Ruhig stehen bleiben
Jeder hat davon einen Vorteil, wenn dein Pferd darauf trainiert ist, während der Behandlung vom Tierarzt oder beim Hufschmied still zu stehen.
Text: Susan E. Harris, Übersetzung: Sonja Grünauer
„Whoa, ruhig bleiben – autsch, steig von meinem Fuß runter!“ Wir alle kennen solche Momente, speziell dann, wenn der Tierarzt versucht, dem Pferd Blut abzunehmen oder der Hufschmied die Hufe des Pferdes bearbeitet. Manche Pferde lehnen sich dann gegen den Menschen, oder zwicken dich anstatt länger als 30 Sekunden still zu stehen. Ein Pferd so zu halten, dass es ruhig stehen bleibt, macht dich bei Tierärzten, Hufschmieden oder anderen Leuten, die dein Pferd behandeln wollen, sehr beliebt. Dadurch wird das Prozedere für alle Beteiligten viel sicherer. Hier gebe ich einige Tipps, wie man sein Pferd dazu bringt, still stehen zu bleiben – basierend auf meine eigenen Erfahrungen bei der Arbeit mit Hufschmieden und Tierärzten: Sei dabei, wenn es möglich ist. Obwohl viele Hufschmiede die Pferde auch ohne Anwesenheit des Besitzers beschlagen, ist es trotzdem besser, wenn man bei diesem Termin vor Ort ist. Dabei kannst du auch dafür sorgen, dass dein Pferd still stehen bleibt und kannst gleichzeitig auch Fragen an deinen Hufschmied stellen. Falls du bei diesem Termin nicht anwesend sein kannst, frage einfach einen erfahrenen Helfer, dich zu vertreten. Hole dein Pferd von der Koppel, putze es und bereite es auf den Tierarzt- bzw. Hufschmiedbesuch vor. Ist dein Pferd eher temperamentvoll, solltest du es vor dem Termin arbeiten, damit es nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt zu viel Energie hat. Es ist auch hilfreich, Heu bereit zu halten, denn durch das Fressen von Heu kann man ein Pferd auch ruhig halten.
Wähle einen sicheren Platz für die Arbeit. Der Platz, an dem der Hufschmied mit dem Pferd arbeitet, sollte eben und gut beleuchtet mit gutem Boden und wettergeschützt sein. Besonders im Sommer kann ein Fliegenspray sehr hilfreich sein, was das Verhalten deines Pferdes beim Hufschmied-Termin betrifft. Räume den Bereich vorher auf und entferne gefährliche Dinge wie Mistgabeln, Schaufeln oder andere Hindernisse. Wähle einen Platz aus, der ruhig ist und wo man ungestört arbeiten kann. Tierärztliche Untersuchungen, Impfungen oder Behandlungen können auch in diesem Bereich gemacht werden oder beispielsweise am Waschplatz. Viele Pferde sind entspannter, wenn sie sich im gewohnten Stallbereich befinden – auch das Anbinden des Pferdes mit Blick zur Stallwand kann hilfreich sein, um es ruhig zu halten.
Arbeite vor dem Termin mit deinem Pferd. Ein wenig Bodenarbeit kann sehr hilfreich sein. Das tägliche Putzen und Führen des Pferdes, genauso wie das Anheben der Hufe erleichtern danach die Arbeit deines Hufschmiedes. Wenn du dein Pferd putzt, gewöhne es daran, sich an Kopf, Nase, Maul, Körper, Beinen, Schweif und anderen Körperteilen berühren zu lassen. Der Schlüssel ist, dies oft zu wiederholen und dabei ruhig und entspannt zu bleiben, damit dies eine positive Erfahrung für dein Pferd wird. Dies fördert nicht nur das Vertrauen deines Pferdes, sondern vermeidet später auch Probleme beim Verhalten des Pferdes beim Tierarzt oder Hufschmied-Termin.
Bild 1: Gut gemacht: Du machst dich beim Tierarzt oder Hufschmied beliebt, wenn du dafür sorgen kannst, dass dein Pferd entsprechend ruhig stehen bleibt.
Bild 2: Wenn du nervös wirst oder das Gefühl hast, dass die Situation eskalieren und außer Kontrolle geraten könnte, spreche mit dem Pferd, bevor es gefährlich für jeden wird.
Bild 3: Am Besten stehst du auf der gleichen Seite wie der Tierarzt oder der Hufschmied während der Arbeit.
Übe deine Technik, wie du dein Pferd ruhig stehen lassen kannst. Tierarzt oder Hufschmied müssen sich auf die Person verlassen können, die während der Arbeit das Pferd am Strick hält. Ist diese Person nervös, ängstlich, ungeduldig, grob oder ineffizient, kann dies ein Pferd sehr verunsichern. Lasse nicht zu, dass du dich ablenken lässt. Du musst mit dem Fachmann zusammenarbeiten – es liegt in deiner Verantwortung, die Aufmerksamkeit des Pferdes zu erhalten, während der Hufschmied oder Tierarzt seine Arbeit macht. Deshalb solltest du auch vermeiden, dein Pferd dabei ohne Vorwarnung zu disziplinieren. Wirst du nervös oder hast das Gefühl, dass die Situation eskalieren könnte, sage Bescheid, bevor es gefährlich für alle Beteiligten wird.
Wende eine effektive Technik beim Halten des Pferdes an. Stehe an der gleichen Seite beim Pferd wie der Hufschmied oder Tierarzt, auch wenn du nicht dazu aufgefordert wurdest. Halte das Pferd mit Halfter und Strick, damit du es gut unter Kontrolle hast – halte es niemals am Halfter selbst fest. Es ist nicht nötig, ein Pferd nahe am Kopf zu halten – viele Pferde brauchen ein bisschen einen Freiraum am Kopf, um ihre Balance halten zu können und sind kooperativer, wenn sie sehen können, was rund um sie herum geschieht. Achte auf das Verhalten und Benehmen deines Pferdes, genauso wie es der Fachmann tut – in dieser Situation ist keine Zeit für Tagträumereien.
Achte darauf, dass dein Pferd auf dich aufmerksam ist. Hat dein Pferd Angst vor Spritzen, hilft es, wenn du deine Handfläche auf das Auge hältst, auf dessen Seite der Tierarzt die Injektion gibt. Bei anderen Behandlungen kannst du wieder dazu übergehen, seinen Kopf wieder mit mehr Freiraum zu halten, damit es die Umgebung sehen kann. Wenn du an den Beinen deines Pferdes hantierst, kann es oft hilfreich sein, wenn ein Pferdebein angehoben und gehalten wird, wobei mit der Handfläche die Sole des Pferdes gehalten wird und die Finger auf der Zehe des Pferdes liegen. Mit dieser Technik kannst du das Pferdebein leichter und sicherer hoch halten und kannst auch die Bewegungen, die das Pferd eventuell macht, mitmachen. Außerdem wird vermieden, dass sich das Pferd mit seinem ganzen Gewicht auf dieses Bein lehnt und der Huf kann auch sicherer abgestellt werden.
Folge den Empfehlungen deines Tierarztes
Dein Tierarzt empfiehlt möglicherweise, eine Führkette zu verwenden, damit du zusätzliche Kontrolle über dein Pferd in bestimmten Behandlungssituationen hast. Doch diese sollte korrekt eingesetzt werden. Es gibt verschiedene Einsatzmöglichkeiten, die häufigste Methode ist, die Kette über die Nase des Pferdes laufen zu lassen. Ziehe und reiße jedoch niemals daran – dies ist für dein Pferd genauso schlimm, wie das Zerren an den Zügeln, wenn es eine Trense im Maul hat. Stattdessen sollte man nur einen leichten Druck mit der Kette ausüben, um die Aufmerksamkeit deines Pferdes zu erhalten. Es gibt jedoch noch einige weitere Möglichkeiten, wenn ein Pferd sich nicht ruhig verhalten will, wie z.B. die Nasenbremse oder eine Sedierung. Wenn dein Tierarzt oder Hufschmied meint, dass eine dieser anderen Varianten hilfreich wäre, ist es wichtig, darüber zu sprechen. Manche Tierärzte entscheiden dann auch, dass die Arbeit mit einer Sedierung des Pferdes sicherer erfolgen könnte.
Sei vorbereitet auf eventuell widerspenstiges Verhalten deines Pferdes
Wenn ein Pferd plötzlich unkooperativ ist, sollte man den Grund suchen, warum dies so ist. Hat es Angst, ist es eine Art Selbstschutz, ist dein Pferd abgelenkt oder verzogen oder kommt es mit der Situation gerade nicht klar? Hat es Schmerzen oder hat es Angst, gleich Schmerzen zu verspüren? Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem launischen oder respektlosen Pferd oder einem Pferd, das Schmerzen hat oder gerade daran denkt, die Flucht zu ergreifen. Mach in dieser Situation eine kleine Pause und versuche die Situation einzuschätzen. Nur dann kannst du entscheiden, wie du dein Pferd am Besten beruhigen kannst. Es hat keinen Sinn, sich auf einen Kampf mit einem Pferd einzulassen, speziell dann wenn es das Ziel ist, sicher und präzise zu arbeiten.
Tierärzte und Hufschmiede sind beide der Meinung, dass Pferde, die einen kompetenten Umgang genießen, auch leichter beim Hufbeschlag oder bei tierärztlichen Behandlungen sind. Je früher man damit beginnt, dem Pferd zu lernen, sich an allen Körperteilen berühren zu lassen und sich die Hufe aufheben zu lassen – und dies alles mit Ruhe und Geduld zu üben – desto routinierter wird das Pferd dann bei diesen Terminen sein. Dem Pferd beizubringen, seinen Kopf tiefer zu nehmen hilft, Vertrauen und Akzeptanz zu fördern. Pferde, die den Kopf hochreißen, mit den Augen rollen, die Ohren zurücklegen und nervös mit dem Schweif schlagen, geben damit deutliche Warnsignale. Je besser du die Körpersprache deines Pferdes kennst, desto weniger werden du, dein Tierarzt oder dein Hufschmied eine böse Überraschung haben. Natürlich können auch unvorhergesehene Dinge passieren. Einmal, als mein Tierarzt versuchte, meinem Pferd eine Entwurmungspaste zu verabreichen, begann mein Pferd plötzlich zu steigen und die Situation wurde plötzlich gefährlich. Mit ein bisschen Übung und Voraussicht können du und dein Pferd bessere Erfahrungen mit Tierärzten und Hufschmieden machen und das Handling wird dadurch maßgeblich erleichtert, was im Falle eines Notfalles sehr hilfreich ist.
Ratschläge von einem Tierarzt
Benjamin F. Turner, DVM, Midstate Veterinary Service, Cortland/New York: „Das Wichtigste ist, dass man keine schlechten Erfahrungen gemacht haben sollte. Du solltest eine Beziehung zu deinem Pferd aufgebaut haben und sein Naturell gut kennen, um den Tierarzt informieren zu können, wobei es Probleme geben könnte. Gewöhne dein Pferd daran, sich an Nase, Gesicht, Hals, Beinen und unter der Schweifrübe berühren zu lassen. Wenn deine Stute kurz vor dem Abfohlen steht, sollte sie bereits daran gewöhnt sein, dass ihr Euter berührt wird. Auch der Tierarzt ist bemüht, dem Pferd keine Schmerzen zuzufügen. Ich kann beispielsweise eine Injektion so setzen, dass das Pferd dies kaum merkt. Heutzutage muss ich nur noch selten die Nasenbremse einsetzen. Ich habe jedoch den Vorteil einer Führkette schätzen gelernt. Wenn diese korrekt eingesetzt wird, wird ein Pferd auch ruhig stehen bleiben. Will ein Pferd trotzdem nicht ruhig stehen bleiben, ist es dann doch empfehlenswert, es zu sedieren, bevor das Ganze zu einem Kampf ausartet.“
Ratschläge von einem Hufschmied
Michael Wildenstein, Hufschmied, Cornell University Large Animal Clinic, Ithaca / New York:
„Es ist wichtig, dass das Pferd von einer erfahrenen Person gehalten wird, die kooperativ mit dem Hufschmied zusammenarbeiten kann und die Arbeit in einer ruhigen Umgebung zu machen. Der Pferdehalter sollte die Aufmerksamkeit des Pferdes auf sich lenken und den Hufschmied rechtzeitig informieren, sollte er sein Pferd disziplinieren müssen. Pferde reagieren positiv, wenn die Arbeit ruhig und kompetent durchgeführt wird. Manche Pferde haben ein Problem mit der Arbeit des Hufschmiedes aufgrund von Schmerzen oder Lahmheiten, was manchmal eine Sedierung erfordert. Eine tägliche Hufpflege durch den Pferdehalter macht natürlich einen großen Unterschied, da das Pferd dann an das Prozedere gewöhnt ist.“
Bild 4: Was ist los? Wie man am Besten auf widerspenstiges Verhalten reagiert, hängt davon ab, ob das Verhalten des Pferdes aufgrund von Ungeduld, Reizbarkeit oder aufgrund von Angst oder Schmerzen hervorgerufen wird.
Warum nicht festbinden? Mit einigen Ausnahmen, ist es weder sicher noch effektiv, ein Pferd anzubinden – vor allem bei Behandlungen durch einen Tierarzt oder bei der Arbeit des Hufschmiedes. Wenn ein Pferd mit dem Kopf zurück reißt, kann es sowohl den Tierarzt oder auch den Hufschmied verletzen und auch sich selbst. Wenn also die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich ein Pferd versucht loszureißen oder herumzuspringen, wäre es sicherer, dieses Pferde nicht festzubinden, sondern von einer erfahrenen Person gehalten zu werden.
Über die Autorin
Susan E. Harris ist eine internationale Clinician und Autorin diverser Pferdeartikel aus Cortland, New York. Seit mehr als 30 Jahren unterrichtet sie Reiter und Instruktoren in vielen Reitdisziplinen, von Hunterklassen über Springreiten und Dressur bis zur Western Pleasure. Derzeit unterrichtet sie weltweit in Centered Riding Clinics und bietet ihre Anatomy in Motion/Visible Horse Präsentationen. Harris, die von der American Riding Instructor Association zum Master Instructor ernannt wurde ist Autorin des Buches „Horse Gaits, Balance and Movement, Grooming to Win“ und „The U.S. Pony Club Manuals of Horsemanship“.