Die Kunst der Langzügelarbeit (Fahren vom Boden aus)
Bereite dein Pferd zum Anreiten vor, indem du es mittels
Langzügelarbeit an das Lenken und das Kommando „Whoa“ gewöhnst und ihm die
direkte Zügelhilfe lernst – und das zuerst einmal sicherheitshalber vom Boden
aus.
Text: Cleve Wells mit Sue M. Copeland
Fotos: Darrell Dodds
Übersetzung: Sonja Grünauer
Wenn ich mit einem jungen Pferd mit der Langzügelarbeit beginne,
dann ist es nicht mein Ziel, in dieser Disziplin bei den olympischen Spielen an
den Start zu gehen. Ich habe einfachere Ziele: Ich möchte meinem Pferd einfach
nur beibringen, dass das Schnalzen mit der Zunge bedeutet vorwärts zu gehen,
dass es seiner Nase folgen soll, wenn ich diese mit Hilfe der Langzügel nach
links oder rechts dirigiere, und wenn ich die Zügel leicht annehme, es mit dem
Kommando „Whoa“ zum stehen kommen soll. Damit beschleunige ich beim Pferd das
Verstehen meiner Lenkmanöver und das Akzeptieren der „Bremshilfen“. Man hat dann
bei den ersten Reitversuchen mehr Kontrolle über das Pferd. Der einzige
Unterschied für das Pferd ist nur das Gewicht, das es dann tragen muss.
Neben diesen Vorteilen bringt die Langzügelarbeit auch noch die
Möglichkeit, das Pferd auf Schenkelberührung zu desensibilisieren, wofür bereits
mit dem Aussack-Training Vorarbeit geleistet wurde. Die Langzügelarbeit ist
jedoch auch bei älteren Pferden zu empfehlen, die manchmal widerspenstig sind.
Vermeide es, mit einem „frischen“ Pferd Langzügelarbeit zu machen,
da es dabei zu ernsthaften Verletzungen aufgrund von Kontrollverlust kommen
kann. In diesem Fall sollte man ein Pferd vorher ablongieren.
Arbeite in einer eingezäunten Umgebung, wie z.B. in einem Round-Pen
oder einem kleinen Paddock. Die Einzäunung wird dir helfen, dein Pferd unter
Kontrolle zu halten. Der Zaun kann dir beim Bremsen oder beim Wenden des Pferdes
eine Hilfe sein, wenn es auf deine Hilfen nicht reagiert. Spricht dein Pferd
regelmäßig auf deine Hilfengebung an, kannst du in einen größeren eingezäunten
Bereich wechseln.
Versucht dein Pferd, sich von dir zu weit zu entfernen, indem es an
der Longe zieht, lass dies nur so weit zu, dass es dich nicht durch die Gegend
zieht. Keine Sorge, das passiert jedem von uns. Bringe dein Pferd zum Stehen und
longiere es richtig ab oder lass es im Roundpen frei laufen. Nachdem das Pferd
dann nicht mehr so „frisch“ ist, versuche die Übung nochmals.
Plane für die Langzügelarbeit deines Jungpferdes mindestens eine
Woche ein. Wie schnell sich die Fortschritte einstellen, hängt von deiner
Erfahrung ab. Wenn dieses Training für dich neu ist, solltest du mindestens drei
Wochen einplanen.
Was braucht man dafür? Ein Side-Pull (ein gebissloses Zaum, womit
man direkten Zügeldruck an jeder Seite der Pferdenase ausüben kann), Sattel und
Sattelpad, Führstrick, zwei 7,5 Meter lange Baumwoll-Longen oder eine 15 Meter
lange Longe mit jeweils einem Karabiner an jedem Ende und ein Paar Handschuhe.
Titelbild (Bild 1): Lerne deinem jungen Pferd die Arbeit am
Langzügel und du wirst beim Anreiten schnellere Fortschritte machen. World
Champion Trainer Cleve Wells zeigt dir, wie es funktioniert.
1. Passe das Sidepull so an, dass das Nasenband hoch genug liegt. Es
soll deinem Pferd das Atmen nicht erschweren. Ist es zu hoch, reagiert dein
Pferd nicht mehr auf die Zügelhilfen. Als Daumenregel gilt, dass das Nasenband
mittig zwischen dem oberen Nüsternrand und dem unteren Rand der Backenknochen
liegen sollte, wie auf Bild 1 zu sehen ist. Reagiert dein Pferd nicht gut auf
ein Sidepull kannst du auch ein sanftes Snafflebit verwenden, an dessen
Trensenringen die Langzügel eingehängt werden.
2. Sattle dein Pferd und führe es in den Arbeitsbereich. Zeige ihm
die Langzügel und lasse es daran riechen, danach hängst du den Langzügel an der
rechten Seite des Sidepulls ein. Dann ziehst du den Zügel durch den rechten
Steigbügel und weiter um die Hinterhand des Pferdes herum zum linken Steigbügel,
durch den der Zügel ebenfalls geführt wird, um anschließend an der linken Seite
des Sidepulls eingehängt zu werden. Den Führstrick kannst du dazu verwenden, die
beiden Steigbügel unter dem Bauch des Pferdes zusammen zu binden. Oder du
bastelst dir deine eigene Langzügel-Vorrichtung – so wie ich (siehe kleines
Bild). Nimm Ringe mit einem Durchmesser von ca. 7,5 cm und knote diese im
Abstand von jeweils 30 cm an ein 4,5 Meter langes, weiches Baumwoll-Seil
(Durchmesser des Seiles ca. 1,5 cm). Binde das Seil um das Sattelhorn, führe die
Enden jeweils durch einen Steigbügel (wie auf dem Foto gezeigt) und verknote die
Enden unter dem Pferdebauch. Die Langzügel kannst du dann durch die obersten
Ringe ziehen, damit das Pferd deine Zügelhilfen besser spüren kann - so als
würde der Reiter im Sattel sitzen.
3. Binde die Zügel des Sidepulls an das Sattelhorn. Lass sie jedoch
locker genug, damit die Nase des Pferdes in einer natürlichen Position gehalten
werden kann). Gib ihm das Kommando „Whoa“, während du langsam die Langzügel
aufnimmst und dabei vermeidest, dass sich diese um die Beine des Pferdes
wickeln. Den Zügel in deiner rechten Hand hältst du locker, während du mit
deiner linken Hand mit dem anderen Zügel das Pferd unter Kontrolle hältst. Gehe
einige Schritte rückwärts und fokussiere die Hüfte des Pferdes (wie auf Foto 3
gezeigt). Dies hilft dir, das Pferd vorwärts zu treiben – solange, bis das Pferd
4,5 bis 6 Meter von dir entfernt ist. Dadurch kommst du aus der Schlagzone des
Pferdes. Das Pferd kann dich dabei sehen, was ihm gewisse Sicherheit gibt. Wenn
sich das Pferd verspannt, so wie meine junge Stute hier auf dem Bild (sie nimmt
ihren Kopf hoch und spielt mit den Ohren), verlangsame deine Bewegungen und
sprich beruhigend auf das Pferd ein.
4. Schnalze mit der Zunge, während du sanft mit dem äußeren Zügel an
die Hinterhand drückst, um das Pferd zum Vorwärtsgehen zu motivieren. Achte
darauf, dein Pferd nicht vorwärts zu „jagen“, damit man nicht die Kontrolle
verliert. Arbeite ruhig und langsam. Dein Pferd darf sich die Größe des
Longierzirkels selbst wählen. Du gibst die Richtung vor, so wie du es beim
Reiten tun würdest. Ist dein Pferd entspannt, so wie auf Bild 4 (die Stute nimmt
den Hals tief und die Haltung der Ohren zeigt, dass sie nicht angespannt ist),
kannst du die Richtung wechseln.
5. Nehme einfach den äußeren Zügel (den rechten Zügel) an und lass
den inneren Zügel (den linken Zügel) etwas nach, während du hinter dem Pferd
außerhalb der schlagenden Zone vorbeigehst und auf die rechte Seite wechselst.
So lenkst du das Pferd sanft auf einen rechten Zirkel. Lass das Pferd bei dieser
Übung nicht stoppen. Bei Bedarf kannst du wieder mit der Zunge schnalzen, um das
Pferd in Bewegung zu halten…
6. … und dann in die neue Richtung zu lenken. Der hoch genommene
Kopf meiner Stute und ihr Zögern, sich weiter zu bewegen, zeigt mir, dass sie
sich nicht auskennt. Wenn dein Pferd genauso zögert, dann ziehe etwas stärker am
rechten Zügel während du mit der Zunge schnalzt. Durch den Druck nimmt das Pferd
seinen Kopf nach rechts, es wird sich dann auch in diese Richtung weiter
bewegen.
7. Hat dein Pferd den Richtungswechsel beendet, nimm die Zügel
wieder korrekt auf und wiederhole die Schritt 4 bis 6 in diese Richtung.
8. Nun hast du deinem Pferd das Lenken beigebracht. Jetzt ist das
Bremsen an der Reihe. Lenke dein Pferd einen Zirkel entlang. Gleichzeitig sagst
du das Kommando „Whoa“, während du sanft an beiden Zügeln ziehst. Dies
verhindert die Vorwärtstendenz. Versucht dein Pferd trotzdem weiter zu gehen,
wiederhole das „Whoa“ und übe stärkeren Druck auf beide Zügel aus.
9. Sobald das Pferd stoppt, verlange von ihm, einige Tritte
rückwärts zu gehen. Dies solltest du bei jedem Stopp des Pferdes wiederholen,
sowohl bei der Arbeit vom Boden aus als auch vom Sattel aus. Pferde sind Tiere
mit Bewegungsdrang, was möglicherweise ihre Reaktion auf das Kommando „Whoa“
etwas abschwächt. Das Rückwärtsrichten verstärkt die korrekte Reaktion des
Pferdes und steigert deine Kontrolle. Für das Rückwärtsrichten solltest du den
Druck an beiden Zügeln erhöhen . Sobald das Pferd rückwärts tritt, lass mit dem
Druck als Belohnung nach. Bau die Übung des Rückwärtsrichtens auch in deine
Langzügelarbeit ein, solange bis dein Pferd automatisch nach dem Kommando „Whoa“
stoppt und rückwärts geht. Sobald diese Lektion gefestigt ist, kannst du dazu
übergehen, die Langzügelarbeit im Jog zu probieren. Wiederhole einfach die
vorherigen Schritte. Vergrößere jetzt den Zirkel, damit dein Pferd mehr Platz in
der schnelleren Gangart hat. Wird das Pferd zu flott, nimm es wieder in den
Schritt zurück, bis du wieder ausreichend Kontrolle hast. Nun versuche die
Arbeit im Jog erneut.
10. Hast du einmal gute Kontrolle bei der Langzügelarbeit im Jog,
kannst du zum Galopp übergehen. Hierbei wendest du die Technik der Doppellonge
an. Während du ein Stimmkommando fürs Angaloppieren gibst, schwingst du mit dem
äußeren Zügel leicht an die Hinterhand des Pferdes, damit es angaloppiert.
Eventuell musst du das Stimmkommando etwas energischer geben, damit du dein
Pferd zum Galopp motivierst. Mach dir bei dieser Übung keine Gedanken über den
richtigen oder falschen Galopp, dein Pferd wird mit der vermehrten Übung dann
richtig angaloppieren. Sobald es lernt, dass es in die Richtung laufen soll, in
die seine Nase gestellt ist, wird es im richtigen Galopp galoppieren. Damit bist
du dann für die nächste Lektion bereit: das Anreiten.