Eine Jugendseite – auch für Erwachsene:

365 Tage im Jahr

 

VON GILA-SILVANA WOHLMANN

 

Das Schönste für mich ist, wenn ich am Morgen in meinen kleinen Pferdestall gehe und das freudige Wiehern meiner Vierbeiner höre. Es ist für mich ein Zeichen, dass alles in Ordnung ist. Jeden Abend, wenn ich das letzte Mal in den Stall schaue, hoffe ich, dass keines meiner Pferde über Nacht vielleicht eine Kolik bekommt, sich verlegt und nicht mehr aufstehen kann oder irgendetwas anderes passiert.

Viele werden jetzt meinen, ich sei überbesorgt. Vielleicht haben sie ja recht. Aber ist es so falsch, Sorge um seine Tiere zu haben? Ich denke nicht. Wer sich ein Tier anschafft, egal ob Pferd, Hund oder kleiner Hamster, der übernimmt Verantwortung – Verantwortung, die sich vom ersten Tag an, an dem man das Tier sein Eigen nennen darf, bis zum Lebensende – oder auch bis zum Verkauf – erstreckt, weil man Züchter ist oder vielleicht berufliche, finanzielle oder private Gründe diesen Schritt erfordern. Dann sollte man genau überlegen, an wen man sein Pferd weitergibt.

Viele meiner Reitschüler äußern immer wieder den Wunsch, ein eigenes Pferd zu haben, und sagen: „Du hast es gut, du hast gleich mehrere eigene Pferde.“ Ja, ich habe es gut, sie bestimmen meinen Tagesablauf, nach ihnen regelt sich mein Leben, sie machen Freude – 365 Tage im Jahr. Aber sie machen genauso Arbeit – 365 Tage im Jahr – egal ob es hagelt, schneit oder die Sonne herunterbrennt. Während die einen im Bad sich vergnügen, fahre ich mit der Scheibtruhe mit Pferdemist. Lästige Bremsen attackieren dabei mit Beharrlichkeit meine Beine. Während die anderen Schifahren, stapfe ich mit der Scheibtruhe durch den tiefen Schnee. Ob ich wohl noch alle Finger und Zehen habe? Sie sind so kalt, ich spüre sie trotz wärmender Kleidung nicht mehr. Während die einen bei Minusgraden Außentemperatur, gemütlich eingewickelt in eine Tuchent auf der Couch vor dem Fernseher sitzen, warte ich, in eine alte Pferdecke eingewickelt, seit Stunden auf den Tierarzt. Bei einer Pferdetränke ist das Ventil eingefroren. Na, so kann ich mir wenigstens die Zeit bis zum Eintreffen des Tierarztes vertreiben. Eine Einladung zum Kinobesuch muss ich absagen… Ich „kreise“ bereits seit einer halben Stunde ums Stallgebäude und warte – na, auf wen sonst – auf den Tierarzt. Der schnelle Wetterwechsel scheint unserem Wallach nicht gut bekommen zu sein, erste Koliksymptome machen sich bemerkbar. Ich spritze zum Kreislaufanregen bereits zum fünften Mal die Beine ab und sehe nervös auf die Uhr. Wo bleibt er denn nur, der Tierarzt? Minuten erscheinen wie Stunden. Im Hintergrund immer die Panik, vielleicht noch – es ist natürlich Wochenende – zu mittlerweile später Stunde in die Tierklinik fahren zu müssen und vielleicht mich seelisch und auch finanziell auf eine lebensrettende Kolikoperation vorbereiten zu müssen.

Während die einen ins Nagelstudio gehen, striegle ich von der Gatschkoppel „einbetonierte“ Vierbeiner – in  dem Wissen, dass sie beim nächsten Koppelgang genauso aussehen – und ich nach dem Striegeln auch nicht viel besser. Meine schmutzigen Nägel wollen am Abend trotz Handbürste und scharfer Seife nicht wirklich „bürofit“ werden.

Am Abend nach dem Gatschkoppelgang beim Hufauskratzen merke ich, dass sich ein Hufeisen vom Bein meines Pferdes verabschiedet hat. Eigentlich wollte ich ja im TV „Die Suche nach dem verlorenen Schatz“ sehen. „Egal, suche ich doch lieber selber etwas“, denke ich mir und stapfe mit Gummistiefeln, Regenmantel und einer Taschenlampe – es ist ja mittlerweile finster geworden – hinaus auf die Suche nach dem verlorenen Hufeisen…

Viele Leser werden jetzt denken – na, das ist ja wohl nichts Besonderes – das machen wir ja auch genauso. So ist es und das ist gut so: Es sollte für uns Pferdeliebhaber – egal ob Freizeit-, Wander-, Turnierreiter, Züchter oder Pensionspferdestallbesitzer – einfach selbstverständlich sein, sich um unsere Pferde zu kümmern.

Leider ist dies noch immer nicht für alle Tierhalter so. Traurige Realität am 16. Juli, eine finstere Scheune in Waltersdorf im Bezirk Mistelbach (Niederösterreich): Ein Pferd wird darin liegend aufgefunden, nur noch Haut und Knochen – ein Schatten seiner selbst – verwahrlost, die Hufe – wie unfassbar! Sie biegen sich wie ein Schnabelschuh nach oben und sind rund 50 Zentimeter zu lang. Kaum zu glauben, aber wahr. Das Pferd ist so schwach, dass es sich kaum auf den Beinen halten kann, weit über 150 Kilo zu leicht!!!

Es handelt sich um die erst sechsjährige Trakehnerstute Shadow. Der Amtstierarzt beschlagnahmt das Tier. Welch Glück! Der erste Schritt in ein besseres Leben für das Tier ist getan. Sie wird an einen neuen, besseren Platz für Pferde gebracht. Liebevolle Helfer und ein Tierärzte-Expertenteam kümmern sich nun um Shadow. Ein Hufschmied korrigiert ihre Hufe, nachdem diese mehrere Jahre vernachlässigt worden sind. Die Hufe müssen sogar im Liegen geschnitten werden. Mit Erfolg! – Shadow kann wieder halbwegs normal stehen. Auch darf sie wieder Kontakt zu anderen Pferden genießen, denn zuletzt musste sie – wir schlimm für ein Herdentier – alleine leben.

Ein Röntgen zeigt dann leider, dass durch die lange Fehlstellung ihre Hufbeine Verformungen haben. Dennoch: Die Helfer setzen alles daran, sie aufzupäppeln: Sie bekommt nur ausgewählte Schonkost, sogar ein Teich soll angelegt werden, wo sie ihre schwache Muskulatur trainieren soll.

Doch wenige Tage später – die große Ernüchterung für die Retter: Shadow hat aufgund einer akuten Muskelentzündung größte Schmerzen und ist zu schwach, um aufzustehen. Wie traurig: Shadow muss eingeschläfert werden. Doch dies war bestimmt der beste Schritt für das Tier.

Die Pferdebesitzer, ein Paar, wurden angezeigt, sie sollen früher sogar vier Pferde besessen haben. Die Höchststrafe, die – neben einem Tierhalteverbot – gegen sie maximal verhängt werden kann, ist ein Jahr.

Wut, Ohnmacht, Zorn, vielleicht auch Hass empfindet nun wohl jeder Tierfreund, der so etwas erfährt. Viele Fragen bleiben offen. Wieso haben die Pferdebesitzer sich einfach nicht mehr um Shadow gekümmert? Kein Geld? Private Schwierigkeiten? Überforderung oder einfach keine Lust? Was haben die Besitzer wohl gemacht, während Shadow so sehr hungern musste? Saßen sie vor dem TV und aßen gemütlich ihr Abendbrot? Kauften Sie sich vielleicht seelenruhig Schuhe, während Shadow sich vor Schmerzen aufgrund ihrer verformten Hufe  nicht mehr auf den Beinen halten konnte? Haben sie gemütlich ein Bad genossen, während die Stute in ihrem eigenem Kot ein unfassbares Dasein fristen musste? Haben die Besitzer komplett vergessen, warum sie sich vielleicht Pferde anschafften? Aus Liebe zu den edlen Vierbeinern? Weil sie sich an der Schönheit dieser Tiere erfreuten? Weil auch sie ein Pferd zum Freund haben wollten? Doch geht man so mit Freunden um?

Was auch immer zu dieser Tragödie geführt hat, es gibt keine Entschuldigung, ein wehrloses Tier solchen Qualen auszusetzen. Es gilt größter Dank allen engagierten Helfern, Spendern und Gönnern, die gut machen wollten, was diese beiden Menschen verabsäumt haben.

Daher: Scheut euch nicht, mit offenen Augen unterwegs zu sein und Missstände der Polizei oder dem Amtstierarzt zu melden – und denkt dabei daran, wie viele Pferde jeden Tag so viele Menschen glücklich machen – vom erfolgreichen Turnierreiter bis zum Mensch mit besonderen Bedürfnissen, der auf einem Therapiepferd sitzen darf. Seit über 2000 Jahren stehen uns Pferde – beginnend vom Nahrungsmittel über den Kriegsdienst, als harte Arbeiter im Bergwerk oder vor elektrischen Eisenbahnen, in der Landwirtschaft oder in der Freizeit und im Sport zu unseren Diensten. Wir stehen zutiefst in ihrer Schuld.

 

Liebe Kinder, Jugendliche und andere Pferdenarren, Grund meiner eher nachdenklichen Zeilen war:  Ein Pferd zu haben, will bestens überlegt sein. Es bedarf viel Zeit, Geld, Verantwortung, Zuwendung und Engagement – 365 Tage im Jahr – ohne nur eine Ausnahme! Ein Pferd zu haben, kann für euch das Paradies auf Erden sein, aber versucht auch immer, dem Pferd die Erde zum Paradies zu machen. Das hat jeder einzelne Vierbeiner – unabhängig von Rasse, Alter, Aussehen und Ausbildungsstand – verdient,

meint eure Gila, Pferdesamariter (FENA).