Achtung, Satteldiebe!

 

Es waren die letzten Ferientage gekommen und die Reiterkids der Black Forest Ranch wollten die Stunden noch ausgiebig mit ihren Vierbeinern genießen. Da sie am liebsten jede freie Minute bei den Pferden verbrachten, war es schon lange ihr Wunsch, einmal am Heuboden über dem Stall übernachten zu dürfen. Natürlich mussten sie erst ihre Trainerin Sara fragen, ob sie dies dürften, denn Saras Freund George gehörte die Ranch. So legten die Reiterkids ihr liebstes Lächeln auf und marschierten zu fünft – die Zwillinge Nadine und Alina, Eric, Peter und Sonja – zu Sara und legten ihr liebstes Lächeln auf. Sara, die den Blicken ihrer Schützlinge – schließlich hatten diese ja in den Sommermonaten fleißig im Stall und bei Turnieren mitgeholfen – nicht widerstehen konnte, sagte zu. Das Jubeln der Mädchen und Buben war daraufhin über den ganzen Hof zu hören.

„Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr brav seid“, warf Sara ein. „Das ist doch für uns selbstverständlich“, sagte Sonja, die mir ihren 13 Jahren die Größte der Reitergruppe war. Sie teilte sich mit ihrer Mutter ein Quarter Horse, mit dem sie heuer im Sommer erstmals kleine Turniere besucht hatte – und das mit Erfolg. Schließlich hatte sie ja auch fleißig trainiert. Die anderen Kids waren auf Schulpferden der Black Forest Ranch geritten. Alle – bis auf den kleinen Eric – hatten vor wenigen Wochen erfolgreich das Zertifikat absolviert und waren umso stolzer, nun die schicke Certifikateschnalle am Gürtel tragen zu dürfen.

Am Samstag war dann der große Tag gekommen. Sara wollte den Kids eine besondere Freude machen und organsierte spontan in der normalen Reiteinheit ein „Mini-Turnier“, bei dem es eine Pleasure, eine leichte Reining, eine Horsemanship und einen kleinen Trail zu bewältigen galt. Die Kinder freuten sich über diese nette Überraschung und gaben ihr Bestes. Im Anschluss erhielten alle eine kleine Urkunde für die Teilnahme und eine große, rote Schleife. All dies hatte Sara noch in der Nacht gebastelt und vorbereitet.

Während die Mädchen und Buben – es war mittlerweile früher Abend geworden – die Vierbeiner versorgten und fütterten, richtete George ein Lagerfeuer, auf dem Würstel, Erdäpfel und Marshmallows gegrillt wurden. Sara brachte noch einen selbst gemachten Zwetschkenkuchen, der allen besonders mundete. Es war finster geworden, das Lagerfeuer erlosch langsam, und alle waren müde vom langen, aber wunderbaren Tag. Sara sagte: „Wir werden uns jetzt zurückziehen, geht auch langsam auf den Heuboden schlafen. Ihr wisst, wenn ihr etwas braucht, wir sind drüben im Haus.“

„Keine Sorge, wir haben das schon im Griff!“, sagte Eric, der mit seinen sieben Jahren der Jüngste der Reiter-Kids war. So nahmen sich die Mädchen und Buben ihre Schlafsäcke, ein paar Packungen Keks und Chips und ein Getränk mit auf den Heuboden. Licht hatten sie durch Taschenlampen.

Eigentlich wollten sie sich noch ein paar Gruselgeschichten erzählen, doch schon bald schliefen alle tief und fest und hörten nur im Unterbewusstsein das beruhigende Heukauen und Schnauben der Pferde, die sich direkt unter ihnen befanden. Als sie so von zukünftigen Turniererfolgen, wilden Ausritten und anderen Erlebnissen am Reiterhof träumten, hörte Peter plötzlich ein Geräusch. Er stupste Sonja leicht an, die sich nur murrend umdrehte. Wieder hörte er ein Knacken. Nun wurde auch Eric wach. Peter sagte: „Hast du das auch gehört?“ „ Ja“, sagte Eric leise.

„Ich glaube, da ist wer im Stall“, mutmaßte Peter. Auf einmal wachten auch die anderen auf. Noch bevor diese einen Laut von sich geben konnten, deutete ihnen Peter mit dem Finger am Mund, leise zu sein. Auf allen Vieren krochen sie über den Heuboden und sahen durch die Holzspalten der Heubodenwand ein fremdes Auto am Hof nahe des Eingangs des zweiten Stalltrakts stehen. Im Haus auf der anderen Seite des Hofs war alles stockfinster.

„Das sind Einbrecher“, flüsterte Sonja den anderen zu. „Ich habe Angst“, sagte Eric, der ein bisschen zitterte. „Was machen wir jetzt?“, fragte Nadine.

„Wir müssen die Polizei rufen und irgendwie das Hoftor schließen, damit sie nicht wegfahren können“, sagte Peter. „Ja, aber wie?“, wollte Nadine wissen.

Da hatte ihre Schwester Alina eine Idee. „Ich klettere durch die Heubodenluke. Dort gibt es eine Leiter in die Stallgasse, und von dort komme ich zum Hoftor. „Aber das ist zu weit“, warf Sonja ein. „Ich werde reiten“, sagte Alina. „Du bist ja verrückt!“, meinte Sonja und gab zu bedenken: „Es ist zu finster! Und welches Pferd willst du nehmen?“

Alina erwiderte ganz leise: „Schau, ich habe eine kleine Stirnlampe mit. Die kann ich aufdrehen. Ich werde mein Lieblingspferd, die alte, brave Sally, nehmen. Sie lässt sich auch ohne Sattel problemlos reiten. Außerdem habe ich schon an einem Mondscheinritt teilgenommen, da weiß ich, wie es ist, im Dunkeln sich mit dem Pferd fortzubewegen. Sattel brauche ich keinen, ich bräuchte nur ein Zaumzeug.“ Sie sagte zu Eric: „Gib mir das alte Bosal von Sally. Dieses hat Sara vor wenigen Wochen in die Ecke des Heubodens zu den anderen alten Ledersachen gehängt.“

Der kleine Eric wusste aber nicht, was ein Bosal war, woraufhin Sonja leise auf die andere Seite des Heubodens kletterte, das Bosal holte und es Alina übergab.

Alina war als mutige Ausreiterin bekannt, die auch kleine Sprünge oder schwieriges Gelände nicht scheute. Sie nahm das Bosal und kletterte leise in die Stallgasse. Sie arbeitete sich Schritt für Schritt zu Sallys Paddockbox vor. Die Stirnlampe ließ sie noch abgedreht, damit sie nicht die Diebe auf sich aufmerksam machte. Sie stopfte schnell Sally, die gerade genüsslich an ihrem Heu knabberte, zwei Leckerlis ins Maul und zog das Bosal über ihren Kopf. Über den Paddockzaun kletterte sie auf den Rücken der fast 30-jährigen Stute, die trotz ihres hohen Alters noch bei bester Gesundheit war. Mit Geschick öffnete Alina die Paddocktür vom Pferderücken aus – eine Leichtigkeit für eine begeisterte Trailreiterin wie sie. Zum Glück waren die Unbekannten im anderen Stalltrakt, sodass sie Alina nicht sehen konnten. Alina ritt absichtlich quer über die Wiese und nicht über den geschotterten Weg, um nicht durch das Hufgeklapper Aufmerksamkeit zu erregen. Sally war nicht beschlagen, sodass man ihre Hufe im nassen Gras kaum hörte.

Sonja hatte inzwischen ihr Handy aktiviert und die Polizei verständigt. Gerade als Alina das Hoftor – natürlich vom Pferderücken aus – schloss, fuhren zwei Streifenwägen mit Blaulicht vor. Im selben Moment kamen die Diebe mit Westernsätteln in der Hand aus dem Stall. Als sie das Blaulichtgewitter sahen, wollten sie zu Fuß fliehen, doch keine Chance, das Hoftor war zu und ein Diensthund der Polizei stellte die beiden fremden Männer mit bösem Knurren. Die Männer hoben die Hände und gaben auf!

Nun hatten auch George und Sarah den Aufruhr bemerkt. Sie konnten kaum glauben, was passiert war, aber umso fassungsloser waren sie über das rasche Reagieren ihrer Reiterkids.

Als die beiden Männern in Handschellen in den Streifenwagen einsteigen mussten, sagte ein Polizist: „Auf diese Reiterkinder dürfen Sie stolz sein! Diese Kerle hatten wir schon lange im Visier. Auf ihr Konto gehen Satteldiebstähle in mehreren Bundesländern.“

Ja, stolz waren Sara und George nun wirklich…

Am nächsten Wochenende sollte es wieder ein kleines Turnier zum Dank mit großem Fest geben. Bis dahin wusste auch der kleine Eric, was ein Bosal ist…

Hättet ihr es gewusst?

A Ein Bosal ist eine Kandarenzäumung.

B Ein Bosal ist eine Trensenzäumung

C Ein Bosal ist eine gebisslose Zäumung.

Lösung: Richtig ist C.