Wissen rund ums Pferd
Eine Serie für alle, die an Pferden und am Reiten interessiert sind und nicht glauben, schon ausgelernt zu haben!
Ausgewählt für die WN von Heinz Langer
Buck Brannaman mit William Reynolds
„Vertraue dem Pferd“ – Auf den Spuren des Pferdeflüsterers
Kosmos-Verlag, ISBN 978-3-440-11983-9
„Vertraue dem Pferd“ – Auf den Spuren des Pferdeflüsterers, Teil 4
Eine weitere wichtige Erkenntnis für Theresa war das Verstehen des Gedankens „von einem Auge in das andere“ zu wechseln. Ein Pferd kann hinter sich sehen, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt. Es gibt einen toten Winkel, dieser erstreckt sich direkt nach hinten bis auf etwa drei Meter hinter dem Pferd. Wenn ein Pferd seinem Reiter nicht wirklich traut oder sich von ihm gestört fühlt, wird es sehr unsicher, sobald der Reiter durch diesen toten Winkel geht, denn Mutter Natur sagt dem Pferd, dass es verwundbar ist durch dieses Ding, das es gerade nicht sehen kann. Jedoch wird ein Pferd, das mit seinem Reiter zufrieden ist und ihm komplett vertraut, kein Problem haben, wenn der Reiter sich durch seinen toten Winkel bewegt. Also ist die Auffassung wichtig, dass das Pferd das Auge wechseln sollte – sprich, dass es ruhig dabei bleibt, wenn es den Kopf leicht dreht, um den Reiter erst aus dem einen und dann aus dem anderen Auge hinter sich wahrzunehmen. Dies ist etwas, das tausendfache Wiederholung benötigt, bevor das Pferd es völlig entspannt annimmt.
Theresa beschreibt, wie dieses einfache Konzept ihre Beziehung zu ihrem Pferd grundlegend verändert hat. Und schließlich hebt Theresas Geschichte auch noch hervor, wie wichtig es ist, dass ein Pferd sich dem Menschen anschließt. Dieses „dem Menschen folgen“ beginnt durch treibende Einwirkung auf das Pferd, während es in einem Roundpen läuft. Ein Roundpen hat keine Ecken, die das Pferd seine Schritte oder die Geschwindigkeit unterbrechen lassen. Dies führt dazu, dass das Pferd sich auf Sie konzentrieren kann. Und weil der Roundpen es auch ermöglicht, die Energie des Pferdes auf einen geschmeidigen, fortlaufenden, fließenden Zirkel zu richten, können Sie sich dann genau so in den Roundpen stellen, dass Sie die Energie des Pferdes förmlich zu sich dirigieren können – zuerst, indem Sie in die gleiche Richtung gehen wie das Pferd, und anschließend dadurch, dass Sie die Distanz zum Pferd ein wenig vergrößern, sodass das Pferd sich gezwungen fühlt, näher zu kommen.
Dies ist das Wesentliche der Verbindung zwischen Pferd und Mensch, nämlich die ungeteilte Aufmerksamkeit des Pferdes zu erhalten und fähig zu sein, diese aufrecht zu erhalten. In Theresas Fall war dies ungeheuer wichtig, um zu ihrer Paint-Stute eine bessere Beziehung aufzubauen. – Diese Lektion wird ihr sowohl im Roundpen als auch im Leben nützlich sein.
Wie so viele andere kam auch ich zu Buck, weil ich mit meiner problematischen Vollblutstute keinen Ausweg mehr wusste. Diese Stute war im Frühling zur Tagundnachtgleiche vor beinahe elf Jahren zur Welt gekommen, und sie hat die Gleichmäßigkeit dieses ausbalancierten Tages von Geburt an in sich gehabt. Ich wusste nicht, dass ihre Mittigkeit so etwas Besonderes war. Ich habe erst später – nachdem sie als Drei- und Vierjährige von Trainern, die sie misshandelten, betrogen worden war – gelernt, wie grundlegend diese Mitte für ein Pferd ist und wie sie für Menschen schwer zu fassen ist.
Zum Glück für mein Pferd Equinox und mich kam Buck zu einem Kurs nach Olympia/Washington in dem Jahr, als meine Stute fünf Jahre wurde. Ich war an meinem Tiefpunkt angelangt. Obwohl ich viel Geld in das Training investiert harte, hatte meine Stute mich in jenem Frühjahr schon mehrmals abgeworfen und war so berührungsempfindlich beim Satteln, dass sie jedes Mal in die Luft ging, wenn der Sattelgurt nur ihre Brust berührte. Eines Tages warf sie sich beim Satteln rückwärts ins Halfter und gegen den Korral und riss damit einen Teil eines dreireihigen Bretterzauns ab. Das war ein großes Unglück. Sie riss sich damit eine dreißig Zentimeter lange, klaffende Wunde in die Seite. Mein Tierarzt nähte sie, ich stellte sie auf die Weide, bis alles verheilt war, und entschied, dass ich keinen anderen Trainer an sie heranlassen würde. Ich wusste, dass ich ihr nicht helfen konnte, aber von den Trainern, die ich bisher gesehen hatte, vertraute ich keinem. Meine Stute war makellos gewesen, bevor ihre Ausbildung begann, und total durcheinander, als sie „eingeritten“ zu mir zurück kam. Es musste doch einen besseren Weg geben!
Diesen Weg fand ich, als ich Buck bei dem Kurs in Olympia zuschaute. Was er dort beim Jungpferdestarten machte – mit Pferden, denen Equinox noch Fersengeld hätte geben können, was deren Probleme anging – war geradezu übernatürlich. Da war zum Beispiel ein dreijähriger Appaloosa-Wallach, den wirklich nur die eigene Mutter lieben konnte. Dieses Pferd stakste in den Roundpen mit angespanntem Hals und zurückgelegten Ohren, darüber hinaus drehte es sich um und trat nach Buck, wann immer es die Chance dazu hatte.
Bucks Arbeit mit dem Appaloosa brachte mir das Konzept des Nachgebens näher. Buck erklärte, dass dieses dreiste Pferd seit seiner Geburt seinen Besitzer dazu gebracht hatte, vor ihm zu weichen. Da es ihm immer erlaubt war, alles und jeden herumzuschubsen, hatte er sich nun in einen jugendlichen Missetäter verwandelt und sei quasi „sozial bankrott“. Also brachte Buck dem Wallach bei, was er schon seit seiner Geburt hätte lernen sollen, nämlich wie man einem Anführer nachgibt. Dieses Pferd verließ den Platz sanft und vorausblickend.
Während ich Buck dort zum ersten Mal zusah, wurde mir klar, dass ich meinen Pferden aus Gewohnheit auswich, nicht nur auf der Weide, wenn alle mich zum Streicheln umringten und ich einen Schritt zur Seite ging, oder in der Stallgasse, um für eine extragroße Kaltblut-Schulter Platz zu machen, die vorbeiging. Ich habe auch morgens nach dem Aufwachen schon nachgegeben, wenn ich über das Reiten nachdachte und mir selbst sagte, es sei zu windig draußen, das Feld zu rutschig oder das Pferd zu unerfahren, und das potenzielle Trauma beim Reiten sei zu groß. Ich bin Equinoxs Angst ausgewichen, sobald ich sie gespürt habe. Nicht auszuweichen, das war die erste große Lektion für mich. Das Zweite, das ich von diesem Wochenende mit nach Hause nahm, war das Verständnis über das „von einem Auge des Pferdes ins andere wechseln“. Mein Distanzpferd, das ich damals regelmäßig ritt, stand nicht gut beidseitig angebunden in der Stallgasse. Er tanzte umher und drehte seinen Körper so weit er konnte, um meinen Bewegungen zu folgen. Ich hatte das Konzept dieses Augenwechsels nie verstanden. Und ich bin nicht gerade stolz darauf, dass ich ihm eine Tracht Prügel verpasst habe, damit er still steht – geholfen hat es auch nicht. Ich schlug ihn, weil ich dachte, dass ich strenger mit ihm sein müsste, obwohl ich ihn doch nur daran gewöhnen musste, dass ich hinter ihm von seiner einen Seite auf die andere ging. Nachdem ich diesen ersten Kurs bei Buck als Zuschauer mitgemacht hatte, arbeiteten wir an dieser Sache und alles wurde viel einfacher.
Das dritte Pferd, mit dem Buck bei diesem Kurs arbeitete, hat meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dieses gescheckte Pferd war sehr sensibel. Sobald Buck mit seiner Arbeit begann, blieb es mit misstrauischem Blick stehen und wollte sich absolut nicht mehr vorwärtsbewegen. Ich erkannte sofort den Ausdruck dieses Pferdes. Das hätte genauso gut meine Stute sein können! Im Laufe ihrer Ausbildung hatte ich versucht, Equinox im Roundpen zu bewegen. Eine Trainerin hatte mir mit meinem Araber geholfen, dessen Aufmerksamkeit schwer zu bekommen und zu erhalten war. Sie brachte mir bei, wie man ein Pferd im Roundpen zu sich holt. Ich wurde recht gut darin – und es hat uns beiden gut geholfen. Ich dachte, dies sei ein guter Weg, um mit Equinox zu beginnen – da war sie etwa ein Jahr alt. Allerdings sah ich auch dort die Veränderung in ihrem Blick in dem Moment, als ich sie von mir wegschickte. Sie verließ mich und ich wusste es, aber ich wusste nicht warum. Es sah aus wie Groll.
Ich grübelte in der folgenden Woche viel darüber nach. Ich sprach mit allen meinen Pferdefreunden: Ich habe sie verwöhnt, sie will einfach nicht arbeiten, war die beliebteste Theorie. Nachdem ich Buck an jenem Wochenende gesehen hatte, wusste ich, dass man Equinoxs Ausdruck „dichtmachen“ nennt, aber solch eine Bezeichnung hatte ich vorher noch nie gehört. Damals, als ich das Problem im Roundpen hatte, dachte ich sogar eine Weile lang, Equinox sei einfach zu edel für mich. Man kommt auf solche Gedanken, wenn man nicht versteht, was man gerade dort zu sehen bekommt.
Rückblickend denke ich, dass meine Instinkte richtig waren. Equinox war edel, aber nicht wegen ihrer besonderen Abstammung. Ihr Adel ist das Vornehme ihrer Gattung, ihr Feinsinn und ihre Ehrlichkeit. Und ich wusste nicht, wie ich mit diesem Adel umgehen sollte. Aber Buck wusste es genau. Er hat während seiner Arbeit mit dieser Scheckstute erklärt, dass Pferde von dieser Sorte für Laien am schwierigsten zu lesen sind, denn sie sehen ruhig aus, aber in Wirklichkeit verschließen sie sich einfach nur. Buck hat sein Augenmerk auf die Stute gerichtet und immer wieder Dinge verändert, um ihre Aufmerksamkeit zu behalten. Er wusste genau, wie viel Druck er machen musste und wann er sich besser zurückzog, bevor das Pferd sich zu viel Sorgen machte. Er zeigte uns die Idee, schon den kleinsten Versuch zu belohnen und damit Vertrauen in dieser Stute aufzubauen. Wir schauten zu, wie die Scheckstute mehrere Versuche anbot, lebendiger wurde und das machte, wonach Buck sie fragte.
Offen gesagt, an diesem Punkt meiner Lernerfahrungen war das meiste, was Buck mit diesem Pferd gemacht hat, zu subtil, als dass ich es voll und ganz verstanden hätte. Aber ich sah die Veränderung und wusste, dass ich viel mehr Aufmerksamkeit auf jeden noch so kleinen Versuch von Equinox legen musste.
„Bewaffnet“ mit diesem neu erworbenen Wissen nach dem Kurs begann ich, den Verrat, der zu Equinox’ Problemen geführt hatte, Stück für Stück zusammenzupuzzlen. Und ich musste zugeben, ich konnte es nicht nur auf die Trainer abwälzen – auch ich hatte sie zu Beginn ein paar Mal betrogen. Als Equinox aufwuchs, habe ich sie an die Ausrüstung für das Erwachsenenalter gewöhnt. Sie trug ein Sattelkissen auf der Weide. Eines Tages beschloss ich, ihr Führseil kurz um den Zaunpfosten zu legen, um den Sattelgurt nachzuziehen. Sie machte einen Schritt rückwärts, fühlte die erste Angst des Gefangenseins und rannte rückwärts, riss das Führseil los und erschreckte mich. Ich hatte ihr nie beigebracht, dem Druck zu weichen. Ein anderes Mal hatte ich sie beidseitig in der Stallgasse angebunden (obwohl sie nicht anbindesicher war) und wollte ihr die Gamaschen abnehmen. Ich baute diese Angst des Eingesperrtseins in ihr auf, daher wurde sie beim Geräusch des ersten Klettverschlusses bewegungslos, blieb aber dennoch stehen. Schnell wechselte ich auf die andere Seite (dieses Wechseln der Augen) und zog die zweite Gamasche ab. Das Geräusch des zweiten Klettverschlusses war zu viel für sie. Sie rannte rückwärts, riss einen Haken ganz aus der Wand und hing in dem anderen, der jetzt mitten in Schubkarren und Besen baumelte. Irgendwie schaffte ich es, sie daraus zu befreien. Ich schwor, einen Trainer für sie zu finden, denn ich wusste, das war weit jenseits meiner Fähigkeiten.
Ich möchte nicht schlecht über die Trainer sprechen, die mit meiner Stute gearbeitet haben. Beide waren freundlich und effektiv mit anderen Pferden und haben viele gute Reitpferde ausgebildet. Und jetzt, wo ich wieder im Sattel meiner Stute sitze, kann ich die gute Qualität erkennen. Ihre Biegsamkeit ist großartig, ihre Stopps sind so sauber, wie sie nur sein können. Sie springt immer im richtigen Galopp an. Aber beide Trainer haben die Veränderung im Blick des Pferdes nicht erkannt; diesen ersten Moment, wo sie begann, sich zu verschließen. Als die Trainer weiterhin Druck machten, hatte sie gelernt, wie sich Pferde aus der Grobheit menschlicher Behandlung entziehen können.
Der größte Fehler – der schlimmste für Equinox, der mich mehr als fünf Jahre Ausbügeln kostete, bis er beseitigt war – war die Art und Weise, wie der erste Trainer mit dem Rückwärtsziehen umgegangen ist. Die Trainerin erzählte mir, dass sie ein Seil um Equinox’ Gurtlage gezogen habe, was zwischen den Vorderbeinen hindurch zum Halfter hochführte. Dann band sie Equinox an einem stabilen Ringbolzen an einem soliden Balken im Heuschober an. Jedes Mal, wenn die Stute nach hinten zog, straffte sich das Seil um ihre Gurtlage. Die Theorie war, dass das Seil nachgeben sollte, sobald das Pferd vorwärtsging. Dadurch sollte sie lernen, nicht nach hinten zu ziehen. Die Trainerin sagte, sie habe Equinox für jeweils mehrere Stunden dort allein angebunden gelassen. Das Problem bei diesem alten Cowboytrick ist, dass er einfach nicht funktioniert. Es gab kein Nachgeben. Genauer gesagt, konnte das Pferd nicht vorwärtsgehen. Sie war kurz angebunden, direkt vor einer Wand, also hatte sie sich versteift und sich nach rückwärts entzogen, sowohl geistig als auch körperlich.
Ich kann inzwischen darüber schreiben, ohne zu starke Emotionen zu entwickeln, aber diese veraltete Technik kostete meine Stute beinahe ihr Leben. Nach dem ersten Kurs als Zuschauer probierte ich die Techniken, die Buck angewendet hatte, an meinen anderen Pferden aus und versuchte, sie dann auf Equinox zu übertragen. Sie war steif wie ein Brett. Es gab keinen Punkt an ihrem Körper, der nicht angespannt war. Aber wir kamen voran.
Ein großer Durchbruch passierte eines Tages auf der Weide. Nachdem ich Buck gesehen hatte, war ich achtsamer geworden und bemerkte, dass sie immer einen Schritt zurückging, wenn ich sie aufhalftern wollte. Ich war nur trotzdem schnell genug, um das Halfter überzustreifen. Das war nicht frech oder brutal – jedenfalls nicht in meinen Augen. Aber für Equinox war es so, als hätte ich sie mit dem Lasso gefangen und gefesselt. Der Unmut begann genau in diesem Moment, in dem ich ihr das Halfter aufzwang. Den größten Teil dieses Abends verbrachte ich damit, ihr das Halfter einfach nur zu zeigen. Wenn Equinox sich bewegte, machte ich daraus kein großes Drama, sondern veranlasste sie einfach zu einer anderen Bewegung als rückwärts, um ihr dann wieder das Halfter zu zeigen.
Die erste Veränderung war winzig: Als ich das Halfter bis zur Höhe meiner Brust hob, wartete sie. Und dann hörten wir auf. Eine Woche nur mit diesen kleinen Bewegungen führte zu großen Seufzern, sie leckte sich viel die Lippen und gähnte. Alles Zeichen eines zufriedenen Pferdes. Am Ende der Woche streckte sich Equinox nach dem Halfter aus. Diese Woche auf der Weide war eine Kehrtwende für uns beide.
Aber ich konnte die Stute immer noch nicht satteln und hatte Todesangst davor, sie wieder zu reiten. Also beschloss ich, sie zu einem von Bucks Kursen für das Anreiten von Jungpferden mitzunehmen. Einige Freunde rieten mir, ich sollte zunächst mit einem meiner weniger problematischen Pferde in einem von Bucks Reitkursen teilnehmen, damit ich eine bessere Vorstellung davon erhalten würde, was mich erwartete. Im nächsten Sommer meldete ich mich für einen Kurs in Ellensburg, Washington, an. Im folgenden Frühjahr waren Equinox und ich in Bucks Jungpferde-Kurs in Lewiston, Idaho, angemeldet. Ich hatte alles getan, was ich wusste, um sie gut vorzubereiten, aber es war völlig unzureichend. Buck sagte mir gleich am ersten Tag, dass ich alles getan hatte, was ich für richtig hielt, aber das würde für diese Stute noch nicht die Lösung sein. Ich war am Boden zerstört, aber genau in diesem Moment lernte ich, dass wahres Lernen mit Bescheidenheit beginnt.
Buck fand etwas Widerstand in Equinox’ Schulter und rechtem Vorderbein. Für ihn war das offensichtlich, aber ich hatte es nicht gesehen. Als er mit ihr arbeitete, sah Equinox aus, als hätte sie ein Holzbein. Sie rammte das Bein wie eine Krücke in den Boden, lehnte sich mit ihrem gesamten Gewicht von knapp fünfhundert Kilo darauf und teilte Buck auf diese Art und Weise mit, dass sie diese „Krücke“ brauchte. Es war alles, was sie noch hatte. Sie war nicht bereit, das für ihn aufzugeben. Buck arbeitete sie von seinem Pferd aus und wollte Equinox dazu bringen, das Bein auszustrecken und nach hinten zu nehmen, damit die Schulter sich freier bewegen konnte und ihre Gedanken ebenso. Sie hatte jedoch recht lange ihre eigenen Ideen dazu und gab dem Publikum eine gute Show. Sie stieg und trat immer wieder aus. Sie versuchte alles, um nur ja nicht ihren buchstäblich letzten Halt aufzugeben, ihr stabiles Holzbein, wo sie sich immer anlehnen und daran festhalten konnte, wenn Menschen sie betrogen hatten. Buck warnte uns, dass die Stute sich vielleicht hinlegen würde, dass sie vielleicht nicht wissen würde, dass sie dieses Bein tatsächlich bewegen kann.
Sie legte sich nicht hin. Buck kam tatsächlich an sie heran, und sie erkannte, dass sie ihr Gewicht nach hinten verlagern konnte und noch drei andere Beine hatte und somit dieses Bein hochheben und bewegen konnte. Sie hatte die Freiheit der Bewegung gefunden.
In diesem Moment blieb bei allen Anwesenden kein Auge mehr trocken. Buck baute auf dieser Freiheit auf, und als er die Jungpferde laufen ließ, achtete er besonders auf Equinox. Sie raste um die Reitbahn, überholte die anderen Jungpferde, lebte ihr ganzes Vollblut-Dasein aus, aber es brachte niemanden von uns Zuschauern dazu, in Gejohle auszubrechen, als seien wir auf der Rennbahn. Wir wussten, dass sie gerade alles Mögliche verarbeitete, was sie erlebt hatte, aber eigentlich besser nie erlebt haben sollte. Sie musste rennen, denn sie war so lange eingeengt gewesen, dass sie es jetzt einfach ausleben musste. Während Buck die anderen Pferde schon als Herde zum einen Ende der Reitbahn brachte, ließ er sie Runde um Runde weiterlaufen. Er ließ sie lernen, sich frei zu bewegen, bis er sie schließlich ein wenig begrenzte, um zu sehen, ob sie umdrehen und zu den anderen Pferden gehen würde. Wenn nicht, ging er einfach ein wenig zurück und machte ihr Platz, ließ sie vorbeilaufen, bis sie schließlich durch eine schmale Lücke laufen konnte, ganz und gar frei. Schließlich war sie ruhiger und bewegte sich ans Ende der Reitbahn zu den anderen Pferden.
Ich ritt sie in diesem Kurs. Wir gingen Schritt, Trab und Galopp. Und wir gingen mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht nach Hause.
Ende des Jahres machte ich noch einmal mit Equinox in einem von Bucks Reitkursen mit. Zweimal fing meine Stute zu buckeln an und zweimal halfen mir die Lektionen vom Jungpferdestart, im Sattel zu bleiben. Genau in dem Moment, in dem sie mit dem Bocksprung begann, bewegte ich ihre Hinterhand aus dem Weg – obwohl sie recht athletisch war und mich hin und her werfen konnte. Sobald sie eine Pause beim Bocken machte, trieb ich sie vorwärts und ritt so aus dem Buckeln vorwärts heraus, als würden wir das täglich machen. Freie Vorwärtsbewegung war der Schlüssel zu allem, was man mit dieser Stute machen wollte.
In diesem Kurs wurde mir klar, dass wir noch viel mehr Bodenarbeit zum Thema des Seitenwechsels von Auge zu Auge machen mussten. Die beiden Male, als sie mit dem Buckeln anfing, war ein anderes Pferd in ihr linkes Gesichtsfeld gerannt. Beim zweiten Mal war ich nicht so gut vorbereitet und wäre beinahe heruntergefallen. Aber Buck hat uns oft gesagt, dass das Nicht-Herunterfallen weniger mit reiterlichen Fähigkeiten als eher mit Entschlossenheit zu tun hat. Und wenn es um das Obenbleiben beim Reiten geht, habe ich sehr viel Entschlossenheit. Ich lag schon halb auf ihrer Schulter, und doch griff ich nach dem Sattelhorn, hievte mich wieder hoch, griff nach dem rechten Zügel, drehte mein Pferd herum, indem ich die Hinterhand bewegte und trieb sie erneut vorwärts. Nicht schlecht, dachte ich selbst, als ich die lange Seite der Reitbahn entlang ritt und meine Freunde mich anfeuern hörte: „Weiter so!“
Allerdings wurde Equinox selbst bis zum letzten Tag des Kurses nicht wirklich ruhig. Sie war einfach zu sehr beunruhigt, um mit diesen neuen Dingen umgehen zu können. Ich hatte dieser Stute nicht genug zu bieten. Sie war mir einfach zu weit voraus. Ich entschied, zuerst meine anderen Pferde richtig zu arbeiten, um das Können zu erreichen, das ich für Equinox brauchte.
Die gute Nachricht ist, dass ich mit Buck auf den richtigen Weg gestoßen war. Obendrein hatte ich einige Freunde, die schon länger mit Bucks Methode arbeiteten und bereit waren, mir zu helfen, besonders Mike und Deanie Hosker aus Ellensburg. (Bei ihnen findet jedes Jahr ein Kurs mit Buck statt, und sie machen auch Jungpferdetraining und -anreiten). Charlie Anderson aus Olympia hat eine wunderbare Reitschule, die nach dieser Technik arbeitet, und außerdem gab es noch Cheryl Smith, ihre Nachbarin und Reitschul-Partnerin. Alle diese Leute sind in den letzten Jahren meine lieben Freunde geworden und haben mir Mut gemacht fürs Weiterzumachen.
Ich habe mit Equinox schließlich zwei Jahre pausiert. Es schien, je mehr ich lernte, desto mehr wurde mir bewusst, was ich alles noch nicht wusste. Im nächsten Jahr ritt ich Skeeter in Bucks Kurs, einen unbekümmerten Araber, den mein Mann ein paar Mal pro Jahr ritt. Ich dachte, das mit Skeeter sei ein guter Plan. Ich ritt ihn auch mit viel Freude, wir beide halfen uns gegenseitig.
Mein nächstes Pferd auf meiner Überholspur zu Equinox war eine Quarter Horse-Stute, die ich auf einer über und über mit Klee bewachsenen Wiese in Wenatchee, Washington, gefunden hatte. Mein Mann hatte dort an einem Wochenende beruflich zu tun, und weil eine meiner langjährigen Freundinnen, Lea Headley, dort lebt, begleitete ich ihn. Sie hat obendrein eine gute Portion Pferdeverstand, also verabredeten wir uns zum Reiten. Als wir um den Ort ritten, erzählte sie mir, dass das Pferd, das ihre Tochter Kachel aufgezogen und in ihrer Rodeo- und Schulzeit geritten hat, jetzt nur noch herumsteht. Ihre Tochter, Rachel Kellogg, war bei der Feuerwehr des US-Forstbüros und musste landesweit umherreisen, deshalb konnte sie das Pferd nicht behalten. Ob ich mir die Stute ansehen wolle? Ich sagte zu, allerdings informierte ich Lea, dass ich keine Absicht hatte, ein weiteres Pferd zu kaufen, da ich schon mehrere zu Hause hatte. Aber die Stute war so hübsch und hatte einen lieben, sanften Ausdruck in den Augen. Noch bevor der Tag zu Ende ging, hatte ich ein weiteres eigenes Pferd. Als ich einige Wochen später wieder dorthin fuhr, um mit Rachel zu reiten, stand die Stute geputzt auf der Kieseinfahrt. Sie war riesig – größer als 1,60 m Stockmaß und sehr schwer, alles Muskeln. Ich hatte vorher gar nicht darüber nachgedacht, nach ihrem Namen zu fragen. „Tornado”, sagte Rachel stolz. „Tornado?” Rachel lachte. „Ja, weil ich sie gerne heiß mache und dann reite wie ein Wirbelwind! Dieses Mädchen war früher Junior-Rodeomeisterin, bekämpft heute in ihrem Beruf die schlimmsten Feuer Amerikas und hat ihr Pferd Tornado genannt. Ich erkannte, dass mir ein Problem bevorstehen könnte. „Ich werde sie „Blossom“ (engl. Blüte) nennen“, sagte ich direkt zu Rachel. (Später benannte ich sie Regala, das ist das spanische Wort für „Geschenk“, denn sie war wirklich ein großartiger Partner auf meinem Weg zur Pferdefrau.) Rachel wollte mir zeigen, was meine kleine, neue Tornado/Blossom alles konnte, also brachten wir sie zur örtlichen Reithalle. Rachel hüpfte auf das Pferd. Und natürlich machte sie sie tatsächlich flott und beide flogen los. Sie sahen aus wie ein Derwisch. Zuerst galoppierten sie auf einem Zirkel, den sie bis auf weniger als zehn Meter verkleinerten und wieder vergrößerten, direkt in einen fliegenden Galoppwechsel und zurück in einen ebenso engen Zirkel. Quer durch die Bahn ein Rollback, dann noch einen und mit einem weiteren fliegenden Galoppwechsel durch die Bahn und mit einem Sliding Stop zurück zu uns. Rachel gab mir die Zügel und ich schwang mein Bein über Tornados Rücken. Im selbem Moment, in dem ich den Sattel berührte, sprintete die Stute los. Ich tat das Einzige, was jeder vernünftige Schüler von Buck tun würde, ich ließ ihre Hinterhand weichen, obwohl ich schnell herausfand, dass sie so etwas wie Biegung nicht kannte und ich aufpassen musste, damit sie nicht umfiel. Nach etwa einem Dutzend Mal Hinterhand weichen lassen und häufigem Kopf herumbringen und die Stute streicheln, kam ich schließlich an den Punkt, an dem ich sie loslassen konnte und sie im Schritt ging, ohne loszurennen. Das konnte ich besser überleben!