Text & Fotos: Werner Poscharnigg
Weitblick beim Reiten
2 x Ungarn
Puszta
Mein Pferd schreitet durch einen Ozean von Stille. Alles weit weg. Alles Kleinliche und Beengte weg. Durchatmen, sich freiatmen. So herrlich! Bis zum Horizont nichts. Einfach nichts. Majesttische Distanziertheit. Freiheit. Unbeschwertheit. Tiefblauer Himmel. Sonne lsst die Grser duften. Weit mein Blick. In der Ferne rhrt sich etwas. Ich galoppiere an. Mein Pferd fliegt ber die Puszta.
Die Satteltaschen raunzen und klappern. Eine Herde von Graurindern mit ihren langen, Respekt gebietenden Hrnern. Kein Zaun. Ich reite langsam an ihnen vorbei, um nur ja keine Stampede zu verursachen. Anders als unsere alpinen Rindvieher kommen sie nicht neugierig herbei. Kein Hirte bei dieser Herde wie sonst. Nach einer Weile wieder Galopp. Der Sandboden unterm zhen Gras dmpft das Gerusch. Beim Querfeldeinreiten achte ich sorgsam auf eventuelle Lcher von allerlei groen und kleinen Grabetieren, damit die Reise nicht ein halsbrecherisches Ende nimmt. Wo sich durch Bentzung Wege bildeten, geht man auf Sand, meist nicht tief. Salzige Stellen leuchten wei und lassen gengsame, hbsch rote Krutln an sich heran. Anderntags eine groe Schafherde. Die freundliche Schferin hat mit Hilfe ihres wuscheligen Puli-Hunds alles straff im Griff.
Mit meinem Freund
Mein Selim trgt mich, ein zehnjhriger Hengst, Englisches Vollblut, den ich von der grnen Wiese kaufte und selbst zuritt. Schn, ein Pferd ausgebildet zu haben, mit dem ich auf mich allein gestellt sicher reiten kann. Er sieht aus wie sein Ahnherr, Byerley Turk. Ein Kriegspferd. Wir streifen durch die Bugac-Puszta etwa 130 km sdlich von Budapest, im Kiskusagi-Nationalpark bei Kecskemet.
Damit erflle ich mir einen lange gehegten Traum. Denn mich verdrieen als steirischen Freizeitreiter Reitverbote, Asphalt, Bauschuttwege, finstere Fichtenplantagen, die Enge zwischen Bergen und Hgeln. In der Puszta hat keiner etwas gegen Reiter. Man wird freundlich gegrt, betrachtet und gefragt, sollte man auf Menschen stoen.
Die siebenstndige Anfahrt von Graz hierher zahlte sich fr mich absolut aus, und auch mein Pferd ist begeistert. Nur grere Hauptstraen kennen bisher die Segnungen des Asphalts, also fhrt und reitet man auf Sand. Ortschaften sind rar gest, die Leute leben in Tanyas, kleinen Keuschen, von denen viele verfallen.
Reitverbote existieren hier nur in kostbaren Naturbewahrungszonen, sonst kann man reiten, wo man will. Mit Zunen geht man sparsam um. Einige der klassischen Ziehbrunnen funktionieren noch. Spendieren Sie Ihrem Pferd einen Drink daraus! Die Orientierung bietet im offenen Gelnde fr den, der Karte und Kompass handzuhaben versteht, keine Probleme. In den wenig spannenden, groen Robinien-, Pappel- und Fhrenforsten muss man mehr aufpassen. Da wre auch ein Navi nicht schlecht.
Vor der Dunkelheit sollte man im Stall sein, denn im Finstern ballern Wilderer und Jger mit oder ohne Scheinwerfer. brigens Was wahnsinnig klingt, erweist sich als sehr angenehm: so frh aufzustehen, dass man mit Sonnenaufgang abreitet. Derart vermeidet man lstige Insekten, hat weniger sengende Hitze, kommt weniger wahrscheinlich in Gewitter, geniet die Welt in khlem Morgenschleier. Schlafdefizite werden mittels Siesta ausgeglichen.
Paprika-Cowboys
Als offizieller Einstiegspunkt in die Puszta bietet sich die Karikas-Csarda an, ein Gasthaus nahe Bugac. Gleich in der Nhe kann der Besucher die absolut sehenswerten Vorstellungen der Csikos, der ungarischen berittenen Hirten, erleben. Ein Muss! Diesen rasanten Paprika-Cowboys gebhrt Hochachtung fr ihren Umgang mit ihren Kisber-Pferden. Da geht die Ungarische Post ab! Express!
Der scharfugige Ungarische-Post-Reiter wollte mir meinen Selim abkaufen. Doch Freunde verkauft man nicht.
Gleich hinter dem Gestt dort beginnt ein Naturlehrpfad (ohne Reitverbot!) durch einen interessanten Feuchtboden-Wald. Westlich davon kann der ambitionierte Reiter mit seinem Pferd hohe, zum Teil von Wacholder bewachsene Dnen erklimmen. Sehr toll! Ein Erlebnis. Erst nachher erfuhr ich, der heie Sand sei ein beliebter Ort fr Giftschlangen. Doch mir war keine aufgefallen.
Ausgangspunkt meiner herrlichen Puszta-Ritte Anfang September 2009 war die empfehlenswerte, gemtliche Gedeon Tanya, ein uriger Hof nahe dem Drfl Jakabszallas. Wenn man von der Asphaltstrae in die wellige Sandpiste einbiegt und der Pferdehnger hinter dem Zugfahrzeug Wolken staubt, hat man das schne Gefhl, die Konsumzivilisation verlassen zu haben und in ein echtes, wahres, natrliches Leben vorzustoen. Hier ist die Welt noch in Ordnung, meint man. Pferde weiden in einem ausgetrockneten See. Graurinder, Schafe, Mangalitza-Schweine, Hasen, Enten, Hhner bevlkern das sandige Terrain im Schatten von Pappeln.
Mama Zsolt kocht klassisch ungarische, deftige Hausmannskost. Und mein Selim mampfte in seiner Box gierigst das harte, strohige Puszta-Heu. Die Zsolts sind Distanzreiter und vermieten auch Ausreitpferde. Ein guter Ort. Vielleicht ein Kraftort, an dem ich mit meiner lieben, hilfsbereiten Christa fein ausspannen konnte.
Balatonblickritt
Einige Wochen zuvor absolvierte ich das Ungarn-Training fr die groe Puszta zunchst westlich vom Plattensee in Karmacs, bei Kesthely und Heviz, zusammen mit meinem Wildoner Reitkollegen, Dr. Ivor Schiller. Es gelang mir erfolgreich, ihn und seinen Schimmel Apollo mit dem Wanderreitvirus zu infizieren. Die Region West-Balaton eignet sich fr gemtliche Schritt-Pensionisten-Ausritte ebenso wie fr energische Reit-Unternehmungen. Wem die Puszta doch zu entfernt, zu brettleben, zu rau ist, der findet hier eine etwas handzahmere, sterreichischere, lieblichere Gegend vor.
Als Basis diente uns der Eisenberg bei Karmacs, wo Peter Kulier sein groes Anwesen hat. Ein Traum mit Weitblick auf das schne Land umher. Peter bertrgt seine Managerqualitten auf die Fhrung seines Hofs. Hier funktioniert alles. Gastpferde genieen groe Koppeln und Boxen. Der Chef steht mit Rat und Tat zur Seite, vermittelt schnes Quartier und Top-Czarda, beschreibt geduldig gute Strecken. Die Orientierung hier fllt leicht, weil alle Tler etwa von Nord nach Sd gehen und man auch ohne Karte leicht wieder heim findet.
Zu den schnen Genssen gehrt es, auf langen Hgelrcken mit Balaton-Blick zu galoppieren. Oder man bummelt durch vertrumte Weingartenhgel, kommt dann und wann in ein Drfl, wo es ein Caf als Rastpunkt gibt. Als Distanzreiter und -fahrer kennt Peter hier alle Straen und Wegerln. Sich seiner Kutsche samt Gefolge von Reitern und Hunden anzuschlieen und sich rasantest durch die Botanik zu begeben, zhlt zu den Gustostckerln des Aufenthalts.
Gras ber Leichen wachsen lassen
Ursprnglich hatte ich mein Reit-Abenteuer in der Hortobagy-Puszta, weiter stlich bei Debrecen, geplant. Es ist dies der westlichste Auslufer der groen, kontinentalen Steppen und ein zusammenhngender Nationalpark in der Gre des sterreichischen Seewinkels. Die Militrkarten verheien einen Steppenreitertraum. Doch die Nationalparkbehrde sagte hflich Njet in bester Ostblockmanier und erst bei zweiter Anfrage. Die Naturschutzzonen seien zu sensibel, teilte man mir mit. Nur mit Fhrer knne ich reiten. Aber nur auf gewissen, wenigen, kurzen Wegen sei man auf Reiter eingerichtet. In einer weiteren Mail beschied man mir, ich knnte mich ohne Fhrer verirren, mein Pferd von den Rindern und Hirtenhunden attackiert werden.
Also entschied ich: Habt᾽s mich gern. Mein vorsichtiger Rat fr hartnckige Reiter, welche unbedingt die Hortobagy-Puszta durchstreifen wollen: nicht in Hortobagy logieren, sondern Stall und Quartier am Rand des Nationalparks suchen und von dort hineinreiten. Dort ist: nichts. Nur Gegend. Herrlich. Nach meiner Einschtzung drfte keiner auftauchen, der Sie abstraft oder hinausweist. Das sollte klappen. Aber Garantie gebe ich keine. Sie reiten auf eigenes Risiko. Vielleicht haben Sie doch ein Mordsgscher.
Mir kam das Reitverbot verdchtig vor. Schlielich kann man in fast allen Nationalparks der Welt reiten. Ich recherchierte. Und siehe: In der Region des Nationalparks Hortobagy gibt es Fischteiche und Entwsserungsgrben in einer Gesamtgre, die der des Neusiedlersees entspricht. Gro! Denn diese Teiche und Grben wurden von Menschen in Handarbeit mit Schaufeln gegraben. So etwas tut man nicht freiwillig. Das machten Zwangsarbeiter. Kriegsgefangene und politisch Missliebige. Vom Ersten Weltkrieg bis in die spten 50er-Jahre. Die Hortobagy-Puszta war das Sibirien Ungarns. Nur ein Jahrzehnt nach Schlieung der Konzentrationslager um Hortobagy plante Ungarn, die Natur dort vor Besuchern zu schtzen und seinen ersten Nationalpark zu schaffen. Lobenswert. Denn damit war der Groteil des Gebiets fr die ffentlichkeit nicht mehr zugnglich. Und schon gar nicht fr selbstndige Reiter, die Dinge entdecken und fotografieren knnten, ber die Gras im wahrsten Sinne des Wortes wachsen sollte. Leute und Institutionen, die sich durch massive Menschenrechtsverletzungen kompromittierten, sollten nicht spt doch noch aufgedeckt und zur Rechenschaft gezogen werden. Alptraumartige, bse Fantasien eines bersensiblen Abenteurers? Ich mailte mehrere ungarische Stellen an. Keinerlei Reaktion. Nach dem Motto: Net amol ignorieren. Was meinen Argwohn nhrt.
Info-Box:
Topographic Map Ungarn 1:50.000: gute Militrkarte, aber nicht absolut verlsslich. Erhltlich bei: mapfox.de
L-34-40-C Bugac, L-34-40-A, L-34-39-B, L-34-39-D
L- 33-47-A Zalaszentgrot (fr Karmacs), L-33-47-B, C, D
L- 34-19-A Hortobagy (und anschlieende Karten)
Die topografische Ungarnkarte gibt es teuer fr das Wander-Navi von Garmin.
Gedeon Tanya Panzio: Jakabszallas, II.kerlet 150; Tel. +36/76722800; +36/303497755; www.gedeon-tanya.hu; pusztainfo@gedeon-tanya.hu
2 Pferdeboxen, einige Stnde
In der Nhe: Patko Tanya: www.urlaubsanbieter.de, stellt Pferde ein, vermittelt Zimmer.
www.bugacpuszta.info.hu; www.nationalpark.hu; http://knp.nemzetipark.gov.hu; www.hnp.hu.
Peter Kulier in Karmacs: Tel. +36/309398624; kulier@puntec.com; Gastpferde mssen turniermig durchgeimpft sein.
Werner Poscharnigg: Das weite Land des Wanderreitens. Verlag Cadmos. Das schon zur Bibel gewordene Handbuch gibt es ber amazon.de oder bei mir. Ebenso mein Buch Westernfreizeitreiten. Verlag BLV.
Freundlicher Fragenbeantworter: werner.poscharnigg@gmx.at
Online-Vollversion dieses Artikels: Poscharnigg.meinekleine.at