STRANDGALOPP – Mein Ritt vom Waldviertel an die Ostsee

 Bericht: Verena Hackel

 

Mein Haflinger-Wallach Nikodemus prustet aufgeregt. Die Wellen rollen an seine Hufe heran, zögerlich geht er dann doch ins Wasser. Es ist sehr warm, wolkenloser, blauer Himmel, eine leichte Meeresbrise weht. Niko überwindet seine Bedenken und trabt durchs seichte Wasser. Und ich genieße einfach nur.

Bis hierher war es ein weiter Weg. 1.400 Kilometer liegen hinter uns. Neun Wochen zuvor sind wir aufgebrochen, am 13. April 2010. Da war von wolkenlosem, blauem Himmel keine Rede. Wir hatten ein paar Grad über Null, ich war warm angezogen, mein Pferd hatte noch das Winterfell, der Nieselregen lud nicht grad zum Reiten ein, und mein Ziel, die Insel Rügen an der Ostsee, war noch unendlich weit weg. Ein bisschen mulmig war mir schon, viel vorgeplant hatte ich nicht, ich hatte zwar gutes Kartenmaterial, aber Quartiere hatte ich nicht vorgebucht.

Die ersten paar Tage war die Gegend vertraut. Ich ritt über Ottenschlag weiter nach Altmelon und von dort auf die Mühlviertler Alm. Mein letztes Quartier vor der tschechischen Grenze hatte ich auf der Criolloranch von Ulli und Willi Randacher. Ulli begleitete mich dann auch mit einem ihrer braven Criollos ein Stück auf schönen Waldwegen über die grüne Grenze nach Tschechien. Hier kennen wir uns noch aus. Niko marschiert im flotten Schritt zur Green Valley Ranch, wo wir einen Tag Pause machen. Von dort geht’s weiter über Krumau zu meiner Bekannten Milena. Sie ist in Südböhmen für die Reitwege zuständig und ist mir bei der Planung meiner Reise sehr hilfreich. Sie hat mir Reitkarten organisiert.

Die nächsten Tage reite ich durch eine wunderschöne, südböhmische Landschaft: viele Seen, alte Alleen, idyllische Bauerndörfer.

In Dobev bekomme ich Gesellschaft: Verena mit Haflingermix Stute Larissa reist an. Sie wird mich zwei Wochen lang begleiten. Und es wird abenteuerlich: Wir kämpfen mit Verständigungsschwierigkeiten, manchmal ist das Wetter schlecht und einmal büchsen die Pferde aus. Wir haben die unterschiedlichsten Quartiere: Eine nette Pension, einen dreckigen Wohnwagen, eine kalte Scheune oder einen alten Gutshof. Wir lernen, auch manchmal ohne Dusche, WC und elektrischen Strom zu leben. Die schöne Landschaft, das gute Essen und Bekanntschaften mit netten Menschen entschädigen für das alles.

Verena fährt nach zwei Wochen heim. Larissa bleibt hier, weil mich ihre Besitzerin Margit für eine Woche begleitet. Margits Mann Gerhard kommt natürlich auch mit. Er hat beschlossen, die Gegend mit dem Motorrad zu erkunden.

Wir sind bereits im Norden, in der böhmischen Schweiz. Wir reiten über weite Hügel und treffen auf wilde Mufflonherden. Das Gelände ist manchmal schwierig, aber unsere trittsicheren Hafis meistern auch steinige, steile Pfade.

Auch nach Deutschland reiten wir über die grüne Grenze. Endlich können wir wieder mit allen Leuten problemlos kommunizieren. Am ersten Abend stellen wir gleich fest, was uns am meisten hier fehlen wird: das gute tschechische Essen. Nicht umsonst hat die deutsche Küche einen schlechten Ruf.

Im Bundesland Sachsen reiten wir vorbei an endlos langen, blühenden Rapsfeldern, entlang der Neiße und durch Auwälder. Und dann heißt es Abschied nehmen: Margit und Gerhard samt Larissa fahren heim. Ich setze meine Reise allein fort.

Ich bin im Bundesland Brandenburg angekommen und mache einen großen Bogen westlich um Berlin herum. Die Gegend ist sehr waldreich, die Wälder sind schier endlos groß. Ohne Kompass geht hier nichts. Es gibt keine markierten Wander- oder Reitwege. Brandenburg ist ein pferdefreundliches Bundesland, reiten darf man überall (also auch im Wald), wo es nicht ausdrücklich verboten ist. (Ich habe nirgends Verbotsschilder gesehen.) Es gibt viele Reiterhöfe, die Quartiersuche ist daher problemlos. Ich lerne viele verschiedene Menschen kennen, oft ergeben sich nette und interessante Gespräche.

In der Nähe von Berlin hat Niko ein paar Tage Pause. Meine Freundin Petra kommt nach Berlin geflogen. Meine Freude ist natürlich riesengroß. Wir machen Sightseeing in Berlin und in Potsdam. Niko hat einen Hufschmiedtermin, die Eisen sind schon sehr dünn. Ich bin mit ein und denselben Eisen bis Berlin geritten, also fast 1000 Kilometer ohne ein einziges Problem. Mein Hufschmied Werner Filler hat, wie immer, wirklich gute Arbeit geleistet. Danke, Werner!

Weiter geht es dann entlang des Havelkanals Richtung Norden. Im Rhinlunch, einer Niedermoorlandschaft, gibt es dann kein Durchkommen. Endlos lange Zäune mit nicht sehr freundlich dreinblickenden Stieren dahinter sperren den Weg ab. Ich muss an diesem Tag einen langen Umweg machen. Noch dazu regnet es und es ist kalt. An solchen Tagen frage ich mich dann schon, warum ich mir das antue. Tags darauf weiß ich es wieder: die Sonne scheint, ich reite durch den Stechliner Naturpark auf sandigen Waldwegen ohne Hindernisse.

Irgendwann hört der Wald auf, ich sehe vor mir endlose Getreidefelder. Ich bin in Mecklenburg-Vorpommern gelandet, im Bundesland mit der geringsten Einwohnerdichte. Es gibt hier kleine idyllische Dörfer, viele Straßen sind nicht asphaltiert, sondern einfach breite Sandpisten. Also ein Paradies für Reiter, der Straßenverkehr ist sehr gering. Zwei Tage lang reite ich entlang des Müritz-Sees, des zweitgrößten Sees in Deutschland. In der mecklenburgischen Schweiz sind die Reiterhöfe rar und die Quartierssuche ist schwierig. Ich muss daher längere Tagesetappen in Kauf nehmen. Dadurch rückt mein Ziel, die Insel Rügen, rasch näher.

Wir haben noch eine Herausforderung zu meistern: die 4 Kilometer lange, alte Rügenbrücke. Da es sich hierbei um eine Stahlkonstruktion handelt, klappern Nikos Hufe laut. Das viele Wasser unter ihm irritiert ihn. Als Draufgabe fährt dreimal der Zug an uns vorbei. (Die Bahnstrecke nach Rügen befindet sich auch auf der alten Brücke.) Als ich die Brücke verlasse, kann ich es fast gar nicht glauben, ich bin tatsächlich auf Rügen.

Ich bleibe ein paar Tage im Süden der Insel und reite dann weiter nach Norden, wo ich in der kleinen Ortschaft Zirmoisel bei Steffen Waak (www.wanderreiten-auf-rügen.de) Quartier finde. Hier fühle ich mich sofort wohl. Steffen ist genauso wie ich vom Pferdevirus befallen, Steffens Mutter Gudrun integriert mich sofort in die Dorfgemeinschaft. Ich bleibe hier noch drei Wochen. Die Gegend ist herrlich zum Reiten, ich erkunde die Insel auf dem Pferderücken.

Rügen bietet viel: im Landesinneren sanfte Hügel, Getreidefelder, Wiesen und kleine Wäldchen. An den Küsten schöne, unverbaute Sandstrände. Zirmoisel ist eine schöne Ecke, noch nicht von Touristen überrannt. Die Leute hier sind freundlich, alles läuft entspannt ab, ohne Hektik und Stress.

Für ein paar Tage bekomme ich Besuch von meiner Freundin Barbara. Wir machen Ausflüge nach Hiddensee (eine autofreie Insel), zu den Kreidefelsen und in die bekannten Seebäder Sellin und Binz. Rügen ist eine touristische Hochburg von Deutschland und trotzdem ist hier noch viel naturbelassen. In den viel besuchten Badeorten gibt es keine großen Hotelanlagen, sondern wunderschöne, alte Bäderarchitektur.

Zurückreiten muss ich nicht. Margit, Gerhard und Josef fahren den langen Weg mit dem Pferdeanhänger, um mich und Niko abzuholen. Wir verbringen noch ein paar schöne und lustige Tage auf Rügen. Dann heißt es, von den neu gewonnenen Freunden Abschied zu nehmen.

Bei der Heimfahrt machen wir noch einen Tag Pause in der sächsischen Schweiz und wandern durch den Nationalpark. Am 10. Juli sind wir wieder im Waldviertel. Niko wälzt sich zuerst einmal genüsslich auf der heimatlichen Koppel.

Die Reise war wunderschön, aber auch anstrengend. Ich habe in diesen drei Monaten viel gesehen, viel erlebt und viele Leute kennen gelernt. Ich bin allen Menschen sehr dankbar, die mir ihre Haus- und Stalltüren geöffnet und meine Reise bereichert haben, indem sie mir ihre ganz persönlichen Geschichten erzählt haben. Bedanken möchte ich mich bei den Menschen, ohne die diese Reise gar nicht möglich gewesen wäre: bei meinen Eltern, bei Margit, Gerhard und Josef.

Einer fehlt noch: Niko. Er hat mich und mein Gepäck sicher nach Rügen getragen. Zu Hause ist es manchmal nicht ganz einfach mit ihm. Auf dieser Reise habe ich mein Pferd von einer anderen Seite kennen gelernt: Unerschrocken hat er einige brenzlige Situationen souverän gemeistert. Ich konnte mich wirklich auf ihn verlassen. Ich bin froh, dass auch er trotz aller Strapazen gesund geblieben ist. Da bei einem Haflinger die Liebe durch den Magen geht, habe ich mich mit Karotten und Äpfel bereits ausgiebig bei ihm bedankt.

So long, happy trails!

Verena