Das alternde Pferd

Zahnprobleme

Wenn ein Pferd älter wird, kann spezielle Pflege den altersbedingten Zahn- und Zahnfleischproblemen vorbeugen, damit keine Verschlechterung eintritt oder neue Probleme entstehen.

 

Text:  Christine Barakat

Übersetzung: Sonja Grünauer

 

Die Pferdezähne sind raffiniert gebaut, damit sie viele Jahre harten Einsatz ertragen können. Wenn durch das Mahlen der Zähne die Oberfläche abgenützt wird, schiebt der Zahn stückchenweise aus dem Zahnfleisch nach – und das zirka 0,3 cm im Jahr. Ein durchschnittlicher Pferdezahn ist zirka 5 bis 6 cm lang, das bedeutet, er hat für einige Jahre „Reserve“, um aus dem Zahnfleisch nachzurücken. Wenn ein Pferd vom Alter her schon in Richtung 20 Jahre geht, hat es seine Zahnreserven schon weitgehend aufgebraucht, was es anfälliger für Zahnprobleme  und Zahnfleischerkrankungen macht. Weiters können auch Gebissprobleme auftreten. Dies alles kann das allgemeine Wohlbefinden des Pferdes stark beeinträchtigen. Mangelnde Zahngesundheit kann zu Mangelernährung oder ernsthaften Infektionen führen. Deshalb ist die Zahnpflege ein Eckstein für die Gesunderhaltung eines älteren Pferdes. Jährliche Zahnkontrolle ist für Pferde jeden Alters wichtig, doch besonders bei älteren Pferden ist darauf besonderes Augenmerk zu legen. Manche Pferde, so meint Tierarzt Jim Latham aus Pagosa Springs (Colorado), benötigen sogar mehrmals im Jahr eine Zahnkontrolle. „Dadurch kann bereits frühzeitig ein eventuell auftretendes Zahnproblem erkannt und im Vorfeld behoben werden“, sagt er.

Zahnfleisch-Schwund

Ein häufiges Problem, das bei älteren Pferden auftritt, ist der Zahnfleisch-Schwund; auch Zahnfleischentzündungen treten häufig auf. Diese Erkrankungen gefährden den festen Halt der Zähne im Zahnfleisch. „Wir sehen dies sehr häufig bei älteren Pferden“, sagt Latham. Studien haben bewiesen, dass 60 Prozent der Pferde ab dem Alter von 15 Jahren erkennbaren Zahnfleisch-Schwund haben. Im Laufe der Jahre schrägen sich die Zähne des Pferdes immer mehr ab, was einen Spalt in der Linie zwischen Zahnfleisch und Zahn bringt. Dies nennt man medizinisch ein Diastema – worin sich Futterreste ansammeln können, was die Ansiedelung von Bakterien fördert und Infektionen und Entzündungen hervorrufen kann. Jede Störung der Maulfunktion, wie beispielsweise Gebissprobleme oder lockere bzw. fehlende Zähne erhöhen das Risiko für Zahnfleisch-Schwund, erklärt Latham: „Der Durchlauf von Futter durch das Maul des Pferdes ist ein geordneter Prozess. Das Futter geht vom vorderen Bereich des Maules weiter zu den Mahlzähnen, wo es von einer Seite zur anderen Seite geschickt wird und beim Kauen mit Speichel versetzt wird. Wird dieser Prozess unterbrochen, kann sich Futter in den Zwischenräumen zwischen Zahn und Zahnfleisch ansammeln, wo sich dann Entzündungen bilden können. Wird dies nicht rechtzeitig entdeckt, kann die Entzündung bis tief ins Zahnfleisch eindringen, eventuell sogar bis zu den Zahnwurzeln, was zu einem schmerzhaften Abszess an der Zahnwurzel führt. Alle diese Faktoren sind schuld daran, wenn Zähne locker werden oder sogar ausfallen. „Es ist nicht immer der Fall, dass einem alten Pferd die Zähne ausfallen“, sagt Latham. „Jedoch kann eine Kombination aus Abnützung und Zahnfleisch-Schwund schon dazu führen, dass dem Pferd der eine oder andere Zahn ausfällt.“

Um den Zahnfleisch-Schwund zu behandeln, wird der Tierarzt vorsichtig die Futterreste, die sich zwischen den Zähnen und Zahnvertiefungen abgelagert haben, mit einer Sonde entfernen und eventuell eine antiseptische Lösung dort platzieren. Haben sich tiefere Zahntaschen gebildet, macht der Tierarzt eventuell ein Röntgenbild, um zu sehen, ob sich ein Entzündungsherd gebildet hat. Er injiziert dann  ein antibiotisches Gel in die Zahntaschen, welches langsam vom Körper aufgenommen wird. Dieses Gel behandelt die Infektion und verhindert gleichzeitig weiteres Eindringen von Futterresten in die Zahntaschen – lange genug, bis die Entzündung ausgeheilt ist. Einem Pferd mit fortgeschrittenem Zahnfleisch-Schwund wird möglicherweise ein systemisches Antibiotikum verabreicht.

Sollte ein Zahn zu groß sein und dadurch Futter in die anderen Zahnzwischenräume drängen, wird dieser Zahn abgeschliffen. Mit solch einer aggressiven Behandlung kann der Zahnfleischrückgang eingedämmt werden, bereits lockere Zähne können wieder gefestigt werden. Trotzdem sind manchmal Extraktionen von Zähnen notwendig. „Wir versuchen, jeden Zahn – soweit es geht – zu erhalten, denn jeder fehlende Zahn bringt weitere Probleme mit sich, die zu bewältigen sind“, sagt Latham.

Als Pfleger eines Pferdes mit Zahnfleisch-Schwund hast du neue Aufgaben zu erledigen: Du musst vermeiden, dass sich Futter zwischen den Zähnen ablagert. Dein Tierarzt wird dir zeigen, wie du das Maul deines Pferdes täglich spülen kannst – vergleichbar mit einer Munddusche. Es kann auch möglich sein, das Futter des Pferdes so zu ändern, dass sich nichts in den Zahn-Zwischenräumen ansammeln kann.

 

 

Zeichnung 1:

Zahnanatomie: Die Zähne eines Pferdes wachsen ein Leben lang. Das Zahnmaterial wird aus dem Zahnfleisch nachgeliefert. Pferdezähne verschmälern sich, wenn sie aus dem Zahnfleisch austreten. Dies und die permanente Kaubewegung lassen kleine Lücken entstehen – sogenannte Diastemas. Futterreste bleiben darin hängen und führen zu Zahnfleisch-Schwund.

 

 

Wenn das Gebiss nicht korrekt gebaut ist

Fehlbiss gibt es bei Pferden jeden Alters, doch hat dies bei älteren Pferden mehr Konsequenzen bzw. ist dies schwerer zu beheben als bei jungen Pferden. Häufige Anomalitäten beim Gebiss sind folgende:

Haken an den Zähnen sind scharfe Vorsprünge an den vorderen oder hinteren Zähnen, die entstehen, wenn beim Pferd ein Überbiss oder ein Vorstehen des Unterkiefers oder eine andere Zahndeformation vorliegt, die ein ungenaues Aufeinandertreffen der oberen und unteren Zahnreihe hervorrufen.

Aufwölbungen sind ansteigende Oberflächen an den vorderen Backenzähnen.

Zahnstufen entstehen, wenn ein vorderer Backenzahn oder Mahlzahn fehlt und der gegenüberliegende Zahn unkontrolliert in die Zahnlücke nachschieben kann.

Eine ungleiche Abnützung der Backenzähne ist bekannt als Wellengebiss. Diese Abnützung gibt der Oberfläche der Kauleiste eine wellenförmige Form von vorne bis hinten. Ist ein Zahn höher als der Rest der Zahnreihe, ist auf der Gegenseite automatisch ein ausgehöhlter Zahn.

Beim Scherengebiss sind die Zahnreihen seitlich vermehrt abgeschrägt. (Normal wäre zirka 15 Grad, in diesem Fall ist die Abschrägung 45 Grad oder mehr.)

All diese Abweichungen erschweren es dem Pferd, sein Futter gut zu kauen, was zu Gewichtsverlust oder sogar Erstickung führen kann. Fehlbisse können auch Wunden an der Innenseite der Backen des Pferdes verursachen, was nicht nur schmerzhaft sein kann, sondern auch Infektionen hervorrufen kann, die das Immunsystem eines älteren Pferdes nicht mehr so leicht in den Griff bekommen kann. „Das Cushing-Syndrom kann z.B. bei einem Pferd das Immunsystem sehr schwächen“, sagt Latham. „Bei einem älteren Pferd, das an Cushing leidet, kann jede auftretende Infektion chronisch werden. Das können Zahnfleischentzündungen bzw. -schwund sein wie auch Verletzungen im Maulbereich.“

Fehlbisse werden bei alten Pferden, genauso wie bei jungen Pferden, sehr vorsichtig behandelt, indem vorsichtig die Zähne umgeformt werden – jedoch in schonender Art und Weise. „Bei einem jungen Pferd schiebt der Zahn schneller nach, es gibt mehr Reserve beim Zahn“, sagt Latham. „Man korrigiert den Zahn etwas und wartet, bis der Zahn wieder nachschiebt, um dann weiter zu korrigiert zu werden. Mit der Zeit bekommt das Pferd wieder ein normales Gebiss. Beim älteren Pferd ist das Problem, dass die Zähne nicht mehr so viel Material zum Nachschieben haben. Meist kann man hier nur versuchen, dem Pferd seinen Fehlbiss so angenehm wie möglich zu machen, auch wenn dieser Zustand weit vom Idealbild entfernt ist.“

 

 

Zeichnungen Fehlbisse:

Haken, Aufwölbungen, Scherengebiss und andere Fehlbisse können bei Pferden jeden Alters vorkommen, doch die Konsequenzen sind bei älteren Pferden größer und schwieriger.

 

Zeichnung (Pferdeschädel):

Bei einem 7-jährigen Pferd wiegen die Backenzähne zirka 7 kg – bei einem 22-jährigen Pferd nur noch zirka 3,5 kg.

 

 

Bei Zahnproblemen bei Pferden ist es – so wie bei anderen gesundheitlichen Problemen – am besten, Eigeninitiative zu zeigen. Mit anderen Worten, erklärt Latham, sich mit den Zahnproblemen des Pferdes rechtzeitig auseinandersetzen, bevor es noch schlimmer wird. „Das Wichtigste ist, dass das Pferd ein gesundes Maul hat, bevor es alt wird. Haken, Wellen und Aufwölbungen sind leichter zu beheben, wenn das Pferd noch jünger ist und die Zähne noch schneller nachschieben.“

Zahnprobleme können über Jahre andauern, sagt Latham. „Wenn das Pferd irgendwelche Fehlstellungen im Maul hat, beeinträchtigt dies das Kauen des Pferdes und dies beeinträchtigt das Nachschieben der Zähne. Mit der Zeit wird sich dies zu einem größeren Problem entwickeln, wie beispielsweise Zahnfleisch-Schwund.“ Die meisten Zahnprobleme bei älteren Pferden stammen bereits aus jener Zeit, als die Pferde noch jünger waren und leider niemand darauf geachtet hat.

Ein Wort über Gewichtsverlust

Zahnprobleme können zu Gewichtsverlust führen, das heißt jedoch nicht, dass dies zu schlechtem Befinden des Pferdes führt. „Die Tatsache, dass ein Pferd alt ist und schlechte Zähne hat, heißt nicht, dass dies der Grund dafür ist, dass das Pferd zu dünn ist“, sagt Jim Latham. „Wenn es keine anderen Beschwerden gibt, kann auch ein Pferd mit schlechten Zähnen genug Kalorien aufnehmen, um sein normales Körpergewicht zu halten. Man muss sich mit der Fütterung einfach nur dem Zustand des Gebisses und der Zähne anpassen. Meist helfen hier Senior-Futter oder Heucobs. Ein altes Pferd kann vermehrt Vitamine und Mineralstoffe brauchen. Die Futteranpassung ist hier das Wichtigste.“

Zahnfehlstellungen, die Probleme bringen können

Einige Kieferfehlstellungen bestehen bereits seit der Geburt des Pferdes, während sich andere erst mit der Zeit entwickeln, doch alle können Probleme bereiten, egal wie alt das Pferd ist.

Bei einem Vorbiss, Papageien-Gebiss, überlappen die Schneidezähne des Oberkiefers die des Unterkiefers.

Beim Vorstehen des Unterkiefers, Affengebiss, stehen die unteren Schneidezähne weiter vor als die oberen Schneidezähne.

Verhaltene Milchzähne oder abnormale Kaubewegungen führen zu einer ventralen Biegung, was dazu führt, dass die äußeren Ecken der unteren Schneidezähne länger werden, als die gegenüberliegenden Zähne, oder zu einer dorsalen Biegung, wo die Ecken der oberen Schneidezähne länger werden als, bei den unteren Zähnen.

Ein diagonales Gebiss entsteht, wenn das Pferd Schmerzen an den Backenzähnen hat, die es dazu veranlassen, die Kaubewegung nur in eine Richtung zu machen.