Eine Reise mit Pferd!

Von Appaloosa Silky Milkiway und Johannes Sams

 

Die zwei Tage vor dem Ritt ins Burgenland waren geprägt von einer sehr eigenartigen Stimmung. Was nehme ich mit, was lasse ich hier, was brauche ich unbedingt?

Nun, im Nachhinein ist man klüger, die Reserveeisen habe ich zum Glück liegen lassen, das Beschlagswerkzeug brauchte ich nur, um einen Zaun, den ich öffnen musste, wieder schließen zu können. Am Morgen des letzten Tages habe ich noch einen Nagel erneuert, um ganz sicher mit diesem Eisen einzutreffen. Wäre vielleicht nicht unbedingt erforderlich gewesen. Mit der Kleidung weiß man auch nicht immer, wie es am besten ist, warm oder wird es viel nass, etwas auf Reserve kann nie schaden. Ganz wichtig waren die vielen Socken.

Wenn ich so um drei Uhr in der Früh schon wach lag, suchte ich immer in Gedanken die kürzeste Strecke. Gehe ich über die Rettenbachalm oder über Bad Goisern? Ist es über den Leisling kürzer oder nehme ich lieber die Route über den Tresen? Letztendlich entschied ich mich für die Strecke, die ich am wenigsten gegangen bin in meinen dreißig Wanderreitjahren.

Entlang der Traun, flussaufwärts in den nebligen Morgenstunden, gab es ein gutes Vorwärtskommen. In Bad Aussee war man emsig dabei, den Ort für das Narzissenfest schön zu dekorieren. Entlang des klaren Gebirgswassers wurde ein Radweg angelegt, nicht asphaltiert, auch wunderbar geeignet für Pferdehufe. Den Grimming im Blick merkt man endlich, sich von zu Hause abgesetzt zu haben. So ich meinem Appi Zeit lasse, findet er etwas Geeignetes, um abzugrasen. Auf der alten Passstraße begegnet uns nur ein einziger Radfahrer. Im Ennstal ab Trautenfels finde ich einen Reitweg, der die Note 1 verdient wie kein anderer auf meiner mehr als dreihundert Kilometer langen Reise. Nach dem unbeschrankten Bahnübergang im Schatten des alten Schlosses ist ein Weg bewachsen mit sattem Golfrasen, so könnte es bleiben. Dass es ein wenig regnet, tut der Freude ob des schönen Geläufs keinen Abbruch. An meinem ersten Quartier werde ich schon erwartet, übrigens das einzige, dass ich im Vorfeld eruiert habe.

Am nächsten Morgen lasse ich gleich einmal meine Chaps zurück und muss umkehren, Gott sei Dank sind es nur zehn Minuten, die ich geopfert habe. In der kühlen Morgenluft lassen sich rasch Kilometer für Kilometer abspulen. Burg Streckau bewacht das Tal, welches nun bis zum Schoberpass ansteigt. Am See bei Gaishorn relaxen Reiter und Pferd, bevor es im schattigen Wald an einem alten Herrensitz, dessen gute Tage schon lange vorbei, zur Ortschaft „Wald“ geht. Im Südosten zucken Blitze aus finsteren Wolken. Bevor sie uns erreichen, legen wir noch eine Pause ein. Roter und Weißer Klee mundet meinem Pferd, und mir ein kühles Getränk und ein kräftiger Happen. Wie erwartet erwischt uns auch dieser Guss, und die nächsten Stunden ist „walking in the rain“. Ein großer Stein fällt mir vom Herzen, als wir in einem 400 Jahre alten Gasthof nicht nur ein Bett, sondern auch eine geräumige Box mit duftendem Heu gestellt bekommen.

Im Sonnenschein am nächsten Morgen läuft es sich leicht und unbeschwert auf die Industriestadt Leoben zu, davor haben wir schon etwas gebangt, wie es sich im Moloch der Stadt mit Pferd zurechtkommen lässt. Erst aber grüßt uns noch die Wehrkirche von St. Peter ob Freienstein. In den Häuserschluchten der Stadt ist es unerträglich heiß an diesem Nachmittag, aber sobald wir wieder an der Mur entlang reiten können, ist der Wahnsinn vergessen. Auch in Bruck an der Mur gibt es kein Problem in den Abendstunden. Und so klingt der Tag in Übelstein aus, schön wie er begann.

Am vierten Tag unserer Reise geht’s richtig in die Berge. Zuerst der Heuberg, dann runter nach Tyrnau. Als ich einen Forstarbeiter frage, wie lange ich bis dahin brauchen werde, seine Antwort: „Da bist glei a mal untn!“. Was einen Abstieg von schwach einer Stunde ausmacht, er kennt es ja nur mit seinem Pickup. Eine Hausfrau bei der Städtischen Abfallsammelstelle zu einer ähnlichen Frage, wo es kürzer, sei links oder rechts: „Da vorne auf die Autobahn, da sind es 17 Kilometer!“

Im Tal angekommen geht es die andere Seite dreieinhalb Stunden hoch, zum Glück gibt es hie und da einen Brunnen, eine gute Tränke für mich und mein Pferd. Auf 1.295 m angekommen, der höchste Punkt meiner Reise, ein wunderschöner Blick auf die großartige Natur, das erste wirkliche Hindernis in Form von einem Weiderost mit angrenzenden vier Reihen Stacheldraht. Aufknüpfen, Pferd durchführen, Reihen wieder schließen. Für den Rest des Tages mal 18. Da wäre es von Vorteil, einen Friesen oder ein Shire zu haben und kein solches „Rehbein“ wie meine Silky.

Im Laufe von dreiundsechzig Jahren galt es schon, so manches Hindernis aus dem Weg zu räumen, aber was mir hier im Laufe des Tages geboten wird, übersteigt die Grenzen des machbaren. Irgendwann ist auch die Energie, die du zum Fluchen benötigst, verbraucht. Du fügst dich deinem Schicksal, verstehst nicht wie es sein kann, dass man von Griechenland bis Dänemark ohne Grenzkontrolle reisen kann, hier aber in der ländlichen Idylle alle zweihundert Meter vier Reihen Stacheldraht zu überwinden hat. So frustrierend das Fortkommen an diesem Tag, solch ein Glücksgefühl überkommt einen bei der Gastfreundschaft, die dir und deinem Pferd nach zehn mühevollen Stunden widerfährt. Von der Sommeralm abwärts will ich durch den Wald, von den Weiderosten habe ich genug. Da aber eine 1:100.000 Karte nicht viel hergibt, weiß ich nicht, wo ich im Tal auf die Landstraße treffe. Auf der anderen Talseite konnte ich aber einen kleinen Ort am Kamm mit Kirchlein sehen.

Es ist bereits 20 Uhr, als ich bei der Kirche ankomme und mich bei Einheimischen nach einem Quartier für mich und mein Pferd erkundige. Das empfohlene Hotel mit Koppel für Pferd und Esel ist leider geschlossen und verlassen. An der Willkommenstafel am Ortsausgang, ich bin ja bereits durch, stehen noch mehrere Gewerbebetriebe angeführt. Der erste, dessen Nummer ich wähle, hat sowohl Betten als auch Box für mein Pferd. Nach etwa zehn Minuten Fußmarsch werde ich von freundlichen Gastleuten erwartet, und meinem Pferd wird jedwede Annehmlichkeit gewährt.

Nach diesen vier Tagen, in denen es ein besseres Fortkommen als erwartet gab und weil der Ort gar so lieblich sich präsentierte, legen wir einen Ruhetag ein. Der Appaloosa auf der Weide auf ca. 1.100 m nimmt den Kopf nicht mehr hoch, so sehr ist er mit der Futteraufnahme beschäftigt. Dieses St. Kathrein am Offenegg kann man jedem ans Herz legen, der in der Ursprünglichkeit der Natur ein paar besinnliche Tage verleben will.

Über die Tage hat man bemerkt, dass in den frühen Morgenstunden ein gutes Vorwärtskommen gewährleistet ist, dies macht je nach Kupiertheit des Geländes mal schnell sechseinhalb bis sieben Kilometer im Schritt. In den Mittagsstunden geht es eher zäh zur Sache, und dies ergibt auch mal schlechte Laune, aber ab 15 Uhr, wenn es nicht mehr ganz so heiß ist und vielleicht auch schon eine kleine Brise zur Abkühlung beiträgt,  schafft man ein respektables Vorwärtskommen. Über den Tag gesehen ergibt dies mit den Pausen in acht Stunden immer noch vierzig Kilometer.

Dies gilt es auch nach dem Ruhetag zu nützen, und so geht es bereits um 5.45 Uhr hinaus in Gottes schöne Welt. Auch von den Weiderosten lassen wir uns nicht aufhalten, unser Ziel, das Burgenland, rückt immer näher. Der Feistritz entlang streben wir der Stubenbergklamm zu, kühlen uns in ihrem klaren Wasser die Hufe und Fesseln, verweilen ein wenig am See, um im Hofwald sich der Mittagshitze zu entziehen.

Da die spärliche Beschilderung keine Orientierung zulässt, ist man ganz auf den Kompass angewiesen, um sein Ziel nicht zu verlieren. Um von Kaindorf  über Sebersdorf nach Wagerberg zu gelangen, ist einem manch LKW näher als einem lieb ist. Urplötzlich ist der Radweg zu Ende, man ist umgeben von Teermaschinen und LKW-Kolonnen, welche zur A2 wollen, ein Verkehrsaufkommen, welches man nicht im Stande ist, diesem zu entweichen. Diese Stresssituation wird durch die Ruhe im Entenwald bis Burgau jedoch ausreichend belohnt. Die letzte Etappe über Rohr im Burgenland und den Zickenwald könnte auch Zeckenwald heißen, noch nie waren wir so übersät mit diesen Blutsaugern wie hier. Rehgraben und Sulz, dann kommt man um die letzte Kurve und hat endlich die Burg Güssing mit dem alles überragenden Kirchturm vor sich. Ein herrliches Gefühl, die Strecke von mehr als dreihundert Kilometern hinter sich gebracht zu haben mit all seinen Widrigkeiten, den 23 Weiderosten mit den unseligen Stacheldraht-Einfriedungen, aber auch grandiosen Landschaften und sehr, sehr gastfreundlichen Menschen. Mag es in Österreich sehr viele reiterfreundliche Gemeinden geben, Einstallungen mit Komfort und Reitwege mit Golfrasen – eine Reise mit Pferd vom Land Salzburg ins Burgenland ist gespickt mit Hindernissen, aber es erfüllt einen mit Stolz und Freude, all dies bewältigt zu haben und gesund und unbeschadet sein Ziel erreicht zu wissen, seine geliebte Frau in den Arm zu nehmen und mit seinen Reiterfreunden auf Burg Güssing 20 Jahre Orientierungsreiten im Burgenland feiern zu können.

 

Nennenswerte Gastgeber für Reiter und Pferd:

Fam. Schaunitzer, 8940 Liezen, Döllach 21

Gasthof Pfälzerhof, Fam. Cvetko, 8785 Kalwang 23

Gasthaus Ebner, Ingrid Hollerer, 8600 Übelstein 4

Fam. Spreitzhofer, 8171 St. Kathrein am Offenegg, Zeil 17

Fam. Postl, Sonnenhof, 8291Burgau, Herrengasse 20

Trakhenerzucht Gasper in Güssing bei der Landwirtschaftsschule

Allen gilt mein herzlicher Dank.