Mehr als Gebiss

Text: Annie Lambert

Illustrat ion: Jean Abernethy

Übersetzung: Sonja Grünauer

 

Es ist nicht nur wichtig, welches Bit

man im Maul seines Pferdes verwendet,

sondern auch, was das Pferd

damit macht.

Die Bewegung des ersten Halbwirbels

von links nach rechts ist ein

Zusammenspiel von Halsmuskeln,

die dafür sorgen, dass der Kopf des

Pferdes senkrecht zum Boden in

entsprechender Balance gehalten

werden kann.

Für die richtige Auswahl des Bits

sollte man auch die Halsanatomie

des Pferdes in Betracht ziehen.

 

 

Wenn du das nächste Mal mit einem

neuen Zaumzeug liebäugelst, solltest

du auch die physische Anatomie des

Maules deines Pferdes beachten. Das

perfekte Bit kann auch ein altes Erbstück

sein, das du in deinem Stall verstaubt findest

und einfach nur entsprechend auf die

Kopfgröße deines Pferdes einstellen musst.

Seit Ewigkeiten zäumen die Menschen

die Pferde mit Bits, und erfahrene Horsemen

haben erkannt, dass alte Zäume oft

am besten passen. In der heutigen Zeit erliegen

wir normalen Pferdeleute gern den

modischen Aspekten eines neuen Zaumes,

deren Hersteller versprechen, dass man damit

jedes Problem ganz einfach lösen kann.

In der Realität ist es jedoch so, dass nicht

jeder Zaum jedem Pferd passt. Vor allem,

wenn man diverse Unzulänglichkeiten von

Pferd oder Reiter kompensieren will, sollte

man bei der Auswahl des Bits wissen, wie

dieses funktioniert.

Egal, ob du nun ein altes Zaumzeug mit

Bit in deinem Stall findest oder ein neues

kaufen willst, der Bit-Hersteller David Elliott

aus Fort MacLeod, Alberta, empfiehlt

eindringlich, sich sein Pferd einmal genau

anzusehen, um zu entscheiden, welches Bit

passend wäre. „Ich spreche gerne über die

Anatomie des Pferdes und die Bedürfnisse,

die es hat und komme erst danach aufs Bit

zu sprechen“, sagt Elliott. „Je mehr man

über die Anatomie, die Versammlung beim

Reiten und alle Dinge, die ein Bit betreffen,

Bescheid weiß, desto weniger wichtig

ist das Bit selbst.“ Ein Pferd zu zäumen, ist

weit mehr, als ihm einfach ein Bit ins Maul

zu schieben. Das genaue Kennen diverser

Bits bringt automatisch auch das Verständnis

mit sich, wie die verschiedenen Arten

von Bits physisch auf ein Pferd wirken. In

diesem ersten Teil der zweiteiligen Serie

teilt Elliott sein Wissen über Equine Osteopathie,

die hilft, die Wirkung der Bits zu

verstehen.

Schwierige Zonen

Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung,

wie ein Bit wirklich funktioniert. Sie

sind sich dadurch nicht bewusst, welchen

Schaden sie bei ihrem Pferd mit einem

falschen oder nicht passenden Bit anrichten

können. Ein einfach gebrochenes Bit

wirkt völlig harmlos, doch auch dieses ist

für 90 % der Abstumpfungen im Pferdemaul

verantwortlich, wenn es nicht richtig

angewendet wird. Der Bit-Hersteller Elliott

warnt: „Jedes Bit kann scharf sein, wenn

man es hart anwendet. Zu wissen, wo genau

im Pferdemaul ein Bit wirkt, ist sehr

wichtig. Viele Reiter haben ihre Meinung

über die Schärfe verschiedener Bits, ohne

genau zu wissen, wie diese eigentlich funktionieren.“

Die meisten Leute fahren mit dem Auto

und wissen, dass das gelbe Licht bei der

Ampel der Puffer zwischen dem roten und

dem grünen Licht ist. Elliott betont, diese

„Gelblicht-Phase“ eines Bits zu nützen, um

das Pferd körperlich und mental auf das

nächste Manöver vorzubereiten. Die Schärfe

eines Bits hängt davon ab, wie groß diese

„Gelblicht-Zone“ ist. „Sind die Shanks

des Bits nach hinten geschwungen, dann ist

die Wirkung sehr verzögert, was die Zwischenzone

vergrößert“, erklärt Elliott. „Das

Pferd hat mehr Zeit, sich auf das kommende

Manöver vorzubereiten. Man gerät nicht

so leicht in die rote Zone. Die gelbe Zone

erlaubt dem Pferd, sich in Ruhe mental und

körperlich auf das Manöver einzustellen.

Wenn man versucht, beim Pferd etwas mit

Gewalt zu erzwingen, wird sein Widerstand

entsprechend groß sein. Hat es die Chance,

seinen Körper auszubalancieren, wird es

auch gut mitarbeiten.“

Zu kleine Bits

Mundstücke mit zu großem oder zu kleinem

Durchmesser haben Konsequenzen. In der

Englischen Reitweise wenden die Leute

öfter dicke Trensen an, da sie annehmen,

diese wären im Pferdemaul sanfter, erklärt

Elliott. Doch dieser gute Wille kann

schnell zu einem anatomischen Problem

führen. Zwischen der Pferdezunge und

seinem Gaumen ist nur ca. 1 cm Platz.

Wie soll es dann funktionieren, wenn das

Pferd eine Trense mit einem Durchmesser

von 2 cm im Maul hat? „Als Konsequenz

zieht das Pferd seine Zunge nach hinten,

was jedoch vermehrt Druck auf den Gaumenknochen

bedeutet und dem Pferd das

Atmen erschwert“, erklärt Elliott. „Das Atmen

ist für jedes Lebewesen lebenswichtig;

dadurch kann diese Situation zu Panik,

Kopfschlagen oder starkem Schnauben

führen. Es will seine Zunge wieder nach

vorne strecken, um leichter zu atmen. Auch

wenn ein Pferd ein großes Stockmaß hat,

heißt dies nicht, dass es auch mehr Platz im

Maul hat.“

Seit seinem 18. Lebensjahr arbeitet Elliott

als Hufschmied, er arbeitet mit Pferden und

produziert Bits. Vor zwei Jahren begann er

im Bereich Equine Osteopathie zu arbeiten.

Bei dieser Methode wendet er physische

Techniken an, um Verspannungen und Bewegungseinschränkungen

zu lösen, um die

körperliche und seelische Harmonie wieder

herzustellen. Elliott bestätigt, was bereits

vermutet wurde: Alles, was im Maul eines

Pferdes passiert, beeinflusst seinen ganzen

Körper – von Kopf bis Schweif.

Elliott, der für seine Bitting-Clinics bekannt

ist, verwendet einen Pferdeschädel

mit einer nachgebildeten Zunge, um zu

demonstrieren, wie ein Bit im Pferdemaul

wirkt. Bei einem lebenden Pferd könnte

man dies nicht richtig sehen.

Nach dem Studium der Geschichte der

Pferdezäumungen entwickelte Elliott ein

angehobenes Bit, das in allen Disziplinen

als Ausbildungsbit eingesetzt wird. Das

Design leitete er von einem Foto ab, das

er in einem geografischen Magazin über

Archäologie fand. „In dem Augenblick, als

ich dieses Bit auf dem Foto im Pferdemaul

sah, war mir klar, dass dies funktionieren

müsste“, sagt Elliott. „Es liegt anatomisch

korrekt im Pferdemaul, was ihm das Umsetzen

der Manöver sehr erleichtert. Besonders

in Kriegszeiten war der Reiter davon

abhängig, dass sich sein Pferd korrekt bewegt.

Sein Leben hing davon ab.“

Zwischen den Ohren

Der erste Halswirbel ist nicht ganz zwischen

den Ohren, doch es ist der erste Wirbel

der Halswirbelsäule, die am Hinterkopf

des Pferdes beginnt. Dieser Wirbel hat zwei

Bewegungsmöglichkeiten – die Rechts/

Schläfenknochen steht, die Töne vom Ohr

bis zum Trommelfell leiten. Die Schläfenknochen

sind auch für den Balancemechanismus

des Pferdekörpers zuständig. „Das

Wichtigste ist, dass ein Pferd lernt, seinen

Körper selbst in Balance zu halten, egal

was und wer da an seinem Kopf zieht“, sagt

Elliott. „Man hat schon Pferde gesehen, die

bei guten Bodenverhältnissen bei einem

Barrel Race gestürzt sind. Lässt man diese

Pferde dann zu Hause auf die Koppel, wo

sie Bocksprünge machen und Haken schlagen,

sieht man, dass sie hier keinerlei Gefahr

laufen, zu stürzen. Hier kann das Pferd

Links-Bewegung und die Möglichkeit des

Pferdes, seinen Kopf senkrecht zum Boden

zu halten. Wenn sich ein Pferd im Bereich

des Atlas biegt, bleiben die Spitzen seiner

Ohren auf gleicher Höhe“, sagt Elliott.

„Wenn ich mein Pferd zu einer Rechtswendung

auffordere, hebe ich meine rechte

Hand an. Das Pferd muss dabei die Spannung

des linken Halsmuskels im Bereich

seines ersten Halswirbels locker lassen.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen

dem Halswirbel und der diagonalen Hüfte“,

fährt er fort. „Nimmt das Pferd nur die

Nase in die Richtung, dann lockert es die

Halsmuskeln auf der anderen Seite nicht.

In dieser Situation kann es das rechte Fesselgelenk

nicht korrekt vorwärts bewegen,

die linke Hüfte schert aus und beeinflusst

dadurch die Bewegung der Vorhand.“

Die Equine Osteopathie zeigt, dass jede

Seite des Darmbeins (im Bereich der Hüften)

in direktem Zusammenhang mit den

sich selbst in eine entsprechende Versammlung

bringen, damit es diese Bewegungen

mühelos meistern kann. Beim Barrel Race

hat der Reiter einfach nicht zugelassen,

dass sich das Pferd auf natürliche Art und

Weise versammelt.“

Muskeln, Bits und das

Ligament

In den letzten Jahren ist es für Elliott zur

Passion geworden, sein Wissen über den

equinen Bewegungsapparat und die Physiologie

des Pferdes in Verbindung mit dem

Entwerfen von Bits zu verbessern. Seine

Theorie, wie sich Bits positiv oder negativ

auf ein Pferd auswirken können, hat die sogenannten

Bitting-Clincs sehr beeinflusst.

Obwohl diese Wissenschaft manchmal etwas

verwirrend klingt, macht sie dennoch

Sinn, wenn man sich einmal das Pferd genau

ansieht. Viele Leute nehmen an, dass

die Zunge ein Muskel ist und dass ein Bit

einfach auf der Zunge liegt. Doch sollten die

Leute wissen, wie viele Muskeln zwischen

der Zunge und dem Knie eines Pferdes verlaufen.

„Wenn man die Muskeln von einem

zum anderen Ende verbindet, die von der

Basis der Zunge zum Knie verlaufen, erkennt

man drei Hauptmuskeln“, erklärt

Elliott. „Die neurologische Antwort eines

Muskels erfolgt in einer tausendstel Sekunde.

Das bedeutet, dass in einer 3/1000-

Sekunde die Information von der Zunge in

Richtung Knie wandert.“ Wenn man also

die Zügel am Bit annimmt, ist es wichtig

zu wissen, dass dieser Zügelkontakt die

Muskeln im ganzen Pferdekörper aktiviert.

Die Basis der Zunge ist am Zungenbein in

der Kehle. Die Muskeln verlaufen von dort

über die Halsmuskulatur zum Brustbein, zu

den abdominalen Muskeln, zu den Lenden

und zu den Hüften.

Bei jedem Bit, das Elliott herstellt, fragt er

sich, welchen Einfluss dieses auf ein Pferd

haben würde. Wenn man ihn fragt, ob ein

Bit eine schiebende oder bremsende Wirkung

hat, besteht er darauf, dass es immer

eine gute Auswirkung für die Vorwärtstendenz

eines Pferdes haben sollte. Bei der

Vorwärtstendenz geht der Kopf mehr nach

vorne. Auch wenn ein Bit im Maul eines

Pferdes ist. Das Unterkiefer des Pferdes

sollte sich nicht in Richtung der Brust des

Pferdes bewegen, sondern die Brust sollte

sich in Richtung des Kinns bewegen, auch

wenn es eigentlich so aussieht, dass sich

das Kinn in Richtung Brust absenkt. – Dies

ist nicht so, sondern die Brust bewegt sich

vorwärts. Dadurch kann das Pferd seinen

Hals anheben, der Pferdekörper kommt in

die Versammlung. Für die Versammlung

muss das Pferd bereits die Basis seines

Halses anheben. Dadurch wird der Widerrist

höher kommen. Es sieht dann so aus,

dass der Kopf des Pferdes tiefer geht, wenn

man diesen mit der Widerristhöhe vergleicht.

Im Vergleich zum Boden jedoch

nimmt das Pferd seinen Kopf nicht tiefer.

Muskel in Richtung

Brustbein und Rippen...

Die Bindegewebsstränge der Halswirbelsäule

dehnen sich und die abdominalen

Muskeln ziehen sich zusammen.

Also welch ein System ist da in einem

Pferdekörper, wenn es seinen Körper höher

nimmt und seinen Hals tiefer? Wenn

man ein Seil von den Pferdeohren über den

Mähnenkamm, den Widerrist über seinen

Rücken zu den Hüften legt und dieses an

jedem Ende fixiert – wie wird das Pferd das

Seil anspannen? „Nimmt das Pferd seinen

Kopf nach vorne, spannt es die Bänder im

Hals an“, sagt Elliott. „Das Band hat auf

jeder Seite des Halses einen Bogen, der mit

den Halswirbeln verbunden ist, jedoch nicht

mit dem Brustbein. Wenn sich das Pferd in

diesem Bereich streckt, wirkt sich das also

auf die Haltung des Halses aus.“ Der Hals

eines Pferdes hat eine eher geringe Anzahl

von Muskeln, welche die Kopfhaltung unterstützen

und diese werden von den Bändern

unterstützt. Aufgrund der Lage von

Speiseröhre, Luftröhre und Blutversorgung

ist dort nicht mehr Platz für Muskeln, betont

Elliott.

„Um die Bindegewebsstränge der Wirbelsäule

zu strecken, muss das Pferd einen Teil

seiner Halsmuskulatur locker lassen, damit

auch der Kopf mehr nach vorne genommen

werden kann. Generell spricht man davon,

dass die Muskeln unterhalb der Wirbelsäule

im Bereich des Brustbeins sich entspannen

und die abdominale Muskulatur rund

um den Rücken des Pferdes sich anspannt.

„Die abdominale Muskulatur zieht sich zusammen,

um das Pferd beim Anheben des

Halsansatzes zu unterstützen“, fügt Elliott

hinzu. „Doch es muss zusätzlich auch

noch das Ligament strecken, sonst wäre die

Oberhalsmuskulatur zu stark.“

Und was hat das Bit jetzt damit zu tun?

Elliott beginnt seine Einweisung über Gebisse

immer zuerst mit einer Aufklärung

über die Wirkungsweise eines Bits und

welches Bit für welches Pferd geeignet

ist. Die Leute erwarten sich von dem Bit-

Hersteller zwar nur, dass sie bei ihm ein Bit

erwerben können, doch Elliott möchte die

Leute darauf sensibilisieren.

„Bei mir bekommt man ein Bit, wenn man

bei mir die theoretische Ausbildung absolviert“,

sagt er mit einem Lächeln. „Wenn

ich dir alles genau erkläre, wird das Bit in

deinen Händen bei deinem Pferd funktionieren.

Das Bit ist ein Kommunikationsinstrument,

mit dem wir unserem Pferd etwas

sagen können.“

In der nächsten Folge werden die Hebelwirkung

und die korrekte Einstellung des

Zaumes besprochen.

Das Entspannen der Halsmuskulatur

– während die

Bindegewebsstränge an

der Wirbelsäule gestrafft

werden und der Kopf des

Pferdes nach vor genommen

wird – ermöglicht

dem Pferd die Versammlung,

indem es die

Halswirbel höher nimmt,

die abdominale Muskulatur

anspannt und seinen

Rücken rund macht.

BIO

David Elliott wuchs auf einer Ranch

in Saskatchewan, Kanada, mit Pferden

auf. Seine Mutter und seine Schwester

waren aktive Spring- und Dressurreiter,

daher lernte er anfangs die englische

Reitweise. Später ritt er Rodeos

und Cuttings, Barrel Races und Team

Roping – einfach alles, was vom Westernsattel

aus gemacht wird.

1986 besuchte er die Schule für Hufschmiede

und begann 1990 mit der

Herstellung von Bits und Sporen. Neun

Jahre später wurde er von der Academy

of Western Artists zum Spurmaker

of the Year ernannt.

Einer seiner ersten großen Kunden

war Sharon Camarillo. Er fertigte jedoch

auch Bits für die Barrel Race-

Reiter Sue Smith, Judy Myllymaki und

den Kanadier Dee Butterfield für das

Wrangler National Finals Rodeo. Auch

der Reining Champion Duane Latimer

zählt zu seinen Kunden.

Durch ständige Weiterbildung in allen

Facetten der Pferdewelt konnte er die

Qualität seiner Bits weiter verbessern.

Elliott zeichnet sich durch die Veranstaltung

von ausgezeichneten Clinics

aus, bei denen Horsemanship ein

großes Thema ist.

Elliott und seine Frau Louise leben in

Fort MacLeod, Alberta.