Ein genauer Blick auf die Dressur

Grundbegriffe, die dir helfen, ein besserer Reiter zu werden

 

Text: Holly Clanahan

Übersetzung: Sonja Grünauer

 

Melonie Kessler, ich möchte nur, dass du weißt, dass du an allem schuld bist. Okay,  möglicherweise ist die Wortwahl „an etwas schuld sein“ nicht unbedingt richtig gewählt. Ich meine nichts Negatives. Doch es begann alles damit, dass ich Melonie bei der AQHA World Show im Jahr 2000 zusehen durfte, als sie ihre Freestyle-Dressur demonstrierte. „Jedes Pferd kann man dressurmäßig reiten“, erklärte sie mir damals. „Wenn du bereits ein Pferd hast und dein Pferd magst, dann ist dies das Richtige für dich.“ Nun gut, erkläre mir das genauer!

Spulen wir so zirka einen Monat ab. Mein Redakteur und ich diskutierten über Ideen für eine gute Story. Ich erinnerte mich an Melonies Beharrlichkeit, dass American Quarter Horses wunderbar für die Dressur geeignet wären. So reifte die Idee. Ich gebe zu, ich hatte bereits begonnen, bei einem Trainer Dressurstunden zu nehmen. Nachdem mein Redakteur zugestimmt hatte, dass dieses Thema interessant sein würde, begannen wir unser Vorgehen genauer zu planen. Lynn Palm, AQHA Richter und Professional Horseman, wurde auch Teil dieser Geschichte. Sie ist bekannt für ihre Demonstrationen von Dressur mit gebissloser Zäumung mit dem zweifachen AQHA Superhorse Rugged Lark, für den ich ganz besonders schwärme. Lynn trainierte den berühmten Hengst für seine Weltklasse-Performance nach einigen Prinzipien der klassischen Dressur. Lynn unterrichtet regelmäßig Schüler in diesem Bereich und erklärt, wie die Grundbegriffe in jeder Reitweise anzuwenden sind.

Als ich mit Lynn Kontakt aufnahm, war sie begeistert davon, den Begriff „Dressur“ so zu verbreiten, dass die Leute verstehen, dass dies etwas für jeden Reiter ist. Ich weiß, dass die meisten Leute, wenn sie den Begriff Dressur hören, an hochnäsige Reiter denken, die Zylinder und Dressurfrack tragen und auf großen, langbeinigen Pferden reiten. Doch Lynn erklärt, dass der Begriff „Dressur“ mit Training gleichzusetzen ist. Es ist einfach eine alte, ehrwürdige Methode, die sich auf Respekt, Ethik, Balance und Harmonie konzentriert.

Egal, ob du Freizeitreiter bist oder auf die nächste World Championship hinarbeiten willst, Lynn ist von den Grundlagen der Dressur überzeugt. Sie bestätigt, dass dich diese Arbeit zur nächsten Level in deiner Reitkunst führen wird.

Ich kam auf ihrer Farm nahe Ocala, Florida, an, um dort Stunden zu nehmen. Sie zeigte mir einige simple Techniken, die ihre Unterrichtsmethode unterstreichen.

Vorrangig ist auf jeden Fall der Sitz des Reiters. Man sollte eine vertikale Linie vom Ohr des Reiters über dessen Hüften bis zur Ferse erkennen können. Eine weitere wichtige Linie verläuft vom Ellenbogen des Reiters über die Zügel bis zum Maul des Pferdes. Diese Sitzposition ändert sich nie (obwohl Zügellänge und Steigbügellänge variieren), egal ob du westernmäßig reitest oder in der englischen bzw. dressurmäßigen Reitweise. Die Hände sind oberhalb des Widerrists positioniert und leicht geneigt zwischen der horizontalen und vertikalen Position, die Daumen an oberster Position. Die Zügel werden mittig zwischen den Fingern gehalten. Man hält nur jeweils einen Zügel in jeder Hand (und nicht zusammen, wie man es vom Westernreiten her kennt).

Lynn erklärte mir, dass ich im Sattel etwas mehr nach vorne rutschen sollte, um damit mein Gewicht mehr auf meine Po-Backen zu verlagern und vermehrt auf meinem Hintern zu sitzen. Sie erklärte mir weiter, dass es drei Wege der Kommunikation mit dem Pferd gibt: über den Sitz, die Beine und die Hände. Die Beinhilfen und die Zügelhilfen mit den Händen verstehe ich, doch ich dachte, die Sitzfläche des Sattels wäre einfach nur zum Sitzen vorgesehen. Die Sitzhilfe ist die am wenigsten bekannte Hilfe beim Reiten, erzählt Lynn. Man kann diese in zwei verschiedene Varianten einteilen: eine als Gewichtshilfe und die andere als Hilfe für die Vorwärtsbewegung des Pferdes. Sie zeigte mir, wie dies funktioniert.

 

 

Bild 1: Die Hände sind oberhalb des Widerrists positioniert und leicht geneigt zwischen der horizontalen und vertikalen Position.

 

Bild 2: Stell dir vor, du sitzt auf deinen hinteren Hosentaschen.

 

Bild 3: Ich nehme den inneren Zügel etwas an und übe mit dem inneren Schenkel Druck aus, um Wills etwas zu biegen. Dann bleibe ich im Trab sitzen, nehme meine Schultern zurück, schiebe mein Becken etwas nach vor und fordere das Pferd zum Galopp auf.

 

 

Sie sattelte Larks Hot Potator, einen prächtigen Hengst (in Besitz von Debbie und David Cronk aus Wicasser, Maine), um mir die Hilfen der Westernreitweise in meinem Training zu zeigen. Der Hengst war mit einem sanften Snaffle Bit gezäumt, das meist auch von Dressurreitern verwendet wird, um eine stetige Zügelanlehnung ans Pferdemaul halten zu können.

Unsere erste Aufgabe waren Schritt-Trab-Übergänge. Ich war anfangs etwas misstrauisch, denn diese Übung war scheinbar sehr leicht. Das Pferd einfach nur mit beiden Beinen anstupsen, oder? Wenn es nicht reagiert, dann etwas stärker mit den Unterschenkeln andrücken oder die Sporen einsetzen? Eben nicht! Übergänge werden zu 80 % mit Sitzhilfen und nur mit 20 % Beinhilfen geritten. Um die Sitzhilfe korrekt einzusetzen, solltest du dir einmal bewusst sein, wie sich dein Becken natürlich mitbewegt, wenn du dein Pferd im Schritt reitest. Verstärkst du dann den Rhythmus der Beckenbewegung und machst diese Bewegung schneller als die Bewegung des Pferdes, dann ist das vergleichbar mit der Aufforderung „Hey, los geht’s, tun wir was!“. Gleichzeitig mit der Aufmunterung deines Pferdes mit der Sitzhilfe kannst du etwas Druck mit deinen Unterschenkeln aufs Pferd ausüben. Das Pferd wird dein Kommando ganz deutlich verstehen: Es ist Zeit fürs Traben!

Um einen Übergang vom Trab in den Schritt zu machen, musst du deine Sitzhilfe vermehrt einsetzen. – Hier wird mehr Gewicht in den Sattel verlagert. Nimm deine Schultern etwas zurück, dadurch kommt mehr von deinem Körpergewicht in den Sattel. Verlangsame deine Beckenbewegung, indem du deinen Bauch anspannst. (Nicht das „Kreuz“ anspannen, wie man es oft im Reitunterricht hört, denn Knochen kann man nicht anspannen.) Schließe deine Finger leicht am Zügel. Durch korrekte Sitzhilfen kannst du die Bein- und Zügelhilfen minimieren. Es ist nicht leicht zu lernen, doch wenn man es einmal kann, kann man sein Pferd mit fast unsichtbaren Hilfen reiten.

Diese Technik kann man sowohl als Western- als auch als Englischreiter anwenden. Um dies zu demonstrieren, brachte  Lynn My Royal Lark, einen wunderschönen Hengst, den sie gemeinsam mit Mary Byers besitzt. Das Pferd war mit englischem Sattel und Zaumzeug ausgestattet. Ich hatte die Freude, mit Wills die Trab-Galopp-Übergänge in Angriff zu nehmen. Bei der Dressur lernt man zuerst Trab-Galopp-Übergänge, bevor man vom Pferd erwartet, direkt vom Schritt oder Stehen aus in den Galopp überzugehen. Der Grund liegt in der natürlichen Bewegung des Pferdes. Beobachtet man ein Pferd beim Spielen und Laufen auf der Koppel, dann wird man sehen, dass es vom Schritt in den Trab und dann erst in den Galopp übergeht, außer wenn es gerade Lust zum Buckeln hat. Lynn erklärte, dass die schrittweise Steigerung vom „1. Gang“ in den „3. Gang“ für das Pferd einfacher ist, da es dabei seinen Körper in Balance halten kann. Also setzte ich meine Sitzhilfen ein und Wills begann zu traben. Nachdem wir einen gesetzten Trab zeigten, erklärte mir Lynn, wie ich in den Galopp übergehen soll. Der Körper des Pferdes sollte leicht nach innen gebogen sein. Die Biegung sollte jedoch nicht zu deutlich sein, da das Pferd dadurch aus der Balance kommen kann. Ich drückte mit meinem inneren Unterschenkel ans Pferd und nahm den inneren Zügel leicht an. Ich blieb im Trab sitzen und nahm meine Schultern zurück, um mehr Gewicht in den Sattel zu bringen. Gleichzeitig bewegte ich mein Becken etwas vorwärts, drückte mein äußeres Bein etwas hinter dem Sattelgurt ans Pferd und übte damit sanften Druck aus. Bingo! Wills sprang anmutig in den Galopp.

Um das Pferd wieder zurück in den Trab zu nehmen, sind die Anweisungen ähnlich wie bei den anderen Übergängen von der höheren in die niedrigere Gangart. Man nimmt die Schultern zurück, gibt die Sitzhilfen und nimmt die Zügel leicht an. Ich war überrascht, dass mit diesen einfachen Hilfen diese Übergänge viel leichter funktionieren.

Ich konnte es nicht erwarten, endlich nach Hause zu kommen, um diese neuen Techniken mit meinem eigenen Quarter Horse Lark It Or Leave It, auch Junior genannt, auszuprobieren.

Mein Junior brauchte einige Tage, um das, was ich bei Lynn gelernt hatte, in die Tat umzusetzen und zu verstehen, was ich eigentlich von ihm wollte. Doch mit einigem Üben wurden wir beide ein besseres Team.

„Dressur kann eine richtige Partnerschaft zwischen Pferd und Reiter fördern“, sagt Lynn. „Diese Technik ist definitiv für Leute gedacht, die Pferde und Reitsport lieben und in ihrem Pferd einen Partner sehen.“

Stimmst du dem zu?

 

 

AQHA und USDF

Die United States Dressage Federation ist die behördliche Organisation für Dressur-Bewerbe. Um mit einem Pferd an einem Dressurbewerb teilzunehmen, muss das Pferd bei der USDF registriert werden. Die Mitgliedschaft kostet 65 $. Ende 2000 waren von den 1201 registrierten Pferden 5,2 % Quarter Horses. Es gibt noch keine reinen AQHA-Dressurbewerbe, doch Lynn Palm hofft, dass diese in Zukunft stattfinden werden. Derzeit können alle Quarter Horses bei den offenen USDF-Bewerben an den Start gehen.

 

 

 

Bild: Lynn Palm wendet die Grundlagen der Dressurarbeit für das Training von The Lark Ascending an, der 1991 AQHA Superhorse wurde. 1997 gewann er den Best of America’s Horse Award für das beste Quarter Horse in der Dressurklasse. Im Jahr 2000 erreichte er das Prix St. George-Niveau.

 

 

Eine völlig andere Arena

Ein Dressurviereck sieht für Neulinge etwas ungewohnt aus. Diese Plätze sind nicht so groß wie eine Arena beim Westernreiten und die Einzäunungen nicht so hoch. Es gibt zwei Größen von Dressurvierecken: 20x40 Meter für niedrige Dressurklassen und 20x60 Meter für die höheren Klassen. Statt der gewohnten Marker gibt es Buchstaben. (Große Dressurvierecke haben 12 Buchstaben, kleinere sind mit 8 Buchstaben markiert). Diese sind dazu da, um anzugeben, wo die Gangart gewechselt werden soll oder eine Figur beginnen oder enden soll.

Bei einem Dressurbewerb startet jedes Pferd-Reiter-Paar alleine – ähnlich wie bei einer Horsemanship. Die Patterns heißen Dressuraufgaben und dauern zirka 4 bis 6 Minuten. Jeder Reiter hat eine gewisse Zeitspanne vorgegeben, in der er zum Mittelpunkt des Vierecks einreiten kann. Wenn der Reiter innerhalb dieser Zeit nicht einreitet, wird er disqualifiziert.

Die Bewerbe sind aufgrund des Ausbildungsstandes des Pferdes aufgebaut. Die Kategorien sind unterteilt in Klasse A, L, L/M, M, S (Prix St. Georges, Intermediate I und II, Grand Prix und Grand Prix Special). Um in den Klassen ab L/M starten zu dürfen, muss man die Lizenz II haben. „Das wundervolle an der Dressur ist, dass in kleinen Schritten ausgebildet wird“, sagt Lynn Palm. „Dies gibt dem Pferd Zeit genug, sich gut zu entwickeln.“