26. 01. 2010
Ein Tag kann alles verändern
05:40 am Morgen - Gnadenlos riss mich der Wecker meines Handys aus
dem Schlaf. Es sollte ein Tag werden, der meine Welt auf den Kopf stellen würde.
Ich krabbelte verschlafen aus den Federn und begann mich anzuziehen und fertig
zu machen. Da das Trödeln ein fixer Bestandteil meiner Morgentoilette war,
musste ich auch an diesem verschneiten 26. Jänner im Laufschritt das Haus
verlassen und zum Auto hasten, um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen. Gerade
noch pünktlich begann ich meinen Dienst, der bis 19:00 dauerte.
Danach führte mich mein erster Weg natürlich in den Stall, um mit
meinem 15-jährigen Quarter Horse-Wallach Shades of Caro noch etwas zu
trainieren!
Als ich am Parkplatz der Reitanlage Landl in Plesching bei Linz
ausstieg, blies mir ein eiskalter Wind um die Ohren, der mich nach einem kurzen
Besuch bei Caros Box sofort zu den anderen Einstellern ins Reiterstüberl trieb,
um vor dem Training noch einen schönen, heißen Früchtetee zu trinken. Wie es
eben so oft der Fall ist, wurden aus einer Tasse Tee dann gleich zwei und wir
unterhielten uns über Gott und die Welt.
Nach der dritten Tasse bemerkte ich, dass es schon 9 Uhr am Abend
war und ich immer noch keine Anstalten gemacht hatte, mein Pferd zu satteln. Da
meine Motivation für heute wohl im Auto sitzen geblieben war und sich Caro mit
Sicherheit auch über einen ruhigen Abend freuen würde, beschloss ich, heute eben
nicht mehr zu trainieren und Caro einfach nur in die Halle zu lassen, damit er
einer seiner Lieblingsbeschäftigungen – dem Wälzen – nachgehen konnte.
Gesagt getan!
Zwei- oder sogar dreimal „wuzelte“ sich mein brauner Wallach auf dem
herrlichen Sandboden unter genüsslichem Grunzen und bedankte sich danach bei mir
für den ungeplanten freien Tag mit einem kräftigen Schnauben. Nach diesem
entspannenden Sandbad spazierten Caro und ich noch einige Runden in der Halle
herum, spielten ein bisschen und wiederholten die eine oder andere
Bodenarbeit-Übung. Dann begannen wir herumzutollen. Ich war nebenbei froh, doch
noch etwas Bewegung abzubekommen – der nächste Sommer würde bestimmt kommen – so
sicher war das bei der Bikinifigur ja leider nicht. Nach einer Weile gab ich
dann jedoch keuchend auf und überließ Caro alleine das Laufen. Im gelassenen
Pleasure Jog drehte er noch einige Runden. Als er nach der 5. oder 6. Runde auf
mich zugetrabt kam, bremste ich ihn ab, um ihn danach in die andere Richtung
wieder weiterlaufen zu lassen. Ein leichtes Handzeichen genügte und Caro blieb
folgsam stehen, drehte sich gemächlich um und wollte weitertraben. – Da geschah
es!
Ein knackendes Geräusch war zu hören, das sich für mich im ersten
Moment anhörte wie das Aufeinanderschlagen von Hufen. Caro wollte antraben, doch
dies war nicht mehr möglich. – Er konnte sein linkes Hinterbein kaum noch
belasten. Ein paar Schritte humpelte er noch weiter und blieb dann mit dicht zum
Bauch hochgezogenem Bein stehen. Ich eilte zu ihm – mit einem furchtbaren Gefühl
in der Magengegend – und begann, vorsichtig das Bein abzutasten. Man konnte
regelrecht zusehen, wie es anschwoll. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste ich,
das dies nicht mehr unter die Kategorie „verstaucht“ oder „verknackst“ fiel.
In aufkommender Panik rief ich Dr. Renate Reisinger an, die kaum 20
Minuten später schon im Stall eintraf. Es war bereits halb 11 Uhr am Abend!
Das Röntgen ergab eine Kronbeinfraktur!!! Meine kleine Welt wurde
damit in ihren Grundfesten erschüttert. Pferd und Fraktur – zwei Worte, die sich
meiner Erfahrung nach, die bis zu diesem 26.10.2010 rein auf Erzählungen und
Fachzeitschriftberichten basierte, nicht kombinieren ließen.
Ich hatte furchtbare Angst, dass dies die letzten Minuten in Caros
Leben sein könnten. Meine Nerven lagen blank. Es kostete mir sehr viel Mühe,
nicht einfach loszuheulen.
Frau Dr. Reisinger zeigte mir die Röntgenbilder, klärte mich über
alle Möglichkeiten und Chancen auf, die wir mit dieser Art Bruch hatten. Dass
Caro wohl nie wieder reitbar werden würde und es auch keine Garantie dafür gab,
dass er jemals wieder schmerzfrei durchs Leben gehen konnte, wusste ich, doch
ich konnte ihn nicht einfach so aufgeben. Ich entschied mich dafür, das Bein
einzugipsen und einfach das Beste zu hoffen. Trotz der vielen Komplikationen und
Risiken, die diese Behandlung mit sich bringen konnte, wie mir Dr. Reisinger
erklärte. Ich dachte an die Chance, die bestand, dass er ein glückliches
Weidepferd werden würde.
Bis 1 Uhr am Morgen dauerte das Eingipsen des Beins. – So startete
Caro humpelnd in seine noch ungewisse Zukunft.
Als ich nach Hause kam, war es schließlich halbdrei Uhr am Morgen. –
Es sollte für die nächste Zeit nicht die einzige schlaflose Nacht werden!
Die Tage vergingen und Caro bekam nun täglich Schmerzmedikamente.
Ich fuhr jeden Tag vor der Arbeit zu ihm, in der Mittagspause und abends,
verabreichte ihm seine diversen Arzneimittel und bandagierte das rechte Bein
dreimal täglich, da auf diesem nun ein enormes Gewicht lastete, da er das linke
Bein überhaupt nicht belasten konnte.
Patricia Leitner unterstützte mich in dieser Zeit sehr und übernahm
oft die Medikamentengabe und sogar das Bandagieren, damit ich nicht jeden Tag
dreimal zu Caro fahren musste! Ein ganz großes Dankeschön an dieser Stelle!
Nach zwei Wochen erfolgte der erste Gipswechsel. – Ich wusste zum
Glück beim ersten Mal noch nicht so genau, was da auf uns zukam! Viele Helfer (8
bis 10 Leute) waren von Nöten, um das Wechseln des Gipses durchführen zu können.
Bevor wir begannen, besprachen wir den Ablauf mit
Dr. Reisinger. Sobald der Gips von Caros Bein heruntergeschnitten war,
durfte er es auf keinen Fall mehr am Boden stellen, da die Gefahr zu groß war,
dass er es unter den Schmerzmitteln und der Sedierung belastete. – Wenn dies
doch geschehen sollte, wäre es wahrscheinlich gewesen, dass der gebrochene
Knochen völlig zersplitterte. Das wäre das Ende gewesen! Trotz brenzliger
Situationen und unvorhersehbaren Schwierigkeiten gelang es uns mit vereinten
Kräften (beim Hochhalten des Beins mussten sich die Helfer zeitweise
abwechseln), den Gipswechsel durchzuführen.
Beim nächsten Gipswechsel zeigte sich, dass Caros Bein viele
Druckstellen aufwies, die durch die ständige Bewegung mit dem Gips hervorgerufen
worden waren und sich auch nicht vermeiden ließen. Nun kam zu jedem Wechsel auch
noch das Versorgen der Wunden hinzu, was für meinen Wallach trotz Sedierung
äußerst unangenehm war.
Auch das gesunde Hinterbein hatte unter dem Tragen des hohen
Gewichts schon sehr gelitten.
Die Zeit verging, Gipswechsel um Gipswechsel ging vorüber, bei denen
oft alles auf der Kippe stand – jeder für sich eine nervenzerreißende Hürde. Dr.
Reisinger hatte es mit Caro auch nicht immer leicht, da er nun bereits wusste,
was es hieß, wenn er in die Stallgasse geführt wurde und alle Geräte, Tupfer,
Bandagen und Kübel mit warmen Wasser schon bereit lagen. Seinen Unmut darüber
tat er mit widerwilligen Gesten kund und erschwerte damit ihre Arbeit oft
ungemein. Mit Professionalität, Kompetenz und Geduld arbeitete sie unter solch
erschwerten Bedingungen.
Durch diese schwierige Zeit begleitete uns auch Elfriede Füreder,
die Caro immer wieder mit der BowTech-Methode behandelte und Erstaunliches damit
bewirkte! Verspannte Muskeln entspannten sich, und man konnte sehen, dass Caro
es genoss!
Viele Stunden gingen vorbei, in denen Caro einfach auf der Seite lag
und sein rechtes Hinterbein entlastete. Dieses musste seit dem Unfall mehr Last
tragen, als es vermochte. Es verging wohl keine Minute, in der ich mich nicht
fragte, ob ich das Richtige getan und mich richtig entschieden hatte.
Der Frühling hielt Einzug, die ersten Sonnenstrahlen brachten einen
Lichtblick in der Behandlung! Nun war es endlich soweit: Der Gips wurde durch
einen massiven Stützverband ersetzt. Ich wagte es zum ersten Mal, zaghaft und
leise aufzuatmen!
Von da an ging es stetig bergauf. Nach einigen Wochen durften wir
beginnen, ein paar Schritte spazieren zu gehen. Wir steigerten uns von Woche zu
Woche. Aus einer halben Reitplatzrunde wurde eine, aus einer zwei und aus zwei
dann drei! Was für ein herrliches Gefühl, Caro gehen zu sehen!
Im Sommer durfte Caro auf einen kleinen, extra für ihn abgesteckten
Wiesenpaddock. Man konnte ihm die Freude über seine wieder erlangte Mobilität
richtig ansehen.
Schweren Herzens verließen wir Ende August 2010 den Reiterhof Landl,
da Caro nun transportfähig war und an seinen Pensionsplatz gebracht werden
konnte!
Heute steht Caro im Stall von Andrea und Josef Pointner, in der Nähe
von Wels. Dort darf er nun im Offenstall seine Früh-Pension in vollen Zügen
genießen. Er lahmt im Schritt kaum mehr, und ab und zu versucht er sogar schon,
ein paar Schritte zu traben. Er hat neue Pferde-Freunde gefunden und fühlt sich
pudelwohl!
Reiten werde ich ihn nicht mehr können, doch das ist egal. – Caro
lebt und ist schmerzfrei. – Das ist das einzige, was wirklich zählt! Es war ein
langer, steiniger Weg, doch: „Wer Kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat
schon verloren.“
Ich möchte mich hiermit für die ausgezeichnete medizinische
Betreuung und Behandlung von Caro bei Dr. Renate Reisinger recht herzlich
bedanken. Ohne ihre Hilfe und Kompetenz wäre Caro heute nicht mehr hier! VIELEN,
VIELEN DANK!!!
Weiters möchte ich den vielen, vielen Helfern danken, die mir bei
jedem Gipswechsel zur Seite standen! Patricia, Jochen, Mike, Klemens, Susanne,
Sandra, Christian, Andrea, Herfried, Willi, Friedi, Fredi, OHNE euch wären die
Gipswechsel wohl nicht möglich gewesen!
Ein riesiges Dankeschön auch an die
Stallbesitzer Johann und Erika, die mir mit Rat und Tat, Magnetfelddecken,
Rotlichtlampen und anderen Hilfsmitteln zur Seite gestanden sind!
Dank gebührt auch meinen Eltern, die in dieser schweren Zeit immer
für mich da waren! Danke auch an Andrea und Josef, die uns so offen und herzlich
in die Gemeinschaft auf ihrer kleinen Farm aufgenommen haben und Caro eine
wunderschöne Pension bereiten!