppel immer wieder die Hufeisen abtritt, lass es trotzdem auf die Koppel. Du kannst deinem Pferd dabei auch Hufglocken geben, damit es die Hufeisen beim Herumtoben nicht verliert, oder die Beine bandagieren, wenn du Sorge hast, es könnte sich an den Beinen verletzen.

Ist dein Pferd nicht gewöhnt, auf die Koppel zu gehen, solltest du es vorher kurz ablongieren, damit es nicht unkontrolliert auf der Koppel herumtobt.

Prüfe auch einmal die Box deines Pferdes. Eine Boxentür, bei der das Pferd mit seinem Kopf  heraus sehen kann, oder ein Fenster können sehr hilfreich sein, genauso wie Spielsachen, wie z.B. ein Spielball.

5. Beachte das Verhältnis der Kompatibilität

Hast du mit einem bestimmten Pferd immer wieder Probleme? Es kann sein, dass ihr beide nicht zueinander passt. Ehrlich! Manchmal arbeitet ein Pferd für bestimmte Menschen besser als für andere. So wie unter Menschen haben auch Pferde gewisse Präferenzen. Ich bin viele gute Pferde geritten – und bei manchen hat die Chemie einfach nicht gepasst. Mit anderen Reitern gingen diese Pferde viel besser. Und ich wiederum kam mit Pferden zurecht, bei denen andere Trainer Probleme hatten. Ich akzeptiere das. Man kann auch bei Menschen zwei Personen nicht dazu zwingen, miteinander auszukommen.

Genau dasselbe gilt für Pferd und Reiter. Wenn das Training immer mit einem Streit oder einem Kampf zwischen Pferd und Reiter endet, ist es oft besser, wenn sich die Wege trennen. Denn jeder der beiden wird wahrscheinlich mit einem anderen Partner glücklicher sein.

 

 

 

Bild 1:

Lerne, dein Pferd richtig einzuschätzen, damit du weißt, wann du weniger Druck ausüben solltest und wann mehr und wann du dein Pferd loben sollst, wenn es seinen Job gut gemacht hat.

 

Bild 2 links:

Erinnere dich daran, wie es ist, wenn Kinder mit der Schule oder dem Kindergarten beginnen. Beginnst du mit einem jungen oder rohen Pferd zu arbeiten, behandle es genauso wie einen Schuleinsteiger. Fange mit kurzen und einfachen Trainingseinheiten an und erhöhe den Druck nur in kleinen Schritten. Beachte die Tipps in diesem Artikel, um dein Pferd richtig einzuschätzen: Ist es physisch oder mental müde? Ist es gelangweilt? Bleibt es weich und willig bei der Arbeit - so wie das Pferd auf diesen Bildern? Das würde bedeuten, dass du ein positives Feedback für deinen Trainingsaufwand bekommst.

 

Bild 3 rechts:

Reite dein Pferd bereits daheim so, wie du es auf Shows oder anderen Events reiten würdest. Das heißt nicht, dass du es so drillst, damit es sich bald langweilt, aber es sollte sich bereits daran gewöhnen, was dort von ihm erwartet wird. Es könnte sonst bei den Turnieren passieren, dass dein Pferd von dem plötzlich auftretenden Druck verängstigt wird. Ein Pferd sollte auf seine spätere Aufgabe gut vorbereitet werden, damit es nicht überfordert ist.

 

 

6. Unterschätze niemals das Herz

Herz zu haben, ist ein nicht greifbares Maß von Einsatz, was auch aus einem mittelmäßigen Pferd einen erfolgreichen Turnierteilnehmer machen kann.

Wird dein Pferd gut mitarbeiten, wenn es müde ist? Wird es sein Bestes geben, wenn es hart arbeiten muss? Wenn dies so ist, hast du ein Pferd mit einem großen Herz.

Oder versucht es immer wieder zu schummeln? Wenn dies der Fall ist, hat es nicht genug Herz für die Arbeit. Ich bin einige super-talentierte Pferde mit wenig Herz für die Arbeit geritten. Man kann mit diesen Pferden meist nicht viel erreichen. Du kannst auch ein Pferd reiten, das zwar weit weniger talentiert ist, sich jedoch sehr bemüht, dir alles zu geben. – Auch aus solch einem Pferd kannst du einen Star machen.

Das Herz ist ein kostbares Gut. Man sollte es bei einem Pferd nicht missen. Trotzdem sollte man als Lehrer wissen, wann man das Training beenden soll, und erkennen, wann das Pferd seinen Job gut gemacht hat und sich auch gut fühlt. Du weißt, dass du auf dem richtigen Weg bist, wenn dein Pferd von Tag zu Tag besser und nicht schlechter wird. (Geht dein Pferd in die falsche Richtung, solltest du deine Trainingsmethode überdenken und ändern.)

7. Erwarte Respekt – keine Angst

Dein Pferd sollte dich respektieren und keine Angst vor dir haben. Das bedeutet, es sollte sich dir mit einem entspannten Ausdruck und aufgestellten Ohren nähern, ohne jedoch in deinen persönlichen Bereich einzudringen, ohne dazu aufgefordert zu sein. Wenn es sich jeden Tag fürchtet, mit dir Zeit zu verbringen, dann wird euer gemeinsames Training nicht funktionieren. Du wirst diesem Pferd nichts beibringen können, denn es hat zu viel Angst beim Lernen. Nütze daher die Tipps, die ich dir in diesem Artikel gegeben habe, um eine ausgeglichene Partnerschaft zwischen dir und deinem Pferd entstehen zu lassen, die auf beiderseitigem Respekt basiert. Dies ist, was einen guten Lehrer ausmacht.