Doppelte Zügelführung

Es mag kompliziert, unwichtig und zu zeitaufwendig aussehen, doch die doppelte Zügelführung ist wichtig für den heiklen Umstieg vom Hackamore zu einem Bit. Der kalifornische Horseman und Clinician Richard Caldwell erklärt, warum und wie man sein Pferd erfolgreich durch diese Übergangsphase bringt.

 

Text: Jennifer Denison

Fotos: Ross Hecox

Übersetzung: Sonja Grünauer

 

 

Bild 1: Das Reiten mit doppeltem Zügel ist ein Übung für Gefühl und Timing, um zu erkennen, wann man den Mecate-Zügel einsetzt und wann die Zügel der Trense.

 

 

Jahrelang wurden die feinen Aspekte des traditionellen spanischen Pferdetrainings geheim gehalten oder übersehen. So ist es auch mit der doppelten Zügelführung zur Umstellung auf das Training mit Zaumzeug und Bit. Von den damaligen spanischen Vaqueros in Alta California entwickelt ist das Reiten mit doppelter Zügelführung ein Übergang vom Hackamore zur nächsten Trainingsstufe. Das Pferd trägt ein dünnes Bosal, auch Bosalita genannt, das dünne Mecate-Zügel aus Pferdehaar hat, und ein Zaumzeug mit einfach gebrochener Trense und geflochtenen Zügeln. Der Reiter lenkt das Pferd mit allen vier Zügeln.

Draußen in Great Basin, wo man noch die kalifornische Kultur pflegt, sieht man eher selten Pferde, die mit doppelten Zügeln geritten werden. Grund dafür ist oft die Zeit, die man aufwenden muss, um diesen Übergangsprozess zu vollziehen. Für viele Reiter ist Zeit auch Geld. Da heutzutage viele Pferde bereits in Jungpferdeklassen geritten werden, suchen die Trainer natürlich eher nach einer Methode, die sehr schnell zum Erfolg führt. Daher werden sehr bald scharfe Bits bei jungen Pferden eingesetzt.

„Man sollte sich beim Gewöhnen eines Pferdes an ein Zaumzeug entsprechend Zeit lassen“, sagt Richard Caldwell aus Alturas, Kalifornien. „Es ist Teil der Vaquero-Tradition, ein Pferd Schritt für Schritt an ein Zaumzeug mit Bit zu gewöhnen. Die doppelte Zügelführung ist eine logische und feine Methode, um ein Pferd vom Hackamore auf ein Bit zu umzugewöhnen.“ Wie wir wissen, ist es zu empfehlen, ein Pferd zuerst mit einem Hackamore einzureiten, um es danach langsam an eine Trense zu gewöhnen.

 

Schrittweise Anpassung

Mit allen Aspekten der Horsemanship sollte man sein Pferd mit Respekt und Geduld an die doppelte Zäumung gewöhnen – und dies erst dann, wenn das Pferd bereit dazu ist. Caldwell beginnt damit erst, wenn das Pferd 5 oder 6 Jahre alt ist. Bevor er ein Pferd mit der doppelten Zäumung reitet, sollte dieses sich mit Hackamore und Mecatezügeln durch indirekte Zügelhilfen in beide Richtungen biegen lassen, und sowohl mit beidhändiger als auch mit einhändiger Zügelführung grundlegende Manöver, wie Richtungswechsel, Wendungen und Sidepass, kennen.

„Fängt man zu früh mit dem Umstieg auf ein Bit an, kann dies die Feinheit des Pferdemauls beeinflussen, seine Sensibilität zerstören und das Vertrauen zerstören“, sagt Caldwell.

Vor Beginn dieses Umstiegs sollte das Zaumzeug angepasst werden. Das Bosalita wird wie ein normales Bosal angepasst. Das Bosalita ist verglichen mit einem Bosal etwas dünner, jedoch flexibler. Es sollte so an den Pferdekopf angepasst werden, dass es das normale Zaumzeug nicht behindert. Er positioniert das Bosalita zirka eine Handbreit oberhalb der Pferdenase, wo der Nasenknorpel beim Nasenbein beginnt. Hier kann es vorsichtig auf das Pferd einwirken und bleibt auch in Position.

 

 

Bild 2: Die doppelte Zäumung besteht aus einem dünnen Bosalita, das unterhalb des normalen Zaumzeuges mit Bit am Pferdekopf positioniert wird. Caldwell verwendet besonders gerne ein Bosalita mit einem senkrechten Lederriemen, der vom Stirnriemen zum Bosal verläuft.

 

Bild 3: Caldwell zeigt, wie man die doppelten Zügel hält. Der Mecate-Zügel verläuft zwischen Zeige- und Mittelfinger, und die ganze Hand hält sowohl die Mecate-Zügel als auch die Zügel zum Bit. Ein häufiger Fehler ist, wenn der Reiter die Finger auch zwischen die Zügel des normalen Zaumzeuges gibt, was bei dieser Methode nicht korrekt ist.

 

 

Es gibt zwei Arten von Bosalitas. Eine davon ist die, wo das Bosalita vom Genick- bzw. Stirnriemen einen Lederriemen hat, der mittig senkrecht über den Nasenrücken verläuft. Gemäß der Vaquero-Tradition, bevorzugt Caldwell dieses Bosalita. „Die Pferde reagieren besser auf diese Bosalita-Variante.“ Beim Zaumzeug verwendet er meist ein einfach gebrochenes Bit aus Kupfer, um den Speichelfluss zu fördern. „Ich möchte, dass sich das Pferd zuerst einmal an das Bit gewöhnt und lernt, es zu mögen. Daher stelle ich das Zaumzeug so ein, dass die Trense etwas tiefer liegt.“

Bei der doppelten Zäumung reitet man mit zwei Zügelpaaren. Mit dem Mecate-Zügel lenkt man das Pferd, während es sich in Ruhe an das Bit gewöhnen kann. Sobald das Pferd mit dem Bit ruhig geht, kann der Reiter versuchen, es vorsichtig mit den Bit-Zügeln zu lenken und gegebenenfalls vorsichtig  mit den Mecate-Zügeln zu korrigieren, um zu vermeiden, dass mit dem Bit zu viel Druck ausgeübt wird. Manche Horsemen wenden kleine Ketten zwischen Bit und Zügel an, damit das Pferd lernt, bereits auf die Bewegung der kleinen Ketten zu reagieren, ohne dass sich das Bit bewegt.

Ein geübter Horseman bewegt seine Hände an den Zügeln sehr sanft und mit Bedacht, um seinem Pferd klare und feine Signale zu geben. Hat er die Mecate-Zügel korrekt in der Hand, muss er seine Hände nicht viel bewegen, um das Pferd zu lenken. Die Zügel des Zaumzeuges kommen nicht über die Mecate-Zügel.

 

 

Bild 4: Wenn Caldwell dazu übergeht, sein Pferd mit den normalen Zügeln zu lenken, verlaufen die Mecate-Zügel durch seine Faust zum Daumen und bleiben locker hängen. Wenn er eine Zügelhilfe unterstützen muss, kann er die Mecate-Zügel ganz einfach sofort einsetzen, so wie hier gezeigt, und kann damit die Nase des Pferdes in jene Richtung lenken, in die er reiten will.

 

 

„Deine Mecate-Zügel und die Zügel des Zaumzeuges sollten so gehalten werden, dass dein Pferd bereits leichte Fingerbewegungen am Zügel wahrnehmen kann, damit du nicht die ganze Hand bewegen musst, um dem Pferd deine Zügelhilfe zu vermitteln“, erklärt Caldwell. „Wenn du mit dem Mecate-Zügel zu weite Bewegungen machen musst, ziehst du mehr als nötig am Zügel, um dem Pferd ein Signal zu geben. Bedenke, dein Pferd lernt durch das Nachlassen des Drucks und nicht durch das Ziehen am Zügel.“ Caldwell achtet darauf, dass die Zügel des Zaumzeugs gleich lang sind und es das Bit fühlen kann, wenn er die Hand leicht anhebt. Wenn er das Bosalita einsetzt, nimmt er die Zügel des Zaumzeuges tiefer.

Eine feinfühlige Balance

Der Einsatz der doppelten Zügelführung ist nicht so schwierig, wie es aussieht, doch man braucht Übung, um ein entsprechendes Gefühl für die Zügelführung und die korrekte Ausführung der Manöver zu bekommen. Viele Horsemen bevorzugen es, alle vier Zügel in einer Hand zu halten. Caldwell korrigiert die Zügellänge durch nahezu unsichtbare Fingerbewegungen auf jene Länge, mit der er nur durch Fingerdruck seinem Pferd schnelle und sanfte Hilfen geben kann. Er achtet sehr darauf, dass er nicht zu viel Druck auf das Bit ausübt. Anfangs setzt er die Mecate-Zügel ein, während er dem Pferd die Möglichkeit gibt, sich an das Bit zu gewöhnen, ohne dass dessen Zügel von der Reiterhand bewegt werden.

„Ich glaube an Weichheit mit einer sicheren Hand bei der Zügelführung“, sagt er. „Wenn ich dem Pferd ein Signal gebe, nehme ich den Zügel leicht an, ziehe ganz kurz daran oder habe als letzte Reserve noch mehr Zügelkontakt. Ich gehe bei dieser Methode nie einen Schritt weiter, als nötig ist, um eine Reaktion vom Pferd zu erhalten.“

Schrittweise, mit der Gewöhnung an die Trense, beginnt Caldwell, mit beiden Zügelpaaren Signale an das Pferd zu geben und verbindet das Gefühl mit seinem Vorhaben. Je leichter das Pferd mit der Zeit auf die Zügelhilfen reagiert, desto mehr lenkt er das Pferd mit den Trensenzügeln und desto weniger mit den Mecate-Zügeln. Er hält die Mecate-Zügel mit seinem Daumen fest, damit er diesen einsetzen kann, wenn er das Pferd korrigieren will, damit er nicht zu fest mit den Trensenzügeln agieren muss. Das Timing für das Nachlassen des Drucks ist der Schlüssel zum Erfolg, denn nur dadurch lernt das Pferd, betont Caldwell. „Ich nehme die Mecate-Zügel tiefer, um Druck auf die Pferdenase auszuüben“, erklärt er. „Dann lasse ich mit dem Druck nach und nehme die Hand mit den Mecate-Zügeln wieder in die neutrale Position. Dieses Nachlassen des Drucks vermittelt dem Pferd, das Signal an seine Beine weiterzuleiten.“ Bei dieser doppelten Zügelführung drängt Caldwell das Pferd sozusagen in die Ecke seiner Komfortzone, und achtet genau darauf, das Pferd nicht zu überfordern.

Je mehr man Druck auf die Trense ausübt, desto mehr Gegendruck muss das Pferd machen – das würde das Ziel dieser Vaquero-Methode vereiteln.

Manche Horsemen bevorzugen es, bereits an die Trense gewöhnte Pferde mit der doppelten Zügelführung zu reiten, wenn sie mit Rindern arbeiten, um das Maul ihres Pferdes zu schonen. Da die Rinderarbeit eine sehr schnelle und harte Arbeit ist, ist es eine gute Alternative, auch einmal die Bosal-Zügel einzusetzen. Schnelle Disziplinen, wie z.B. Roping, werden meist mit Mecate-Zügeln geritten, während beispielsweise der Viehtrieb als langsame Arbeit eine gute Möglichkeit ist, die Trensenzügel zu verwenden und diese nur mit den Mecate-Zügeln zu unterstützen. Caldwell reitet sein Pferd in vielen Situationen mit der doppelten Zügelführung – sowohl beim Verfeinern von Manövern für die Arena, beim Roping und auch beim Treiben von Kälbern zum Brennen der Brandzeichen. Er erwartet von diesen Pferden, dass sie die Manöver schneller und besser durchführen, als Pferde, die nur mit Hackamore geritten werden. „Die meisten meiner Pferde verstehen es, sich zu versammeln, indem sie weicher im Genickbereich werden“, erklärt er. „Sie beginnen auch leichter mit schwierigen Manövern wie Spins und Stopps.“

Es braucht Zeit und Übung, nicht nur für dich, um feine doppelte Zügelhilfen zu geben. Doch auch dein Pferd braucht Zeit, um zu lernen, wie es richtig darauf reagieren soll. Reagiert ein Pferd einmal nicht mehr richtig auf die Trensenzügel, ist es keine Schande, wieder einen Schritt zurück – nämlich auf das Hackamore – zu wechseln. „Du kannst aus dem Training nur das herausholen, was du einbringst“, sagt er. „Die Vaqueros entwickelten diese Methode. Sie ist ein Hilfsmittel, auf das du immer zurückgreifen kannst, sobald in einer Trainingsstufe ein Problem auftritt. Wenn man plötzlich ein Problem beim Training hat, dann ist es besser, einen Schritt zurück zu gehen, um das Problem zu beheben. Nur so hast du am Ende ein solides, reaktionsfreudiges Pferd, das mit Trense geritten wird.“

 

 

Bild 5: Bei Pferden, die zum Verstehen der Signale der Trensenzügel vermehrt Hilfe brauchen, kreuzt Caldwell seine Zügel, wie auf diesem Foto gezeigt. Dadurch wird die direkte Zügelhilfe verstärkt. Wenn er beispielsweise mit dem Zügel in seiner linken Hand ein Signal an das Pferd gibt, betrifft dies eigentlich den rechten Zügel. Es wird Druck auf die rechte Seite des Pferdemauls ausgeübt, was das Pferd dazu auffordern soll, seine Nase in diese Richtung zu nehmen.

 

Bild 6: Richard Caldwell trainiert Pferde im alten Vaquero-Stil, wenn er sie vom Hackamore auf die Trense umgewöhnt.

 

Bild 7: Die richtige Positionierung des Bosalitas ist ähnlich wie beim Bosal. Es liegt zirka eine Handbreit oberhalb der Pferdenase (Nasenknorpel bei der beginnenden Nasenhöhle). Der senkrecht über die Mitte des Nasenrückens verlaufende Lederriemen zieht das Bosalita leicht nach oben. Das Bit liegt so im Pferdemaul, dass es die Maulecken des Pferdes berührt. Es sollten zwei Finger zwischen Kinnkette und Kinn passen.

 

 

Zügelregeln

Ein guter Vaquero steigt niemals vom Pferd ab, wenn er die Zügel kurz hält, oder er führt sein Pferd am Trensenzügel. Sollte das Pferd plötzlich scheuen, erhält das Pferd einen harten Ruck im Maul. Dies kann die ganze Mühe, das Maul des Pferdes sensibel zu halten, zunichtemachen.

Ein Vaquero achtet sehr auf die Pflege seines Zaumzeuges, damit es nicht verschmutzt ist oder das Leder brüchig wird. Daher verwenden Richard Caldwell und viele Vaqueros ein Führseil. Das Seil verläuft von der Basis des Hackamores zum Reiter und wird am Sattel befestigt. Es ist sowohl als Führseil, als auch als Sicherheitsinstrument gedacht. „Ich kann mein Pferd sowohl vom Sattel aus, als auch vom Boden aus in jeder Situation kontrollieren, ohne es im Maul zu reißen, falls es scheut“, erklärt Caldwell. Dies ist auch sehr hilfreich beim Abzäumen des Pferdes, weil man sein Pferd durch dieses Führseil unter Kontrolle hat.

 

Richard Caldwell

Aus Alturas/Kalifornien stammend, verließ Caldwell sein Elternhaus bereits im Alter von 15 Jahren, um nach Great Basin zu gehen und die Feinheiten der Vaquero-Reitweise zu erlernen. Sein Großvater war ein Vaquero-Horseman, doch Caldwell musste sich sein eigenes Wissen hart erarbeiten. Caldwell lernte viel durch das Beobachten und das Training bei einigen erfahrenen Horsemen. Er ist absolut überzeugt vom Vaquero-Stil betreffend Horsemanship, Training und Ausstattung.

Caldwell qualifizierte sich mehrmals für das Finale der National Reined Cow Horse Association Snaffle Bit Futurity und ist Teilnehmer beim Californios Ranch Roping & Stock Horse Contest, der in Reno/Nevada ausgetragen wird.

Er und seine Ehefrau Nancy veranstalten auf ihrer Ranch immer wieder traditionelle Vaquero Fiesta-Shows, wo Vaquero-Horsemanship gezeigt wird. Viele Jahre lang arbeitete Caldwell auch als Buckaroo, Pferdetrainer und zertifizierter Hufschmied. Nach einer Rückenverletzung beendete er seine Arbeit als Hufschmied und begann Vaquero-Horsemanship Clinics zu veranstalten.