Wissen rund ums Pferd - Rashid
Wird es funktionieren? Oder: Warum wir heute keine Probleme haben! Teil 2
Im Verlauf der nächsten Monate und Jahre entstand dieses Gefühl von Vertrauen
und Zuversicht zwischen uns und unseren Pferden, das wir angestrebt hatten. Dazu
trugen verschiedene Faktoren bei. Der erste war, dass wir bereit waren, uns für
unsere Pferde einzusetzen, wenn es nötig war. Wenn ein Gast grob mit den Zügeln
umging, bremsten wir ihn sofort. Das machte den Gast nicht immer sehr glücklich,
aber das Pferd wusste es zu schätzen.
Der zweite Faktor war, dass wir den Pferden ein Mitspracherecht einräumten und
versuchten, ihnen zuzuhören. Es kam einige Male vor, dass Pferde uns zu
verstehen gaben, dass sie nicht gern geritten werden wollten, weil sie einen
Satteldruck hatten oder sich nicht wohl fühlten. Wenn ein Pferd anfing, sich
„anders" zu verhalten, nahmen wir es aus der Arbeit, ließen es vom Tierarzt,
Chiropraktiker oder Schmied untersuchen, beseitigten das Problem und ließen es
wieder weiterarbeiten. Und jedesmal verbesserten sich Leistung und Einstellung
des Pferdes danach deutlich.
Die Pferde durften auch in anderen Situationen ihre Meinung äußern. Wir hatten
schon einige Wochen Saison gehabt, als zum Beispiel eine unserer Stuten ohne
ersichtlichen Grund auf dem Trau stehen blieb, umdrehte und nach Hause wollte.
Unser erster Gedanke war, dass etwas körperlich nicht in Ordnung war. Sie wurde
gründlich untersucht, aber es wurde nichts festgestellt und so ließen wir sie
wieder mitgehen. Wieder wollte sie nach Hause, und wieder ließen wir sie
untersuchen. Nachdem auch die zweite Untersuchung ohne Ergebnis blieb,
entschieden wir, dass sie uns zu sagen versuchte, dass sie einfach nach Hause
wollte.
Das beste Heilmittel, so schien es uns, war, ihr ihren Willen zu lassen und ihr
dann zu zeigen, dass ihre Idee doch nicht die beste Option war. Anstatt auf dem
Trau mit ihr zu kämpfen, ließen wir sie das nächste Mal unter einem Wrangler
gehen, der Anweisung hatte, sie im Lope zurückzubringen, wenn sie wieder
umzudrehen versuchte. Zurück auf dem Hof sollte er mit der Stute in die Reitbahn
gehen und sie etwa zehn Minuten erst auf der einen Hand, dann auf der anderen
Hand im Lope arbeiten. Danach sollte er im Schritt zurück auf den Trau reiten,
und wenn sie wieder umdrehen wollte, sollte er das Ganze wiederholen.
Beim nächsten Mal arbeitete der Wrangler die Stute auf diese Weise eine ganze
Weile. Die Pferde, mit denen sie ursprünglich hinausgegangen war, waren sogar
schon wieder im Stall, und sie arbeitete immer noch. Kurz nachdem sie
zurückkamen, ging ihr plötzlich auf, dass sie viel mehr arbeitete, als nötig
gewesen wäre. Der Wrangler ritt sie wieder auf den Trau und über den Punkt
hinaus, an dem sie ursprünglich kehrtgemacht hatte, saß dann ab und führte sie
im Schritt zurück. Selbst in einer Situation wie dieser behandelten wir sie mit
Respekt und der Würde, die sie verdiente. Sie hat auf dem Trau nie wieder
umgedreht.
Der dritte Faktor, der in meinen Augen dazu beitrug, die gewünschte Atmosphäre
zu schaffen, war, dass wir den Pferden klar machten, dass es Grenzen gab. Wir
waren bereit, im Zweifelsfall zu ihren Gunsten zu entscheiden, zuzuhören, was
sie zu sagen hatten, und sie mit dem gebührenden Respekt zu behandeln, aber wir
erwarteten
das Gleiche auch von ihnen. Wir machten ihnen klar, dass sie sich zu benehmen
hatten, auf den Trails, in der Reitbahn und überhaupt immer, wenn Menschen mit
ihnen umgingen. Sicherheit hatte immer noch Vorrang, und die Sicherheit war am
besten gewährleistet, wenn die Pferde die Grundregeln verinnerlicht hatten.
Im Prinzip sahen diese Grundregeln so aus: Wenn sie geführt wurden, durften sie
niemand anrempeln oder umrennen. Sie durften weder im Stall noch beim Satteln
nach Menschen oder anderen Pferden schlagen. Sie hatten ruhig zu stehen, wenn
sie aufgehalftert, aufgezäumt oder gesattelt wurden und durften weder auf dem
Trau noch in der Reitbahn, wenn sie Lektionen ausführten, nach anderen Pferden
ausschlagen. Außerdem hatten sie die Strecke vom Anbindebalken zum Stall, wenn
sie gefüttert oder abgesattelt wurden, im Schritt zurückzulegen.
Es stellte sich schnell heraus, dass es ziemlich einfach und sehr effektiv war,
diese Regeln ohne Gewaltanwendung, mit leisem Nachdruck, durchzusetzen. Wenn ein
Pferd Anstalten machte, jemanden umzurennen, wurde es zum Ausgangspunkt
zurückgebracht und dort angebunden. Es kam nicht oft vor, aber wenn, dann meist
am Ende des Tages auf dem Weg in den Stall. Das Pferd, das es so eilig gehabt
hatte, den Sattel loszuwerden, stand schließlich als Letztes immer noch
gesattelt da. Am nächsten Tag marschierte das Pferd meist sehr manierlich zum
Stall zurück.
Wenn ein Pferd im Stall zu schlagen drohte, holte der Wrangler es heraus, sodass
es nicht zu Ende fressen konnte. Das Schlagen hörte in der Regel sehr schnell
auf. Pferde, die beim Satteln nicht still standen, wurden draußen angebunden,
bis die ganze Herde gefressen hatte und gesattelt war. Erst dann wurden auch sie
gesattelt.
Wenn ein Pferd auf dem Trau oder in der Reitbahn anfing auszuschlagen, ließen
wir es zuerst vom Tierarzt,
Chiropraktiker und Schmied untersuchen, um sicherzugehen, dass es körperlich in
der Lage war zu arbeiten. Lag ein Problem vor - was in neun von zehn Fällen
zutraf-, wurde daran gearbeitet. Wenn es nichts mit Rückenproblemen zu tun
hatte, suchten wir nach anderen Gründen, so zum Beispiel, dass das Pferd hinter
ihnen auf der Weide ihr schlimmster Feind war. In den meisten Fällen genügte es,
die Reihenfolge, in der die Pferde gingen, zu ändern, um das Problem zu
beseitigen.
Eines der interessantesten Dinge, die wir unseren Pferden beibrachten, war, zur
Mittagszeit allein in den Stall zurückzugehen. Nachdem sie dies begriffen
hatten, machten wir es am Ende des Tages, wenn die Pferde abgesattelt wurden,
genauso. Diese Idee kam uns, kurz nachdem ich meine Stelle angetreten hatte. Die
Pferde wurden dreimal am Tag gefüttert: morgens im Stall, mittags im Stall und
am Ende des Tages auf der Koppel. Die zwei Rationen im Stall bestanden aus einem
Getreide ähnlichen Ergänzungsfutter, auf der Koppel wurde Heu vorgelegt.
Zu Anfang führten wir jeweils zwei Pferde vom Anbindebalken ca. zwanzig Meter
bis in den Stall. Das war sehr zeitaufwändig und erforderte fast die gesamte
Mannschaft. Nach ein oder zwei Jahren hatte einer der Wrangler die Idee, die
Pferde allein vom Balken in den Stall gehen zu lassen. Auf diese Weise würden
wir zum Füttern nur noch zwei Leute brauchen, einen, der sie losband, und einen,
der sie am Stall in Empfang nahm und in einen Fressstand führte.
Das Problem bestand darin, die Pferde dazu zu bringen, dass sie allein gingen,
im Schritt. Um Mittag hatten die Pferde nicht nur Hunger, sie wussten auch, dass
Kraftfutter auf sie wartete, was ihren Stalldrang nur noch steigerte. Warum
sollten sie Schritt gehen, wenn keiner da war, der sie bremsen konnte? Wir
wollten nicht nur etwas von ihnen, was sie noch nie getan hatten, wir wollten
auch, dass sie den natürlichen Drang, so schnell wie möglich an ihr Futter zu
kommen, unterdrückten.
Wir dachten eine Weile darüber nach und kamen auf eine Idee. Wenn wir unser Ziel
- die Pferde beim Lernen zu unterstützen, anstatt bestimmte Dinge einfach von
ihnen zu verlangen - nicht aufgeben wollten, mussten wir ihnen zeigen, was wir
von ihnen erwarteten. Als wir also anfingen, der Herde den Vorgang klar zu
machen, bestand der Plan darin, die ersten drei oder vier Pferde wie gewohnt zum
Stall zu führen. Dann würden wir ein Pferd nach dem anderen losbinden. Jedes
Pferd, das im Schritt zum Stall ging, durfte hinein und bekam seine
Mittagsmahlzeit. Jedes Pferd, das sich schneller als im Schritt bewegte, wurde
am Stalleingang abgefangen und draußen angebunden. Das war die einzige
Abschreckung, die wir zu benutzen gedachten.
Nach den ersten drei oder vier Pferden, die geführt wurden, trabten oder
galoppierten die nächsten paar alle zum Stall, wurden abgefangen und angebunden.
Das nächste Pferd war ein alter Wallach, der nie irgendwohin rannte und sich
auch Zeit ließ, in den Stall zu kommen. Er durfte hinein. Das nächste Pferd
trabte und wurde angebunden. Das Pferd danach hatte aufgepasst, ging im Schritt
zum Stall und wurde hineingelassen. Von den etwa fünfzig Pferden, die wir an
jenem ersten Tag los ließen, schaffte es nur ungefähr ein Drittel in den Stall.
Am Tag danach waren es etwas über die Hälfte und am fünften Tag gingen fast alle
im Schritt in den Stall. In weniger als einer Woche hatten alle fünfzig das
System begriffen und wussten, dass sie nur an ihr Futter kamen, wenn sie sich
benahmen.
Das Spannende daran war weniger, dass wir unser Ziel ohne jede
High-Tech-Trainingstechnik und ohne Anwendung von körperlicher Gewalt in so
kurzer Zeit erreicht hatten. Nein, das Interessanteste war für mich, dass die
Pferde, die wegen ihrer Eile angebunden wurden, ganz offensichtlich sehr genau
beobachteten, was mit den anderen geschah. Sie sahen, dass manche hinein durften
und andere nicht. Innerhalb kurzer Zeit hatten sie sich alle ausgerechnet, was
sie tun mussten, um unter denen zu sein, die hinein durften. Sie waren selbst
darauf gekommen und hatten dann einen Entschluss gefasst, was auf Dauer das
Beste für sie war. So hatten sie ohne große Einmischung unsererseits gut von
schlecht unterscheiden gelernt.
Wenn ich das, was wir mit unseren Pferden machten, in Worte fassen wollte, würde
ich vermutlich sagen, dass wir einfach versuchten, einen Weg zu finden, mit
unseren Pferden auszukommen, ohne sie ständig herumkommandieren und hart
anfassen zu müssen. Wir wollten eine Partnerschaft erreichen, nicht nur zwischen
uns und unseren Pferden, sondern auch zwischen unseren Pferden und jedem Gast,
der zufällig im Sattel saß. Das war ein hoch gestecktes Ziel, aber ich denke,
wir sind ihm so nahe gekommen, wie es nur möglich ist.
Am Ende hatten wir unser Ziel erreicht: Unsere Pferde waren rittig und
arbeiteten tagein, tagaus willig mit, von Ende Mai bis Mitte September, und das
nicht nur eine Saison, sondern mehrere in Folge. Und nicht nur das - jedes Pferd
verkraftete pro Saison im Schnitt 150 verschiedene Reiter aller Größen und
Formen und auf jedem erdenklichen Ausbildungsstand. Trotz dieser Anzahl von
Reitern ging jedes Pferd unter dem letzten Reiter im September immer noch
genauso rittig wie für den ersten im Mai.
Erwähnen sollte ich außerdem, dass unsere Pferde zwar als Mietpferde für
Wanderritte galten, genau genommen aber viel mehr taten, als Kopf an Schwanz
Leute Bergpfade auf und ab zu tragen. Außer den regulären Trailritten für
unerfahrene Reiter, die im Schritt stattfanden, boten wir auch geführte Ritte
für mittlere bis fortgeschrittene Reiter an, die streckenweise auch
kontrollierten Trab oder Galopp beinhalteten. Wir gaben Reitunterricht für
Leute, die nie zuvor ein Pferd aus der Nähe gesehen hatten, aber auch für
solche, die nicht nur zu Hause ein eigenes Pferd besaßen, sondern damit auch an
Wettbewerben teilnahmen. Wir brachten sogar ein paar Dressurreitern auf
mittlerem Ausbildungsniveau bei, unsere selbst ausgebildeten Sportpferde
„Western" zu reiten. Sie vollführten Stops aus dem Galopp ohne Zügel, Rollbacks
ohne Schenkelhilfen und makellose Übergänge mit nahezu unmerklichen
Gewichtsverlagerungen. Dann ritten sie aus dem Reitplatz heraus und auf einen
zweistündigen Trailritt, und die Pferde machten nicht einen falschen Schritt.
Unsere Pferde blieben nicht nur von einem Jahr zum anderen und von einem Reiter
zum anderen rittig und willig, es stellte sich auch heraus, dass wir, nachdem
wir erst einmal ihr Vertrauen gewonnen hatten, ein paar zusätzliche positive
Verhaltensweisen als Bonus erhielten. So kamen zum Beispiel ein paar Pferde zu
uns, die ganz entschieden etwas gegen Regenumhänge hatten. Wir dachten daran,
sie an den Anblick und das Geräusch eines Regenumhangs zu gewöhnen, indem wir
sie damit aussackten, aber dann beschlossen wir, es für den Anfang dabei zu
belassen, bis sie sich an die Umgebung und die Leute gewöhnt hatten. Nachdem sie
eine Weile im Programm mitgelaufen waren, konnten wir sehen, dass sie anfingen,
Vertrauen zu fassen und sich bei uns wohl zu fühlen. Das war der Zeitpunkt, an
dem wir beschlossen, sie mit dem Regenumhang vertraut zu machen. Zu unserer
Überraschung akzeptierten sie ihn, nach einem ersten Seitenblick auf den
auseinander gefallenen Regenumhang, als ob das nie ein besonderes Thema gewesen
wäre.
Das Gleiche erlebten wir mit ein paar Pferden, die mit einer Scheu vor Wasser zu
uns kamen. Hatten sie erst einmal Vertrauen gefasst, nahmen wir sie hinunter zu
unserem flachen Teich, ließen sie sich die Sache ein paar Minuten betrachten,
und oft gingen sie dann ohne das mindeste Zögern einfach hinein. Wir hatten
Pferde, die dafür bekannt waren, sich schwer einfangen zu lassen. Plötzlich
hatten sie nichts mehr dagegen, dass Leute an sie herangingen, und andere, die
sich früher nicht hatten verladen lassen, marschierten jetzt ohne Widerstand in
den Hänger. Ich weiß, das klingt zu einfach, aber es war einfach. Um ehrlich zu
sein: Es
war oft so einfach, dass es alle Beteiligten überraschte, wenn so etwas
passierte. Offen gesagt überraschte es mich auch.
Bevor jetzt jemand etwas falsch versteht, sollte ich vermutlich darauf
hinweisen, dass das nicht heißen soll, dass eine gute, solide Ausbildung
überflüssig wird, wenn man nur das Vertrauen des Pferdes gewinnt. Das soll es
ganz und gar nicht heißen. Ich will damit nur sagen, dass die Willigkeit, mit
der unsere Pferde alles, was wir ihnen irgendwann vorsetzten, akzeptierten,
deutlich und zweifellos zunahm. Demzufolge kam es nicht sehr darauf an, welche
Technik oder Methode wir bei der Ausbildung selbst einsetzten, solange wir das
Ganze nur mit der richtigen Einstellung angingen.
Unsere Einstellung besagte, dass wir konsequent sein würden, unseren Pferden
keine Schmerzen zufügen würden und es uns egal war, wie lange sie brauchten, um
das zu verstehen, was wir ihnen zu zeigen versuchten. Das Ulkige daran war, dass
alles umso schneller zu gehen schien, je mehr wir uns den Pferden mit der
Einstellung näherten „ist mir egal, wie lange es dauert". Dies, zusammen mit der
Tatsache, dass wir durch die Art unseres Umgangs mit ihnen bereits ihr Vertrauen
gewonnen hatten, machte meistens selbst die schwierigsten Ausbildungsaufgaben
weniger schwierig. Weil die Pferde unserem Urteil vertrauten, fiel es ihnen
leichter, das zu akzeptieren, was wir ihnen in der Ausbildung zeigten, und das
Ergebnis war, dass wir viel weniger Auseinandersetzungen durchzufechten hatten.
Ich will hier niemand etwas vormachen. Was wir auf der Ranch taten, verlangte
sehr viel Zeit, Mühe und Engagement. Das Ganze konnte in so großem Umfang nur
funktionieren, wenn jeder die gleiche Einstellung und das gleiche Ziel hatte.
Aufgrund unseres Engagements und unserer Beständigkeit im Umgang mit unseren
Pferden (und miteinander, nicht zu vergessen) konnten wir, denke ich, den
Pferden das verlässliche Umfeld bieten, das sie für ihre tägliche Arbeit
brauchten, und diese Arbeit so stressfrei wie nur möglich halten. Diese
Verlässlichkeit drückte sich in einem so ziemlich unerschütterlichen Vertrauen
zwischen uns und unseren Pferden aus, das sich in der Leistung widerspiegelte,
die sie jeden Tag für uns erbrachten. Da wir uns in ihren Augen als Menschen
erwiesen hatten, denen sie vertrauen konnten, fiel es ihnen leicht, in uns die
Führer zu sehen, denen sie aus freien Stücken folgen konnten - und würden -,
anstatt dass sie gezwungen wurden zu folgen.
Seit ich von der Ranch weg bin, ziehe ich durch die Welt und gebe überall Kurse
und Seminare. Auf diesen Reisen hat sich eines herausgestellt: Die Fragen, die
mir in Bezug auf Pferde gestellt werden, fallen in eine von zwei Kategorien. Die
erste lautet in etwa: „Was kann ich machen, damit mein Pferd besser auf mich
reagiert?" Mit anderen Worten, welche Technik kann ich anwenden, um dieses Ziel
zu erreichen? Die zweite lautet: „Wie kann ich die Beziehung zu meinem Pferd
verbessern, damit es gern für mich arbeitet?"
Im Allgemeinen scheinen Leute, die Fragen der ersten Kategorie stellen, nach
oberflächlichen Lösungen zu suchen und sind nicht wirklich daran interessiert,
was im Inneren ihres Pferdes vorgeht. Sie wollen nicht unbedingt wissen, wie das
Pferd die Situation wahrnimmt, sondern sie wollen vor allem das erzielen, was
sie als angemessene Reaktion des Pferdes betrachten. Leider erzielt man mit
einer Ausbildung ohne Gefühl nur eine Art mechanischer Reaktion des Pferdes. Da
weder hinter dem gegebenen Signal noch der darauf erfolgenden Reaktion irgendein
Gefühl steckt, fällt die Reaktion selten beständig aus. Das haben diese Leute
meistens auch schon festgestellt, aber sie verstehen nicht ganz, dass der Grund
für das unbeständige Verhalten ihres Pferdes in der Art liegt, wie sie mit dem
Pferd gearbeitet haben. Sie haben sich so sehr auf „Signale" verlassen, dass das
Gefühl zwischen ihnen und ihren Pferden praktisch auf der Strecke geblieben ist.
Die Menschen, die die zweite Art von Fragen stellen, suchen dagegen nach mehr.
Es sind die, die nach der Verbindung zwischen sich und dem Pferd suchen, die
alles andere möglich macht. Das sind, meiner Meinung nach, die Leute, die auf
einer beständigen Basis Übergänge „ohne Hilfen", Sliding Stops und makellose
Spins erhalten, weil sie sich nicht auf Signale verlassen, sondern auf ihr
Gefühl, das Gefühl zwischen ihnen und ihrem Pferd.
Mir scheint aber, dass sie, bevor sie dieses Gefühl zwischen sich und ihrem
Pferd erreichen können, erst eine Art von Beziehung zu ihrem Pferd haben müssen,
die auf Vertrauen basiert. Nach meiner Erfahrung ist die beste Methode, diese
Art von Vertrauen zu schaffen, mit den Pferden Tag für Tag konsequent so
unaufgeregt und „leise" wie nur möglich umzugehen. Natürlich heißt das nicht,
dass die Pferde das Sagen haben, es heißt aber, dass wir unseren Pferden Dinge
so präsentieren, dass sie sie leicht verstehen können, und nicht die Geduld
verlieren, wenn sie Schwierigkeiten damit haben.
Einmal brachte mir ein Mann ein Pferd, das er nicht angaloppieren konnte. Es war
ein Gangpferd, vermutlich sehr gut ausgebildet, das, soweit wir sehen konnten,
über mehr als zwanzig verschiedene Gänge verfügte. Wenn das Pferd ging, bewegte
es seine Füße auf so viele verschiedene Arten und Weisen, dass man oft kaum eine
Gangart von der anderen oder sogar ein Tempo innerhalb einer Gangart von einem
anderen unterscheiden konnte. Das Pferd war für den Besitzer noch
verhältnismäßig neu - er hatte es erst seit sechs Monaten -, aber es ging schon
deutlich bergab mit den beiden. Da es dem Mann schwer fiel, das Pferd in den
Galopp zu bringen, waren seine Hilfen immer nachdrücklicher geworden, und
schließlich hatte er sogar Sporen getragen. Nichts hatte geholfen.
Als ich Gelegenheit hatte, mit den beiden zu arbeiten, war das Pferd schon
extrem in der Defensive und der Mann fast am Ende seiner Geduld. Schon als er
aufsaß, war klar, dass zwischen den beiden sehr wenig Vertrauen bestand. Sie
schienen sogar eher gegeneinander als miteinander zu arbeiten. Sie drehten ein
oder zwei Runden um den Platz, wobei der Mann das Pferd ständig mit den Absätzen
malträtierte und mit den Zügeln schlug, das Pferd die Ohren anlegte und fast die
ganze Zeit die Hinterhand hoch warf. Dann fragte ich, ob ich das Pferd reiten
könnte. Mit einem Seufzer der Erleichterung erklärte sich der Mann
einverstanden.
Nach einer halben Runde war mir klar, warum es für seinen Besitzer so
frustrierend war, dieses Pferd zu reiten. Es stellte sich heraus, dass der
Wallach sich verhielt wie ein PS-starker Sportwagen mit rutschender Kupplung.
Die kleinste Gewichtsverlagerung im Sattel genügte, damit er das Tempo
veränderte. Noch die winzigste Schenkelhilfe resultierte in einem Wechsel der
Gangart, aber es war eine sehr schnelle Abfolge von Wechseln, von denen ich
keinen einzigen gewollt hatte. Seine Sensibilität dem Reiter gegenüber war
verblüffend, aber für ihn musste es sehr frustrierend sein, dass ihm all seine
Bemühungen, das seiner Meinung nach Richtige zu tun, nur immer noch mehr Druck
und dauernde Bestrafungen eintrugen.
Ich ließ das Pferd eine Runde oder zwei vor sich hin traben, um ein Gefühl dafür
zu bekommen, was los war. Dann wollte ich ihn mit einem leichten Druck der
Absätze angaloppieren. Die einzige Antwort, die ich darauf erhielt, war eine
schnellere Version der jeweiligen Gangart, in der er sich gerade befand. Je
länger ich ritt und je mehr Signale ich gab, umso klarer wurde mir, dass alles,
was ich tat, und ich meine wirklich alles, für mich eine Bedeutung hatte und für
das Pferd eine vollständig andere.
Ich war der Meinung, eine Gewichtsverlagerung kombiniert mit etwas Bein solle
heißen, dass er von einer Gangart in die nächste übergehen solle. Für ihn hieß
es, dass er innerhalb der Gangart das Tempo erhöhen sollte. Mir begann zu
dämmern, dass wir nicht versuchen sollten, ihm zu zeigen, wie er auf uns
reagieren sollte. Er wusste bereits, was er tun sollte - wir wussten nur nicht,
wie wir ihn abfragen mussten.
Also gingen wir zurück und packten die Sache anders an. Anstatt eine Hilfe zu
geben und eine bestimmte Antwort zu erwarten, gaben wir eine Hilfe und
akzeptierten die jeweilige Antwort, die wir darauf erhielten. Auf diese Art
konnte das Pferd uns sagen, was ein bestimmtes Signal für es bedeutete, und wir
konnten das gegenseitige Rätselraten beenden. Innerhalb von etwa dreißig Minuten
hatten wir den Unterschied in den Signalen herausgefunden, die eine Erhöhung des
Tempos innerhalb einer Gangart bedeuteten, einen Wechsel der Fußfolge innerhalb
der Gangart und den Übergang von einer Gangart zur nächsten. Die meisten dieser
Signale bestanden in nicht mehr als einer Gewichtsverlagerung und dem Anheben
eines Zügels oder beider Zügel - viel weniger, als alles, was der Besitzer und
ich anfangs gemacht hatten.
Nachdem allen Beteiligten die entsprechenden Signale klar waren, ließen sich die
Aufgaben, die wir im Sinn hatten, viel leichter lösen. Nachdem wir
fünfundvierzig Minuten die Signalgebung geübt und auf die Antworten geachtet
hatten, um absolut sicher zu gehen, dass wir uns „auf derselben Wellenlänge"
befanden, gaben wir die Hilfen, von denen wir annahmen, dass sie „Galopp"
bedeuteten. Das Signal bestand in nicht mehr als einem Anheben der Zügel und
einem leisen Schnalzen.
Einfach so glitt das Pferd in den wundervollsten Galopp, den man sich vorstellen
kann. Kein Schweifschlagen, keine angelegten Ohren, keine hochgeworfene
Hinterhand, nur ein schöner, ruhiger Übergang als Antwort auf ein schönes,
ruhiges Signal. Weniger als fünfzehn Minuten nach diesem ersten Übergang konnten
wir die Signale so weit vermindern, dass wir nicht einmal mehr zu schnalzen
brauchten. Ein sanftes Anheben der Zügel war alles, was es brauchte. Ein paar
Minuten später konnten wir auch das Anheben vermindern. Angefangen hatten wir
damit, die Zügel etwa fünfundzwanzig Zentimeter anzuheben, dann waren es nur
noch fünfzehn und zum Schluss ganze zwei oder drei. Und das alles in weniger als
eineinhalb Stunden, nachdem wir angefangen hatten.
Wie man sieht, hatten wir nur auf das zu hören brauchen, was das Pferd uns zu
sagen hatte. Es wusste schon, was dazu gehörte und brauchte nur eine
Gelegenheit, es uns zu zeigen. In diesem Fall mussten wir erst bereit sein zu
folgen, bevor wir aufsteigen und führen konnten.
Im Laufe der Jahre habe ich einen sehr deutlichen Unterschied bemerkt zwischen
den Pferden, die uns aus freien Stücken zum Führer wählten, und solchen, die
gezwungen wurden zu folgen. Der Unterschied ist greifbar. Jedes Pferd, mit dem
ich zu tun hatte, das seinem Besitzer vertraute, war immer bereit, für seinen
Besitzer das Unmögliche möglich zu machen. Das Pferd war immer da, wenn es
gebraucht wurde, und ließ seinen Besitzer selten bis nie im Stich. Pferde, die
zur Unterwerfung gezwungen wurden, geben dagegen gerade so viel nach, wie die
Aufgabe verlangt - nicht mehr. Wenn sich die Gelegenheit bietet, machen sie sich
kein Gewissen daraus, ihren Besitzer im Stich zu lassen, wenn er sie am
nötigsten brauchte.
Ich glaube, der einzige Weg, ein Pferd dazu zu bringen, uns als Führer
anzuerkennen, besteht darin, dass wir dem Pferd unsere Zuverlässigkeit zeigen.
Wie wir das machen, bleibt uns überlassen. Ob das Pferd sich entschließt, uns
auszuwählen, bleibt allein ihm überlassen.