Die Schutzh�lle des bequemen Alltags ablegen

Wir werden niemals wachsen, wenn wir nicht aus unserer Bequemlichkeit heraus kommen.

 

Text: Tom Moates

�bersetzung: Sonja Gr�nauer

 

�In unserer Bequemlichkeit gibt es keinen Platz f�r Fortschritt�, sagt Harry Whitney in Bezug auf die Arbeit mit Pferden. Harrys Horsemanship Clinics haben nicht mehr als sechs teilnehmende Reiter und dauern normalerweise eine Woche. In diesen Kleingruppen haben die Teilnehmer gen�gend Gelegenheit, ihre F�higkeiten und auch ihr Nicht-K�nnen gr�ndlich zu pr�fen. Die oben angef�hrte Bemerkung fiel w�hrend einer Schlussbesprechung einer der Clinics. Die Gruppe lie� die Tage der Clinic Revue passieren, was so manchem Teilnehmer wieder das Gef�hl in den Sinn rief, das er zu Beginn der Clinic hatte, n�mlich die Angst davor, seine Kommunikationsf�higkeit mit seinem Pferd auf die Probe zu stellen.

�In unserer Bequemlichkeit gibt es keinen Platz f�r Fortschritt!� Dieser Satz wiederholt sich immer wieder in meinem Kopf. Meine Gedanken gleiten in Richtung einiger pers�nlicher Erinnerungen ab: das erstmalige Betreten eines Round-Pens, das erste Mal ein Pferd zu galoppieren oder �berhaupt das erste Mal in einem Sattel zu sitzen. Jeder dieser Augenblicke war ein gro�er Sprung aus der sicheren Seite meines Lebens. In diesen Augenblicken hatte ich keine Sicherheit unverletzt zu bleiben, doch ich musste aus den festgefahrenen Bereichen meines Lebens ausbrechen, um in ein neues Gebiet an M�glichkeiten eintauchen zu k�nnen. Sonst h�tte ich an den Konsequenzen leiden m�ssen, die mir mein gleichm��iges und auch zeitweise langweiliges Leben verursacht h�tten � und ich h�tte wahrscheinlich niemals reiten gelernt. Ich w�rde l�gen, wenn ich behaupte, dass ich niemals einen Unfall hatte, denn da gab es schon einige davon. Doch im Nachhinein betrachtet, war dieses Ausbrechen aus dem bequemen Alltag � mit all seinen Sorgen, �ngsten und Verletzungen � anregend, positive �nderungen in meiner Horsemanship-Arbeit zu machen. Und dies wirkte sich genauso auf die Entwicklung meiner eigenen Pers�nlichkeit aus.

Ich fragte mich, ob dies auch bei meinen teilnehmenden Sch�lern der Fall ist. Neues Vertrauen entsteht nur durch das �berschreiten der Grenze von unserem bequemen Alltag in einen anderen Bereich, wo uns neues Wissen erwartet. Wenn man einmal diese Grenze �berschritten hat, steht man keinesfalls vor einem Abgrund. Diese neue Erfahrung und die neu erworbenen Kenntnisse werden Teil unseres Arbeitslebens. Und genauso ist es bei der Arbeit mit den Pferden. Wenn wir etwas an unserem Pferd �ndern wollen, m�ssen wir auch etwas in unserer Betrachtungsweise �ndern. Dies ist der schwierige Teil. Das Gro�artige an einem vertrauensw�rdigen Lehrer ist, dass er uns f�hren kann und uns auch dabei hilft, uns auf das vorzubereiten, was auf uns zukommt. Wie beispielsweise in einen Roundpen zu gehen und sich dem Feuer speienden Drachen zu stellen. (Oder auch der s��en Stute. � Auch das kann der Fall sein.) Entsprechendes Vertrauen in sich zu haben, um einen Schritt in eine neue Richtung zu machen, speziell auch dann, wenn diese Richtung eine besondere Herausforderung darstellt, hilft uns, eine gesunde Portion an Selbstvertrauen zu gewinnen. Pferde sind Selbstvertrauens-Barometer. Normalerweise entspannen sie sich, wenn ein starker und sicherer Mensch an ihrer Seite ist. Unsicherheit des Menschen bei der Pferdearbeit bringt meist fragw�rdige Resultate.

Meine Gedanken schweiften wieder zur�ck zur Besprechung am Ende der Clinic, wo das Gelernte nochmals aufgearbeitet wurde. Binnen kurzer Zeit waren wir bereits in den Roundpen gegangen, wo die Teilnehmer mit der Stute arbeiten sollten. Es war leicht zu sehen, das dieser gutherzige Sch�ler versuchte, eine Beziehung zum Pferd aufzubauen, indem er sich nett und vorsichtig dem Tier n�herte. Er machte dies sehr vorsichtig, um das Pferd nicht zu erschrecken. Die Stute verstand nicht ganz, was da jetzt vor sich ging, da sie keinerlei Anzeichen eines Kommandos, was jetzt zu tun w�re, erkennen konnte. Sie hatte dadurch kein Vertrauen in das, was man von ihr erwartete. Sie versuchte nun, halbherzig den Menschen, der mit ihr arbeiten wollte, zu verstehen. Ich sa� da, und unter meinem Strohhut zuckte alles in mir innerlich zusammen, teilweise aufgrund der schwachen K�rperposition des Teilnehmers und seiner �nur nicht auffallen�-Taktik. Teilweise auch deshalb, weil ich einige Jahre zuvor in der gleichen Situation gewesen war. Dadurch verstand ich, welches Problem dieser Sch�ler mit dem Pferd hatte.

Das nachtr�gliche Feedback von seinen Kurskollegen brachte Harry neue Erkenntnisse. Er nahm sich vor, mehr Durchsetzungsverm�gen zu lernen, obwohl er ein wenig Angst hatte, dass dieses Auffrischen seiner F�higkeit sich durchzusetzen dazu f�hren w�rde, dass das Pferd eher vor ihm davonlaufen w�rde, als sich ihm zu n�hern. An diesem Punkt angelangt, hatte sich die Stute bereits mental der Aufmerksamkeit auf den Menschen entzogen und war unentschlossen, was sie nun tun sollte.

Genau das aber will ein Reiter nicht haben. Diese Situation verlangt vom Menschen ein entsprechendes Handeln, indem er die Aufmerksamkeit des Pferdes auf sich lenkt, damit das Pferd wieder vertrauensvoll auf seine Befehle reagieren kann. Ein Teil dieser Arbeit ist, klare Anweisungen zu geben. Unentschlossene Anweisungen oder Bittgesuche wirken auf das Pferd meist verwirrend � genauso wie f�r die Zuschauer. Wenn wir unsere Horsemanship-F�higkeiten auffrischen, sind wir oft damit gefordert, dem Pferde exakte Anweisungen zu geben. Wenn man beispielsweise ein Pferd zum R�ckw�rts-Gehen auffordert, aber keinen Plan hat, wie viele Tritte das Pferd r�ckw�rts machen soll � wie sollte das Pferd jemals verstehen, ob wir wirklich sicher sind, dass es diesen Befehl ausf�hren soll? Das Pferd kann niemals wissen, was wir nicht einmal klar definiert haben. Ein weiterer Teil ist, dass das Pferd wirklich daran glauben sollte, dass wir alles, was wir tun, auch ernst meinen. Wenn ein Pferd nicht das Gef�hl hat, dass der Mensch, der mit ihm arbeitet, verl�sslich, vertrauensw�rdig und durchsetzungsf�hig ist, dann wird es nicht davon �berzeugt sein, dass es diesem Menschen folgen oder gar vertrauen sollte.

Ich sp�re den inneren Aufruhr, der sich in der Gruppe der Teilnehmer breit macht. Diese Arbeit im Roundpen war f�r den jungen Mann namens Harry ein Grenzbereich. Durch die Arbeit mit dem Pferd im Roundpen zu wachsen, dies widersprach seinem pazifistischen Auftreten. Und trotzdem versuchte er es. Er machte sich in seiner K�rperhaltung gr��er und zeigte mit dem Rope ein viel besseres Durchsetzungsverm�gen. F�r diesen Burschen war dies ein sehr gro�er Schritt. Auch f�r das Pferd war diese Ver�nderung gewaltig. Die Stute, anfangs etwas geschockt, reagierte sehr schnell auf die klaren Anweisungen des Sch�lers.

Diese geschilderte Situation kennen viele von uns. Dieser Artikel soll helfen, damit man verstehen kann, dass man den Mut, mit einem Pferd exakter arbeiten zu k�nnen, am besten mit einem ausgebildeten Trainer lernt. Er hilft uns, die Schutzh�lle, die wir um unseren bequemen Alltag gezogen haben, abzulegen, damit wir durch neue Herausforderungen wachsen k�nnen. �Es fehlte mir die �berzeugung, dass ich es schaffen k�nnte�, sagt Harry. �Doch dann fasste ich das Vertrauen, dass das Ergebnis in meiner Arbeit mit dem Pferd besser sein w�rde, und auch meine �berzeugung wuchs damit. Ich musste nur einmal durch diese unangenehme Phase durch.�