� Werner Poscharnigg:

Yabusame: Weg des Pfeils

Japans berittene Bogensch�tzen

 

Das Pferd donnert an mir vor�ber. Ich kauere knapp daneben. Der Pfeil des Reiters traf das Ziel: Tack!!! So schnell alles. Steinchen prasseln gegen meine Brille und meine Kamera. Staub. Der Sch�tze greift schon zum n�chsten Pfeil. Sein Pferd hetzt dem Ende der Laufbahn zu. Atemlos die Menge der Zuschauer. Unbewegt die Gesichter der Zielrichter. Vorm Hintergrund blutroter Leinwand t�nzelt das n�chste Ross ungeduldig dem Start in entscheidende Sekunden entgegen, bevor es aus dem Schatten schie�t.

Schw�le Luft, klebrige Klamotten. In den alten B�umen des Tempelbezirks lautst�rkste Legionen von Zikaden. Sie ratschen offenbar japanisch, anders jedenfalls als in Europa. Die Liebe zu den Pferden f�hrte mich in die Stadt Mishima, etwa eine Stunde mit dem Hochgeschwindigkeitszug s�dlich von Tokio. Dieser in Japan bedeutende Shinto-Schrein hier zelebriert mit Stadtbewohnern und inl�ndischen Besuchermassen ein religi�ses Wochenende; wir w�rden sagen, einen Kirtag.

Rituell reiten und schie�en

Ein wesentlicher Teil der geistlichen Aktivit�ten an wichtigen Schreinen Japans hei�t: Yabusame; eine von drei Arten des berittenen Bogenschie�ens. Das ist kein Sport, keine Show, kein Wettkampf, sondern ein religi�ses Ritual des Shintoismus mit �ber tausendj�hriger Tradition. Es ist Teil eines Gebetes um Frieden und gute Ernte. Die L�nge der Rennbahn betr�gt zirka 250 m. Drei Zielscheiben (oder andere Zieltypen) gilt es auf diesem kurzen, schnellen Weg im Galopp zu treffen. Eine schwierige Aufgabe: Die Ziele sind recht klein, die Pferde galoppieren rasant, der Reiter muss aus dieser raschen Bewegung heraus ruhig schie�en und treffen. Durch das Yabusame-Ritual beweist der Sch�tze, wurde mir erkl�rt, den Gottheiten auch, dass er entschlossen ist, das B�se zu bek�mpfen. Den symbolischen Akt des Reiters/Ritters/Kavaliers im Kampf gegen das B�se finden wir in der abendl�ndischen Kultur als Heiligen Georg, den Drachent�ter und Befreier, sowie in der orthodoxen Christenwelt als Erzengel Michael zum Beispiel. Die tief verwurzelte Kultiviertheit der japanischen Seele schaffte es, Yabusame nicht zur vulg�ren Wettkampfsportart ausarten zu lassen.

Startklar

Die Reiter bringen ihren Pferden bei, mit auf dem Hals liegenden Z�gel geradeaus zu galoppieren, da man zum Bogenschie�en beide H�nde braucht. Die kaum zwei Meter breite Rennbahn wird durch etwa ein Meter hohe Stipfel mit Seilen optisch begrenzt. Am Start galoppieren ruhige Pferde direkt aus dem �Park�-platz, hei�e Tiere werden von einem Helfer vorerst gehalten und rennen dann los. Oder sie stehen mit der Kruppe zur Bahn und werden dann mittels Rollback gestartet, was den Vorteil der Versammlung bringt. Kaum hat der Reiter sein Ross gestartet, h�lt er schon Pfeil und Bogen schussbereit, denn das erste Ziel erwartet ihn nach wenigen Sekunden.

Danach hat er noch drei Pfeile im G�rtel stecken, einen zur Reserve. Nach dem ersten Ziel ergreift er sofort den Pfeil f�r Ziel Nummer 2 und dann 3. Hierauf rast das Pferd zum Zielplatz, der Reiter bremst es, ein Helfer greift in die Z�gel, falls ein Pferd durch die Absperrungen zu rennen droht. Einigen Reitern f�llt der Pfeil aus der Hand. Sie haben den Reservepfeil, doch keine Reservezeit.

Disziplin der Wissenden

Bei allen T�tigkeiten wird stets auf Ruhe und Freundlichkeit geachtet. Alles geht in Disziplin und Unaufgeregtheit vor sich. Niemand schreit hier mit seinem Pferd oder schl�gt es gar. Karotten sind bei Training, Start und Ziel stets vorhanden, um dem Pferd eine nette Atmosph�re zu bereiten. Keinerlei hektisches Peitschen oder In-die-Rippen-Puffen. Auch bei groben Widersetzlichkeiten im Training gibt es nur L�cheln und beg�tigendes T�tscheln. Der Mensch allerdings gibt erst auf, wenn er das kriegt, was er verlangte.

Ein echter Samurai hat sich stets im Griff und vergisst sich nie. Und so geh�rt es sich auch f�r einen wahren Reiter. Alles logisch. Denn, wer ein Pferd aufregt, verursacht schnelleren Galopp und dadurch weniger Zeit zum Zielen und Schie�en.

Esprit de corps

Ich kam vereinbarungsgem�� zu den Yabusame-Reitern in den Tempelbezirk von Mishima. Der Ort erinnerte mich an Mozarts Zauberfl�te: �Doch zeigen die Pforten, es zeigen die S�ulen / Dass Klugheit und Arbeit und K�nste hier weilen.� Ein gro�es Haus mit weiten, rundum offenen Schiebet�ren, ein einziger, lichter Raum. Erster Eindruck: edel. Die M�nner und Frauen der �Takeda-Schule f�r berittenes Bogenschie�en� packen emsigst ihre umfangreiche Ausr�stung aus Kisten, bauen Sattelungen und Kopfst�cke zusammen, richten Pfeile und Bogen. Sie haben bereits ihr Alltagsgewand gegen japanische Reitkleidung getauscht: weite Hosen, wie wir sie von den ungarischen Tschikosch kennen, bequeme, luftige Hemden, leichte Kappen. Das gibt den Reitern ein ungezwungen elegantes Aussehen.

Jeder, der kommt, macht sich unverz�glich an die Arbeit. Hier herrscht Gemeinschaftsgeist, jeder hilft jedem. Jeder begegnet jedem mit Achtung und H�flichkeit. Da ich kein Wort Japanisch verstehe, signalisiert mir die K�rpersprache der Leute eindeutig dieses Zusammengeh�rigkeitsgef�hl sowie gegenseitige Wertsch�tzung. Beim Betreten und Verlassen des Raumes verbeugt sich jeder tief. Es muss Freude bereiten, sich in solcher Gemeinsamkeit zu befinden.

Funktionelle Ausr�stung

Das Satteln und Z�umen braucht seine Zeit, denn, wie meine Fotos zeigen, gibt es viele Einzelteile, Schlaufen und B�nder und Decken, die ein hoch funktionelles, dekoratives Ganzes bilden, wobei Textilien und Holz das Leder �berwiegen. Der Sattel besteht aus vier geformten Brettern, teilweise elegant lackiert. Die Takeda-Schule gebraucht auch beim Training sehr alte, historische S�ttel. Feste Matten bewahren das Pferd vor Druck. Als auff�lligstes Detail stechen die Steigb�gel hervor. Sie sehen toll aus, sind seitlich offen und daher die sichersten der Welt, da der st�rzende Reiter daran nicht h�ngen bleiben kann. Dennoch stehen sie offenbar nur in Japan in Verwendung. Die Trensen �hneln denen beim Westernreiten: d�nner K�rper, rostiges, daher �s��es� Eisen. Kopfst�ck und Z�gel bestehen aus Stoff. Ein Pferd muss beim Ritual bis zu drei Reitern dienen, denn Pferde z�hlen im dicht besiedelten Japan zu den absoluten Luxusg�tern. Ein Einstellplatz kann bis zu 5.000 Euro pro Monat kosten, erz�hlt man mir.

Die R�sser stehen im Trainingsstall in luftigen Boxen auf Sp�nen, kriegen Alfalfa-Cobs, wirken gut gef�ttert und gepflegt. Sie sind keine charaktervollen Pferde, wie man sie auf alten japanischen Darstellungen betrachten kann, sondern meist warmblut- und vollblut�hnliche Mischkulanzen, welche die geradezu �berschw�nglich liebevolle Pflege der Takeda-Leute gen�sslich �ber sich ergehen lassen.

Sonntagsreiter & Sklavenpferde

Da die Pferde offenbar nur sonntags geritten werden, halten sich ihre Einsatzfreude und ihr Ausbildungsgrad auf dem Reitplatz in Grenzen, wohingegen sie ihre Arbeit auf der Bogenschie�bahn anstandslos und ohne Widerstand brav bew�ltigen. Die ReiterInnen haben sich stets in der Hand und l�cheln bei allen Schwierigkeiten. Wie immer zeigt sich der hohe seelische Wert des Reitens: Wer sein Pferd beherrschen will, muss sich selbst beherrschen. Umso mehr, wenn man vom Ross aus pr�zise schie�en will. Denn Schie�en, und noch mehr Bogenschie�en, erfordert Selbstdisziplin, Ruhe, Konzentration. Daher ist keine Minute eine vergeudete, die man mit Pferden verbringt. Der Herrgott hat uns diese herrlichen Tiere geschenkt, damit wir an ihnen unseren Charakter schulen k�nnen. Mit Gewalt und Einsch�chterung werden wir h�chstens einen botm��igen Sklaven kriegen, nie aber einen mitdenkenden Freund. Vom Verhalten des Pferdes kann man verl�ssliche R�ckschl�sse auf den Charakter seines Reiters/Trainers ziehen.

Die au�erordentliche Freundlichkeit und H�flichkeit der Japaner machten mir meinen ersten Asienaufenthalt zum Vergn�gen: An keinem der Tage in dem fernen Land wurde ich unfreundlich, muffig, schroff, ungeduldig, betr�gerisch etc. behandelt. Die exorbitant hohen Preise, welche Japan nachgesagt werden, halte ich f�r eine Legende: Wer es teuer haben will, kommt �berall auf der Welt zum Zug; wer preisbewusst und mit offenen Augen reist, kann in Japan g�nstig essen, trinken, wohnen, und das bei guter Qualit�t, ohne Schnorrerei und charaktervoll.

 

Die spannende Vollversion meines Yabusame-Berichts aus Japan gibt es hier:

Poscharnigg.meinekleine.at

 

Und das ist der freundliche Fragenbeantworter:

werner.poscharnigg@gmx.at