Ich habe gehört, daß viele von euch Menschen Black Beauty und sein Leben kennen. Ich habe auch gehört, daß Black Beauty ein englisches Reitpferd war, schwarz wie die Nacht und ganz und gar britisch. Ich bin ganz anders – weiß wie Schnee, ein cooles Westernpferd mit amerikanischer Abstammung und indianischen Wurzeln. Und ich hab mir in meinen Appaloosa-Kopf gesetzt, ein wenig aus meinem Leben zu erzählen – wo doch die Cowboys in Europa nach und nach Einzug halten und wir Westernpferde immer beliebter werden.
Es ist noch nicht so lange her, daß ich mich mit meinem Menschen auf einer Westernshow zeigen durfte. Wir nahmen am Hütchenlauf und am Herdenlauf teil, und auch am „Ausreiten in der Sandkoppel“- in der Menschensprache heissen diese Spiele übrigens Horsemanship, Pleasure und Trail!
Ich bin, so muß ich an dieser Stelle zugeben, kein allzu passioniertes Ausreitpferd. Da ist es windig und kalt oder echt heiß und der Boden ist entweder zu hart oder gatschig – wer will sich schon die schönen weißen Beine schmutzig machen! Gott sei Dank gelang es mir, mit übermäßigem Schnauben und Schrecken meinen Menschen davon zu überzeugen, dass es für mich völlig ausreichend ist, eine kurze, gemütliche Runde um die grünen Koppeln zu gehen. Ich sag euch, da gibt’s ganz süße Stuten zum Anschauen!
Für das „Ausreiten in der Sandkoppel“ bin ich allerdings sehr geeignet: Auf weichem Boden, geschützt vor Wind und Wetter, darf ich dann immer so manches Kunststück zeigen. Bis heute jedoch habe ich nicht verstanden, warum in der Sandkoppel ein zweites Tor steht. Es führt nirgends hin, und obwohl ich die Sandkoppel bereits durch ein anderes Tor betreten habe, muß ich trotzdem hindurchgehen. Früher habe ich geglaubt, daß die Menschen schon einen Grund dafür kennen werden. Seit Kurzem bin ich mir da aber nicht mehr so sicher, denn mein Mensch hat mir bei der Westernshow an dieser Stelle völlig unverständliche Befehle gegeben. Ich glaube, daß sie manchmal auch nicht weiß, warum sie durch dieses zweite Tor hindurchgehen soll. Na ja, auch egal ...
Wir wollen bei der nächsten Show ja wieder geschmückt werden – vielleicht gibt es ja endlich etwas zu Fressen für den geschmückten Appaloosa – also gehen wir jetzt regelmäßig Ausreiten in die Sandkoppel. Ich liebe es, gelobt und gestreichelt zu werden. Mit der Zeit habe ich herausgefunden, daß sie das immer dann macht, wenn ich meine Beine hoch genug über die Stangen gehoben habe, und mich kein „Klock“ verfolgt hat.
Irgendwann ist mir aber das ewig gleiche Drüberlaufen, Zurückgehen und Drehen doch ein bißchen fad geworden. Wenn da wenigstens ein Baum gewesen wäre – da hätte ich wieder rausfinden können, wer von uns schneller ist: Ich mit dem Reinbeißen und Blätter abreißen oder sie mit ihrem strengen „Nein“ und dem Ziehen an der Stange in meinem Maul.
Meine Langeweile muß mein Mensch gemerkt haben, denn sie sorgte für eine kleine Abwechslung: Ein Mensch mit geringer Größe, aber merklich größeren Bewegungsdrang als die ausgewachsenen Exemplare der Menschengattung, durfte letztens auch in der Sandkoppel mitspielen.
Ich bin ja ein sehr neugieriger Appaloosa – es gibt kaum etwas, was mir entgeht. Früher hab ich immer so getan, als hätte ich mich erschrocken, bin zur Seite gesprungen, hab den Kopf gehoben und geschnaubt. Mein Mensch hatte dann immer soviel Angst, daß sie sich nicht weiterreiten traute. Da ich stehen bleiben konnte, nutzte ich die paar zusätzliche Momente, um das Interessante genauer zu beäugen. Über die Zeit hat sie mich besser kennengelernt, und nachdem sie irgendwann begonnen hatte, herzhaft über meine „Spompanadln“ zu lachen, ist mir die Lust daran vergangen.
Bei besagtem Ausritt in der Sandkoppel, bei dem auch der kleine Mensch dabei war, hatte ich also eines meiner Augen immer auf ihn gerichtet. Ich mußte ihn einfach im Auge behalten, weil ich mir eine ganze Zeit lang nicht sicher war, ob er nicht vielleicht doch eine Gefahr darstellte. Immerhin rannte er vollkommen ungeplant wie von Sinnen los – was ich mir ausschließlich auf der grünen Koppel erlaube – und warf sich im Laufen plötzlich in den Sand – was ich mir gar nicht erlaube, weil’s einfach zu anstrengend für mich wäre. Bald begann er, große rote Steine aus dem Hinterhalt in die Sandkoppel zu werfen und dabei laut zu schreien. Ich hab dabei nur den Kopf gehoben, vor allem aber deswegen, weil das andere Pferd so lustig weggesprungen ist und dabei beinahe seinen Menschen verloren hätte.
Mein Mensch tätschelte mich liebevoll und ich spürte, wie stolz sie auf mich war. Das konnte sie auch durchaus sein, denn trotz der „kleinen“ Zusatzanforderung verfolgte mich fast nie ein „Klock“. Sie gönnte mir auch ausreichend Ruhepausen – was wahrlich nötig war, denn es war überhaupt nicht vorauszusehen, was der kleine Mensch als nächstes machen würde. Das stresste mich so sehr, daß ich übermäßig schwitzte. Während einer dieser Ruhepausen traute ich meinen wachen Appaloosa-Augen nicht: Völlig verblüfft beobachtete ich den kleinen Menschen dabei, als er mir ernstlich Konkurrenz machte: Vollkommen fehlerfrei, ohne Antrieb von oben oder der Seite, lief er die Hütchen im Slalom und hörte erst auf, als ein anderer Mensch einige laute Worte sprach und in die Ecke zeigte.
Ich war von seinem Verhalten so erstaunt, daß ich gar nicht bemerkt hatte, daß mein Mensch abgestiegen war. Ich hätte damit beinahe das Ende des Ausrittes in der Sandkoppel verpaßt! Zum Glück hat sie das nicht mitbekommen – wer weiß, vielleicht hätte sie gedacht, ich wollte noch ein wenig über die Stangen laufen. Dann wär’ ich aber nur mehr über die Stangen gesprungen ...
Es war eine willkommene Abwechslung, daß der kleine Mensch an diesem Tag auch mitspielen durfte. Für die nächste Zeit wünsche ich mir allerdings wieder einen ruhigen Ausritt in der Sandkoppel – wo ich nicht andauernd der Gefahr ins Auge sehen muß. Und ich habe mir vorgenommen, das Tor in Zukunft immer brav zu absolvieren, egal, was für unverständliche Signale von meinem Menschen kommen. Vielleicht bleibt mir dann die Konkurrenz von dem kleinen Menschen erspart.