VERBESSERE DEINE
Text: Wendy Murdoch, Übersetzung: Sonja Grünauer
DER MYTHOS - DIE
BEWEGUNGSLEHRE
EXTREMSPORTLER
Heutzutage sind Reitsportbewerbe eine Art
von Extremsport. Ich meine damit, dass unsere
Pferde heute hoch spezialisierte Athleten
sind, die eine große Palette an Fähigkeiten
vorweisen, wofür sie aus speziellen Züchtungen
stammen, spezielles Training brauchen
und auch ein gewisses Naturtalent sein
müssen. Beispielsweise würde man mit einem
Reiningpferd niemals ein hohes Hindernis
überspringen, genauso wenig würde man mit
einem Dressurpferd bei X einen Sliding Stopp
machen. Jede Sparte von pferdesportlichen
Bewerben erfordert athletische Leistungen.
Diese stehen in keiner Relation zu den Grundbedürfnissen
(Futter, Wasser, schützendes
Dach, Sicherheit und artgerechte Haltung)
unserer Pferde.
Heute
erbringen die Pferde erstaunliche Leistungen, vergleichbar
mit jenen von menschlichen Athleten. Die
Pferde bemühen sich für uns. Es liegt in der Verantwortung
von uns Reitern, unser Bestes zu geben, damit sich
die Pferde dabei auch wohl fühlen. Ich meine, wir müssen ihr Vertrauen
und ihren Charakter fördern, den Pferden eine gute Lernumgebung
bieten, in der Hoffnung eine Synergie zu finden. Weder Reiter noch
Pferd alleine können die Leistung bringen.
In allen anderen olympischen Disziplinen werden die Sportler gemessen,
analysiert und mittels Videoanalyse studiert, um den richtigen
Weg zu finden, ihre Leistungen zu verbessern. Diese Methode erlaubt
es den Trainern, den Weg zu besseren Bewegungsabläufen zu finden
und gleichzeitig auch die Anstrengung zu reduzieren. Dadurch werden
Verletzungen vermieden und auch noch Rekorde gebrochen.
Lance Armstrongs Energie-Ausstoß wurde in Watt gemessen. Seine
Kleidung und sein Rad wurden so entworfen, damit sie geringeren
Windwiderstand bieten und die Geschwindigkeit somit erhöhen. Man
sieht, es gibt nichts Vergleichbares im Pferdesport. In der Pferdeindustrie
gibt es kaum eine Möglichkeit, was die Überprüfung der Bewegung
des Pferdes betrifft... und meines Wissens nach gibt es keine
ähnlichen Studien, welche die Bewegungen des Reiters analysieren.
Dabei wäre solch eine kritische Analyse die Möglichkeit für Pferd und
Reiter, bessere Leistungen zu bringen.
Sicher haben wir Trainer, Coaches und Richter, die unsere Vorführung
beobachten und beurteilen, damit diese dann verbessert werden
kann. Jedoch gibt es weit auseinander gehende Meinungen, Trainingstechniken
und Ideen, um die Leistungen zu verbessern. Meist ist das
Augenmerk beim Training vorwiegend am Pferd und nicht am Reiter
(außer den üblichen Kommandos am Anfang einer Reiterkarriere, wie
ÑFersen tiefì und ÑSitz geradeì).
Auch beim gebräuchlichsten Equipment ignorieren wir simple Wahrheiten
in unserer Umgebung und leugnen die wissenschaftlichen
Basisfakten. Natürlich hat es einen riesigen Vorteil, an der Tradition
festzuhalten. Tatsächlich ist es erstaunlich, was die alten Meister alles
lehrten, entdeckten und was sie über Pferde und das Reiten wussten.
Allerdings sind veraltetes Wissen und Weisheiten nicht mehr zeitgemäß,
da Zeitdruck, Preise und Geld den Reitsport heutzutage dominieren.
Natürlich würde man nun meinen, dass man unseren Sport wohl besser
auch mit Video analysieren sollte (wie z.B. Tiger Woods Golfschlag
auf diese Weise veranschaulicht wurde) ñ nur kann dies bei uns
nicht funktionieren, da die wahren Athleten unsere Pferde sind, die
sich nicht sprachlich artikulieren können.
Als früherer Universitätsforscher und Wissenschaftler kann ich die
einfache Wahrheit des Sports oder der Disziplin, die geritten wird,
Das Pferd zeigt eine Serie von Spins. Beachte, dass der Reiter in
die Richtung der Spins sieht. Er sitzt mittig im Sattel. Der Rücken des
Pferdes ist nach innen geneigt, der Reiter bleibt in einer Linie mit der
Gravitationskraft. Das Pferd übersteigt gut mit den Vorderbeinen, und
das äußere hintere Bein des Pferdes treibt die Wendung voran.
Der Reiter streckt seinen inneren Schenkel vom Pferd weg, um der
inneren Schulter des Pferdes mehr Bewegungsfreiheit zu geben. Er
verlagert sein Gewicht in Richtung des äußeren Hinterbeines des
Pferdes. Dadurch wird dieses Pferdebein zum Drehpunkt des Spins.
Das Pferd muss dieses Bein nun auf dem Boden behalten, um das
Gewicht des Reiters auszugleichen.
Das innere Hinterbein des Pferdes ist unter dem Pferdekörper positioniert.
Beachte, dass die Hüfte und die Schulter des Reiters in direkter
Linie mit dem hinteren drehenden Bein des Pferdes sind. Seine Arme
und Beine sind entspannt, es liegt kein Druck auf den Steigbügeln.
Dies erlaubt dem Reiter, seine Hüften geschmeidig zu halten und
in der Bewegung des Pferdes zu bleiben. Dadurch kann das Pferd
zügig drehen.
Der Reiter zieht das Pferd in den Spin, anstatt es alleine arbeiten zu
lassen. Das innere Hinterbein ist auf dem Boden und nicht genug unter
dem Pferdebauch. Der Hals des Pferdes ist steif, sein Gewicht auf
die Vorhand anstatt auf die Hinterhand verlagert. Dadurch können
die Schultern des Pferdes nicht korrekt wenden. Der Reiter hat sein
Gewicht in falscher Position. Das Pferd muss erst einmal das Reitergewicht
bewältigen, anstatt einen korrekten Spin zu zeigen.
ignorieren. Mein Job ist, die Bewegungsabläufe des Reiters zu verbessern,
was wiederum die Leistung des Pferdes verbessert. So wie
ein Eiskunstläufer einen starken Partner braucht, so braucht ein
Pferd einen Reiter, der gut im Sattel sitzt, damit es nicht auch noch
das instabile Gewicht auf seinem Rücken ausbalancieren muss. Es
gibt viele Arten von Pferden und auch verschiedene Reitweisen,
die wir mit ihnen ausüben ñ doch eines haben diese Pferdeathleten
gemeinsam: Sie müssen mit Schwerkraft umgehen können. Tatsächlich
ist die Schwerkraft der einzige Grund, warum wir diesen
schönen Sport ausüben können. Ohne Schwerkraft würden wir von
der Erde abheben und wegfliegen wie die Astronauten im Weltall.
Wir müssten nicht springen, denn wir würden über die Erde schweben
wie jene Männer, die einen Mondspaziergang machten.
Schwerkraft
Schwerkraft ist ein Gesetz. Dieses diktiert alles, was wir tun, wenn wir
ein Pferd reiten. Natürlich leben die Pferde auf der Erde, und wir haben
keinen Ort auf der Erde, wo es die Schwerkraft nicht gibt. Daher tendiert
man dazu, diese zu ignorieren. Trotzdem hat die Schwerkraft den
größten Einfluss auf die Performance des Pferdes.
Als Reiter kann man die Präsentation des Pferdes behindern oder
unterstützen. Dies hängt davon ab, wie man auf dem Pferd sitzt.
Die Schwerkraft zieht Körper an, sowohl den des Reiters als auch
den des Pferdes. Die Gravitationskraft der Erde verstärkt dies noch.
Daher fühlt sich ein Sturz vom Pferd noch schlimmer an.
Gute Beinarbeit des Pferdes ist wegen der Gravitation sehr wichtig.
Dieses Pferd zeigt eine exzellente Bewegung von Schultern und
Vorderbeinen. Beachte, dass das drehende Hinterbein fest auf dem
Boden steht, während das andere Hinterbein die Drehkraft von hinten
bringt. Sowohl Pferd als auch Reiter sehen in Spin-Richtung. Die
Beine des Reiters sind entspannt, der Reiter bleibt mit seinem Pferd
in Balance. Die Reiterhände werden tief und an der Innenseite des
Sattelhorns gehalten.
Die exzellente Körperhaltung des Reiters hält den Schwerpunkt direkt
über dem Pferd, die Zentrifugalkraft wird dadurch minimiert. Das
Pferd erhält einen sanften Druck in der Rippengegend. Dies erlaubt
ihm, seine Hinterhand mehr unter den Körper zu schieben und die
innere Schulter dadurch mehr frei zu haben. Beachte die entspannte
Haltung des Oberkörpers des Reiters.
Die Hinterbeine des Pferdes stehen sehr nahe zusammen, das Gewicht
liegt auf der Hinterhand. Der Reiter behindert die Wendung des
Pferdes durch Ziehen an den Zügeln. Natürlich versucht das Pferd
mit dem Spin zu beginnen, nur es kann dabei sein äußeres Hinterbein
nicht für den Schwung einsetzen. Der Reiter hat dieses Manöver
durch seine schlechte Körperhaltung gestört.
Falsche Beinarbeit kann zu Verletzungen an den Pferdebeinen führen.
Das Pferd muss bei der Drehung die Schwerkraft überwinden.
Wenn es dabei zu wenig Schubkraft hat, wird das Manöver nicht
gelingen.
Siegerspins
Beim Reining sind Spins und Rollbacks jene Manöver, die am
meisten von der Schwerkraft abhängig sind. Bei diesen Manövern
kann der Reiter sein Pferd unterstützen, jedoch auch behindern.
Das NRHA Handbuch 2005 für Richter schreibt wie folgt:
Spins sind eine Serie von 360 Grad-Wendungen, die über ein fix
positioniertes Hinterbein des Pferdes gedreht werden. Die Antriebskraft
erfolgt dabei über das äußere, hintere Bein und die
Vorderbeine. Die Position der Hinterhand sollte beim Beginn des
Spins fixiert sein und während des ganzen Spins gehalten werden.
Für den Richter ist es einfacher zu beobachten, ob das Pferd auf
dem gleichen Platz bleibt, als zu sehen, ob das Hinterbein auf der
selben Stelle bleibt. Daher kann der Richter auch die anderen Elemente
des Spins (Kadenz, Sanftheit, Feinheit und Geschwindigkeit)
leichter beurteilen.
Um die oben angeführten gewünschten Elemente zeigen zu können,
müssen Pferd und Reiter zusammen in Balance sein. Wenn
der Schwerpunkt des Reiters nicht in der Mitte des Pferdes ist,
kann das Pferd beim Spin nicht auf dem Fixpunkt bleiben. Man
kann dies mit der Position eines Beifahrers auf einem Motorrad
vergleichen, wenn der Fahrer das Motorrad plötzlich beschleunigt.
Wenn man nicht darauf gefasst ist, wird man seinen Schwerpunkt
verlieren, wenn der Fahrer plötzlich beschleunigt. Beim Reiten von
Zirkeln nennt man dies Zentrifugalkraft ñ vergleichbar mit dem
Schleudergang in einer Waschmaschine.
Bewegungslehre des Spins
Zum besseren Verständnis probiere folgende Aufgabe. Stell dich
hin und drücke deinen inneren Fuß fest auf den Boden. Verlagere
dein Gewicht ein bisschen nach vorne in die Richtung deiner
Zehen. Nun nütze das andere Bein und nimm Schwung für eine
Drehung. Solange du das Gleichgewicht halten kannst, wird deine
Drehung auf dem Punkt sein. Nun verlagere dein Gewicht auf dein
äußeres Bein und versuche, dich trotzdem in die gleiche Richtung
wie zuvor zu drehen. Du wirst sehen, es funktioniert nicht, denn
dafür müsstest du dein inneres Bein vom Punkt wegnehmen.
Vorwärts- oder Rückwärts-Bewegung
Wie man aus oben angeführter Übung erkennen kann, ist es nicht
nur wichtig, wie man sein Gewicht verlagert und was man mit seinen
Beinen macht, sondern auch, ob es dem Reiter möglich ist,
genug Vorwärtstendenz des Pferdes zu halten. Die Antriebskraft
für einen korrekten Spin kommt vom äußeren Hinterbein. Dies
funktioniert jedoch nur, wenn dieses Bein genug Bewegungsfreiheit hat, um den
Körper
um das hintere fix positionierte Bein zu wenden.
Richtungswechsel in einer Momentaufnahme
Eine Methode, um zu prüfen, ob ein Spin außerhalb der Balance kommt, ist, die
Zeit zu
prüfen, die das Pferd für die Umpositionierung braucht, bis Reiter und Pferd
eine Wendung
in die andere Richtung machen können. Wenn ein Pferd zu schnell stoppt, dann
kommen
Pferd und Reiter aus der Balance. Wenn es jedoch korrekt stoppt, dann kann es
vom Spin
sofort einen Richtungswechsel durchführen. Dabei benötigt es nur einen kleinen
Moment
für den Wechsel. Um solch ein Manöver korrekt ausführen zu können, müssen Pferd
und
Reiter die Zentrifugalkraft während des Spins entsprechend reduzieren.
Off Center Spins
Wenn der Reiter nicht in Balance über dem Pferd bleibt, dann muss dies das Pferd
in der
Geschwindigkeit und in seiner Position ausgleichen. Dies beeinflusst natürlich
auch den
Spin in seiner Kadenz, Feinheit und Ruhe. Wenn der Reiter in Balance ist, dann
weicht das
Pferd im Spin nicht ab. Ist der Reiter nicht im Gleichgewicht, dann kann das
Pferd beim
Spin nicht den fixen Punkt halten. Es wird nicht von alleine dieses Manöver
durchführen.
Das Pferd hat also nicht nur mit seinem eigenen Körper zu tun, sondern muss auch
noch
das Gewicht des Reiters ausbalancieren. Je weniger der Reiter dabei im
Gleichgewicht ist,
desto mehr macht dem Pferd die Zentrifugalkraft zu schaffen.
Quintessenz
Wenn man Spins zeigen will, die perfekt sind, dann muss man eine perfekte
Position auf
dem Pferd haben ñ und zwar in der Höhe der 13. Rippe des Pferdes. Diese Position
kann
man leicht finden. Es ist der niedrigste Punkt zwischen Widerrist und Kruppe.
Bei der
Bewegung auf dem Pferd variiert diese Position nicht mehr als einige Zentimeter.
Dies ist
so minimal, dass man sich darüber keine Gedanken machen muss. Mit dieser
Sitzposition
kann man seine Stabilität im Sitz und den richtigen Schwerpunkt des Pferdes
fixieren.
Ich danke Bruce Olsen und Pure Pauli, die für die Fotos als Modell agierten, und
Dr. Joyce
Harman, die uns diese Fotos zur Verfügung gestellt hat.
Der Reiter lehnt sich mit seinem Gewicht
nach außen, die Schultern sind dadurch
nicht in der richtigen Position. Das Pferd
spiegelt dies wieder, da sein äußeres,
hinteres Bein statt des inneren, hinteren
Beins unter dem Körper positioniert ist. Dadurch
muss das Pferd seine Vorhand höher
nehmen, anstatt mit tiefen Hals und Kopf zu
arbeiten.
Hier beobachten wir den Spin von außen.
Der Reiter ist immer noch in gleicher Linie
mit dem inneren, hinteren, drehenden Pferdebein,
das gut unter dem Pferd positioniert
ist und der Mittelpunkt des Spins wird. Das
Pferd hat genug Schulterfreiheit, die Zügel
werden locker gehalten. Das Pferd macht
sozusagen den Spin von selbst.
Aufgrund der falschen Reiterposition kann
das Pferd mit seinen Schultern und seinen
Vorderbeinen den Spin nicht ausführen. Das
Pferd hat zusätzlich noch mit der Gewichtsverlagerung
des Reiters zu kämpfen, bevor
es überhaupt auf die Kommandos des
Reiters reagieren kann.
Das Gewicht des Reiters tendiert nach außen.
Das Pferd ist in der gleichen Phase des
Spins wie in Bild 6. (Die Position der Vorderbeine
ist ident.) Das äußere Hinterbein steht
wegen der Gewichtsverlagerung des Reiters
fix auf dem Boden. Wenn der Reiter nun den
Spin stoppen würde, wären die beiden nicht
in der richtigen Position für den anschließenden
Spin nach links.
Beachte das rechte Vorderbein des Pferdes.
Es schiebt an, wenn das linke, äußere Bein
vom Boden abhebt. Der äußere Schenkel
des Reiters ist in richtiger Position und fordert
das Pferd auf, den Spin fortzusetzen, falls es
zögern sollte. Gleichzeitig kann der Reiter
durch sein lang angelegtes linkes Bein den
Spin nach rechts stoppen um den nächsten
Spin nach links gleich anschließend zu
beginnen.
Biografie der Autorin:
Wendy Murdoch
(www.wendymurdoch.com) ist internationale Reitinstruktorin
und Clinician, die sich auf den Sitz des Reiters spezialisiert
hat. Wendy unterrichtet Reiter in allen Disziplinen,
wie auch in der Reining. Sie hat das Buch „Simplify your
Riding“ geschrieben und lebt in Washington, Virginia.