©Werner Poscharnigg:

GOLEGA:

 HAUPTSTADT DES PFERDES!!!

Portugals edelste Pferdemesse 2010

 Rauchschwaden, würzig, hüllen Reitplatz und Rennbahn in mystische Schleier. Scheinwerfer leuchten hoch in die Nacht. Die vielen Maronibrater heizen und nebeln, was das Zeug hält. Feira de Sao Martinho – castanha e vinho. Kastanien und Wein auf dem traditionellen Pferdemarkt in Golega gibt es zu Martini seit 1571. Also stets um den 11. November herum, etwa 10 Tage lang. Im Zentrum stehen die portugiesischen Rassen Lusitano und Alter Real. Wenngleich auch einige Westernreiter sich auf farbigen Pferden sehen ließen. Es dominiert hier die Reitweise der berittenen Stierkämpfer und der Campinos, der Cowboys von Portugal. Um Mitternacht gerät die Szene zum Hexenkessel. Im Ortszentrum der Largo do Aneiro, ein für das Städtl Golega scheinbar überdimensionierter, riesiger Platz, der nun, während der Messe, die Massen von Menschen und Pferden nur mit Mühe fassen kann.

Jahrmarkt der Eitelkeit

Aus den umliegenden Dörfern, aus ganz Portugal, ja, sogar aus England (!) kommen Reiter mit ihren Lusitanos, um am Fest teilzunehmen. Die Rösser sind dekorativst herausgeputzt, die ReiterInnen nicht minder. Diese schönen Pferde mit eingeflochtenen Mähnen und Schweifen, ausgestattet mit elegantestem Sattel- und Zaumzeug! Sie werden geritten von Männern in schicken grauen oder schwarzen Anzügen, von Damen in feschen Reitröcken. Hier findet nicht nur ein Jahrmarkt der Pferde statt, sondern auch der Eitelkeit. Man zeigt Pracht mit prächtigem Pferd vorzugsweise in Piaffe und Passage, lässt sich gern betrachten, filmen und fotografieren, stolz lächelnd, cool. Es brodelt hier in Golega. Bis Mitternacht kommen Reiter mit ihren Pferden aus den Stallungen, die es überall im Ort gibt, oder von Parkplätzen an der Peripherie, um sich ins Getümmel zu werfen. Ein Wahnsinn, was sich da abspielt, auch an Werktagen. Bis 3 Uhr in der Früh und länger reitet man herum und sitzt dann auf seinem Lusitano an einer Bar. Die Pferde schlecken den verschütteten Alk von der Theke. Hengst steht geduldig neben Hengst. Am nächsten Vormittag tut sich nicht viel. Portugal bleibt defizitär. Logik und Pünktlichkeit drängen sich nicht auf. Zum Ausgleich sind die meisten Leute entspannt, nett und hilfsbereit. Stress findet anderswo statt.

Traditionsreiten zentral!

Wenn auf dem King-Size-Reitplatz im Zentrum des Largo do Arneiro nicht gerade eine Show stattfindet, zeigen dort ReiterInnen verschiedensten Niveaus ihr Können, welches von lächerlich über bescheiden bis zu großartig reicht. Mich beeindruckte am meisten ein betagter Herr auf einem braunen Lusitano. Alles an diesem Paar wirkte authentisch und gekonnt. Der schlanke Reiter, jeder Zoll ein Gentleman, dezent gekleidet, mit schwarzer Jacke und blauer Arbeitshose, die doch keine Jeans sind. Das Pferd von altem, bestem Arbeitsschlag, Kraft und Adel ausstrahlend, hoch trabend, stolz in seinem Gehorsam. Schöne Kandare, feines Sattelzeug, alles ohne Protzerei und doch Spitze. Die beiden brillierten in allen Gängen und Touren der hohen Schule und der portugiesischen Arbeitsreitweise. Es war eine Freude, diese Harmonie zu betrachten. Außer bei den Darbietungen der „Escola Portuguesa de Arte Equestre“ sah ich in Golega kaum Besseres. Im Gespräch gab sich der Herr bescheiden. Er sei nur Freizeitreiter aus Sintra, reite sein Pferd jeden Tag und nütze eben einmal die Gelegenheit, das auch vor Publikum zu tun.

Einbahn-Rennbahn, Pferdeblut

Rund um den Reitplatz eine Rennbahn, auf der sich die Reiter und Kutschen links herum bewegen müssen. Waghalsige und Betrunkene reiten manchmal gegen die Einbahn. Je später die Stunde wochenends, desto gewaltiger die Verkehrsdichte hier. Außerhalb der Rennbahn schmucke Häuschen, in denen die Verkaufspferde aufgestallt stehen, betreut von Campinos in alter Tracht. In den Straßen des Städtchens ein Gewirr aus Verkaufsständen, Fußgängern, Reitern, Kutschern. Ich sah keinen Unfall. Nur einmal: Ein Mann schlug ein Pferd, das ihm vielleicht auf die Zehen getreten war; der Reiter stieg ab und verdrosch den überraschten Burschen mit einer Polyestergerte brutalst, sehr zur Befriedigung der Pferdeleute. Die berittene Polizei war fern und hätte durch das Getümmel lange bis zum Einsatzort gebraucht… Nicht nur Reitgenies tummeln sich in den Straßen von Golega. Ich sah Empörendes: Ein Rossschinder hatte sein Pferd triefend blutig sporniert, ein anderer seinem Pferd mittels Schlaufzügel die Zunge so eingeschnitten, dass dem armen Tier das Blut aus dem Maul rann. Dieser Tierquäler war am nächsten Tag wieder unterwegs. Mit demselben Pferd, mit denselben Schlaufzügeln.

Die Geschäfte und Marktstände am Platz bieten jede Art von portugiesischer Ausrüstung für Ross und Reiter. Zu den traditionellen Kastanien trinkt man aqua pe, einen mostartigen, dünnen Wein, genießt die deftige Küche des Landes und viel Bier, etwa der beliebten Marke „Super Bock“. Da Golega noch eher zu den Geheimtipps zählt, hält sich die Zahl der Touristen (auch aus dem Land, wo alle alles besser wissen) in angenehmen Grenzen. Auf dem Largo do Arneiro gibt es auch täglich oft attraktives Showprogramm.

Hohe Schule & Arbeitsreitweise

 Neben der traditionellen portugiesischen Reiterei, welche einzelne Pferdeleute oft eindrucksvoll zeigten, gehörte zu den absoluten Höhepunkten die Darbietung der „Escola Portuguesa de Arte Equestre“, der „portugiesischen Hofreitschule“. Zu meinem tiefen Bedauern als Österreicher sind die Portugiesen derzeit unserer Wiener Hofreitschule qualitativ in mancher Hinsicht überlegen, ein Faktum, das früher undenkbar gewesen wäre. Es war ein Festakt barocker, eleganter Reitkunst, gelebter Tradition. Die Portugiesen zeigten als Spitzenleistung vor allem kraftvolle, energische, brillante Schulen über der Erde. Etwas, das wir an der Spanischen Hofreitschule zu Wien heutzutage nur noch als matten Abglanz einstiger Meisterschaft unseres Instituts schmerzlich zur Kenntnis nehmen müssen. Die mäßige Exaktheit der Iberer bei Quadrillen finden wir heute leider auch in Wien…

Auf einer etwas feuchten Wiese hinter der nahen Quinta de Sto. Antonio fanden leger Turniere statt, vor allem in internationaler sowie portugiesischer Dressur und der sehr spannenden portugiesischen Arbeitsreitweise. Hier ähnelt der Bewerb „Maneabilidade“, Handhabbarkeit, stark dem Western Riding. Sehr viele Galoppwechsel werden verlangt, Tor und Brücke sind zu bewältigen, auch ein kleiner Sprung, Rückwärtsrichten in einem „L“ aus Stangen, etc. Und am nettesten: Der Reiter muss um ein Fassl galoppieren, dabei daraus eine Stange entnehmen. Mit dieser galoppiert er auf eine Stierfigur los, auf welcher ein Ring montiert ist. Diesen Ring muss der Reiter mit der Stange erwischen und dann, während er ums nächste Fassl galoppiert, Stange plus Ring hineinstellen. Sehr hübsch! Auch Damen mit Reitrock (im Herrensitz) nehmen erfolgreich teil. Auf dem Abreitplatz wacht ein Richter über die Vorgänge. Er kontrolliert nach dem Bewerb jedes Pferd, ob es aufsporniert ist. Finde ich gut. Bei den Damen muss er den Rock aufheben.

Info-Block:

Der Besuch der „Internationalen Messe des Lusitano-Pferdes“ lohnt sich absolut. Vom Flughafen Lissabon fährt man die ca. 120 km nach Nordosten etwas über eine Stunde. Leihwagen sind billig, Parkplätze in Golega rar. Wer im Ort ein Zimmer (zu unverschämten Preisen) buchen will, sollte dies gut 10 Monate vorher tun. Wer außerhalb sein Hotel hat, braucht einen Fahrer, der auch noch in den frühen Morgenstunden fit und nüchtern ist. Wer per Zug und Bus anreist, muss im Ort wohnen oder auf das nächtliche Flair verzichten. Nacht-Taxis sind Glückssache. Englisch funktioniert gut, Deutsch kaum. Bei Tag kann es warm sein, nachts eher sehr kalt. Entsprechende Kleidung sowie bequeme und wasserfeste Schuhe erleichtern das Leben. Als Spätestbucher logierte ich hier: Quinta de S. Joao, Maria Carlos C. Mendes da Fonseca, Apartado 72, 2150-170 Golega, Tel. +351 96 101 51 31; quinta.s.joao@iol.pt. Einfaches, doch edles, altes Herrenhaus mit Parkplatz. Beste, zentrale Lage neben Equuspolis. Am nahen Turnierplatz kann man den lieben Papagei der Chefin pfeifen hören. Lady Maria spricht gut Englisch, ist äußerst nett und hilfsbereit. Infos über Golega, die Pferdemesse und deren Programm sowie über Unterkünfte gibt es hier:  www.cm-golega.pt . Vorsicht!: Programmänderungen können spääätest passieren!

Fragen?: werner.poscharnigg@gmx.at 

 

© Text & Fotos: Werner Poscharnigg