Wissen rund ums Pferd - Rashid
Die
entscheidende Verbindung oder warum Technik ohne Gefühl in die Irre führt
Die Frau hatte mich vor ein paar Tagen angerufen und gefragt, ob ich
hinkommen und mir ihr Pferd ansehen könnte. Seit ein paar Monaten wurde das
Pferd, ein fünfjähriger Wallach, den sie seit drei Jahren besaß, immer
unwilliger, wenn sie etwas von ihm wollte. Selbst auf die einfachsten
Anforderungen antwortete er mit Kopfschütteln, Aufstampfen und ständig
schlagendem Schweif. Er ließ sich nur noch schwer einfangen. Da sich das
Verhalten von Tag zu Tag verschlechterte, hatte sie beschlossen, etwas zu
unternehmen, bevor sie total die Kontrolle verlor.
Als ich die Einfahrt hochfuhr, konnte ich sehen, wie die Frau den
Wallach von einem Paddock hinter dem Haus zu einem schmalen Anbindebalken neben
einem ein paar Meter entfernten ziemlich neuen Roundpen führte. Der Wallach, ein
hübscher Palomino, ging ruhig einen halben Meter hinter der Frau her, den Kopf
gesenkt, die Augen weich, mit einem entspannten Gesamtausdruck. Plötzlich und
ohne für mich erkennbaren Grund drehte sich die Frau um und begann heftig den
Führstrick zu schütteln. Der Strick war mit einem schweren Karabinerhaken am
Halfter befestigt. Jedes Mal wenn sie den Strick schüttelte, schwang der Haken
hoch und schlug dem Wallach gegen den Unterkiefer. Er riss den Kopf hoch, die
Augen wurden größer, der Körper versteifte sich, er begann mit Tempo rückwärts
zu rennen. Er rannte vielleicht zwei oder drei Meter rückwärts, bevor die Frau
aufhörte, den Strick zu schütteln, aber der schwere Karabinerhaken war immer
noch in Bewegung und schlug ihm ein letztes Mal gegen den Kiefer. Das brachte
einen weiteren halben oder ganzen Meter rückwärts ein, bevor das Pferd anhielt.
Sein Kopf blieb hoch erhoben, die Augen waren aufgerissen, aber die Frau drehte
sich ohne Zögern wieder um und ging vorwärts. Der Wallach folgte, aber diesmal
war er sehr viel angespannter, seine Schritte waren zögernd. Nachdem sie ein
paar Meter zurückgelegt hatten, sah ich das erste Anzeichen für das Verhalten,
das die Frau am Telefon beschrieben hatte. Das Pferd schüttelte plötzlich den
Kopf und schlug mit dem Schweif. Die Frau schien es jedoch nicht zu bemerken.
Sie ging zum Anbindebalken, band den Wallach fest und drehte sich zu mir um,
während ich herankam.
Ein paar Minuten standen wir da und unterhielten uns. Sie erklärte
mir ausführlicher, was sie in den vergangenen drei Jahren mit dem Pferd gemacht
hatte. Sie hatte mehrere Kurse mit ihm besucht und viele Bodenarbeit-Techniken
gelernt sowie reiterliche Impulse zur Förderung des Schwungs erhalten. Wie sie
berichtete, hatte sie sich streng an die Techniken gehalten. Zuerst hatte alles
ganz wunderbar geklappt. Mit der Zeit aber hatte sie bemerkt, dass das Pferd
jedesmal „sauer“ reagierte, wenn sie eine der Techniken anwandte. Besonders
machte ihr zu schaffen, dass er bei der Bodenarbeit immer unglücklicher wurde.
Auf den Kursen war immer wieder auf die Bedeutung der „richtigen“ Bodenarbeit
hingewiesen worden. Da diese dem Pferd Respekt beibringen sollte, befürchtete
sie nun, dass das „saure“ Verhalten ihres Pferdes ein Zeichen dafür war, dass
sie etwas falsch machte. Ich bat sie, mir zu zeigen, was sie mit dem Pferd
gemacht hatte und worin genau das Verhalten bestand, das ihr Sorgen machte.
Sie war sofort einverstanden, ging hinüber, band den Wallach los und
führte ihn in Richtung Roundpen. Sie waren erst ein paar Schritte unterwegs, als
sie sich umdrehte und anfing, den Strick zu schütteln. Das Pferd begann sofort,
mit hochgerissenem Kopf rückwärts zu laufen. „Darf ich fragen, warum Sie das
gemacht haben?“, fragte ich, als sie aufhörte, den Strick zu schütteln. „Was ich
gemacht habe?“, fragte sie, während das Pferd den Kopf schüttelte. „Warum Sie
den Strick so geschüttelt haben.“ „Oh“, nickte sie, „er kam mir zu nah. Wenn er
das macht, soll ich ihn auf diese Weise rückwärtsrichten.“ Sie schüttelte
demonstrativ den Führstrick, und das Pferd reagierte, indem es den Kopf hochriss
und einige Schritte rückwärtsging. „Das ist okay“, sagte ich. „Sie brauchen es
mir nicht zu zeigen.“ „Stimmt etwas nicht damit, ihn so rückwärts zurichten?“,
fragte sie. Das Pferd hatte allmählich den Kopf gesenkt, während sie sprach,
aber sie schüttelte wieder ganz leicht den Strick. Der Karabinerhaken flog hoch,
schlug dem Wallach gegen den Kiefer. Er hob den Kopf und ging einen Schritt
zurück. „Nicht unbedingt“, antwortete ich achselzuckend. „Wie nah muss er
herankommen, bis Sie es zu nah finden?“ „Oh, weiß ich nicht.“ Sie drehte sich um
und sah das Pferd an. „Unterschiedlich, nehme ich an. Manchmal macht es mir
nichts aus, wenn er dicht bei mir ist; manchmal habe ich ihn lieber ein bisschen
weiter weg.“ „So ist das also“, nickte ich. „Und woher weiß er den Unterschied,
ob es in Ordnung ist, nahe heranzukommen oder nicht?“ „Wenn ich den Führstrick
schüttle, ist er zu nah“, sagte sie. „So weiß er Bescheid.“ „Sie lassen ihn also
erst den Fehler machen und korrigieren ihn dann?“, wollte ich wissen. „So könnte
man es vermutlich nennen“, antwortete sie. „Müssen Sie ihn viel korrigieren?“
Das Pferd senkte langsam den Kopf, als ob es sich entspannte. Während sie über
die Frage nachdachte, schüttelte die Frau leicht den Führstrick. Der Pferdekopf
fuhr wieder hoch, der Wallach stampfte auf und schlug mit dem Schweif. „Nein,
nicht sehr viel, würde ich sagen“, meinte sie und schüttelte langsam den Kopf.
„Gut“, nickte ich. „Warum gehen wir nicht in den Roundpen? Zeigen
Sie mir, was Sie für Probleme haben!“ Damit gingen wir hinüber zum Roundpen. Ich
öffnete das Tor für sie, damit sie vor mir hineingehen konnten. Kurz vor dem
Eingang allerdings blieb die Frau stehen, zeigte darauf und begann, den
Führstrick leicht in Richtung Pferdekruppe zu schwingen. Das Pferd stieß hart
die Luft aus, schlug mit dem Schweif und ging durch das Tor in den Roundpen.
„Warum haben Sie das gemacht?“, fragte ich. „Was?“, fragte sie zurück, während
das Pferd das Ende des Stricks erreichte, sodass es sich umdrehen musste und sie
wieder ansah. „Warum haben Sie ihn zuerst durch den Eingang geschickt?“ „Damit
er weiß, wer hier das Sagen hat.“ Sie war immer noch nicht mit in den Roundpen
hineingegangen, was so aussah, als ob sie wollte, dass das Pferd zurück käme. Es
zögerte ein paar Sekunden und ging dann langsam auf sie zu. Ihre Antwort war,
den Strick zu schütteln. „Er sollte
einfach dahin gehen, wohin ich ihm sage. So weiß er, wer das Sagen hat.“ Das
Pferd schüttelte den Kopf, stampfte mit dem rechten Vorderfuß und schlug mit dem
Schweif. Sie schüttelte wieder den Führstrick und ließ ihn weiter
rückwärtsgehen. Diesmal folgte sie ihm durch das Tor, drehte sich um und führte
ihn zum Mittelpunkt. Ich ging ebenfalls hinein und schloss das Tor hinter mir.
„Okay“, sagte sie. „Was möchten Sie zuerst sehen?“ „Am besten fangen
wir mit dem Anfang an“, sagte ich. „Warum machen Sie nicht einfach das, was Sie
normalerweise machen?“ Sie nickte, zeigte nach links und begann den Führstrick
in Richtung auf die Pferdehüfte in schwingende Bewegung zu versetzen. Das Pferd
ging nach außen, soweit es der vier Meter lange Führstrick erlaubte, und trabte
an, aber nicht ohne den Kopf zu schütteln und mit dem Schweif zu schlagen. Die
Frau stand in der Mitte, das Pferd trabte um sie herum. Nach nur zwei Runden zog
sie ein wenig am Strick, was das Pferd veranlasste, sich ihr zuzuwenden und sich
auf sie zu zubewegen. Sie schüttelte den Strick und scheuchte ihn damit wieder
von sich weg. Das Pferd schüttelte den Kopf. Sie ließ ihn ein paar Sekunden
still stehen, zeigte dann nach rechts und wiederholte die Prozedur rechtsherum.
Wieder zog sie nach ein paar Runden am Strick. Er versuchte hereinzukommen, aber
sie schüttelte den Strick und hielt das Pferd von sich weg. Es schüttelte den
Kopf und schlug mit dem Schweif. „Sehen Sie?“, sagte sie. „Das ist es, was ich
meine.“ „Verstehe“, nickte ich.
„Was können Sie mir sonst noch zeigen?“ „Es fällt ihm schwer, mit
der Hinterhand zu weichen“, sagte sie, ging zur Kruppe und berührte ihn mit der
Hand leicht an der Hüfte. Sofort trat er seitwärts, von ihr weg, schlug dabei
aber die ganze Zeit mit dem Schweif. „Sehen Sie, was ich meine? Es regt ihn
richtig auf.“ Sie ging nach vorne, zielte mit beiden Zeigefingern auf seinen
Hals, als wären sie Pistolen, und schüttelte sie. „Mit der Vorhand geht es auch
nicht viel besser“, sagte sie, wobei sie weiter ihre Finger schüttelte und auf
das Pferd zuging, das sich von ihr wegbewegte. Wieder schlug es mit dem Schweif,
fügte diesmal aber noch ein ziemlich heftiges Kopfschütteln hinzu. „Sehen Sie,
was ich meine?“
„Wie oft lassen Sie ihn diese Übungen machen?“, fragte ich. „Weiß
ich nicht“, antwortete sie. „Vermutlich jedes Mal, wenn ich mit ihm arbeite. Ich
habe versucht, dass er sie ohne diese negative Einstellung macht, aber es wird
immer schlimmer statt besser.“ Sie zeigte mir noch ein paar andere
Bodenarbeit-Übungen, die sie ihm beigebracht hatte, und die von dem Pferd mit
ähnlichen Reaktionen beantwortet wurden. Meistens führte der Wallach aus, was
sie von ihm wollte, aber immer unter einer Art leichtem Protest.
Aus meiner Sicht hatte der Wallach ganz klar die Nase voll von all
diesen Kinkerlitzchen, die von ihm verlangt wurden. Es war nicht so, dass er sie
nicht ausgeführt hätte. Er tat, was man von ihm verlangte, aber die meisten
dieser Aufgaben schienen überhaupt keinen Sinn zu ergeben. Er konnte nicht
verstehen, warum er dauernd Dinge tun sollte, die er nicht nur bereits konnte,
sondern die auch keinem besonderen Zweck zu dienen schienen. Warum zum Beispiel
sollte er immer und immer wieder mit der Hinterhand weichen, wenn er das bereits
beherrschte? Für uns wäre das, als ob wir einen Graben ausheben sollten, nur
damit man ihn wieder zuschütten konnte. Dass wir mit einer Schaufel umgehen
können, bedeutet nicht, dass wir jedes Mal wieder mit Begeisterung ein Loch in
den Hof graben, wenn es irgendjemand einfällt, es von uns zu verlangen. Es
müsste schon ein verflixt guter Grund vorliegen, damit wir so viel Energie
darauf verwenden würden. Warum sollte es für das Pferd nicht ähnlich sein?
Nachdem sie mir zwanzig Minuten lang alle Übungen vorgeführt hatte,
mit denen der Wallach Probleme zu haben schien, fragte die Frau, wie man nach
meinem Dafürhalten all dieses Kopfschütteln, Schweifschlagen und Aufstampfen am
besten abstellen könnte. Sie schien echt überrascht, als ich sagte, der beste
Weg, die Probleme zu beseitigen, schiene mir, diese Übungen einfach nicht mehr
von ihm zu verlangen. „Also“, fragte sie einigermaßen verwirrt, „ich soll
einfach aufhören damit, dass er auf Druck weichen soll?“ „Das habe ich nicht
gesagt“, antwortete ich. „Gesagt habe ich, dass ich ihn nicht unnötig dem Druck
weichen lassen würde. Das ist ein Unterschied.“ „Verstehe“, nickte sie. „Und was
sollte ich stattdessen machen?“ „Was meinen Sie?“ „Was sollte ich tun, damit er
seine Einstellung aufgibt?“
Darüber musste ich ein paar Minuten nachdenken. Sehen Sie, ich hatte
gedacht, ich hätte mich ziemlich klar ausgedrückt: dass meinem Gefühl nach die
negative Einstellung verschwinden würde, wenn er keine zwecklosen Aufgaben mehr
ausführen müsste. Was ich bald verstehen sollte, war, dass die Frau nur zu
bereit war, die Techniken aufzugeben, die sie zur Ausführung verschiedener
Übungen anwandte – vorausgesetzt, ich konnte mit einer Ersatztechnik dienen, mit
der sie das Problem in den Griff bekam. Mit anderen Worten, sie konnte nicht
verstehen, wie ihr Pferd etwas lernen konnte, ohne dass sie es ihm zuerst
beigebracht hätte. Sie dachte, der Wallach könnte seine Einstellung nur ändern,
wenn sie zuvor etwas tat, damit er lernte, sie zu ändern.
„Das Einzige, was Sie tun müssen, damit er seine Einstellung
ändert“, wiederholte ich, „ist, keine unnötigen Dinge mehr von ihm zu verlangen.
Dann wird er seine negative Einstellung von allein aufgeben.“
Sie schien immer noch etwas verwirrt, also erklärte ich weiter, dass
unsere Pferde manchmal etwas die Geduld mit uns verlieren, wenn wir ihnen
ständig Übungen abverlangen, die sie schon längst beherrschen. Es ist ein
bisschen wie in der Schule. In der ersten Klasse haben wir gelernt, dass eins
und eins zwei ist. Nun, eins und eins ist auch in der zweiten, dritten, vierten
und jeder weiteren Klasse immer noch zwei. Da wir die Antwort auf diese Frage in
der ersten Klasse gelernt haben, wird sie nicht mehr gestellt. Wir wenden unsere
Fähigkeit des Addierens weiterhin täglich an, aber selten bis nie werden wir
noch einmal speziell gefragt, wie viel eins und eins ist. Würden wir dies Tag
für Tag wieder gefragt, während wir älter werden, würden wir vermutlich eines
Tages aufstehen und den Lehrer fragen, ob wir nicht zu etwas Neuem übergehen
könnten. „Ich glaube, das hier ist dieselbe Situation“, erklärte ich ihr.
„Vielleicht versucht er Ihnen nur zu sagen, dass er weiß, wie viel eins und eins
ist, und dass es Zeit ist, sich etwas anderes vorzunehmen.“ „Vergisst er dann
nicht, dass er auf Druck weichen soll?“, fragte sie. „Ich glaube nicht, dass er
das je vergisst“, antwortete ich lächelnd. „Eher kann ich mir vorstellen, dass
Sie ihn mal putzen oder satteln wollen oder etwas in der Art und er dafür zur
Seite treten soll. Sie berühren ihn an der Seite, und er wird ohne mit der
Wimper zu zucken zur Seite treten. Der Unterschied besteht darin, dass dahinter
ein Zweck steht und Sie nicht einfach von ihm verlangen, seitwärts zu treten,
nur so, wie Sie es jetzt tun.“
„Woher sollte er den Unterschied wissen?“, fragte sie, und man
konnte den Unglauben deutlich heraushören. „Ich glaube, Pferde kennen den
Unterschied, ob man etwas mit ihnen zusammen macht oder ob etwas mit ihnen
gemacht wird. Sie sind sehr sensibel. Zwischen diesen beiden Dingen besteht mit
Sicherheit ein unterschiedliches Gefühl, das sie wahrnehmen, wenn sie
Gelegenheit dazu erhalten. Ich bin sicher, wenn Sie einen Grund dafür haben,
dass er etwas tun soll, wird er es für Sie tun.“
Sie dachte eine Weile darüber nach, und da alles andere, was sie
versucht hatte, nicht funktioniert hatte, beschloss sie, es auf einen Versuch
ankommen zu lassen.
Ich erwähnte auch, dass ihr Pferd von ihrer Art, es zu führen,
vielleicht etwas frustriert und verwirrt sein könnte. Ich erklärte ihr, da sie
keine klaren Grenzen gezogen habe, was die akzeptable Distanz betraf, könne der
Wallach nie wissen, wann er es richtig mache. Die richtige Führdistanz war für
ihn ein Ziel, das sich ständig veränderte. Er kam vielleicht zu nahe, ohne es zu
merken, und dann wurde er damit bestraft, dass der Strick geschüttelt wurde. Sie
hatte seine Fehler vorprogrammiert, weil sie ihre Erwartungen nicht konsequent
ausgedrückt hatte.
Die nächsten paar Minuten arbeiteten wir daran, die beiden in Bezug
auf eine akzeptable Führdistanz auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. So
lange er mindestens einen Meter hinter ihr blieb, wenn sie ihn führte, ging sie
ruhig weiter. Kam er näher, sollte sie abrupt stehen bleiben, ohne den Strick zu
schütteln, zu ihm hingehen und ihn mit einem leichten, anhaltenden Druck des
Führstricks bis zur angemessenen Distanz rückwärtsrichten. Der Palomino begriff
ziemlich schnell, welche Distanz gemeint war. Von diesem Zeitpunkt an versuchte
er nicht ein einziges Mal mehr, sie zu unterlaufen. Damit wurde das Schütteln
des Stricks überflüssig, das Kopf- und Schweifschlagen hörte auf.
So einfach ist es sehr oft, wenn unsere Pferde erst einmal
verstanden haben, was wir von ihnen wollen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Leute
ich erlebt habe, die sich so darauf versteift hatten, eine bestimmte Technik
genau richtig zu machen, dass sie alles andere, einschließlich ihrer Pferde, aus
den Augen verloren. Das Traurige daran ist, dass es meist dieselben Leute sind,
die sich wirklich um eine echte Partnerschaft mit ihren Pferden bemühen.
Unglückseligerweise wird diese Beziehung oft immer schlechter, je verzweifelter
sie sich unter Zuhilfenahme von Techniken und Signalen darum bemühen.
Manchmal verschlimmern sich die Dinge sehr schnell, fast über Nacht,
das Pferd widersetzt sich plötzlich äußerst vehement der kleinsten Anforderung
des Reiters. Meistens aber geht die Beziehung so allmählich bergab, dass der
Pferdebesitzer es erst Wochen, Monate oder sogar Jahre nach den ersten Anzeichen
bemerkt. Selbst dann ist es gewöhnlich nichts wirklich Greifbares. Es ist mehr
so ein nagendes Gefühl, dass irgendetwas nicht richtig läuft zwischen ihm und
seinem Pferd. Ist das Gefühl erst einmal da, dauert es meist nicht mehr lange,
bis es so überwältigend wird, dass der- oder diejenige beginnt, nach Antworten
zu suchen.
Jo hatte über Jahre hinweg Unterricht genommen, hatte Spaß daran
gehabt und ihn – von einem technischen Standpunkt aus – nützlich gefunden.
Allmählich stellte sie aber fest, dass er verwirrend und widersprüchlich sein
konnte, besonders wenn sie von einer Disziplin zur anderen oder von einem
Ausbilder zu einem anderen wechselte. Die Dinge wurden nicht klarer, sondern sie
fand es zunehmend schwieriger auseinander zu halten, was für sie richtig sein
könnte und was nicht.
Etwa um diese Zeit besuchte Jo mit ihrem Pferd den ersten Kurs. Er
fand in der Nähe statt und wurde von einem Vertreter der Natural Horsemanship
abgehalten, von dem sie schon gehört, den sie aber noch nicht persönlich erlebt
hatte. Der Kurs öffnete ihr die Augen und veränderte die Art und Weise, wie sie
ihre Pferde betrachtete und wie sie mit ihnen arbeitete. Es ging ihr weniger
darum, sie in Wettbewerben vorzustellen, als vielmehr darum, mehr über das Pferd
an sich zu lernen und bei der Arbeit Techniken anzuwenden, welche die innere
Verfassung des Pferdes berücksichtigten.
Wieder zu Hause begann sie mit einigen der neu gelernten Techniken
zu experimentieren und erzielte sehr schnell sehr ansehnliche Ergebnisse. Sie
wendete die Techniken nicht nur bei ihren eigenen Pferden an, sondern auch bei
einigen, die ihr zur Ausbildung anvertraut wurden, ebenfalls mit sehr guten
Ergebnissen. Schließlich hatte sie das Gefühl, bei ihrer Suche nach dem
Puzzleteil, das ihr irgendwo, irgendwann verloren gegangen war, endlich auf dem
richtigen Weg zu sein.
Nach einiger Zeit bekam Jo Lust, mit all den Dingen, die sie
inzwischen gelernt hatte, ein Pferd ganz von Anfang an selbst auszubilden. Sie
fand ein hübsches, zehn Monate altes Quarter Horse-Stutfohlen namens Treasure
und kaufte es. Besondere Ziele verfolgte sie zu diesem Zeitpunkt damit nicht,
sie wollte die kleine Stute nur von Grund auf ausbilden. Es ging ihr um die
Entwicklung des jungen Pferdes. Sie wollte sich überraschen lassen, wohin der
Weg führen würde.
Jo hatte es nicht eilig und begann mit der Ausbildung in aller Ruhe.
Es kam ihr mehr darauf an, alles richtig zu machen, als darauf, irgendwelche
Geschwindigkeitsrekorde in der Ausbildung zu brechen. Sie ließ sich Zeit. Als
Jährling lernte die kleine Stute, sich führen zu lassen, die Hufe aufzuheben,
sie bearbeiten zu lassen und in den Hänger zu gehen. Sie wurde ausgesackt, mit
Planen, Decken, Säcken und dergleichen, und lernte einfache Bodenarbeit: über
Stangen gehen und keine Angst haben vor zufällig herumstehenden Objekten wie
Hindernisständern usw. Die nächsten zwei Jahre führte sie sie von der leichten
Bodenarbeit zur Arbeit im Roundpen, zum Satteln und schließlich Reiten. Als die
Stute drei Jahre alt war, arbeiteten sie an der Tempokontrolle in allen drei
Gangarten, an Übergängen, biegen, wenden, stoppen und rückwärtsrichten.
Alles war sehr gut verlaufen, aber es wurde Zeit, die nächste
Ausbildungsstufe in Angriff zu nehmen. Jo war nicht ganz sicher, wie sie
aussehen sollte. Sie beschloss, mit Treasure einen Kurs zu besuchen. Der
Trainer, zu dem sie anfangs gegangen war, gab immer noch die gleiche Art von
Kursen. Sie hatte das Gefühl, dass sie beide alles, was dort verlangt wurde,
bereits konnten. Also entschloss sie sich, zu einem anderen, nach ähnlichen
Prinzipien arbeitenden Trainer zu gehen.
Auf dem Kurs lief alles bestens. Jo hatte das Gefühl, dass sie
anfing, mit der Stute die Art von Verbundenheit herzustellen, die sie als Kind
Pferden gegenüber gefühlt hatte.
Als Treasure vier wurde, stellte Jo allmählich speziellere
Anforderungen. Immer noch lief alles ziemlich gut. Allerdings scheute Treasure
gelegentlich vor fremden Dingen und Geräuschen, was Jo ein bisschen beunruhigte.
Sie dachte, nach allem, was sie Treasure gezeigt und was sie mit ihr gemacht
hatte, müsste die Stute die meisten Dinge kennen und keine Angst mehr davor
haben.
Das war einer der Gründe, warum sich Jo, als die Stute fünf wurde,
doch etwas verloren vorkam. Sie suchte jemanden, der ihr über die gelegentlichen
Problemsituationen hinweghelfen konnte, und fing an, Kurse zu besuchen.
Eine der Philosophien, die sie dabei auflas, lautete, dass das Pferd
während der Ausbildung Verpflichtungen hatte und der Reiter sicherstellen
müsste, dass es diesen Verpflichtungen gerecht wurde. Die Kurse waren sehr
darauf ausgerichtet, bestimmte Ziele mit den Pferden zu erreichen. Langsam, ohne
es zu merken, veränderte sich Jos Fokus. Es ging ihr nicht mehr darum, ihr Pferd
und seine Sicht der Dinge zu verstehen, sondern darum, die nächste Stufe der
Leiter zu erklimmen.
Treasure reagierte auf Jos neue Art der Ausbildung mit gemischten
Gefühlen. Manchmal war sie wunderbar weich und sensibel, manchmal auch
widersetzlich und uninteressiert. Es kam vor, dass Treasure bei der Bodenarbeit
im Roundpen von Jo weg und über den Zaun sah. In solchen Fällen wirbelte Jo mit
dem Führstrick und ließ die Stute außen herumtraben. Das Wegschicken nahm
überhaupt einen großen Teil der Ausbildung ein, und Jo wurde richtig gut darin.
Sie schickte die Stute weg bei der Arbeit im Roundpen, sie schickte sie weg,
wenn sie sie rückwärtsrichtete. Sie schickte sie weg, damit sie vorwärts ging.
Sie ließ die Hinterhand weichen, indem sie sie von sich wegschickte. Dasselbe
mit der Vorhand. Sie schickte die Stute weg auf den Zirkel, und wenn sie nicht
schnell genug reagierte, machte sie ihr „Dampf“. Treasure fing an zu begreifen,
dass dieses Verhalten von Jo nur eines bedeuten konnte - dass sie sie nicht in
der Nähe haben wollte.
Obwohl sie anscheinend tatsächlich besser reagierte, begann sie mit
der Zeit Anzeichen von Frust und Desinteresse zu zeigen. Das war an vielen,
kleinen Dingen zu sehen, die für sich allein keine große Bedeutung hatten,
zusammengenommen aber die Geschichte erzählten, wie Treasure die Situation
wahrnahm.
Plötzlich war die Stute, die immer verfressen gewesen war, die
letzte von Jos fünf Pferden, die zur Futterzeit von der Koppel in den Stall kam.
Jo bemerkte, dass der Glanz aus den Augen der Stute zu verschwinden begann und
sie sich nicht mehr auf ihre gemeinsame Arbeit zu freuen schien. Wenn sie auf
der Koppel, im Roundpen oder wo auch immer die Stute aufforderte, bei ihr zu
bleiben, blieb sie zwar da, aber ohne diese Aufforderung ging sie immer weg und
drehte ihr den Rücken zu.
Die schwindende Begeisterung begann sich auch unter dem Sattel zu
zeigen. Manchmal war sie weich und reagierte auf jedes Signal, das Jo ihr gab.
Manchmal aber ging sie gegen das Gebiss oder reagierte nicht auf eine
Schenkelhilfe, so dass Jo schließlich lange Druck machen musste, bis sich die
gewünschte Reaktion einstellte.
Jo tat, was sie auf den Kursen gelernt hatte: Sie machte es Treasure
schwer, wenn sie etwas falsch machte. Unglücklicherweise war die Stute so
sensibel, dass sie Angst bekam, Fehler zu machen. Sie versuchte
herauszubekommen, wie sie die Konsequenzen, die Jo dafür bereithielt, vermeiden
konnte. Auch wenn sie oberflächlich gesehen meistens rittig zu sein schien,
konnte sie sich doch nicht mehr entspannen. Sie schien sich ständig in einer Art
Hab-Acht-Stellung zu befinden, um jederzeit und überall reagieren zu können.
Ohne es zu wollen und zu merken, hatte Jo der Stute ihre Fehler zu schwer
gemacht. Das Resultat war, dass die Stute eine Wand zwischen sich und Jo
aufbaute.
Seit ich am Morgen angekommen war, hatte es geregnet und war kalt
gewesen. Nachdem ich mit sechs Reitern und Pferden gearbeitet hatte, war ich
besonders dankbar für die gedeckte Reithalle. Trotzdem, ich stand jetzt seit
zehn Stunden in der Halle, das feuchtkalte Wetter machte mich langsam fertig.
Alle meine alten Knochenbrüche und Verletzungen begannen sich bemerkbar zu
machen. Ich konnte die altbekannte Verspannung zwischen meiner linken Halsseite
und dem Schulterblatt spüren, die in absehbarer Zeit zu einem schmerzhaften
Krampf führen würde. Ein paar Leute hatten der Kälte getrotzt und saßen immer
noch auf der Tribüne, aber in den letzten zwei Stunden hatte sich die
Zuschauermenge gelichtet.
Während ich einige Fragen der Zuschauer beantwortete, ließ die
Besitzerin das letzte Pferd des Tages, eine hübsche Quarter Horse-Stute, im
Roundpen frei. Sobald die Besitzerin hinausgegangen war und das Tor hinter sich
geschlossen hatte, lief die Stute auf die andere Seite und hängte den Kopf über
die Einzäunung. In diesem Augenblick begann es zu schütten. Das Prasseln des
Regens auf dem Blechdach machte eine Verständigung fast unmöglich. Nicht nur
das, es trug auch nicht gerade dazu bei, das nervöse Pferd im Roundpen zu
beruhigen.
Ich ging hinüber zu der Besitzerin. „Sie sind Jo, stimmt᾽s?“,
übertönte ich den lärmenden Regen. „Ja“, nickte sie. „Und Ihr Pferd heißt?“
„Treasure.“ „Okay, Jo“, sagte ich und rückte ein bisschen näher, damit ich nicht
zu schreien brauchte. „An was sollen wir heute arbeiten?“ „Ach“, sagte sie.
„Ehrlich gesagt ist Treasure schon ein bisschen weiter als die meisten anderen
Pferde hier.“ Sie machte eine Pause, während die Stute an uns vorbeiraste.
„Vielleicht könnte ich an ein paar fliegenden Galoppwechseln arbeiten.“ „Okay“,
nickte ich. „Wie ist sie bei der Bodenarbeit? Lässt sie sich gut führen? Ist sie
leicht zu fangen?“ „Das geht alles klar“, antwortete sie. „Wir haben sogar
ziemlich viel im Roundpen gearbeitet. Sie weicht sehr gut auf Druck und ist
leicht zu fangen.“ „Sie ist ein bisschen nervös, oder?“, kommentierte ich, als
die Stute wieder an uns vorbeilief. „Ich habe sie eine Weile nicht geritten. Sie
war seit Monaten nicht mehr von ihrem Stall weg.“ „Okay“, nickte ich wieder.
„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich zu ihr hineingehe und versuche, ob ich sie
ein bisschen beruhigen kann?“ „Nein“, sagte sie. „Machen Sie ruhig.“
Ich ging also in den Roundpen, stellte mich in die Mitte und
beobachtete die Stute, die um mich herumrannte. Ich muss noch einmal erwähnen,
dass das Wetter ungewöhnlich scheußlich war. Es war kalt, es regnete, und als
ich in den Roundpen ging, fing es auch noch an zu hageln. Trotzdem fand ich das
Verhalten der Stute einigermaßen seltsam. Ohne Frage war sie aufgrund des
Wetters und des Geprassels auf dem Blechdach sehr aufgeregt, aber es überraschte
mich, dass sie nicht nach Hilfe Ausschau hielt. Sie blieb an der Umzäunung und
lief Runde um Runde, auch als ich in die Mitte ging und sie einlud, zu mir
hereinzukommen. Sie drehte eine Runde, wechselte vom Trab zum Galopp, wieder
zurück zum Trab und drehte dann selbstständig um. Jedes Mal wenn sie auch nur
halbwegs in meine Richtung zu blicken schien, machte ich entweder einen Schritt
zurück oder verlagerte mein Gewicht nach hinten, um sie zu mir herzuziehen, aber
sie ging nicht darauf ein. Dazu war sie viel zu abgelenkt.
Ich fand, ich brauchte etwas, das ihr Interesse mehr auf das
konzentrierte, was innerhalb des Roundpen vorging als außerhalb. Ich ging zur
Umzäunung, als sie herankam, und hob meine Hand seitlich etwa bis Gürtelhöhe,
damit sie die Richtung wechselte. Was dann kam, verblüffte mich. Die Stute hielt
genau vor mir sehr plötzlich an. Sie absolvierte eine Reihe von Übungen mit
einer Geschwindigkeit, wie ich sie noch nicht erlebt hatte. In weniger als zehn
Sekunden wich die Stute mit der Vorhand, mit der Hinterhand, ging rückwärts und
zur Seite. Dann wich sie mit der Vorhand zur anderen Seite, aber schneller, wich
mit der Hinterhand, ging wieder seitwärts und machte noch ein paar Sachen, die
ich noch nie gesehen hatte, bevor sie schließlich still stand und mich
anstarrte. Ich ließ die Hand sinken und stand nur da, verblüfft von diesem
Erlebnis.
„Verflixt“, hörte ich mich selbst sagen.
Ich hob wieder die Hand, und wieder folgte eine Reihe schneller
Bewegungen der Stute, alle als Fragen gemeint, was zum Kuckuck meine erhobene
Hand bedeuten solle. Natürlich hatte ich sie nur umdrehen wollen, aber das war
das Einzige, was sie nicht probierte. Ich ließ die Hand sinken und beobachtete
sie, während sie mich anstarrte.
Ganz offensichtlich waren viel Zeit, Mühe und Nachdenken in die
Ausbildung dieses Pferdes investiert worden, denn die Stute „konnte“ sehr viel.
Was mich beunruhigte, war, wie ich sollte ich Jo eine Antwort geben?
In dem, was ich gerade gesehen hatte, war kein Gefühl. Es war nichts
als eine mechanische Reaktion nach der anderen. Für mich sah es so aus, als ob
die Stute das Gefühl hatte, nicht nur die Antwort finden, sondern diese Antwort
auch unbedingt richtig hinbekommen zu müssen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass
es für sie in Ordnung gewesen wäre, einfach anzuhalten, mich anzusehen und zu
sagen: Hey, Junge, ich habe keine Ahnung, was du von mir willst. Für sie war es
absolut inakzeptabel, mir zu verstehen zu geben, dass sie mich nicht verstand.
Es war nicht okay für sie, ihre Meinung zu äußern. Stattdessen sagte sie: Okay,
du hebst die Hand und ich weiß nicht, was das bedeuten soll. Ich darf aber nicht
etwas nicht wissen, hier hast du also alle Reaktionen, die ich bisher gelernt
habe und dazu drei oder vier Dinge, von denen ich selbst nicht genau weiß, was
sie sind. – Bitte sag mir, ob eines davon richtig ist!
Ich unterbreche hier, weil ich unterstreichen möchte, dass ich
keineswegs glaube, dass die Reaktionen der Stute irgendetwas damit zu tun
hatten, dass sie körperlich in irgendeiner Weise misshandelt wurde. Das würden
viele Leute vielleicht annehmen, aber das stimmte einfach nicht.
Meinem Gefühl nach sah ich ein überfrachtetes Pferd. – Zu viel an
Information war über die Jahre an die Stute herangebracht worden und das so,
dass sie sie nicht immer verstand.
Ich arbeitete mit Treasure noch ein bisschen, so ruhig ich nur
konnte, und fragte Jo dann, ob sie etwas dagegen hätte, sie zu satteln, damit
wir sehen könnten, wie sich die Dinge darstellten, wenn sie sie ritt.
„Aber gern“, war die Antwort, aber ihre Stimme klang ein ganz klein
wenig defensiv.
Jo kam in den Roundpen und brachte das Sattelpad mit. Ein paar Meter
vom Eingang blieb sie stehen und klopfte mit der Hand auf ihren Oberschenkel.
Treasure sah sie an, senkte unterwürfig den Kopf und wanderte auf sie zu. Das
erschien mir etwas seltsam. Es war nett, ein Pferd so gehorsam auf ein Kommando
reagieren zu sehen, aber mir fiel auf, dass die Stute die ganze Arbeit machte.
Offensichtlich wurde erwartet, dass sie ohne zu zögern quer durch den Roundpen
kam und sich aufstellte zum Satteln. Vermutlich keine unvernünftige Forderung.
Aber es setzte die Stute mit Sicherheit ganz gewaltig unter Druck, das Richtige
zu tun. Zwanzig Meter sind schließlich eine lange Strecke, wenn man sich nicht
ablenken lassen oder die gestellte Aufgabe aus den Augen verlieren darf,
besonders an einem kalten, regnerischen Tag wie heute. Mir schien, dass viel
Raum für Irrtümer von Seiten des Pferdes blieb. Und wenn es sich irrte – was
geschah dann?
„Was für eine Art von Beziehung haben Sie mit diesem Pferd im
Sinn?“, fragte ich, als Treasure etwa den halben Weg zurückgelegt hatte. „Ich
möchte eine Partnerschaft haben“, erwiderte sie. Kaum hatte sie die Augen von
der Stute abgewendet, als diese auch schon anhielt, umdrehte und in die andere
Richtung abwanderte. Jo richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Stute und
klopfte auf ihren Schenkel. Die Stute drehte um und kam wieder auf sie zu. „Wenn
Sie auf eine Partnerschaft abzielen – wieso tut dann die Stute die ganze
Arbeit?“, fragte ich. „Wie meinen Sie das?“, fragte Jo und wendete wieder ihre
Aufmerksamkeit vom Pferd ab. Treasure zögerte, drehte dann um und ging in die
andere Richtung. „Na ja, Sie wollen sie satteln, nicht?“ „Richtig“, sagte sie
und klopfte wieder auf ihren Schenkel. „Aber zuvor wollen Sie, dass sie quer
durch den Roundpen zu Ihnen herkommt?“ „Ist daran etwas verkehrt?“ „Nicht
unbedingt“, sagte ich. „Es scheint mir nur eine ziemlich einseitige
Partnerschaft zu sein.“ Die Stute kam auf Jo zu, aber diesmal ging ihr Jo den
halben Weg entgegen. Sie klopfte der Stute den Hals, zeigte ihr das Pad und
legte es ihr auf den Rücken. Dann ging sie zu ihrem Sattel, der über der
obersten Stange der Umzäunung hing, aber sofort drehte die Stute wieder um und
wanderte ab.
„Was soll ich machen, wenn sie einfach so weggeht?“, fragte sie mit
einer Spur von Frust in der Stimme. „Wir könnten ihr zum Beispiel ein Halfter
anziehen.“ „Aber warum sollte sie nicht stehen bleiben, wenn ich sie satteln
will? Ich mache das meistens so.“ Ich sagte, die Stute hätte offenbar
Schwierigkeiten mit dem Stillstehen, wegen des Wetters und überhaupt. Vielleicht
wäre es deshalb zumindest heute nicht schlecht, ihr ein bisschen zu helfen. Also
halfterten wir die Stute auf. Sie war bald gesattelt, Jo saß auf und ritt im
Roundpen herum.
Nach wenigen Minuten verlangte sie ein paar fortgeschrittene
Lektionen, die die Stute ohne zögern ausführte. Sie machte eine Vorhandwendung
und ging seitwärts. Darauf ging sie vorwärts, hielt, ging rückwärts, wendete um
die Vorhand und wiederholte die gesamte Abfolge ohne Stocken.
Ohne Frage zeigte Jo ein paar hübsche Lektionen mit der Stute. Aber
jede Bewegung wurde von einer Art Protest von Seiten der Stute begleitet. Fast
jeder ihrer Schritte war gefolgt von einem Kopfschütteln, einem Schweifschlagen,
angelegten Ohren oder einem allgemein unzufriedenen Ausdruck. Die Stute ging
steif und schien die Lektionen nicht wirklich bis zum Ende auszuführen. Kurz
gesagt machte sie, was sie sollte, aber sie schien es nicht besonders zu mögen.
Mir ging langsam auf, dass ich womöglich ein Problem hatte. Jo hatte
Treasure zum Kurs gebracht, weil sie Hilfe brauchte, aber ich war mir nicht ganz
sicher, ob sie das hören wollte, was ich zu sagen hatte, nachdem ich die beiden
zusammen beobachtet hatte.
„Sie sagten, Sie wollen eine Partnerschaft erreichen“, sagte ich,
als Jo neben mir anhielt. „Ja“, nickte sie. Die Stute tänzelte auf der Stelle.
„Auf was soll diese Partnerschaft beruhen?“, fragte ich und streichelte die
Stute zwischen den Augen. „Wie meinen Sie das?“ „Soll die Partnerschaft beruhen
auf Vertrauen, auf Mechanik, Dominanz ...?“ „Vertrauen“, unterbrach sie mich.
„Sie soll mir vertrauen.“ Das war die Antwort, auf die ich gehofft hatte, aber
ich war immer noch nicht sicher, dass dies es für Jo leichter machen würde,
meine Meinung zu akzeptieren. „Naja“, sagte ich zögernd. „Ich muss Ihnen ehrlich
sagen, was ich denke. Ich sehe eine Menge mechanischer Reaktionen der Stute ohne
viel Gefühl dahinter.“ „Was meinen Sie mit „mechanisch“?“, fragte sie.
Ich erklärte, dass die Stute allem Anschein nach nicht aus Vertrauen
reagierte, sondern weil sie auf die Reaktionen mehr oder weniger „programmiert“
worden war. Mit anderen Worten, sie war in solch einem Ausmaß gedrillt worden,
dass sie das Gefühl hatte, nur Perfektion wäre gut genug. Da so wenig Platz für
Fehler war, konzentrierte sich Treasure darauf, die Aufgabe perfekt zu lösen,
anstatt sich vertrauensvoll auf Jo zu konzentrieren. Auch Jos Signale waren
etwas mechanisch geworden. So ziemlich alles, was sie von dem Pferd verlangte,
drückte eine Art „Ich sage, du tust“- Haltung aus. Das war ganz unbeabsichtigt,
aber es war da.
Da die Stute auf ihre Aufgabe konzentriert war und mechanisch auf
mechanische Signale antwortete, schien sie unmöglich Vertrauen in Jo setzen zu
können, sobald es um etwas ging, das außerhalb des mechanischen Bereichs lag, in
dem sie arbeiteten. Da Treasure nicht vertrauen konnte, konnte sie sich auch in
Anwesenheit von Menschen nicht entspannen. Sie strahlte ein Gefühl der
Anspannung aus, weil sie nie wusste, wann ihr auf die eine oder andere Art eine
Aufgabe gestellt werden würde. Das Resultat war, dass Treasure nicht nur keine
Hilfe von mir erwartete, sondern dass sie auch Mühe hatte, sich unter dem Sattel
zu lösen.
Es war deutlich zu sehen, dass meine Erklärung Jo aus der Fassung
brachte. Ich wollte nicht, dass sie sich noch schlechter fühlte, als es ohnehin
schon der Fall war. Da sich das Problem sicher nicht durch noch mehr Technik
würde lösen lassen, ließ ich sie noch ein paar sehr einfache Übungen ausführen
und machte für heute Schluss. Ich wollte Jo Zeit geben, über die Situation
nachzudenken, und mir selbst, darüber nachzudenken, wie ich ihnen da durchhelfen
konnte. – Vorausgesetzt, Jo wollte am nächsten Tag überhaupt weiter mitmachen.
Am nächsten Morgen hatte es etwas aufgeklart, aber die Luft war
immer noch schwer und kündigte mehr Regen an. Während ich die Interstate entlang
zu meinem Kurs fuhr, fragte ich mich, ob ich Jo noch antreffen würde oder ob ich
sie am Abend zuvor so aus der Fassung gebracht hatte, dass sie zusammengepackt
hatte und nach Hause gefahren war.
Ich fuhr auf den Platz und freute mich, als ich Jo neben dem kleinen
Corral mit Treasure stehen sah. Sie sah meinen Wagen und kam sofort herüber. Ich
drehte die Zündung ab und stieg aus, aber Jo war schon neben mir, bevor ich auch
nur die Tür geschlossen hatte.
„Ich habe letzte Nacht nicht viel geschlafen“, sagte sie mit einem
etwas gezwungenen Lächeln. „Ich habe über das nachgedacht, was wir gestern
besprochen haben, nämlich dass Sie das Gefühl hatten, Treasure hätte kein
richtiges Vertrauen zu mir und dass sie ziemlich mechanisch wirkte.“ Sie machte
eine Pause. „Ich habe diese Stute als Absetzer gekauft. Alles an ihr, das Gute
wie das Schlechte, kommt von mir. Es macht Spaß, sich das Gute zuschreiben zu
können, aber nicht halb so viel Spaß, die Verantwortung für das Schlechte zu
übernehmen.“
Ich unterbrach sie und erklärte, sie solle nicht denken, dass sie
bei der Ausbildung etwas falsch gemacht hätte, nicht einmal die Art, wie die
Stute reagierte, war falsch. In Wirklichkeit gab es in ihrer Beziehung sehr viel
mehr Gutes als Schlechtes. Nur, wenn sie wirklich eine Partnerschaft mit ihrem
Pferd wollte, hatte sie das meiner Meinung nach möglicherweise so angefangen,
dass es dem Pferd schwer fiel, es ebenso zu sehen. „Ich weiß“, nickte sie. „Aber
ich möchte nicht, dass sie reagiert, weil sie denkt, sie hat keine andere Wahl.
Sie soll reagieren, weil sie es möchte, nicht weil sie denkt, sie muss.“ „Nichts
dagegen einzuwenden.“
„Ich glaube, ich habe nicht mehr daran gedacht, wie sie sich bei der
Sache fühlt“, fing sie an. „Ich war ziemlich zufrieden damit, dass ich ihr all
diese Lektionen beibringen konnte. Der Gedanke, dass sie sich innerlich von all
dem absetzen könnte, ist mir überhaupt nicht gekommen. So soll es auch nicht
sein für sie – und für mich auch nicht.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich
möchte alles nur Mögliche machen, damit ich es wieder hinkriege.“
Dieser eine Satz nahm mir eine Riesenlast von den Schultern. Wir
arbeiteten einen Plan für die nächsten drei Kurstage aus. Das Ziel bestand
hauptsächlich darin, Jo körperlich und seelisch ein wenig aufzulockern. Sehen
Sie, Jo hatte einen anspruchsvollen Job, in dem es täglich darauf ankam, dass
sie und ihr Personal sofortige Ergebnisse erzielten. Infolgedessen lief ihr
Motor die meiste Zeit auf Hochtouren, auch wenn sie nicht arbeitete. Immer unter
Strom zu stehen, war für ihre Position als Managerin einer Gesellschaft
vielleicht richtig, aber Treasure hatte nie viel von Geschäftsführung verstanden
und konnte sich höchstwahrscheinlich nicht vorstellen, warum sie es immer so
eilig hatten.
Meinem Gefühl nach war das der Kern des Problems. Treasure hatte nie
Zeit gehabt, die Dinge, die Jo von ihr verlangte, richtig zu durchdenken. Jo
hatte in anderen Kursen gelernt, dass sie, wenn Treasure nicht in einer
bestimmten Zeitspanne reagierte, so lange den Druck erhöhen musste, bis die
Reaktion erfolgte. Das ließ der Stute wenig Raum für Gedanken oder Irrtümer. Es
ließ auch Jo nicht die Zeit, die sie gebraucht hätte, um die Versuche, die
Treasure anbot, zu spüren. Jo setzte oft ein Signal genau auf einen Versuch, was
die Stute sehr verwirrte. Treasure wusste nie, wann sie etwas richtig machte.
Infolgedessen konnten ihre Reaktionen auch nicht konstant ausfallen. Das genau
war einer der Hauptgründe dafür, warum die Stute einmal weich und geschmeidig
ging und im nächsten Augenblick steif und widersetzlich wurde. Sie wusste
einfach nie, wann sie etwas richtig machte.
Jo lernte schnell. In wenigen Minuten hatte sie sich im Sattel schon
abgebremst und gab ihre Signale wesentlich sanfter. Treasure begann die Stunde
fast genauso angespannt wie am Vortag, aber da Jo auf die Reaktionen wartete,
statt sie zu erzwingen, schien sich die Stute ziemlich schnell zu beruhigen,
worauf ihre Reaktionen immer konstanter wurden. Tatsächlich führte Treasure nach
einer halben Stunde alles aus, was Jo am Vortag von ihr verlangt hatte, aber
ohne das Kopfschütteln, das Schweifschlagen, die Steifheit und
Widersetzlichkeit, die am Vortag zu sehen gewesen waren.
Die nächsten zwei Tage arbeitete Jo sehr hart daran, ihre Signale
noch konstanter zu geben und sie noch konstanter nachzulassen. Treasures
Antworten erfolgten immer schneller, ihre Versuche wurden immer größer und damit
offensichtlicher für Jo, was sie in die Lage versetzte, den Druck auch schneller
nachzulassen. Oft brauchte sie die Hilfe gar nicht mehr vollständig zu geben.
Sie brauchte das Signal nur anzudeuten, nicht wirklich auszuführen, und Treasure
zeigte die richtige Reaktion. Treasures Vertrauen zu Jo wuchs vor unseren Augen.
Am vierten Tag ritt Jo schon mit so konstant weichen Signalen, dass
die Stute fließend von einer Aufgabe zur nächsten glitt, ohne zu zögern oder zu
protestieren. Ihre Nervosität war verschwunden, ebenso wie das Gefühl der
Anspannung. Sie schien glücklich zu sein bei der Arbeit mit Jo im Roundpen.
Die Veränderung zwischen den beiden war so dramatisch, dass ich
ziemlich sicher war, dass sie über den Berg waren, was ihre Beziehung anbetraf.
Jo war ruhig und konstant und versuchte nicht mehr, die Stute zu Dingen zu
zwingen, die sie vielleicht nicht verstanden hatte. Sie war öfter bereit, auf
die Stute zu hören, und wartete eher ab, bis die Stute in einer schwierigen
Situation die richtige Entscheidung getroffen hatte, anstatt sie zu drängen.
Wenn Jo sich zu Hause nur auf diese wenigen Dinge konzentrieren würde, war ich
sicher, dass ihre Beziehung zu der Stute wachsen und gedeihen würde.
Was ich damals noch nicht wusste, war, dass während des gesamten
Kurses und mehr noch danach eine Wolke der Mutlosigkeit über Jo hing. Jo hatte
sich jahrelang bemüht, das richtige „Ding“ für sich und ihre Pferde zu finden.
Sie suchte nach der einen Technik, der einen Methode, die die Beziehung
zusammenbringen würde, sodass alles gut war. Stattdessen merkte sie allmählich,
dass Technik und Methoden sehr wenig mit dem Aufbau einer Beziehung zu tun
hatten. Dazu gehörte viel mehr. Nachdem ihr die Augen aufzugehen begannen, hatte
sie das Gefühl, die Stute im Stich gelassen zu haben.
In den Monaten nach dem Kurs hatte Jo das überwältigende Gefühl,
dass sie überhaupt nichts von Treasure verlangen durfte, wenn sie zusammen
arbeiteten. Sie fühlte sich schrecklich schuldig, nicht nur für das, was sie von
ihr verlangt hatte, sondern für die Art, wie sie es verlangt hatte. Die
Schuldgefühle fraßen sie auf, so dass sie jede Kleinigkeit, die sie tat oder
verlangte, hinterfragte. Sie machte sich solche Sorgen, dass sie wie gelähmt
war, wenn sie zusammen arbeiteten. Sie zweifelte an ihren Motiven, ihrer
Ehrlichkeit und ihren Zielen.
Auch wenn sie es damals noch nicht wusste, hatte Jo erreicht, was
sie sich in ihrer Beziehung zu der Stute gewünscht hatte. Da sie ihre
Zuverlässigkeit bewiesen hatte, begann Treasure Unterstützung und Führung von
ihr zu erwarten und war bereit, ihr überallhin zu folgen. Aber wenn ein Pferd
Unterstützung und Anweisung erwartet, ist das nicht unbedingt die beste Zeit,
sich innerlich in langwierigen Debatten zu ergehen, was man wie als Nächstes tun
oder lassen sollte.
Was Jo nicht wusste, war, dass die geistige Blockade, die sie gerade
erlebte, darauf zurückzuführen war, dass sie die Antworten nicht in sich selbst
suchte. – Sie verließ sich unbewusst immer noch auf Technik. Der Unterschied
war, dass sie nicht mehr versuchte, ein Ziel möglichst schnell zu erreichen, wie
sie es vor dem Kurs getan hatte, sondern stattdessen darüber nachgrübelte, wie
weich „weich“ war. Aber sie brachte kein „Gefühl“ ein in diese Frage.
Die Stimme am Telefon klang ganz fröhlich, aber irgendetwas stimmte
nicht, keine Frage. „Schön von dir zu hören, Jo“, sagte ich. „Wie geht᾽s?“ „Ganz
gut“, kam die halbherzige Antwort. „Aber ich habe das Gefühl, ich stecke mit
Treasure wieder fest.“ Jo erklärte, was zwischen ihnen beiden vorging, wie sie
sich und ihre Motive anzweifelte und sich nicht getraute, etwas von der Stute zu
verlangen. Sie hatte langsam das Gefühl, sich in einer Abwärtsspirale zu
befinden, und machte sich Sorgen, dass sie nicht mehr herausfinden könnte. Jos
Sorgen kamen aus tiefster Seele, aber irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen,
dass es so schlecht stand, wie Jo dachte. Schließlich hatte das, was sie mir
erzählte, wenig mit ihrem Pferd oder dessen Verhalten zu tun. Das meiste, was
sie sagte, drehte sich um ihre Unfähigkeit zu fühlen, was zwischen ihnen beiden
vorging. Sie machte sich solche Sorgen darum, was sie tun sollte und wie sie es
tun sollte, dass sie den wichtigsten Teil des Puzzles nicht sah.
„Ich glaube, wir dürfen hier nicht vergessen, dass deine Beziehung
zu deinem Pferd vom Herzen kommt, nicht von den Händen“, sagte ich. „Wie du es
darstellst, ist Treasure bereits da. Sie wird schon auf dich warten, wenn du es
gefunden hast.“ Ich unterstrich, dass sie nicht so hart mit sich selbst sein
dürfe, dass sie versuchen solle, sich nicht solche Sorgen darum zu machen, Ziele
zu erreichen und „Dinge“ zu tun, sondern einfach ihre Zeit gemeinsam mit dem
Pferd genießen solle. Wenn sie beide sich zusammen wohl fühlten, würden sich die
Ziele und „Dinge“ von selbst verwirklichen.
Es vergingen Monate, bevor ich wieder von Jo hörte, und zwar in Form
eines Briefes. Sie schrieb von den letzten Trailritten, die sie und Treasure
unternommen hatten. Zu Anfang schrieb sie, dass sie aufgehört habe, „Dinge“ von
der Stute zu verlangen, und anfing, einfach Treasures Gesellschaft zu genießen.
Sie erwähnte, dass Treasure bei einem ihrer Ritte anfangs sehr nervös gewesen
war, zum Schluss aber ganz weich und ruhig geworden sei. Nach einigen weiteren
Ritten verging die Nervosität vollständig, aber mit der Zeit wurde Treasure
manchmal ängstlich. Jo zwang sie nicht mehr, wie sie es früher getan hatte, ihre
Ängstlichkeit zu beherrschen, sondern gab ihr Gelegenheit, ihre Meinung zu
äußern. Sie durfte sich bewegen, wenn ihr danach zu Mute war, aber Jo vertrat
auch ihren eigenen Standpunkt und führte sie sanft, aber bestimmt in
Schlangenlinien oder Achterfiguren um die nächsten Bäume und Büsche. Jo sagte
auch, dass Treasure immer weich in der Hand blieb, auch wenn sie Angst hatte,
und nie versuchte, wegzulaufen oder nicht mitzumachen. Jedes Mal hatte sich die
Stute nach wenigen Minuten beruhigt und sogar halten und ruhig stehen können,
wenn Jo es von ihr verlangte. Jo schrieb, wie ihre Beziehung zu Treasure wieder
aufzublühen begonnen habe und dass sie in den letzten Wochen ein paar der besten
Ritte zusammen erlebt hätten, seit sie die Stute vor vier Jahren angeritten
hätte.
Während ich las, konnte ich nicht anders als mich zu fragen, ob Jo
endlich aufgehört hatte, sich auf Techniken zu verlassen.
Die letzten Absätze beantworteten meine Frage. Dinge, die ich von
meinen Pferden gewohnt war, wie fliegende Galoppwechsel und kurze
Galopp-Trab-Galopp-Übergänge... diese Dinge sehe ich jetzt als Geschenk an. Ein
Geschenk, das mir in diesem Augenblick von meinem Pferd aus freiem Willen
gemacht wird. Ich bin ganz sicher, es gibt eine Verbindung zwischen dem, was ich
meinem Pferd geben, und dem, was das Pferd mir zurückgeben kann. Dinge wie
Technik, Mechanik und Ziele dürfen niemals die Geschenke von Seiten des Pferdes
gefährden. Wenn wir versuchen, diese Geschenke „auf Befehl“ zu erhalten oder sie
uns zu nehmen, können wir Probleme bekommen. Man kann um ein Geschenk bitten,
aber man kann es sich nicht einfach nehmen. Wenn man zu viele Geschenke annimmt
und dem Pferd nicht genug zurückgibt, besteht die Gefahr, dass das Pferd seine
Versuche einstellt und die Beziehung zwischen Reiter und Pferd sich
verschlechtert. Ich glaube deshalb, dass diese Geschenke einem Kreislauffolgen
müssen. Ich gebe dem Pferd, damit das Pferd mir geben kann, und so geht es immer
weiter. Und Geben macht so viel Freude.
Insgesamt habe ich das Gefühl, dass ich dabei bin, die Verbindung,
die ich als Kind zu Pferden hatte, wieder zu entdecken. Damals saß ich einfach
drauf und „wusste“ überhaupt nichts. Nicht dass ich damals nicht ziemlich
herumgefummelt hätte, aber irgendwie kam immer das Richtige heraus. Das Wunder
und die reine Wonne, auf einem Pferd zu sitzen oder nur in seiner Nähe zu sein.
Und natürlich der wunderbare Geruch!
Ich glaube, damals bin ich mit dem Herzen geritten, nicht mit dem
Kopf. So ziemlich alles basierte auf Gefühl, denn das war alles, was ich hatte.
Wenn ich zu übermütig wurde, „erin-
nerte“ mich das Pferd daran, das Gefühl nicht zu vergessen.
Irgendwie ist mir das verloren gegangen. Nicht ganz, das nicht, aber zum Teil
habe ich es verloren. Ich nehme an, das ist es, was ich zurückzubekommen
versuche.
Ich habe immer dazu geneigt, meine Errungenschaften gering zu
schätzen oder sie total aus den Augen zu verlieren. Stattdessen konzentriere ich
mich voll und ganz auf die Dinge, die ich noch lernen muss, oder auf die
„Probleme“. Das bringt mich und mein Pferd unter sehr viel Stress. Man verfällt
so leicht in die Gewohnheit, an dem Pferd herumzunörgeln und „Probleme zu lösen“
– auf Fehler zu warten und sie dann ausmerzen zu wollen. Ich glaube, ich habe
manchmal unbewusst und ungewollt meine Pferde (im kleinen Maßstab) dazu
verführt, Fehler zu machen, damit ich daran arbeiten konnte, sie zu korrigieren.
Das Pferd testen – sehen, wo es steht, und feststellen, welche Löcher gestopft
werden müssen.
Heute weiß ich, dass es viel besser gewesen wäre, alle die
wunderbaren Dinge anzuerkennen, die mein Pferd und ich vollbrachten, und sich
weniger auf das zu konzentrieren, was wir nicht taten oder von dem ich annahm,
dass es noch verbessert werden müsste.
Ich will damit nicht sagen, dass es falsch ist, sich Ziele zu
setzen. Sie können die Richtung angeben und den Zweck. Aber wenn man allzu sehr
auf ein Ziel fixiert ist, kann man leicht den Augenblick aus den Augen
verlieren. Man sieht nur noch das Ziel und hat nichts mehr vom Weg. Das ist das
Problem, wie ich es sehe.
Mir wird langsam klar, dass man niemals „ankommt“. Dies ist wirklich
eine Reise ohne festes Ziel. Es ist ein unendlicher Prozess. Alles Wichtige
geschieht „auf dem Weg“, nicht „wenn du dort ankommst“, denn es gibt kein
„dort“! Ich habe schrecklich lang dazu gebraucht, das zu begreifen.“
Und diese paar Absätze zeigten mir, dass Jo den Schlüssel gefunden
hatte, der die Tür aufschließt.
Wir verbeißen uns oft derartig in ein bestimmtes Ziel oder verlassen
uns so sehr auf eine Technik oder Methode, dass ein Teil von uns – der Teil, der
uns für das Pferd vertrauenswürdig macht – nicht mehr zu erkennen ist. Wir
können das Pferd nicht zwingen, uns zu vertrauen. So herum funktioniert es
nicht. Vertrauen ist etwas, das man sich verdienen muss. Meine Erfahrung hat mir
aber gezeigt, dass alle Ziele so viel einfacher zu erreichen sind, sobald dieses
Vertrauen erst einmal besteht. Schließlich und endlich haben wir nur uns und
unsere Pferde. Daran ändert keine Technik, kein Hilfsmittel, kein Lederzeug
etwas. Aber im Grunde genommen sollte es das auch nicht, finde ich.