Der Distanzappaloosa!

 

Distanzreiten ist doch eher was fr Araber, Araberkreuzungen und solche Rassen gedacht, die einen langen Atem haben. So dachte ich ganz am Anfang, bevor ich mich jemals mit dem Thema Distanz befasste, und ich lag grundverkehrt.

Distanzreiten, unter Fachleuten Endurance (Ausdauer) genannt, ist wohl die einzige Sportart, bei der Pferd und Reiter gemeinsam krperlich gefordert werden. Whrend man bei einem Turnier in jenem einen Bewerb, in dem jeder Stop, jeder Spin, jeder Wechsel einfach klappen muss, maximal 5 Minuten Zeit hat zu zeigen, was sein Pferd alles kann, kann sich ein Distanzritt ber mehrere Stunden hinausziehen. Wer sich jetzt vorstellt, ein Distanzritt sei nur ein etwas flotterer Ausritt (so dachte ich anfangs auch), der irrt gewaltig. Bei einem Ritt von 20 km sind 100 Minuten ein Maximum. Geschafft werden diese Ritte in 70-80 Minuten.

20-km-Ritte sind reine Einsteigerritte, um ein Gefhl fr die Distanz zu bekommen, die zu bewltigen ist. Wer sich weiter wagt, reitet einen 40-km-Ritt. Wer dann mit Profis reiten mchte, geht einen 60er-, 90er-, 120er- oder gar einen 160er-Ritt mit. Allerdings sind die Anforderungen an Pferd und Reiter hoch. Auch wir mussten das erst lernen, hatten niemanden, der uns gezeigt htte, wie man was wie macht. Egal, es lebe die Herausforderung!

Grundstzlich gilt, geritten wird im Trab oder im Galopp. Schrittpausen gibt es nur ganz wenige, wenn berhaupt. Das Pferd sollte lernen, ein rhythmisches Tempo beizubehalten, um die verlangte Strecke berhaupt zu schaffen. Wichtig fr den Distanzreiter ist dabei nicht nur ein gesundes, wirklich absolut gesundes und belastbares Pferd, sondern auch sein Begleiter. Der Groomer ist derjenige, der den Reiter versorgt. Auf der Strecke gibt es verschiedene Treffpunkte, wo der Groomer das Pferd mit Trinkwasser und mit Khlwasser versorgt und auch dem Reiter eventuell Getrnke mitgibt. Das funktionierende Team entscheidet, ob das Pferd-Reiter-Paar durchkommt, das Training, ob es gewinnen kann.

JW Panic Power ist ein stattlicher Appaloosahengst. Mich begeistert an ihm seine immerwhrende Arbeitsbereitschaft, ohne dabei jemals missmutig oder gar lstig zu sein. Satteln und reiten und man ist sicher, er macht, was man von ihm verlangt. Als richtiger Beweger war ihm die Reining auf den Leib geschnitten, allerdings hatten wir mehr Auftritte im Showbereich (auch im Fernsehen) als auf Turnieren. Deswegen lie ich mir mit dem Wunsch, bei Distanzen mitzureiten, einfach Zeit.

Als das jedoch durch das lterwerden meiner Kinder aktueller wurde, begann ich mich mit der Materie mehr und mehr zu beschftigen, und musste dabei bitter erfahren, dass man das nur nach einem Motto lernen konnte. Ran an den Feind! oder Learning bei doing!.

Und das taten wir auch. Ohne eine Ahnung, wie man ein Distanzpferd wirklich trainiert, wagten wir uns erst einmal an einen 20-km-Ritt. Kleinlaut versuchten wir, aus den hinteren Reihen mitzumischen. Allerdings rechnete ich nicht mit dem Eifer meines Hengstes. Er wollte unbedingt nach vorne. Um nicht stndig in den Zgeln zu hngen, gab ich seinem Wunsch nach. JW fhrte die Gruppe, gab das Tempo an und war nicht aufzuhalten. Ich fr meinen Teil musste mich erst an dieses Neuland gewhnen.

JW befand sich whrend seiner gesamten Gehzeit im Galopp. Ihn zum Traben zu zwingen, wre ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen, da er als Reiner den Galopp einfach gewohnt war. Auch hier gab ich seiner Gewohnheit nach und kam dahinter, dass er imstande war, sehr rhythmisch zu galoppieren. Ich fr meinen Teil erkannte lediglich, dass ich an meinem Equipment einiges ndern musste. Ich war nicht die Einzige im Westernsattel, aber nach 20 km Galopp sprt man so einen Sattel durchaus am Hintern. Ich wollte mir nicht vorstellen, was dann bei einem 120-km-Ritt los war. Ich verstand die Reiter, die mit Schaffell gepolsterten Stteln ritten, immer besser.

JW bewltigte seinen ersten Distanzritt innerhalb der Idealzeit, und wir befanden uns in der 1. Leistungsgruppe. Das war Motivation genug. Wir wollten weitermachen.

Unser Problem war lediglich, dass mir niemand wirklich sagen konnte, wie man ein Distanzpferd aufbaut, was zu beachten war und welche Hilfsmittel es gab. An was musste der Groomer, an was der Reiter wirklich denken? Wie versorgt man ein Distanzpferd nach dem Ritt bzw. beim Vetcheck (tierrztlichen Kontrolle) optimal, sodass der Puls dort ist, wo er hingehrt?

Auch hier galt unser Motto Learning bei doing. Uns war klar, das wir nur lernen wrden, was wirklich abgeht, wenn wir an vorderster Front dabei waren. Also der nchste Termin sollte ein 60-km-Ritt werden.

Ich arbeitete mit JW so wie ich glaubte, dass es in Ordnung sein knnte. Er war ein kraftvoller Hengst, leistungsbereit. Ich war das Reiten eigentlich gewohnt. Der Muskelkater nach dem Ritt wrde sich sowieso einstellen, der Hintern wrde schmerzen, aber das gehrte einfach dazu.

Das Turnier kam schnell. JW versprhte seine Kraft allein schon durch seine Anwesenheit. Als einziger Appaloosa unter vielen Arabern und Araberverschnitten fiel er richtig auf. Aber positiv. Die Tierrztin war begeistert von ihm, man fragte mich immer und immer wieder nach Rasse und Alter des Pferdes. Ich bemerkte, dass JW fr andere eine Augenweide war.  Oh Gott, dachte ich mir hoffentlich machen wir unsere Sache halbwegs gut.

Nein, es ging nicht gut. Anfnglich hielten wir mit der vordersten Truppe gut Schritt. JW war energiegeladen und kaum abstellbar. Diesmal war mein Sattel gepolstert, und mein Hintern beschwerte sich nicht so drastisch wie beim ersten Ritt. Es lief alles vorzglich bis zu dem Punkt, wo wir uns das erste Mal verritten. Das kostete Zeit. Mein Groomer versuchte mich zu lotsen, wartete endlos. Als ich den Weg wieder hatte, war viel Zeit vergangen. Ich musste JW zu groer Leistung auffordern, um halbwegs in der Zeit zu bleiben.

Nach den ersten 30 km war der erste Vetcheck anberaumt. Und gleich an dieser Stelle machten wir den ersten groen Fehler, der uns vermutlich nicht noch einmal passieren wird. Wir waren sehr vorsichtig mit der Khlung des Pferdes. Dadurch stellte sich die erhoffte Pulsfrequenz nicht schnell genug ein. Bei der Vet-Kontrolle hatte er statt 60 Puls 64, somit war das Rennen fr uns gelaufen. Dafr nahm sich die Tierrztin um uns an. Ihr gefiel der Hengst derart gut, sie war so beeindruckt von seinem Benehmen und seiner Rassigkeit, dass sie sich Zeit nahm und uns erklrte, was vielleicht daneben gegangen sein knnte. Sie riet uns auch, jetzt, wo wir Zeit hatten, Anderen zuzusehen und daraus zu lernen. Das taten wir. Kein Buch htte uns mit so viel Info fttern knnen wie die Realitt in einer Stunde. Wir waren viel zu zimperlich mit unserem Hengst umgegangen. Andere benutzten Messgerte, um die Werte des Pferdes zu messen, wir hatten sowas (noch) nicht. Zudem erklrte uns jemand, man msse das Pferd beobachten. Jedes Pferd htte eine andere Regenerationsphase, die wir lernen mussten zu erkennen und zu nutzen. Wir nahmen sehr viele Tipps nach Hause. Nun galt es, das Gesehene und Gelernte richtig umzusetzen.

Zwei Pulsmessgerte waren die ersten Dinge, die wir uns zulegten, um JWs Werte whrend des Trainings berwachen zu knnen. Wir fanden heraus, wie er sich am besten erholte, und was ich tun musste, damit sein Puls mglichst schnell nach unten kam. Je mehr wir ritten und auch vor schwierigen Wegen nicht mehr zurckschreckten, desto besser wurden seine Kondition und meine Sicherheit.

Auch unser Equipment vernderte sich. Auf den Westernsattel wollten wir wegen seiner breiten Auflage nicht verzichten. Allerdings bestehen die Decken darunter nun aus eigener Qualitt. Auch mein Outfit passte sich dem Distanzreiten an.

JW Panic Power soll 2010 fit und diesmal mit etwas mehr Wissen trainiert in das nchste Distanzrennen geschickt werden. Auch mein eigenes Training hat sich dem Distanzreiten angepasst, denn wie man uns schon sagte, ein Distanzrennen gewinnt man nicht allein, nur das Team gewinnt.

Jedoch in einem Punkt sind wir uns sicher. Whrend wir bereits einige Quarter Horses bei Distanzrennen gesehen haben, bleibt JW vermutlich vorerst der einzige Distanzappaloosa in sterreich, was vielleicht zeigt, dass diese Rasse fr weit mehr zu haben ist, als nur fr das Westernreiten. Man muss es nur versuchen.