Mit der Hinterhand nachgeben

Diese Übungen helfen dir, dein Pferd geschmeidig und biegsam zu machen – außerdem fördern sie die bessere Beziehung zwischen Pferd und Reiter.

 

Text: AQHA Professional Horseman Brent Graef

Übersetzung: Sonja Grünauer

 

Wenn ich mit meinem Pferd einen Ausritt mache und an eine Stelle komme, wo es z.B. über einen Draht steigen muss, sollte ich als Reiter in der Lage sein, die Beine meines Pferdes so zu dirigieren, dass es sicher über das Hindernis kommt. Oder bei einem Ausritt hörst du plötzlich eine Schlange zischen. Startet dann mein Pferd plötzlich los, sollte ich es zum Stoppen auf jene Seite biegen, die ihm leichter fällt. Es gibt viele Gründe, warum man über alle Körperteile seines Pferdes Kontrolle haben sollte – auch über seine Psyche.

Die vier Wege, wie man die Hinterhand nachgiebig macht, werden dir helfen, die Durchlässigkeit und Geschmeidigkeit deines Pferdes zu prüfen. Außerdem kannst du feststellen, wenn es seine Hinterhand vermehrt in eine Richtung nimmt. Es wird dir durch diese Übungen leichter fallen, dein Pferd in beiden Richtungen geschmeidig reiten zu können; die Kommunikation zwischen dir und deinem Pferd wird verbessert.

 

1. Ein Zügel, ein Schenkel

Dies ist der einfachste Weg, um die Hinterhand des Pferdes zu bewegen, und es ist eine gute Übung für den Beginn. Du kannst die Übung in der Arena, draußen im Gelände oder sonst wo machen.

Sagen wir nun, dass wir die Hinterhand nach rechts bewegen wollen. Ich nehme sanft den linken Zügel an und biege den Hals des Pferdes leicht nach links. Ich achte darauf, dass der Kopf des Pferdes weiterhin vertikal zum Boden bleibt und nicht seitlich schief gehalten wird, mit einer leichten Biegung im Genick. Das Pferd sollte im Genick flexibel bleiben. Ist das Pferd einmal korrekt nach links gebogen, setze ich meinen linken Schenkel ein, damit seine Hinterbeine übertreten. Wichtig ist, auf das innere Hinterbein (in diesem Fall das linke Hinterbein) zu achten, damit es vor dem anderen Hinterbein überkreuzt. Dies fördert die Geschmeidigkeit im Lendenbereich des Pferdes. Beim ersten Mal lasse ich mit meinen Hilfen sofort bei Bewegung der Hinterhand nach. Dies vermittelt dem Pferd „Yeah, du bist auf dem richtigen Weg“. Von diesem Ausgangspunkt kann ich weiter arbeiten. Beim nächsten Mal lasse ich erst dann locker, wenn das Pferd tatsächlich einen korrekten überkreuzten Schritt macht. Nach kurzem Lockerlassen fordere ich das Pferd erneut zum Übersteigen auf, solange bis das Pferd eine ganze Wendung auf der Vorhand gemacht hat. Je mehr Fortschritte das Pferd beim Training macht, desto eher verlange ich von ihm, mit den Vorderbeinen dabei wirklich ruhig stehen zu bleiben, jedoch ohne mit dem Huf in den Boden zu bohren. Das Pferd sollte seine Vorderbeine ein wenig bewegen dürfen, damit es in Balance bleibt, während die Hinterhand um die Vorhand wendet.

Egal in welcher Disziplin du mit deinem Pferd reitest, Balance und Geschmeidigkeit ist das um und auf. Mache diese Übung auch in die andere Richtung und setze dabei den rechten Zügel und den rechten Schenkel ein.

2. Sanfter Zügelkontakt, ein Schenkel

Ich beginne diese Übung, indem ich sanften Zügelkontakt zum Pferdemaul aufnehme und das Pferd auffordere, sich leicht zu biegen und mit seinem Genick nachzugeben. Währenddessen setze ich meine Hüften und meinen linken Schenkel ein, um es zum seitlichen Übertreten mit der Hinterhand aufzufordern. (Diese Übung mache ich dann auch in die andere Richtung.) So wie bei der ersten Übung achte ich darauf, dass das innere Hinterbein vor dem äußeren Hinterbein überkreuzt.

3. Ohne Zügel, nur mit einem Schenkel

Wenn ich mein Pferd mit dieser Übung auffordere, mit den Hinterbeinen zu überkreuzen, achte ich darauf, dass meine Zügel lose sind, und lege meine Hände dabei aufs Sattelhorn. Ich habe nicht vor, die Zügel einzusetzen. Ich setze nur Schenkelhilfen ein – den linken Schenkel, um die Hinterhand nach links zu schicken, und warte ab, ob mein Pferd reagiert. Meistens wird das Pferd versuchen, dem Druck auszuweichen, indem es nach vor geht. Dann stoppe ich es, reite es mit Rückwärtstritten an den ursprünglichen Platz zurück, warte dort, bis sich das Pferd entspannt, lasse mit dem Zügeldruck wieder völlig nach und versuche die Übung erneut.

4. Ein Zügel, kein Schenkel

Ich nehme den linken Zügel an und fordere das Pferd auf, seinen Hals seitlich in diese Richtung zu biegen. Doch anstatt den Zügeldruck nachzulassen, wenn das Pferd meiner Aufforderung nachkommt, halte ich konstant den Druck am linken Zügel weiter, mache weder etwas mit meinen Schenkeln, noch mit meinen Hüften. Ich bleibe weiterhin stehen und warte, damit mein Pferd eine Antwort auf meine Aufforderung suchen kann. Möglicherweise biegt es seinen Hals noch etwas mehr oder es versucht mich anzusehen. Oder es versucht, mit seinem Kopf in die andere Richtung zu ziehen. Ich bleibe weiterhin ruhig auf dem Pferd sitzen und halte konstant mit Druck den linken Zügel. Irgendwann wird das Pferd sein Gewicht verlagern. Sobald es beginnt, seine Hinterhand zu bewegen, lasse ich mit dem Zügeldruck nach. Danach nehme ich wieder den linken Zügel an und warte, dass das innere Hinterbein übersteigt, und lasse wieder den Druck nach. Bei jeder der beiden letzten Übungen wird das Denken des Pferdes gefordert, damit Pferd und Reiter bei den Übungen eine Einheit bilden.

Mein Pferd soll bei der Übung denken, es soll mich fühlen und soll versuchen, meine Absichten zu erkennen. Ich stelle mir mental vor, wie mein Pferd mit den Hinterbeinen überkreuzt und habe dadurch ein klares Ziel. Ich lasse sofort mit dem Druck meiner Hilfen nach, sobald das Pferd richtig reagiert. Ich gebe meinem Pferd sozusagen das Feedback „Yeah, genau das wollte ich von dir.“ Wenn man nur einen Zügel einsetzt, ist man meist versucht – wenn auch ein wenig – den Schenkel einzusetzen. Doch wichtig ist es vor allem, dass der Reiter mit seinem Pferd kommuniziert, um ihm mitzuteilen, was er von ihm erwartet, und auch dem Pferd die Möglichkeit zu geben, selbst Lösungen zu finden, anstatt möglichst schnell dem Pferd beizubringen, dass es mit den Hinterbeinen überkreuzen soll.

Wann, wo und wie

Oft höre ich bei Clinics oder in der Arena die Leute sagen: „Ich konzentriere mich auf mein Pferd“, und wenn sie dann tatsächlich hinaus ins Gelände gehen, sehen sie sich die Umgebung an und ignorieren ihr Pferd. Natürlich will auch ich mich bei einem Ausritt entspannen und die Umgebung genießen, doch als Reiter hat man eine Verantwortung seinem Pferd gegenüber.

Mache ich beispielsweise mit Freunden einen Ausritt, versuche ich, als Erster im Sattel zu sein. Während die anderen noch mit dem Satteln und Zäumen beschäftigt sind, mache ich mit meinem Pferd bereits einige Biege-Übungen, um zu prüfen, ob es heute weich oder steif ist. Als nächstes nehme ich einen Zügel an und setze eine Schenkelhilfe ein, um die Hinterhand übertreten zu lassen. Dadurch kann ich erkennen, ob mein Pferd z.B. heute auf einer Seite eher steif ist und kann mich dann darauf einstellen, dass ich mein Pferd im Fall, dass es durchgeht, auf die andere Seite eindrehen werde. Wenn man auf diese Kleinigkeiten achtet, kann mir dies gröbere Probleme ersparen.

Beim Ausritt halte ich meine Augen offen, um Möglichkeiten zu erkennen, wo ich mit meinem Pferd meine Übungen machen kann. Wenn wir z.B. zu einer Weggabelung kommen und die Gruppe anhält, um zu entscheiden, welchen Weg man wählen soll, nütze ich die Zeit, um die Hüften meines Pferdes einmal nach links und einmal nach rechts zu dirigieren. Diese kleinen Zwischenübungen dauern nur wenige Minuten; du kannst diese Übungen völlig ohne Druck machen. Du kannst also bei jeder Pause eines Ausrittes diese oder jene Übung machen.

Wenn beispielsweise der Weg eine Linkskurve macht, versuche ich, die Hinterhand meines Pferdes vermehrt nach links zu nehmen und seine Vorderbeine dabei gerade zu halten. Ich reite also Krupp-Herein. Die Kurve des Weges hilft mir, dass mein Pferd diese Lektion mit geringer Hilfengebung durchführen kann.

Man kann das gleiche nun auch mit der Vorhand trainieren, denn dein Ziel sollte sein, jede Körperpartie deines Pferdes in jeder Situation unter Kontrolle zu haben.

Nehmen wir das rechte Vorderbein als Beispiel. In dem Moment, wenn das Bein den Boden verlässt, setze ich gleichzeitig den rechten Zügel ein, damit das Pferd das Bein vor dem anderen überkreuzt. Ich öffne den Knieschluss des rechten Knies und mache dem Pferd den Weg nach rechts frei, indem ich gleichzeitig das linke Knie intensiver ans Pferd nehme.

Während des Ausritts mache ich einige dieser Übungen, um zu prüfen, ob ich Kontrolle über die Vorhand des Pferdes habe. Und prüfe dann auch die Kontrolle der Hinterhand. Dadurch halte ich mein Pferd in guter Balance. Wenn eines oder mehrere Beine meines Pferdes nicht geschmeidig übertreten, kann dies daran liegen, dass es besonders auf dieses Bein sein Gewicht verlagert. Also ist es für mich ein Zeichen, woran ich in nächster Zeit besonders arbeiten sollte. Man braucht ein gut ausbalanciertes Pferd, um auf engem Raum wenden zu können, was besonders wichtig für die Rinderarbeit ist. Auch für fliegende Galoppwechsel sollte dein Pferd in Balance sein. Gut balancierte Pferde bleiben länger gesund, und ein Ausritt wird dadurch sicherer und Reiter und Pferd mehr Spaß machen.

Alles beginnt damit: „Bewege dieses Bein dorthin und jenes Bein dorthin.“ Auf diesem Basiskönnen kannst du dann weitere Lektionen aufbauen.