Andererseits wird behauptet, es sei Buck Brannaman gewesen, der den Charakter von Tom Booker geprägt habe. Er ist auch der leitende Berater bei den Filmaufnahmen mit den Pferden gewesen.[

 

 

Wissen rund ums Pferd

 

Eine Serie für alle, die an Pferden und am Reiten interessiert sind und nicht glauben, schon ausgelernt zu haben!

Ausgewählt für die WN v. Heinz Langer

 

Buck Brannaman mit William Reynolds

„Vertraue dem Pferd“ – Auf den Spuren des Pferdeflüsterers

Kosmos-Verlag, ISBN 978-3-440-11983-9

Anmkg. d. Red.: Wer kennt nicht den Spielfilm “DER PFERDEFLÜSTERER“ mit Robert Redford in der Hauptrolle des Tom Brooker?

Der berühmte Horseman u. Clinician, Buck Brannaman, war leitender Berater bei den Filmaufnahmen mit den Pferden und hat den Charakter von Tom Brooker wesentlich geprägt. Er ist der realistische Pferdeflüsterer!

Das Kapitel „Angst bewältigen“ ist gleichbedeutend mit der Bemerkung: Angst wäre der größte Hemmfaktor eines erfahrenen und gelassenen Reiters.

Warum fürchten sich so viele Reiter vor dem Cutting (der Arbeit mit den Rindern)? Ich weiß aus eigener, jahrelanger Erfahrung, dass diese Art des Reitens wesentlich weniger „gefährlich“ ist, als z.B. Reining und manche andere Disziplin des Westernreitens – oder einfach Spazierenreiten in Wald und Wiesen.

Man bedenke doch: Das Cuttingpferd ist ausschließlich zuverlässiger Helfer des Menschen und nicht Angstmacher, auch wenn es sich noch so spektakulär bewegt – ich selbst habe noch nie einen Cutter vom Pferd fallen gesehen, wohl aber Reiner und zahlreiche Freizeitreiter im Gelände.

Heinz Langer

 

Foto aus WN 1/98:(Der echte „Pferdeflüsterer“, Buck Brannaman und sein Darsteller, Robert Redford)

 

Angst bewältigen

Mit Angst habe ich bei meiner Arbeit mit Pferden oft zu tun. Angst kann so überwältigend sein, dass sie sich durch das ganze Leben zieht. Sie kann dazu führen, dass Sie Dinge sagen und tun, die Ihnen sonst im Traum nicht eingefallen wären. Manchmal, wenn eine Person Angst hat oder eingeschüchtert ist, verhält sie sich anderen gegenüber defensiv, kann aber auch rüde und aggressiv reagieren. Oft bauen diese Menschen eine Art Mauer um sich, um sich vor unbekannten Gefahren zu schützen.

Als ich begann, mit Menschen zu arbeiten, sah ich die Symptome einer Person, die ihr Leben in ständiger Angst lebte. Die Symptome variierten individuell. Manch einer war sehr schüchtern und zurückgezogen, andere konnten recht aggressiv daherkommen. Mit der Angst tauchen weitere Themen auf und dazu gehören geringes Selbstbewusstsein und Selbstzweifel. Ich habe herausgefunden, dass verängstigte Pferdebesitzer oft ihre Angst, etwas falsch zu machen, dadurch überwinden können, dass sie etwas anderes tun, was sicher ist. Einfach proaktiv sein und irgendetwas tun. Nicht wie gelähmt sein vor Angst. Ganz oft haben Leute Angst vor Situationen, in denen sie fürchten, die Kontrolle zu verlieren. Natürlich kann man nicht immer das Schicksal beeinflussen, aber oft genug kann man die Situation so verändern, dass die Angst gemindert wird, egal worin sie besteht.

Pferde können aufgrund ihrer Größe und offensichtlichen Unberechenbarkeit angsteinflößende Tiere sein, aber oft verdeckt diese Angst vor dem Tier noch andere persönliche Probleme, die diese Person gerade zu bewältigen sucht. Ich habe es noch niemals erlebt, dass eine Person einfach nur Angst vor ihrem Pferd hatte - stattdessen zieht sich die gleiche Angst wie ein roter Faden durch das gesamte Leben. Es ist immer so. Ich denke, weil Pferde größer und stärker sind als wir, kann die Arbeit mit ihnen für den Besitzer eine Zeit der Offenbarung sein - jede Angst, die vorher schon da war, wird noch vielfach verstärkt. Ich kenne niemanden, der die verborgenen Dinge seiner Psyche in der Öffentlichkeit ans Tageslicht bringen will, aber - Überraschung! - mit den Pferden gelangt alles an die Oberfläche.

Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass es Leute gibt, die sich durch mich eingeschüchtert fühlen. Obwohl ich bei meinen Kursen oft ein Mikrofon benutzen muss, damit mich jeder hört, ist meine Stimme an sich schon relativ laut. Ich mache diese Kurse auch nun schon seit wer weiß wie vielen Jahren, also bin ich damit ein wenig berühmt geworden. Wenn man diese Umstände zu den Erwartungen der Menschen hinzufügt, rührt daher schon ein Teil ihrer Angst und Einschüchterung. Ich weiß, dass meine Aufgabe eine große Verantwortung in sich trägt, nämlich meinen Schülern die Nervosität zu nehmen, während ich sie unterrichte und mit ihnen arbeite, damit sie die vielfältigen Aufgaben verstehen und ausführen können, die sie hier lernen möchten. Aber ich bin auch dafür da, dass sie einen Blick in ihr Inneres werfen können - damit sie sehen, was sie tun können, um sich selbst zu helfen, nicht nur ihren Pferden.

Als ich ein kleiner Junge war, musste ich jeden Tag mit Angst kämpfen, denn ich lebte bei meinem Vater. Er war ein harter Kerl mit einem starken Alkoholproblem, das ihm einen Grund dazu gab, sehr verächtlich zu sein. Ich weiß, dass er so war, denn er hat seine Stimmung oft an mir und meinem älteren Bruder Smokie ausgelassen. Ich hatte Angst, verletzt zu werden und diese Angst vor Schmerz hat eine unglaubliche Kraft und ist sehr schwer loszuwerden. Und weil Angst nun einmal Angst ist, egal ob man zwei Beine hat oder vier, kann Angst für ein Pferd genauso furchteinflößend und lähmend sein wie für Menschen. Die Reaktionen können sich unterscheiden, aber es regiert immer noch die Angst. Dies lässt mich einen kleinen Haken schlagen, der vielen von Ihnen etwas bedeuten könnte. Vor einigen Jahren traf ich während eines Einkaufs von Ranchmaterial bei einem Großhändler in Billings/Montana ein Mädchen, das meinen Namen aus „Pferde, mein Leben" und dem Film „Der Pferdeflüsterer" wiedererkannte. Wir begannen uns zu unterhalten und sie sagte: „Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an meinen Vater erinnern. Er wohnte direkt gegenüber von euch in Whitehall/Montana." Ich erinnerte mich tatsächlich an ihren Vater und urplötzlich sprangen meine Gedanken zurück zu einer Begebenheit, an die ich lange Zeit nicht gedacht hatte. Meine Erinnerung war auf einmal hellwach.

Eines Tages, als mein Bruder und ich gerade von der Schule nach Hause gekommen waren, stellten wir fest, dass wir eine unserer Pflichten vernachlässigt hatten. Ich war zehn Jahre alt und man kann gut verstehen, dass Zehnjährige leicht mal etwas vergessen können - besonders jetzt weiß ich das, wo ich eine zehnjährige Tochter habe. Mein Bruder und ich hatten damals viele Pflichten und viel Verantwortung, wahrscheinlich mehr als Jungs in diesem Alter haben sollten, und irgendwie hatten wir an diesem Tag vergessen, ein Tor zu schließen, und einer unserer Wallache war in einen benachbarten Paddock zu anderen Pferden geraten. Es war kein großes Problem, die Pferde verstanden sich prima, aber es hat meinen Vater sehr wütend gemacht und er hat uns angebrüllt, als ob wir unseren Hof in Brand gesetzt hätten. Mir graute vor dem, was als Nächstes geschehen würde, denn ich wusste schon, dass solche Situationen nie ohne eine Tracht Prügel abliefen. Niemals sagte mein Vater einfach nur, was wir falsch gemacht hatten und ging dann zur Tagesordnung über. Erwartungsgemäß ließ er uns auf den Hof marschieren und uns an einem Zaunpfahl gleich neben unserer Hintertür festhalten. Dann versetzte er uns Peitschenhiebe über Rücken und Beine mit einer knapp drei Meter langen Stockpeitsche, die etwa so lang war wie eine Angel zum Fliegenfischen. Ich erinnere mich daran, was für ein Gefühl es war, von den Stufen des Hinterhauses zum Zaun hinüberzugehen. Die überwältigende Angst vor dem, was gleich kommen würde, war stärker als die Peitsche, die mein Hemd auf dem Rücken durchschnitt. Ich erinnere mich daran, dass ich während des Auspeitschens zur Nachbarranch herübersah, die keine halbe Meile entfernt war. Da stand der Vater dieses Mädchens und sah zu, wie wir beide verdroschen wurden. Es war relativ weit weg, aber ich schwöre, ihm direkt in die Augen gesehen zu haben. Und ich schwöre, er hat auch direkt in meine Augen geschaut. Vielleicht konnte er nicht genau sehen, was vor sich ging, aber ich denke doch - und er ist nicht herübergekommen, um zu helfen oder dem Auspeitschen ein Ende zu bereiten. Jetzt, nach so vielen Jahren, kann ich mir nicht vorstellen, als Erwachsener so etwas mit anzusehen, ohne einzugreifen. Ich kann es einfach nicht glauben, dass er nicht gemerkt hat, was dort vor sich ging, und dass er auch die Peitschenschläge und die Schreie von mir und meinem Bruder nicht gehört hat.

Aber mein Vater war ein sehr brutaler, gefährlicher Mann. Wäre der Nachbar herübergekommen, hätte mein Vater ihn womöglich einfach so erschossen. Dies war nur ein Auspeitschen von vielen mehr, die wir in unserem Leben ertragen mussten. Diesmal überlebten wir. Wenn ich heute zurückblicke, denke ich, dass es vielleicht in Ordnung war, dass der Mann nicht herübergekommen ist. Und Smokie und ich wussten, dass ein Weglaufen alles nur noch schlimmer gemacht hätte, wenn mein Vater uns dann irgendwann wieder in die Finger bekommen hätte. Also blieben wir. Ich habe diese Geschichte erzählt, weil ich verdeutlichen wollte, dass ich lähmende Angst am eigenen Leib nur zu gut kenne, sie aber auch als Außenseiter verstehen kann. Ich kenne die Art von Angst, von der Sherry in ihrer Geschichte erzählt und ich kann nicht umhin, mit den Menschen mitzufühlen, die meine Kurse besuchen und genauso verängstigt sind wie ich an dem Tag, an dem mein Vater mich auspeitschte.

Ich habe diese Geschichte auch erzählt, um andere Leute zu ermutigen, einzugreifen und denen zu helfen, die sich vor Angst nicht rühren können - oder Gefahr laufen, sich ihretwegen zu schämen - denn ein Gefühl der Verlegenheit vergrößert oft noch diese Angst. Es ist sehr wichtig zu erkennen, dass viele Leute, die irgendwo nicht mehr weiterkommen wegen ihrer Angst, womöglich bereits ihr aktuell Bestes geben und dass es unsere Aufgabe ist, zu verstehen was deren Hintergrund ist. Man muss sich selbst in die Lage des anderen versetzen, bevor man wirklich einschätzen kann, warum und wie er auf die äußeren Umstände oder Situationen reagiert. Das gilt für Pferde genauso wie für Menschen.

Ich versuche mein Bestes, um die Angst zu beseitigen, die Reiter und deren Pferde lahmt. Manchmal braucht es nur eine kleine gute Tat, die einen Anfang macht. Es gut mit jemandem zu meinen ist ansteckend. Wenn man es ehrlich gut mit jemandem meint, entdecken viele Leute, dass ihre Sicherheit und ihr Selbstvertrauen in ihnen wachsen. Das führt dazu, dass sie sich sicherer sind, wohin sie im Leben gehen wollen und wie sie dorthin gelangen, und allein dies ist schon ein sehr machtvoller Punkt. Ich glaube, dass Güte, Geduld und Glaube stärker sind als Negativität. Vielmehr bin ich mir sogar sicher, denn ich habe gesehen, wie sie bei Menschen und Pferden gleichermaßen funktionieren.

Als Sherry in ihrer Geschichte beschreibt, dass sie mehrmals Schiffbruch erlitten hat, meint sie damit, dass sie entweder vom Pferd gefallen ist, abgeworfen wurde oder so sehr verängstigt war, dass sie gegenüber dem Pferd mit Angst reagiert hat. Manchmal liegt es einfach an der Angst des Reiters, während das Pferd eigentlich alles richtig macht.

Sherry erwähnt, dass sie an einem meiner Kurse für Lassoarbeit mit Rindern teilgenommen hat. Diese Kurse zeigen den Leuten, wie sie kranke Rinder auf offenem Weideland behandeln können, wo es einfach keinen Sinn macht, die Tiere erst meilenweit zu einem Korral zu treiben. Ich bringe meinen Schülern bei, wie sie ihre Lassos um den Kälberhals und die Hinterbeine winden können, um das Kalb ruhigzustellen. Das macht es möglich, das Tier zu fangen, um schnell ein Medikament zu geben oder eine Behandlung durchzuführen. Für Sherry war das Lassowerfen wirklich schwierig, aber ich denke, dass sie an diesem Tag eine wichtige Lektion gelernt hat. Sie erkannte, dass es für alle Beteiligten einen großen Unterschied machen kann, wenn man sich einen Moment Zeit nimmt, um jemandem zu helfen, der dies gerade benötigt.

Sherry nennt ihr Pferd „einen guten Babysitter". Das ist beinahe selbsterklärend - ein Pferd, das verlässlich und sanftmütig ist, wird gut auf sie Acht geben. Als ich mit Sherry in der Reitbahn gearbeitet habe und sie gebeten habe, mit ihrem Pferd etwas schneller zu gehen, als es für sie angenehm war, wurde ihre eigene Anspannung größer - es brachte sie zurück zu ihrer Angst abgeworfen zu werden oder dass das Pferd mit ihr durchgeht, obwohl sie wusste, dass ihr Pferd zuverlässig und sicher ist. Während eines Kurses ist es wichtig, die Reiter aus ihrer Komfortzone zu holen und sie zu fragen, ob sie sich auf unbekanntes Terrain wagen wollen. Auf emotionaler Ebene halte ich ihre Hand, bis sie genug Selbstvertrauen haben um glauben zu können, dass sie diese Situation nun auch allein überleben. Man muss das, was man tut, für wichtig nehmen, aber in erster Linie muss man die Menschen wichtig nehmen.

Ein Freund hat mir mal gesagt „Es ist den anderen egal, wieviel du weißt, solange sie nicht wissen, wieviel sie dir bedeuten." Ich denke, das stimmt bei Mensch und Pferd. Ich habe mich vor einigen Jahren mit einer guten Freundin unterhalten und sie sagte: „Weißt du, nachdem du gestorben bist, werden sich viele Leute an dich erinnern und zwar nicht so sehr, weil du so ein großartiger Pferdemensch bist, sondern weil sie sich an das Gefühl erinnern, das du ihnen gegeben hast, als du bei ihnen warst." Über Jahre habe ich diese Gedanken an andere Menschen weitergegeben - Pferdeleute, Klempner, Elektriker, Hilfskräfte oder wer auch immer - und sie stimmten mir zu. Die Menschen erinnern sich wirklich daran, mit welchem Gefühl man ihnen begegnet. Und das ist ein Punkt, bei dem sich viele Leute heutzutage nicht viel Mühe geben.

Im Laufe der Jahre meiner Arbeit mit Pferden und ihren Menschen habe ich festgestellt, dass viele Wahrheiten aus der Natur auch auf den Menschen anwendbar sind. Wie ich vorher schon schrieb, ist es Pferden egal, ob Ihre Hautfarbe dunkel oder hell ist, ob Sie groß oder klein sind, ob Sie hübsche Zähne oder gar keine Zähne haben, es macht für Pferde einfach keinen Unterschied. Was aber einen Unterschied macht, ist das Gefühl, das Sie ihnen vermitteln. Sie werden positiv antworten, wenn Sie ihnen Respekt, Geduld und Verständnis entgegenbringen.

Sherry hat aus erster Hand gelernt, dass meine positive Haltung ihr gegenüber ihr geholfen hat, ihre Angst zu überwinden. Sie hat gelernt, dass eine positive Haltung gegenüber ihrem Pferd die Beziehung zwischen beiden grundlegend verbessert hat. Sie hat auch gesehen, welche Vorteile es hat, wenn man jemandem ohne viel Aufhebens Hilfe anbietet, der sie gerade benötigt. Ich bin glücklich, dass ich einen kleinen Anteil an ihren Entdeckungen hatte.

 

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