Gegen jedes Zipperlein ist ein Kraut gewachsen

 

Die Kräutermedizin ist eine der ältesten Heilmethoden überhaupt. Gerade beim Pferd als Pflanzenfresser ist diese Therapieform recht erfolgreich und praktisch anzuwenden. Zudem bietet die Phytotherapie viele Varianten von Zubereitungen und Verabreichungsmöglichkeiten, dass sich die Pflanzenheilkunde gerade im Pferdebereich als eine sehr erfolgreiche Zusatztherapie etabliert hat.

 

Es ist bekannt, dass schon in prähistorischer Zeit Pflanzen als Heilmittel verwendet wurden. In den Ruinen von Nippur in Mesopotamien fand man Tontafeln der Sumerer, auf denen die Anwendung von Heilpflanzen geritzt waren. Diese ersten schriftlichen Zeugnisse der Pflanzenheilkunde stammen aus dem dritten Jahrtausend vor Christus. Bis in die heutige Zeit hat sich die Phytotherapie weiterentwickelt. Neben der Verabreichung von Kräutern in Reinform oder als Tee werden heutzutage auch sogenannte Phytopharmaka hergestellt. Diese Arzneimittel haben eine große therapeutische Wirkungsbreite und sind oft nebenwirkungsärmer als synthetisch hergestellte Arzneimittel.

 

Alle Arzneimittel, die wir aus der Medizin kennen, haben ihren Ursprung in der Pflanzenmedizin. So ist das bekannte Mittel Aspirin ursprünglich aus der Weidenrinde entstanden. Weidenrinde – so auch das Aspirin – hilft vor allem gegen Kopf- und Gliederschmerzen.

 

Kräuter – ein Teil der ganzheitlichen Behandlung

 

Bei der Phytotherapie handelt es sich um die Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen durch Pflanzen, Pflanzenteile und deren Zubereitungen. Dabei kommen nicht nur ungiftige, sondern als giftig geltende Pflanzen zur Anwendung. Schon Paracelsus jedoch erkannte, dass die entsprechende Menge einer Substanz erst zu einem Gift wird: „Die Dosis macht das Gift“ ist ein vielzitierter, treffender Ausspruch.

 

Hauptsächlich in den fernöstlichen traditionellen Medizinformen wird die Phytotherapie als Teil einer ganzheitlichen Krankheitsbehandlung angesehen. Die Kräutermedizin ist stark ursachen- und konstitutionsbezogen, das bedeutet, dass sie individuell auf den jeweiligen Patienten ausgerichtet sein muss. Der Behandler muss demnach viel Erfahrung mitbringen, um die richtigen Pflanzen und deren Zubereitungen zu wählen.

 

Mit dem Aufkommen der Antibiotikatherapie verlor die Kräutermedizin in Europa an Bedeutung. Doch durch die enormen Nebenwirkungen von chemisch hergestellten Arzneimitteln erleben die naturheilkundlichen Therapien eine Wiederbelebung – sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin.

 

Damit stehen heute zur Therapie neben den synthetischen Arzneimitteln drei Hauptpräparateformen aus Pflanzen zur Verfügung: 1. die Rohdroge, 2. daraus hergestellte Mono- bzw. Poly-Extraktpräparate und 3. isolierte Reinstoffe. Alle drei Präparateformen fasst man mit dem Begriff Phytotherapeutika oder Phytopharmaka zusammen.

 

Die Phytotherapie gehört zu den Naturheilverfahren, ist aber keine „Alternative Medizin“, sondern ein Teil der heutigen naturwissenschaftlich orientierten Medizin. Zu den Hauptindikationen gehören Befindlichkeitsstörungen, für die alleinige Therapie leichte bis mittelschwere Erkrankungen und ganz besonders die weitgehend chemotherapieresistenten chronischen Erkrankungen wie Allergien, Arthrose und Ekzeme. Angewendet wird die Phytotherapie aber auch bei degenerativen Krankheitsbildern und geriatrische Erkrankungen, zur Prophylaxe von Infektions-, degenerativen und Stoffwechselerkrankungen sowie zur Nachbehandlung und in der Rekonvaleszenz. Die Wirkungen von Phytopharmaka sind auch experimentell und klinisch gut belegt.

 

Ganze Pflanze besser als einzelne Wirkstoffteile

 

Die Heilpflanzen werden hinsichtlich ihrer Wirkstoffe klassifiziert. So enthalten die Pflanzen Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, Saponine oder Scharfstoffe. Auch ätherische Öle haben als Inhaltsstoff ein großes Wirkungsspektrum. Viele weitere Wirkstoffe wie Alkaloide, Glykoside, Harze, Enzyme, Vitamine, Eiweiß und so weiter sind wichtige Bestandteile, die in ihrem exakt funktionierenden Zusammenspiel für die medizinische Wirkung einer Pflanze ausschlaggebend sind. Die gesamte Pflanze (Droge) wirkt immer besser als nur Teile davon.

 

Pflanzen mit überwiegendem Bitterstoffanteil wirken reflektorisch über den Zungengrund auf die Organe des Verdauungstraktes – den Magen, den Darm, die Leber und Bauchspeicheldrüse – regulierend und regen die Bildung und Ausschüttung der verdauungsfördernden Säfte an. Für die Aufschlüsselung der Nahrungsinformationen sind die in den Bitterstoffpflanzen enthaltenen Enzyme unerlässlich. Deshalb wirken Bitterstoffe appetitanregend, verdauungsfördernd und –regulierend.

 

In einem Futter für Pflanzenfresser wie das Pferd sollten deshalb viele bitterstoffhaltige Pflanzen vertreten sein. Gezielt werden sie eingesetzt bei Appetitmangel, bei fütterungsbedingten Verdauungsstörungen, die oft mit Blähungen oder Verstopfung verbunden sind, aber auch bei Leber- oder Bauchspeicheldrüsen-Insuffizienzen.

 

Bitterstoffpflanzen kann man Pferden am besten über Kräutermischungen oder Extrakte verabreichen. Sie sollten vor der Kraftfuttergabe gefüttert werden. Besonders viele Bitterstoffe enthalten beispielsweise Wermut, Spitzwegerich, Löwenzahn, Huflattich, Salbei, Schafgarbe, Tausendgüldenkraut, Enzian und Kalmus.

 

Gerb- und Schleimstoffe für den Magen

 

Pflanzen mit hohem Gerbstoffanteil hingegen ziehen die Hautstruktur zusammen, darum eignen sich diese für offene Wunden und Schürfverletzungen. Gerbstoffe können mit Eiweißkörpern der verletzten oder irritierten Haut komplexe chemische Verbindungen eingehen. Diese überziehen die Haut mit einer schützenden, undurchdringlichen Schicht, dass weitere schädliche Reize verhindert werden können.

 

Viele Pferde leiden unter Magenschleimhautentzündung und –geschwüren. Hier kann man gut mit Karotten und Löwenzahn sowie anderen Pflanzen, die viele Gerbstoffe enthalten (z. B. viele Holzarten und Früchte), vorbeugen und reizlindernd einwirken (sollte man aber immer mit Schleimstoffen kombinieren – s.u.). Gerbstoffe werden äußerlich bei schlecht heilenden Wunden, bei Verbrennungen, Geschwüren, Schrunden, eitrig nekrotisierenden Prozessen und nässenden Ekzemen eingesetzt. Beim Pferd verwendet man Phytotherapeutika mit hohem Gerbstoffanteil außerdem auch bei Mauke und Huffäule.

 

Viele Pflanzen beinhalten Schleimstoffe, die einen reizlindernden und teilweise kühlenden Effekt auf der Haut bilden. Somit lässt sich durch Salben, die schleimstoffhaltige Pflanzen enthalten, irritierte Haut beruhigen. Deshalb eignen sich Präparate mit Pflanzen, die einen hohen Schleimstoffanteil haben, auch sehr gut für Ekzempferde und bei anderen chronischen Hautirritationen.

 

Innerlich angewandt helfen Schleimstoffe bei Entzündungen und Sekretionsstörungen im Verdauungstrakt, bei Verstopfungen und bei Erkrankungen der oberen Atemwege (aufgrund auswurffördernde und entzündungslindernde Wirkung). Pflanzen mit hohem Schleimstoffanteil sind beispielsweise: Eibisch, Malve, Isländisch Moos und Leinsamen. Vor allem der Leinsamen wird wegen seiner heilsamen Wirkung gerne dem Pferdefutter zugesetzt.

 

Den Lymphfluss in Gang halten

 

Zinnkraut, Brennnessel, Goldrute, Hauhechel oder Bruchkraut sind Pflanzen und Kräuter mit hohem Anteil von Saponinen. Bei Saponinen handelt es sich um glykosidische Pflanzeninhaltsstoffe, die im chemischen Sinne zwar keine Seifen sind, sich aber wie solche verhalten, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen. Saponine haben im Organismus eine entgiftende und ausleitende Wirkung, weil sie die Drüsentätigkeit und den Lymphfluss anregen. Somit kann der Körper mehr Giftstoffe ausscheiden und der Organismus ist besser in der Lage, den Selbstheilungsmechanismus in Gang zu halten.

 

Saponinhaltige Kräuter und Pflanzen werden bei Atemwegserkrankungen (auswurffördernde Mittel) und als Entgiftungsmittel (harntreibend, Anregung der Lymphe) eingesetzt.

 

Die Wirkung der Scharfstoffe beruht auf die Reaktion von bestimmten Sinneszellen in der Haut und Schleimhaut, wodurch es zu einer Temperaturerhöhung kommt. Chronische Prozesse können damit reaktiviert und somit in den akuten Zustand zurückgeführt werden, was letztendlich eine Heilung ermöglicht.

 

Scharfstoffe kommen in folgenden Pflanzen vor: Ingwer, Knoblauch, Kalmus, Senf, Canthariden. Sie wirken auflösend, verteilend und fördern den Abtransport von Schlacke- und Giftstoffen, die chronische Krankheiten nach sich ziehen, durch die Aktivierung des Stoffwechselgeschehens im Gewebe. Angezeigt ist der Einsatz von Scharfstoffen bei Abszessen und Phlegmonen, chronischen Entzündungen und Schmerzen in Muskeln, Sehnen und Bändern sowie Nervenentzündungen und –schädigungen.

 

Vorsicht mit ätherischen Ölen

 

Eine große Anzahl von Pflanzen beinhalten Ätherische Öle, die ihre Eigenschaften am besten in Verbindung mit erwärmten Wasser entfalten, obwohl sie nicht wasserlöslich sind. Als fettlösliche Substanz lassen sich ätherische Öle gut auf die Haut auftragen. Sie werden aber auch innerlich von den Schleimhäuten schnell absorbiert und entfalten auf diesem Weg ihren Effekt.

 

Ätherische Öle riechen sehr stark, weshalb sie hauptsächlich in der Aromatherapie eingesetzt werden. Mit Eukalyptusöl kann man Ammonikagerüche im Stall binden. Oft werden ätherische Öle aber in der Inhalationstherapie angewendet. Trotzdem sollte man mit ätherischen Ölen beim Pferd vorsichtig sein: Sie wirken sehr scharf auf die Schleimhäute und können darum auch Schaden anrichten. Wenn Pferde inhalieren, – insbesondere mit Ultraschallinhalatoren, deren Tröpfchen bis in die Bronchien und Alveolen eingeatmet werden – sollte man von ätherischen Ölen Abstand nehmen.

 

Man kann ätherische Öle aber gut als Abwehrmittel gegen Ektoparasiten verwenden: Hierfür kommen Eukalyptus, Rosmarin, Nelken und Citronell zum Einsatz.

 

Die Phytotherapie ist ein weites Gebiet, zumal es nicht nur viele verschiedene Pflanzen gibt, die verwendet werden können, sondern auch deren Einsatzmöglichkeiten als Tinktur, Salbe, Tee, Sirup, Mazerat, Aufguss, Decoctum, Kataplasma, Extrakte oder Rohdroge schier unendlich zu sein scheinen. Eine unterstützende Therapie zu anderen Behandlungsmethoden ist immer sinnvoll und sollten deshalb auch zu schulmedizinischen Maßnahmen wenn möglich mit einbezogen werden.

 

Renate Ettl