Therapien für Pferde (7): Hydrotherapie
Aqua-Walking für Fitness und
Rehabilitation
Die positiven Wirkungen von
Wasser auf den Organismus sowohl in der Rehabilitation als auch im Wellness- und
Fitnessbereich sind aus dem Humanbereich hinlänglich bekannt. Therapieformen mit
dem Element Wasser kennt man auch schon länger in der Pferdebranche. Neu jedoch
ist eine Wasserführanlage, welche die Firma Kraft Führanlagen in Kooperation mit
Horse Wellness konzipiert hat.
Wasser
ist ein magisches Element, es kann zerstörerisch, aber auch heilsam sein. Der
richtige Umgang mit diesem Element ist entscheidend. In der Physiotherapie wird
Wasser in verschiedenen Formen gezielt eingesetzt, um spezielle Reize auf den
Organismus auszuüben und Heilungsmechanismen anzuregen. Auch im Sport macht man
sich vor allem die Trägheit des Wassers zunutze, um ein effektives, aber
schonendes Training zu erzielen.
Jeder
Pferdebesitzer setzt im Sommer den massierenden, kühlenden Wasserstrahl aus dem
Gartenschlauch ein, um die Pferdebeine nach einem anstrengenden Ritt zu kühlen.
Der Wasserstrahl hat insbesondere einen massierenden Effekt auf die
Beinstrukturen, er fördert somit die Durchblutung und in Folge den Abtransport
von Abfallstoffen über das Blut- und Lymphsystem. Der Kühleffekt aus dem
Schlauch in Leitungstemperatur ist aber leider zu gering, um einen
therapeutischen Zweck zu erreichen. Dennoch empfinden die Pferde die Abkühlung
nach dem Ritt als angenehm.
Therapeutisch sinnvoll ist hingegen der Einsatz von „bewegtem Eis“. Hierzu nutzt
der Physiotherapeut einen Eislolly, der auf der entsprechenden Stelle zwei
Minuten lang hin- und herbewegt wird, um Erfrierungen zu vermeiden. Durch den
Kältereiz ziehen sich die Gefäße zusammen. Bei der anschließenden
Behandlungspause kommt es zu einer reaktiven Mehrdurchblutung der Region durch
eine kompensatorische Weitstellung der Blutgefäße, der so genannten
Vasodilatation. Der Bereich erwärmt sich und die Abfallstoffe können
abtransportiert werden.
Wasserlaufband und
Schwimmbäder waren gestern
Für den
Trainingsaufbau nach Verletzungen haben sich in der Rehabilitation
Wasserlaufbänder etabliert. Der Wasserstand kann beliebig eingestellt werden und
somit entscheidenden Einfluss auf die Belastung der jeweiligen Strukturen
erhalten. Das Wasser bietet einen deutlichen Widerstand, so dass das Pferd
wesentlich mehr Kraft aufwenden muss, um eine Bewegung auszuführen. Dadurch wird
verstärkt die Muskulatur trainiert, während die Gelenke weitgehend geschont
werden. Dies ist der hauptsächliche Effekt des Wassertrainings.
Die
Bewegungen auf einem Laufband sind allerdings nicht zu hundert Prozent mit den
natürlichen Laufbewegungen eines Pferdes gleichzusetzen. Diesen Nachteil eines
Wasserlaufbandes kann hingegen die neu konzipierte Wasserführanlage ausgleichen.
Die Firma Kraft brachte ihr Know-how in Sachen Pferdeführanlagen und Metallbau
ein, Voncini Systems seine Erfahrungen der Wassertechnik und des Schwimmbadbaus.
Nach fünfjähriger Entwicklungszeit steht die Wasserführanlage nun der Pferdewelt
zur Verfügung. (Info unter
www.kraft-fuehranlagen.de)
Die
Wasserführanlage hat entscheidende Vorteile gegenüber den verschiedenen
Ausführungen von Pferdeschwimmbecken. Von Schwimmbecken ist man mittlerweile
fast vollständig abgekommen, da das Pferd beim Schwimmen den Rücken lordosieren
muss, um die Nase über Wasser zu halten. Das Pferd drückt also den Rücken nach
unten weg. Dies wirkt sich jedoch sehr ungünstig auf die Bänder und Muskeln des
Rückens sowie der Wirbel aus. Bei der Wasserführanlage hingegen bewegt sich das
Pferd in einer natürlichen Schrittbewegung vorwärts.
Kneipp-Kur für angelaufene
Beine
Die
neuartige Wasserführanlage bietet sowohl für Training als auch für den Einsatz
im Rehabereich unterschiedliche Möglichkeiten. So kann der Wasserstand im
Führbecken von 30 bis 100 Zentimeter variiert werden. Je höher der Wasserstand,
desto mehr Widerstand muss das Pferd muskulär überwinden, aber auch umso größer
ist der Wasserdruck, der auf den Organismus wirkt. Mit jedem Meter Wassertiefe
steigt der Druck um 0,1 Bar. Damit wirkt auf die Pferdebeine ein sanfter Druck,
der einer Lymphdrainage gleichkommt. Durch den Druck und die massierende Wirkung
des Wassers erfolgt eine bessere Durchblutung, fördert die venöse
Blutrückführung zum Herzen und regt das Lymphsystem an. Das „Wassertreten“ à la
Kneipp ist deshalb eine ideale Therapie für Pferde mit schwachem Lymphsystem und
Neigung zu angelaufenen Beinen. Ödeme und Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe
unterschiedlicher Ursache können beim Wassertreten positiv beeinflusst werden.
Für das
Training des Sportpferdes wird der Wasserwiderstand im Vordergrund stehen.
Dieser Effekt kann beim Zuschalten der Gegenstromanlage noch gesteigert werden.
Dabei baut das Pferd mehr Muskelmasse auf, kräftigt das Herz und schont dabei
die Gelenke. Dieses Krafttraining hat einen positiven Einfluss auf das
Herz-Kreislaufsystem des Pferdes.
Der
Schwimmbadbauer und Mitentwickler der Wasserführanlage, Claudio Voncini, hat auf
seinem Gestüt in der Nähe von Udine in Norditalien die Anlage schon seit
längerer Zeit in Betrieb. Er stellte fest, dass seine im Wasser trainierten
Pferde einen deutlich niedrigeren Ruhepuls haben. Dabei laufen die Pferde nach
einer 15-minütigen Eingewöhnungsphase im normalen Training etwa 30 bis 45
Minuten im Wasserbecken. Die Pferde können schnell, effektiv und schonend
konditioniert werden.
Ideale Arthrose-Therapie
Die
Gelenkschonung kommt durch den Auftrieb des Wassers zustande, da das Pferd nicht
sein ganzes Körpergewicht tragen muss. Über die Regulation des Wasserstands im
Führbecken werden bis zu 60 Prozent des Körpergewichts des Pferdes durch das
Wasser getragen. Dies kommt ganz besonders den Pferden zugute, die
Gelenksprobleme haben, unter Arthrosen leiden oder aufgrund einer
Gelenkserkrankung geschont werden müssen. Viele Pferde können auf diese Weise
trotzdem im Training bleiben.
Die
neue Wasserführanlage kann mit individuellen Zusatzmodulen ausgestattet werden.
So ist es möglich, das Wasser zu temperieren oder das Becken wahlweise mit Süß-
oder Salzwasser zu befüllen. Warmes Wasser mit einer Temperatur von etwa 35 Grad
wirkt sich sehr wohltuend und entspannend auf den Organismus aus. Es lindert die
Schmerzen von arthrosegeplagten Pferden deutlich. Arthrosepferde können im
Wasserbad gelenkschonend bewegt werden. Mit einer entsprechenden
Wassertemperatur bietet man dem Tier eine perfekte Therapieform.
Will
man einen Trainingseffekt auf die Blutgefäße erzielen, wählt man eine kühlere
Wassertemperatur. Da die Wassertemperatur unter der der Körpertemperatur liegt,
ziehen sich die Gefäße im kühlen Nass zusammen. Dies erfolgt auch dadurch, weil
der Körper den Temperaturverlust so gering wie möglich halten möchte. Verlässt
das Pferd das Wasser, weiten sich die Gefäße wieder. Der Wechsel von
Zusammenziehen und Dilatation der Blutgefäße führt zu einer besseren
Elastizität. Die Blutgefäße werden kräftiger und elastischer.
Neben
den idealen Trainings- und Rehabilitationseffekten kommt auch die Wellness des
Pferdes bei einer Wasserführanlage nicht zu kurz. Als Option kann die
Wasserführanlage beispielsweise mit Hydro-Massagedüsen ausgestattet werden.
Viele
Pferde lieben es außerdem, im Wasser zu plantschen; kaum ein Reiter hat
heutzutage noch die Möglichkeit, in seiner Umgebung seine Pferde in Bächen oder
Flüssen „Wassertreten“ zu lassen. In der modernen Form erfahren somit die längst
vergessenen Pferdeschwemmen durch die neu entwickelte Wasserführanlage eine
Renaissance.
Renate Ettl