Mark Rashid
Vertrauen lernen als lebenslange Aufgabe
Mit dem Vertrauen ist das eine komische Sache. Wir alle mchten, dass man uns vertraut und sind oft sogar beleidigt, wenn jemand auch nur andeutet, er habe kein Vertrauen zu uns - selbst wenn wir ihn gerade erst kennen gelernt haben. Andererseits finden wir es vllig in Ordnung, anderen nicht so ohne weiteres zu vertrauen. Jawohl, bevor wir jemand vertrauen, muss derjenige erst beweisen, dass er unser Vertrauen auch verdient. Unser Vertrauen ist nicht ohne Vorleistung zu haben, so viel ist sicher. Das hat mit unserer misstrauischen Natur zu tun. Die meisten Leute sind in dieser Hinsicht ein bisschen komisch. Nicht dass daran etwas schlecht wre, ganz gewiss nicht. Ich vermute, es ist sogar das, was unserer Spezies zum berleben und Gedeihen verhelfen hat. Trotzdem ist es ein interessantes Dilemma - fr andere vertrauenswrdig sein, selbst aber nicht unbedingt vertrauen wollen.
Bringen wir nun ein Pferd in die Gleichung. Die meisten von uns streben mit ihrem Pferd eine Beziehung an, die auf Vertrauen gegrndet ist. Theoretisch mchten wir unserem Pferd vertrauen und wir mchten, dass das Pferd uns vertraut. In Wirklichkeit besteht aber meistens eine Art Einbahn-Verhltnis. Mit anderen Worten, wir vertrauen darauf, dass unser Pferd uns vertraut, aber wir vertrauen nicht unbedingt unserem Pferd. Sogar bei meinem Pferd Buck - von dem ich geglaubt hatte, ich wrde ihm mein Leben anvertrauen - stellte ich fest, dass ich, als er mein Vertrauen gebraucht htte, mich gegen ihn stellte und meinem eigenen Urteil mehr vertraute als ihm.
Das passierte vor einigen Jahren. Ein junges Pferd war zur Ausbildung gekommen und in einen der Corrals unten neben der Zufahrt gebracht worden. Es war ein hbscher brauner Wallach, aber er kam mit einer Hypothek. Genau gesagt war er schlecht behandelt worden und hatte die Menschen ziemlich grndlich satt. Er lie sich kaum einfangen und vertrug sich auch nicht richtig mit den anderen Pferden. Der Corral hatte ein Tor zur Zufahrt hin, nahe dem alten blauen Anhnger, mit dem wir den Mist wegbrachten.
Nachdem er untergebracht war, beschlossen wir, ihn ein paar Tage in Ruhe zu lassen, bevor wir etwas von ihm verlangten. Das machten wir routinemig sowieso in den meisten Fllen, aber bei diesem kleinen Burschen mit seinem angeschlagenen Seelenzustand schien es besonders wichtig zu sein. Nachdem ich ihn mit Futter und Wasser versorgt hatte, fand ich, der Tag wre noch ziemlich jung und sattelte meinen alten Buck zu einem Ausritt.
Wir waren noch nicht lange unterwegs, als das Wetter umschlug. Es sah bedrohlich nach Regen aus, und so drehte ich nach etwa einer Stunde um und ritt wieder Richtung Heimat. Als wir die Zufahrt hochritten, fiel mir auf, dass der Corral, in dem der Neuankmmling gewesen war, schrecklich leer aussah. Und nicht nur das: Das Tor stand auerdem halb offen. Das kam mir komisch vor, denn ich erinnerte mich genau, dass ich es nach dem Fttern geschlossen und den Riegel vorgeschoben hatte. Ich erinnerte mich auch, dass ich einen Blick auf das Tor geworfen hatte, als ich mit Buck daran vorbeiritt, und ich war sicher, dass das Tor zu und verriegelt gewesen war.
Als wir nher kamen, entdeckte ich im Corral meinen kleinen Sohn Tyler, der damals vier Jahre alt war, mit einer Schaufel. Nun war Tyler selbst in diesem zarten Alter ein hchst gewissenhafter kleiner Bursche und half berall mit, wo er dachte, er knnte sich ntzlich machen. Eine seiner absoluten Lieblingsbeschftigungen war das Ausmisten, was wir jeden Morgen zusammen erledigten. An diesem bestimmten Morgen aber hatte Tyler verschlafen. Ich war schon weg, als er aufwachte, und hatte die Boxen und Corrals allein ausgemistet. Es versteht sich, dass er nicht gerade glcklich darber war, das tgliche Ritual verpasst zu haben. Nachdem ich schon weg war, bemerkte er, dass im Corral mit dem neuen Pferd ein wenig Mist lag. Hatte er schon das morgendliche Ausmisten verpasst, so wollte er wenigstens diesen Corral ausmisten, damit er schn sauber war, wenn ich wiederkam. Leider lie er in seiner Begeisterung versehentlich das Tor offen und der neue Wallach suchte prompt das Weite. Als ich mit Buck nach Hause kam, war der Wallach schon lange weg. Ich bedankte mich bei Tyler fr das Ausmisten und bemerkte, vielleicht knnte er nchstes Mal auch das Tor hinter sich schlieen. Dann packte ich ein Halfter, Fhrstrick und Lasso, kletterte wieder auf Buck und ritt los, um den Wallach zu suchen. Wir entdeckten schnell seine Hufspuren neben der Strae und folgten ihnen bis zu einem groen Feld etwa eine Meile die Strae hinunter. Frher einmal war es einfach eine groe offene Flche am Fu der Berge gewesen, aber neuerdings wurden dort immer mehr Huser gebaut. Buck sah den Wallach zuerst. Als wir ins Gras hineinritten, spitzte er pltzlich die Ohren und sah zu einer Baumgruppe am anderen Ende des Feldes hinber. Weit weg war ein kleiner brauner Fleck, der fr mich wie ein Erdhaufen aussah, aber Buck wusste es besser. Wir ritten auf den Fleck zu und es dauerte nicht lang, bis er die Umrisse eines Pferdes annahm und ich wusste, dass Buck Recht gehabt hatte. Wir waren vielleicht noch hundert Meter entfernt, als uns der Wallach bemerkte. Sein Kopf fuhr aus dem Gras hoch und er kam zu uns hergetrabt, um sich zu informieren. Er und Buck beschnffelten sich kurz, dann machte er kehrt, trabte ein Stck weg und hielt an, als ob er sagen wollte: Na schn, kommt her und fangt, mich, damit wir nach Hause knnen.
Der Wallach war ein bisschen nervs, schien aber nicht die Absicht zu haben, sich allzu weit von Buck zu entfernen. Deshalb sa ich ab und ging, Buck im Schlepptau, auf ihn zu. Kaum aber stand ich auf dem Boden, als der Wallach noch nervser wurde und pltzlich auf und davon trabte. Ich sa wieder auf und ritt ihm nach, wobei ich darauf achtete, es nicht so aussehen zu lassen, als ob wir Jagd auf ihn machten. Wir ritten einfach irgendwie in dieselbe Richtung, in die auch er sich bewegte. Wir hielten an, wenn er anhielt, und setzten uns in Bewegung, wenn er sich bewegte, aber ansonsten bemhten wir uns, keine Eile zu zeigen. Nach ungefhr einer halben Stunde waren wir allmhlich bis auf wenige Meter an ihn herangekommen. Diesmal blieb ich im Sattel und ritt Buck seitwrts an ihn heran. Ich whlte den Seitwrtsgang, weil ich dachte, er wrde uns so weniger bedrohlich finden als direkt von vorn. Es schien zu funktionieren, denn er machte keine Anstalten wegzulaufen, whrend wir uns jeweils in kurzen Seitwrtsschritten nherschoben. Endlich standen wir direkt neben ihm, aber ich lie mir noch einmal viel Zeit, bis ich mich langsam vorbeugte und ihm den Hals klopfte, damit er verstand, dass er dableiben sollte. Er war auch ganz schn entspannt, und ich dachte, der Augenblick wre gekommen, ihm das Halfter berzustreifen. Vorsichtig nahm ich das Halfter, das ich ber das Sattelhorn gehngt hatte, und rieb ihm damit ber den Nacken. Es schien ihm nichts auszumachen, also ffnete ich die Schnalle am Halfter, um es ihm berstreifen zu knnen, und beugte mich im Sattel vor. In diesem Augenblick flog die Hintertr eines Hauses in der Nhe auf und heraus kamen eine Mutter und zwei kleine Kinder.
Hallo, Sie da!", rief sie mit lauter, freundlicher Stimme. Drfen wir Ihre Pferde streicheln?"
Na ja, dieser pltzliche Ausbruch von Aktivitt war mehr, als der Wallach aushalten konnte. Die Frau hatte ihre Frage noch nicht ganz beendet, als er auch schon vorwrts schoss und mit Hchstgeschwindigkeit in Richtung Berge davonlief. Genau an diesem Punkt - whrend wir das Pferd einen langen Pfad zum Gipfel des Berges hoch entschwinden sahen - dachte ich mir, dass uns vielleicht doch noch ein reichlich langer Nachmittag bevorstnde.
Whrend ich die dnne Bergluft in meine Lungen hinein- und wieder herauspresste, war mein einziger Gedanke, dass dieser Berg doch erheblich steiler war, als er aussah. Der Pfad war sehr steinig und ziemlich ausgewaschen und folgte mehr oder weniger einer Stromleitung, was hchstwahrscheinlich der einzige Grund gewesen war, warum jemand hier berhaupt einen Weg angelegt hatte. Ich war im Sattel geblieben, so lange ich es verantworten konnte, aber etwa auf halber Hhe beschloss ich abzusitzen. Es war einfach zu verflucht steil, als dass Buck mich die ganze Zeit htte tragen knnen.
Wir waren noch lngst nicht ganz oben, als wir den Wallach entdeckten, der im hohen Gras ein Stckchen rechts neben dem Pfad stand und es sich schmecken lie. Wir waren schon ein- oder zweimal ziemlich nahe an ihm dran gewesen, aber jedesmal war er davongelaufen, weiter den Berg hoch. Als wir uns diesmal nherten, machte er kehrt und verschwand im Trab ber den Gipfel und aus unseren Augen. Buck und ich erreichten schlielich ebenfalls den Gipfel und nach einer kurzen Verschnaufpause sa ich auf und wir ritten den Pfad auf der anderen Seite des Berges hinunter. Zu unserem Glck fhrte der Weg nicht steil nach unten, sondern verlief in Schlangenlinien um Bsche und Felsen einen sanften Abhang hinunter. Dieser Pfad gehrte zu einem Wegenetz, das von einer Reitschule am Fue des Berges fr Trailritte genutzt wurde. Ich hielt das fr unser Glck, denn ich wusste, dass der Pfad genau in den Reitstall fhrte, wo gengend Personal zugange sein wrde. Irgend jemand wrde sicher mein freilaufendes Pferd einfangen und festhalten, bis es jemand holen kam. Ich dachte schon, Buck und ich htten es geschafft und wrden zum Abendessen wieder zu Hause sein.
Nachdem wir ungefhr eine Viertelstunde abwrts geritten waren, kamen wir zu einem Punkt, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Genau vor uns gabelte sich der Pfad in zwei Richtungen. Der eine Weg fhrte nach rechts den Berg wieder hinauf, der andere nach links den Berg hinunter. Erst war ich mir im Unklaren darber, welchen Weg wir einschlagen sollten, aber dann war ich mir mehr als sicher, welche Richtung unser kleines Pferd gewhlt hatte.
Der Weg nach rechts sah wenig begangen aus und fhrte sofort steil nach oben. Ich konnte kein Anzeichen dafr entdecken, dass unser Pferd hier entlanggegangen war - keine Hufspuren, kein Mist oder dergleichen. Der Weg nach links wurde sichtlich viel genutzt und fhrte weiter sanft den Abhang hinunter. Es waren auch Hufspuren und frischer Mist zu sehen, die aussahen, als knnten sie nur wenige Minuten alt sein. Was mich betraf, war die Sache klar - wir mussten nach links. Buck allerdings war anderer Ansicht. Kaum hatten wir die Gabelung erreicht, als er auch schon nach rechts abwendete und anfing, den Berg wieder hinaufzuklettern. berrascht hielt ich ihn an, und da der Weg zu eng zum Umdrehen war, wollte ich ihn rckwrts wieder hinunterdirigieren. Verblffenderweise widersetzte er sich. Es sah Buck gar nicht hnlich, sich zu weigern, und ich htte eigentlich schon in diesem Augenblick wissen mssen, dass er seine Grnde hatte. Ich ging aber darber hinweg und forderte ihn weiter auf zurckzutreten. Er weigerte sich, blieb wie angewurzelt stehen und legte sich aufs Gebiss. Ich lie ihn leicht mit dem Kopfnicken und gab wieder die Hilfen zum Rckwrtstreten. Er weigerte sich.Nun komm schon, ", hrte ich mich sagen. Wir vergeuden hier unsere Zeit."
schnaubte einmal laut und schttelte den Kopf, als wrde er langsam ganz schn ungeduldig mit mir. Ich schob es darauf, dass er von den zweieinhalb Stunden, die wir bereits mit der Verfolgung verbracht hatten, vielleicht etwas mde war. Er schnaubte noch lauter, schttelte noch einmal trotzig den Kopf und ging widerwillig rckwrts den Berg hinunter.
Ich wendete ihn nach links und trieb ihn vorwrts. Er strubte sich, alle Aufmerksamkeit nach rechts gerichtet, und sandte ein lautes Wiehern den Berg hoch.
Ich sag's dir, ", versicherte ich ihm. Er ist auf gar keinen Fall da hochgelaufen."
schlug drei-, viermal mit dem Vorderfu auf den Boden, schnaubte und schttelte den Kopf. Ich lie ihm sein bisschen Theater und trieb ihn weiter den Berg hinunter. Er gab nach, aber erst nach einem aus tiefster Seele kommenden Schnauben und einem letzten Kopfschtteln. Er trug mich den Berg hinunter, aber es war vom ersten Schritt an klar, dass er nicht glcklich darber war. Er setzte den ganzen Weg hinunter die Hufe auf, als htte er mit dem Boden eine Rechnung zu begleichen, und sein gelegentliches Schnauben und Kopfschtteln zeigten, dass er mit meiner Entscheidung alles andere als einverstanden war.
Es machte nichts, denn ich war so sicher wie nur etwas, dass wir den Wallach am Fu des Berges antreffen wrden, eingefangen und auf den Abtransport wartend. Sie knnen sich meine berraschung vorstellen, als wir eine Dreiviertelstunde spter auf den Parkplatz des Reitstalls ritten und der Wallach nirgends zu sehen war.
Ich lie am Trog trinken, band ihn an einem Anbindebalken an, ging ins Bro und fragte nach dem Wallach. Niemand hatte ihn gesehen. Der letzte Trailritt des Tages war sogar eben erst hereingekommen. Sie waren denselben Weg hinuntergeritten, den wir gekommen waren, und sie hatten nicht die Spur eines Pferdes gesehen.
Ich steckte in der Klemme. Die Sonne ging bald unter, was eine weitere Suche in den Bergen so gut wie unmglich machte, und war ziemlich erschpft. Den Weg bis zu der Gabelung, an der nach rechts gewollt hatte, wieder hinaufzureiten, kam nicht in Frage. Dazu war er zu mde, und wenn ich ihn hinauffhrte, wrden wir fast eineinhalb Stunden nur bis zur Abzweigung brauchen. Ich wollte mir eines der Trailpferde leihen und damit weitersuchen, aber es war Hauptsaison und alle Pferde waren den ganzen Tag im Einsatz gewesen und rechtschaffen mde. Ich war ziemlich verzweifelt, hinterlie aber meinen Namen beim Manager, der versprach, dass das Personal ber Nacht Ausschau nach dem Wallach halten wrde. Wenn er noch da oben in den Bergen war, wrde er wahrscheinlich einen Pfad finden und ihm sowieso abwrts zum Reitstall folgen.
Das war alles, was ich tun konnte. Ich sa auf und ritt niedergeschlagen hinaus auf die Strae und in Richtung Heimat. Die Strae machte ein paar Schleifen und traf dann auf eine andere, die uns direkt nach Hause zurckfhren wrde. Wir waren nur noch ein paar hundert Meter von zu Hause entfernt und die Sonne ging gerade unter, als Buck die Ohren spitzte und seine Aufmerksamkeit auf den Berg richtete, auf dem wir die letzten viereinhalb Stunden verbracht hatten. Wir hatten unseren Aufstieg auf der stlichen Seite begonnen, waren einen Kamm hinaufgeklettert, der die stlichen und westlichen Hnge verband, waren die Westseite hinuntergeritten und hatten uns nach Norden gewandt, wo der Reitstall lag. Schlielich waren wir weiter nach Nordosten geritten, wo wir jetzt standen. Ich blickte ber eine Weide, die auf drei Seiten eingezunt war, und zu meiner groen berraschung sah ich dort, neben etwas, das aussah wie eine vergessene Trailausgangsstation, bedeckt mit morschen sten und drrem Gestrpp, den Wallach stehen. Er sah berhaupt nicht mitgenommen aus und graste friedlich, als ob ihm das alles gehrte.
Buck rief ihn laut, schnaubte und schttelte so heftig den Kopf wie whrend unserer Diskussion ber den richtigen Weg. Der Wallach hrte ihn und antwortete. Er kam auf uns zu, zuerst im Schritt, dann im Trab und schlielich im Galopp. Nicht lange und er hielt vor Buck an, als ob er fragen wollte: Hey, wo warst du? Wie vor Stunden ritt ich Buck seitwrts an ihn heran und zog das Halfter vom Sattelhorn. Wir konnten dicht heranreiten, und diesmal lie er sich das Halfter berstreifen und verschnallen, als ob er die ganze Zeit nur darauf gewartet htte. Vermutlich reichte dem Wallach die Aufregung fr einen Tag ebenfalls. Damit war die Zerreiprobe beendet und wir drei waren bald auf dem Heimweg, whrend die Dunkelheit den Berg zu verschlucken begann. Am nchsten Tag sattelte ich Buck und ritt zu der Stelle hinber, wo Buck die Nacht zuvor den Wallach neben der verborgenen Trailstation entdeckt hatte. Sie befand sich auf Privatgelnde, was einer der Grnde dafr war, warum ich den Pfad nie benutzt hatte. Ich bat um Erlaubnis zum Durchreiten und erhielt sie auch. Es war nicht ganz einfach, aber schlielich kamen wir auf den Pfad und folgten ihm zurck ber die Flanke des Berges. Er fhrte eine halbe Meile allmhlich aufwrts, ber eine offene Wiese, dann in einer Schleife durch den Wald nach Nordwesten und traf schlielich auf den Weg, dem wir am Vortag gefolgt waren, und zwar an der Gabelung, an der Buck und ich unsere Auseinandersetzung gehabt hatten. Es war nicht einmal eine Meile bis zu der Stelle, an der wir die Nacht zuvor den Wallach eingefangen hatten. Wir brauchten knapp dreiig
Minuten vom Pfadanfang bis zur Gabelung - aber ich werde es ein Leben lang nicht vergessen. Alles, was ich tun konnte, war, den Kopf zu schtteln und ihm den Hals zu streicheln in einem schwachen Versuch, mich bei ihm dafr zu entschuldigen, dass ich nicht auf ihn gehrt hatte - als ich, wie wir beide wussten, htte auf ihn hren sollen. Weil ich nicht bereit gewesen war, Buck zu vertrauen, als es darauf ankam, setzte ich uns beide ganz unntigen Anstrengungen aus, ganz zu schweigen von vergeudeten zwei Stunden Tageslicht und dem Risiko fr den Wallach, weil wir ihn nicht frher gefunden hatten. Htte ich nur darauf vertraut, dass Buck wusste, was er tat, als er den oberen Pfad nehmen wollte, htte ich uns dies alles ersparen knnen.
Leider sind wir Menschen einfach nicht auf diese Denkweise programmiert. Wir sind darauf programmiert, uns fr klger als unsere Pferde und unsere Entscheidungen immer fr richtig zu halten - fr uns beide. In den letzten Jahren bin ich darauf gekommen, dass es in unserer Beziehung zu den Pferden vielleicht so eine Art Geben und Nehmen geben msste, damit sie uns wirklich als Fhrer anerkennen. Mit anderen Worten, vielleicht sollten wir ihnen von Zeit zu Zeit eine halbe Chance geben und ihnen zeigen, dass wir ihrem Urteil in bestimmten Situationen tatschlich vertrauen knnen. Wenigstens knnen wir ihnen zu verstehen geben, dass wir bereit sind, ihnen den halben Weg entgegenzukommen - selbst in Situationen, in denen ihr Urteil mglicherweise doch etwas zu wnschen brig lsst.
Langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen. Ich hatte drei Wochen mit der Stute gearbeitet, und insgesamt gesehen lief alles prima. Aber eine kleine Macke hatte sie, die ich nicht loswurde, so viel ich auch mit ihr arbeitete: wenn wir auen um die Bahn ritten, kam es immer wieder vor, dass sie aus unerfindlichen Grnden abrupt in die Mitte der Bahn zog.
Es war kein groer Kampf, kein heftiges Ziehen. Es war mehr wie eine Bitte. Wir gingen ganz friedlich und gemtlich unsere Runden, und pltzlich fing sie an, nach innen zu drcken, erst mit der inneren Schulter und zum Schluss mit Kopfstellung nach innen. Jedesmal richtete ich ihre Nase wieder in Richtung Bande, aber das schien nichts zu ntzen. Nach einer Weile legte ich dann den inneren Schenkel vermehrt an, um sie wieder nach auen zu treiben, und allmhlich ging sie auch zum Hufschlag zurck. Aber sie blieb nicht dort. Schon nach einer halben Runde fing sie meist wieder an, nach innen zu drcken und das Ganze begann von vorn. Nach drei Wochen waren wir noch keinen Schritt weiter. Ich lie sie auf krperliche Behinderungen untersuchen, auf Zahn- und Hufprobleme, untersuchte die Passform des Sattels - alles war in Ordnung. Ich strengte mich ungeheuer an, sie sehr bewusst zu reiten, um nicht unbemerkt durch meinen Sitz Veranlassung dazu zu geben, dass sie nach innen drckte. Das schien es auch nicht zu sein. Nach mehreren Wochen des Grbeins und Untersuchens kam ich zu dem Schluss, dass sie von der Bande wegdrckte, weil sie eine Meinung uern wollte. Sie wollte nicht an der Bande entlanggehen. Wir standen vor einer Sackgasse. Fr bestimmte Teile der Arbeit musste ich sie an der Bande haben, und da wollte sie nicht hin. Was konnte ich machen? Ich konnte sie ohne groe Mhe zwingen, auen zu bleiben, aber wenn ich das tat, wo blieb dann das Vertrauen? Ich wollte, dass sie aus freiem Willen auf dem Hufschlag blieb, nicht weil ich ihr keine andere Wahl lie. Aber ich wollte dies auch mit so wenig Stress wie mglich fr uns beide erreichen und ohne dass sie sich zu ihrer Entscheidung gezwungen fhlte.
Ich grbelte viel darber nach und versuchte einen Weg zu finden, der einfach in der Ausfhrung und fr die Stute trotzdem so eindrucksvoll war, dass sie mir zuliebe freiwillig am Zaun blieb. Die Idee, die mir schlielich kam, hatte wenig zu tun mit einer bestimmten Trainingstechnik, sondern vielmehr damit, im Zweifelsfall der Stute ihren Willen zu lassen und ihren Drang nach innen zu meinem Vorteil zu nutzen. Ich probierte es aus, als wir etwa eine Viertelstunde gearbeitet hatten. Wir waren im Schritt, Trab und Galopp jeweils ein paar Runden gegangen, als sie wieder anfing, sich von der Bande zu entfernen. Wie blich fhrte ich sie sacht zum Hufschlag zurck, indem ich ihre Nase nach auen richtete. Sie legte sich aufs Gebiss und drckte strker nach innen. Normalerweise htte ich jetzt den inneren Schenkel angelegt, um sie nach auen zu treiben, aber diesmal tat ich das nicht. Stattdessen lie ich ihr ihren Willen. Ich gab mit dem ueren Zgel nach und sie drehte den Kopf nach innen, bis ihr ganzer Krper von der Bande wegzeigte. Als sie anfing, den Kopf zu wenden, nahm ich jedoch den inneren Zgel an, stellte sie nach innen und lie sie antraben, so dass sie einen groen Zirkel von der Bande weg beschrieb. Wir vollendeten den Zirkel und kamen fast an derselben Stelle zum Hufschlag zurck, an der wir begonnen hatten. Ich richtete sie wieder gerade, parierte zum Schritt durch und ritt weiter an der Bande entlang.
Zuerst waren wir wohl beide ein bisschen verblfft. Es hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber in dieser Zeit hatten wir beide genau das getan, was wir tun wollten: sie war nach innen gegangen und ich zurck an die Bande.
Wir legten fast die gesamte Lnge der Bahn zurck, bevor sie wieder nach innen wollte. Ich richtete ihre Nase nach auen und versuchte sie auf dem Hufschlag zu halten und sie drckte nach innen. Also wiederholten wir die Prozedur. Ich gab auen nach, sie wendete nach innen ab, ich stellte sie nach innen und lie sie antraben. Wir gingen auf einen Zirkel und waren nach ein paar Sekunden zurck auf dem Hufschlag. Ich parierte durch zum Schritt, stellte sie gerade und ritt auf dem Hufschlag weiter. Ich glaube, wir waren beide wieder verblfft davon, wie einfach das alles vor sich gegangen war. Kein Hin und Her, kein Gezerre und vor allem: kein Kampf. Diesmal ritten wir eine ganze Runde auf dem Hufschlag entlang, bevor sie wieder nach innen wollte. Ich stellte sie nach auen, sie zog nach innen, und wir wiederholten das Ganze und kamen wieder auf den Hufschlag zurck. Nach eineinhalb Runden wollte sie wieder nach innen, aber diesmal brauchte ich sie nur nach auen zu stellen, um sie in aller Ruhe davon zu berzeugen, auf dem Hufschlag zu bleiben. An diesem Tag versuchte sie kein weiteres Mal, sich vom Hufschlag zu entfernen.
Die nchsten zwei oder drei Tage drckte sie ab und zu wieder nach innen. Jedesmal stellte ich sie nach auen, um sie auf dem Hufschlag zu halten, und fast jedesmal gab sie nach. Die paar Mal, bei denen sie sich darauf versteifte, nach innen abzuwenden, lie ich ihr ihren Willen, aber -Sie haben es erraten - wir waren schnell wieder zurck auf dem Hufschlag.
Am interessantesten daran finde ich, dass sie whrend der ganzen Zeit, in der wir daran arbeiteten, nicht einmal mit mir kmpfte und nie widersetzlich oder bswillig wurde. Sie blieb immer ruhig und willig. Auch wenn ich sie im Trab auf den Zirkel gehen lie, fhrte sie dies gewhnlich ohne Zgern aus. Ich bin nicht ganz sicher, worauf ihre Passivitt beruhte, aber ich habe ein paar Ideen dazu. Meine ganze Laufbahn mit Pferden hindurch ist eines, was der alte Mann mir beibrachte, gleich geblieben: wenn ich bereit war, mit einem Pferd zu kmpfen, war das Pferd fast immer dazu bereit, gegen mich zu kmpfen. Das Dumme an dieser Kmpferei war, dass es dabei immer ein paar Probleme gab. Erstens endete jeder Kampf mit einem Pferd damit, dass er fr das Pferd schlussendlich ohne Bedeutung blieb. Und zweitens schien jedesmal, wenn ich mich mit einem Pferd anlegte, jegliches Vertrauen des Pferdes zu mir flten zu gehen. Gewhnlich brauchte ich danach eine ganze Weile, um mich fr das Pferd wieder als vertrauenswrdig zu erweisen.
Dieser Stute lie ich einfach ihren Willen. Sie wollte von der Bande weg. Aber dann kam mein Wille ins Spiel und der besagte, dass ich sie so schnell wie mglich zurck auf dem Hufschlag haben wollte. Ich glaube wirklich, dass sie keinen Grund fand, mit mir zu streiten oder zu kmpfen, weil ich ihr anfangs erlaubte, ihren Kopf durchzusetzen" (mir fllt kein besserer Ausdruck ein). Im Prinzip sagte ich, wenn sie von der Bande weg wollte: Klar doch, gehen wir. Damit war die Situation von vornherein entschrft. Da ich bereit war, ihr auf halbem Weg entgegenzukommen, war es fr sie einfacher, auf Dauer meinem Wunsch zu entsprechen. ber drei Tage verteilt dauerte es weniger als eineinhalb Stunden, bis sie aufhrte, nach innen zu drcken. Was ich der Stute zu zeigen versuchte, war, dass ich nicht unbedingt von ihr als dominantes Mitglied der Herde anerkannt werden wollte, sondern bereit war, mir ihre Meinung anzuhren. Gleichzeitig erklrte ich ihr, ja, wir konnten das tun, was sie wollte, aber sieh mal, wie viel Arbeit wir beide davon haben. Jedesmal wenn sie von der Bande wegdrckte, mussten wir diese ganze Extrastrecke zurcklegen und kamen doch zum Schluss wieder an der Bande an. Auf diese Art und Weise zeigte ich ihr, dass ich - wenn es meine Entscheidung wre - auf dem Hufschlag bleiben und die Extraanstrengung vermeiden wrde. Und ihre Antwort war schlielich: Vielleicht wre es wirklich das Beste.
Wenn ich darber spreche, dass man dem Pferd whrend des Trainings ein wenig Mitspracherecht einrumen sollte, bekomme ich von den Leuten meistens die gleiche Reaktion. Es beginnt damit, dass ihre Augen irgendwie glsern werden, dann folgt ein kollektives Luftschnappen, das in dem einmtigen Chor gipfelt: Das knnen Sie nicht machen! Diese Leute sind noch in dem alten Gedanken verhaftet, dass das Pferd, wenn man ihm den kleinen Finger reicht, gleich die ganze Hand nimmt. Sie werden sagen, dass einem Pferd seinen Willen zu lassen der schnellste Weg ist, es zu verziehen und ihm den Respekt vor dem Menschen zu nehmen. Und wenn das erst einmal passiert ist, hat man mit ganz neuen Problemen zu kmpfen.
Wir mssen hier etwas langsam tun und der Sache auf den Grund gehen, denn ich bin mit Sicherheit nicht dafr, dass das Pferd das Sagen hat. Ganz und gar nicht. Ich sage nur, dass es Zeiten gibt, in denen es fr uns (und fr das Pferd) von Vorteil ist, wenn es seine Meinung uern darf, und sei es nur aus dem Grund, dass die Sache dann endlich gegessen" ist.
Sehen Sie, manchmal verbeien wir uns derartig in eine bestimmte Aufgabe, dass wir darber das Pferd aus den Augen verlieren. Das Pferd hat ein bisschen Mhe zu verstehen, was geschieht oder was von ihm verlangt wird, und fhlt sich deshalb frustriert. Ist es erst einmal frustriert, kann es Angst bekommen oder glauben, sich verteidigen zu mssen, was wir mglicherweise dahingehend missverstehen, dass es nicht einmal einen Versuch unternimmt. Unsere Reaktionen darauf knnen verschieden aussehen. Die blichste ist eine Art keinen Bldsinn"-Mentalitt, die Haltung wenn ich etwas sage, tust du es - und zwar SOFORT!" Das eskaliert oft zu einer Situation, die eigentlich keiner gewollt hat. Da bei dieser Art von Auseinandersetzung der Reiter oft in irgendeiner Weise handgreiflich wird, bekommt das Vertrauen des Pferdes in das Urteilsvermgen des Reiters einen Knacks und ihre Beziehung geht kaputt. Ich sage nicht, dass wir uns nicht auf unsere Aufgabe konzentrieren sollten, auch nicht, dass wir uns mit unseren Pferden keine Ziele setzen sollten. Ganz im Gegenteil, ich bin sogar der Meinung, dass diese Dinge sehr wichtig sind, wenn eine gute, gesunde Beziehung zwischen Mensch und Pferd entstehen soll. Ich glaube aber auch nicht, dass die Aufgabe oder das Ziel alleiniger Sinn und Zweck einer Trainingsstunde werden drfen. Wenn es nicht gut luft, ist es vielleicht an der Zeit, auf das zu hren, was das Pferd uns zu sagen versucht. Knnte sein, dass es die Antwort wei auf die Frage, warum es nicht luft, und wenn wir ihm eine halbe Chance geben, sagt es sie uns vielleicht.
Ich habe so viele Pferde gesehen, die vllig an den Menschen verzweifelt sind, einfach weil die Menschen um sie herum keinen Versuch machten, ihnen zuzuhren, als sie sie am meisten gebraucht htten.