Text: Sabine Schmidhammer

Fotos: Sabine Schmidhammer und Andreas Kocher

 

Walpurgis-Nacht am Blocksberg

oder

Auf der Suche nach Schmidi’s Wurzeln ;-)

Der Winter war vorbei, die ersten Frühlingsboten zeigten sich, und wir lauerten in den Startlöchern für ein neues Abenteuer mit unseren Pferden! Unser Ausflug nach Dänemark würde schwer zu toppen sein, aber wir waren offen für Neues. Und Andi hatte da schon eine Idee.

Ab einem gewissen Alter kommt es in den Sinn, einmal nach seinen Wurzeln zu schauen. Meine finden sich im Gasteiner Tal. Andi war der Meinung, wir machen einen „Wurzel“-Ritt.

Ach nein, ins Gasteiner Tal zum Reiten, ich weiß nicht. Meine Begeisterung hielt sich schwer in Grenzen. Nein, nein, meinte er, wir fahren in den Harz!

In den Harz? Was sollen wir denn da? Ich habe mit Sicherheit dort keine Verwandten, geschweige denn Wurzeln! Andi sah das ein wenig anders: Im Harz steht der Brocken, besser bekannt als Blocksberg, erinnert an Bibi Blocksberg = Hexe. Ende April ist dort die Walpurgis-Nacht. Er würde schon darauf achten, dass ich nicht zu hoch fliege!

Danke, ganz nett! Wahrscheinlich kam ihm der Hexen-Gedanke nur, wegen meines großen Interesses an Kräutern, Übersinnlichem und Kraftplätzen. J Warum sonst?

So fuhren wir Mitte April los in den Harz. Eigentlich wollte ich meine alte, rothaarige Stute mitnehmen (wenn schon, denn schon), die doch etwas Hexenhaftes an sich hat, entschied mich dann aber doch für den Jüngling Hobbit. Andi packte seinen altbewährten Humphry Jac ein.

Es lag wieder mal eine Riesenstrecke vor uns, an die 750 km sollten es werden, und so gönnten wir unseren Pferden einen Zwischenstopp in der Fränkischen Schweiz. Ein sehr nettes Reitgebiet mit vielen freundlichen Menschen und einer tollen Unterkunft ließ unseren Urlaub schon positiv beginnen. Weiter ging es dann nach Sachsen-Anhalt (ehemalige DDR!) über Autobahnen wie anno dazumal! Wendefurt, Reiterhof an der Talsperre, war unser Ziel.

Dort angekommen wurden die Pferde in Boxen untergebracht (eingebunkert), wie anno dazumal. Leider keine Koppeln und kein Auslauf, was uns gar nicht gefiel. Am Hof leben freilaufend 18 Pferde (durch die fremde Herde mussten wir immer mit unseren durch) und 3 Kaukasische Owtscharkas (Riesen-Monster-Hunde), tagsüber hinter Gittern wie für Löwen, nachts frei. Wir sollten den Stall nie alleine betreten, da die Hunde ihren Job als Wächter SEHR ernst nehmen. Ein äußerst ungutes Gefühl, wenn man sich an die Mahnung hält, glaubt, der Zwinger sei zu, wird aber dann doch eines Besseren belehrt. Wir hatten echt Glück. Sie bewachen Haus und Hof, da in der Gegend auch Pferde-Ripper unterwegs seien. Na, gute Nacht!

Nach einer unruhigen ersten Nacht ging es am nächsten Morgen los zum Köhler-Ritt. Nette, aber ziemlich harte Wege durch eine unberührte Landschaft führten uns zu einer Köhlerei, in der noch immer wie anno dazumal Holzkohle hergestellt wird. Es dampfte, rauchte und roch aus allen „Ecken“ der Meiler. Das Hinweisschild „Rauchen verboten“ kam uns etwas fehl am Platz vor. Wir durften mit unseren Pferden in die Köhlerei hinein. Ihnen war’s egal, wir fühlten uns wie frisch geräuchert.

Es folgten viele Ritte in der Gegend, unter anderem nach Pullman City Hasselfelde, wo es freien „Einritt“ für uns gab.

Die riesigen Rapsfelder in dem Gebiet wirkten fast unwirklich, die Farben waren gigantisch!

Highlight war unser Ritt auf den Brocken (1142 NN) = Blocksberg, den auch Goethe schon erklomm und dann seinen Faust schrieb. Der Ursprung des Namens Blocksberg liegt in der Bedeutung des Ausdrucks „Block“ oder „Klotz“ für das Hexenwesen. Dort spielt er eine große Rolle: Block, Hackeblock und Klötzchen sind Namen von Zauberinnen; Bockhack und Hackeblock heißen Spiele, die in Beziehung zu Hexen stehen. Ich gestehe: Ich fühlte mich hier ein wenig zu Hause, als wenn ich schon einmal da gewesen wäre!

Eigentlich herrscht im Nationalpark absolutes Reitverbot. Andi hatte aber eine Sondergenehmigung besorgt („Wir schreiben Reiseberichte, unter anderem für Österreichs größte Western-Zeitschrift!“ - Das zieht!). So starteten wir von Schierke aus auf den Brocken. Rund 10 km bergauf mit knappen 700 Höhenmetern lagen vor uns. Die Pferde hatten einen unglaublich frischen Schritt drauf, wie man es sich für solche Ritte nur wünschen kann. Unser Oldie Humphry, mit 19 Jahren, erfreute uns damit ganz besonders.

Auf den Brocken führt auch eine zischende, rauchende Dampf-Eisenbahn, die unseren Weg öfters kreuzte. Wer unsere Vorträge kennt, weiß: Unseren Pferden ist das total egal. Nur als wir dann langsam den Gipfel erreichten und immer mehr Menschen aus allen möglichen und unmöglichen Ecken herausgekrochen kamen, wurde unser Jungspund leicht nervös.

An besonders guten Tagen bezwingen 50.000 Menschen diesen Berg! Ganz so viele waren es dann doch nicht, aber unser Aufenthalt am Gipfel dauerte nicht sehr lange. So waren wir in der Ex-DDR auf der Flucht – und zwar nach unten! Wir gönnten uns erst im ruhigen Wald eine Pause.

Am Abend fanden in allen Dörfern und Städten der Umgebung Walpurgisfeste statt. Wir mieden die richtig großen und ließen den besonderen Abend im kleineren Rahmen ausklingen.

Unser letzter Ritt führte uns ins Bodetal, teilweise ziemlich eng und schmal, immer mit dem Wunsch: Hoffentlich kommt uns keiner entgegen, denn Umdrehen oder Ausweichen geht leider gar nicht!

Als wir uns schon am Ende der Welt wähnten, kamen wir um eine Kurve und standen vor einem Märchenschloss. Der Weg führte mitten durch den Gastgarten, zwischen Tischen, Stühlen und abgestellten Fahrrädern hindurch. Gottlob sind die Pferde im Trail ausgebildet! Zwei weitere Häuser im französischen Stil, total untypisch für diese Gegend, galt es zu bestaunen. Diese erreicht man nur durch einen Fluss, sonst über keine Straße. Ein Riesenspektakel für die Menschen da, wenn es manchmal einen neuen Postler gab, der den Weg durch den Fluss nicht genau kannte…

Natürlich erkundeten wir zwischen unseren Ritten die Gegend und die Sehenswürdigkeiten, die es so gab. Anno dazumal… ;-)

Nach gut zehn Tagen traten wir wieder die Heimreise an, ein Abenteuer mehr im Gepäck, mit immer noch frischen Pferden (dank APM) und ohne schlimme Zwischenfälle. Keine Selbstverständlichkeit und ein Dankeschön an den Herrgott wert.

Wo uns unser nächster Ritt hinführen wird? Keine Ahnung, vielleicht wieder ein „Wurzel“-Ritt…

Wie ich erfuhr, stammt Andi von irgendwelchen Raubrittern ab! Mal schauen…