Mark Rashid � Teil VIII

Fortsetzung � Probleme und Missverst�ndnisse zwischen Mensch und Pferd

 

 

Vor einigen Jahren bat mich ein Freund, ihm beim Zusammentreiben einer etwa hundertk�pfigen Pferdeherde in Colorado zu helfen. Die Pferde hatten sich in einzelne kleine Verb�nde aufgeteilt und sich �ber ein raues, h�geli�ges Terrain von �ber zw�lf Quadratkilometern verteilt. Wir waren zu sechst und teilten uns die Gegend in zwei Gruppen. Meine Dreiergruppe sollte den s�dlichen Teil �bernehmen.

In diesem Fall lagen der Heimatstall und der Fangzaun auf der einen Seite eines viel befahrenen Highways und die Weide auf der anderen. Weide und Fangzaun sind durch einen Tunnel verbunden, der unter dem Highway durchf�hrt und durch den wir zu Beginn durchritten. Wenn wir die Pferde zusammen hatten, mussten wir sie aus den Ausl�ufern der Berge zur�ck durch den Tunnel in den Fang�zaun treiben. Wenn wir Gl�ck hatten, w�rde das nicht mehr als drei oder vier Stunden dauern.

Nach etwa einer halben Stunde kamen wir auf einen alten Wildpfad, der uns die H�gel hoch und dann in die Canyons und schmalen T�ler hineinf�hrte, wo wir hofften, die Pferde inmitten des frischen gr�nen Grases zu finden. Wir ritten den Pfad fast eine Stunde entlang, bis wir an einen Grat kamen, von dem aus wir ein langgestrecktes Tal am s�dlichen Ende �berblicken konnten. Unter uns grasten friedlich etwa f�nfzig Pferde, jeweils in kleinen Gr�ppchen: hier vier oder f�nf, dort sechs oder sieben, zwei oder drei weiter oben am Hang. Vom Standpunkt des Zusammentreibens konnte es ein Problem darstellen, dass sie sich so weit verteilt hatten. Wir beschlossen, die Situation erst einmal zu �berdenken, um sie nicht wom�glich noch weiter auseinander zu treiben und unseren Tag l�nger zu machen als unbedingt n�tig.

Wir sa�en ein paar Minuten ruhig an dem Felsgrat und diskutierten �ber die beste Methode, die Pferde zusammenzutreiben, bevor wir sie nach Norden durch den Tunnel und in den Fangzaun bugsieren konnten. Wie das Leben so spielt, entdeckte uns eines der Pferde unten im Tal. Da es nicht ganz sicher war, was die Gestalten hoch oben bedeuteten, lie� es ein lautes, warnendes Schnarchen h�ren. Es schallte das ganze Tal entlang und lie� s�mtliche andere Pferde ebenfalls aufmerksam werden. In weniger als zwanzig Sekunden hatten sich all die kleinen Gr�ppchen im Tal instinktiv zu einem gro�en Verband zusammengeschlossen und wirbelten nerv�s in der Mitte des Tals herum. Das schien unsere Aufgabe zu erleichtern. Wir mussten nur ruhig hinunterreiten und sie gem�chlich vor uns her nach Norden in Richtung Tunnel treiben.

Na ja, kaum hatten wir mit dem Abstieg begonnen, als die Pferde pl�tzlich kehrtmachten und davonliefen. Bis wir den Rest des Weges hinuntergeklettert waren, konnten wir gerade noch sehen, wie die letzten der Pferde einem anderen Wildpfad nordw�rts hoch in die Berge folgten. Wir setzten unsere Pferde in Galopp und ritten durch das Tal und dann den anderen Wildpfad hoch. Bis wir oben ankamen, waren die Pferde fast eine halbe Meile entfernt und im vollen Galopp. Wir folgten, so schnell wir es in Anbetracht des Terrains konnten, und holten sie schlie�lich nach einigen Minuten in einem weiten Tal ein.

Zu unserer nicht geringen �berraschung war die urspr�ngliche Herde von etwa 50 Pferden inzwischen betr�chtlich angewachsen. Es kamen jeden Augenblick noch mehr dazu. Offenbar waren auch andere Familienverb�nde, die in der N�he gegrast hatten, von der vorbeist�rmenden Herde alarmiert worden. Statt aber anzunehmen, dass der Herde irgendetwas Gef�hrliches auf den Fersen war, und sicherheitshalber in die andere Richtung zu laufen, sagte der Instinkt diesen Pferden, sie sollten sich der gr��eren Gruppe anschlie�en.

Aus W�ldern und Seitent�lern kamen Pferde aus vollem Halse wiehernd und so schnell sie konnten herbeigaloppiert. Als sie auf die Herde trafen, sah es aus, als h�tte jemand einen Stein in einen Teich geworfen. Vom Zentrum aus liefen Pferde wellenf�rmig in alle Richtungen. Die Herde war total konfus und drehte sich unaufh�rlich ziellos im Kreis.

Und dann geschah etwas h�chst Interessantes. Auf der Suche nach einem Weg hinunter ins Tal ritt ich mein Pferd den Abhang hinunter. Pl�tzlich bewegten sich mehrere Pferde aus der Herde in meine Richtung. Sie st�rmten nicht und wirkten auch nicht panisch, eher so, als ob sie Hilfe suchten. Als ich am Talgrund angekommen war, fand ich einen Trail, der in die Richtung des Tunnels zu f�hren schien, und ritt ihn vorsichtshalber ein St�ck entlang. Nach vielleicht zweihundert Metern blickte ich mich um und sah, dass mir fast die gesamte Herde folgte. Leicht �berrascht, aber durchaus geneigt, einem geschenkten Gaul (oder mehreren) nicht weiter ins Maul zu schauen, drehte ich mich nur wieder vor und f�hrte die Herde den Trail hinunter ins Flachland. Meine zwei Kumpels sammelten die Nachz�gler ein und trieben sie hinterher.

Liebend gern w�rde ich Ihnen nun erz�hlen, dass die Pferde mich durch das Tal reiten sahen und fanden, ich s�he aus wie der gro�e Anf�hrer pers�nlich, weshalb sie beschlossen, mir zu folgen. Vermutlich hatte ich aber gar nicht allzu viel damit zu tun. H�chstwahrscheinlich hielten die Pferde in ihrer Angst und Aufregung Ausschau nach einem Anf�hrer, der ihnen sagen konnte, was sie tun sollten. Keines wusste so recht, wie sie aus dem Tal wieder hinausfinden sollten.

Zu diesem Zeitpunkt ritt ich auf einem ganz ruhigen Pferd ins Tal hinein, einem Pferd, das ein Ziel zu verfolgen schien � was es auch wirklich tat, suchten wir doch nach etwas ganz Bestimmtem. Ich glaube, ein paar der Pferde sahen mein Pferd, nahmen an, dass es wusste, wohin es wollte, und beschlossen, ihm zu folgen. Schlie�lich wirkte es ruhig und selbstsicher, und tats�chlich zeigte es ihnen ja auch den Weg aus dem Tal.

In stressigen Situationen halten sich meiner Meinung nach viele Pferde lieber an ein anderes Pferd als an ihren Reiter, besonders wenn dieser sich zuvor nicht unbedingt als sehr zuverl�ssig erwiesen hat. Vom Standpunkt des Pferdes aus verdient anscheinend sogar ein fremdes Pferd Vertrauen. Wenigstens wird es sich verhalten wie ein Pferd. Menschen dagegen haben manchmal Probleme damit, auch nur von einem Tag auf den anderen eine gewisse Best�ndigkeit zu beweisen. Deshalb verlassen sich Pferde wom�glich nicht unbedingt auf unser Urteil, wenn es darauf ankommt.

Zwei Erlebnisse brachten mir vor nicht allzu langer Zeit diesen Punkt noch einmal besonders zu Bewusstsein. Einmal gab ich w�hrend einer dieser Expo-Dinger Reitunterricht in einer Arena. Der Reiter und das Pferd, mit denen ich arbeitete, waren kein Problem. Sie arbeiteten sogar sehr gut zusammen. Meine Aufmerksamkeit wurde von etwas gefesselt, was sich au�erhalb der Arena ereignete. Eine Frau brachte einen ungesattelten, braunen Wallach und blieb in der N�he des Eingangs stehen. Das Pferd war offensichtlich etwas nerv�s wegen der neuen Umgebung, des Trubel, der vielen Menschen und fremden Pferde. Ab und zu wieherte er und schaute zur�ck in Richtung Stall, aber ansonsten schien er sich M�he zu geben, sich unter Kontrolle zu halten. Ein pl�tzlicher Windsto� brachte eine Fahne unmittelbar neben dem Pferd zum Flattern. Der Wallach sprang ein paar Schritte zur�ck, weg von der Fahne, und zog an dem F�hrstrick, den die Frau in der Hand hielt. Die Frau stemmte sich dagegen, ergriff den Strick mit beiden H�nden und br�llte ein paar Mal �Ho!� mit h�chster Lautst�rke, was das Pferd noch mehr erschreckte. Es zog noch schneller r�ckw�rts, was die Frau veranlasste, noch lauter zu br�llen, was das Pferd noch mehr erschreckte...

Na ja, Sie wissen sicher, wenn so etwas erst einmal angefangen hat, passiert fr�her oder sp�ter meistens etwas. So auch hier. Das Pferd hatte seinen R�ckw�rtsgang inzwischen derartig beschleunigt, dass es in null Komma nix vom Eingang bis an die Zuschauertrib�nen gelangt war. Ehe man sich's versah, hatte ihn seine Besitzerin erfolgreich r�ckw�rts in die Seitenwand gesetzt. Wie Sie sich vorstellen k�nnen, war das f�r den Wallach ein Schock. Er sprang nach vorn und seiner Besitzerin fast auf den Scho�.

Diese hatte ihn zwar die ganze Zeit nach vorn gezogen, um ihn am R�ckw�rtsgehen zu hindern, war darauf aber absolut nicht vorbereitet und beschloss, ihn f�r dieses �respektlose� Benehmen zu strafen, indem sie ihn mit dem Ende des F�hrstricks ein paar Mal ins Gesicht schlug. Daraufhin rannte das Pferd im Kreis um sie herum, was aber ebenso wenig in ihrer Absicht gelegen hatte. Deshalb fing sie sie an, am Strick zu rei�en, um den Wallach zum Stehen zu bringen. Na, das Pferd dachte vermutlich, es solle wieder r�ckw�rts gehen, was es dann auch tat. Das wiederum veranlasste die Besitzerin, den Strick mit beiden H�nden zu packen und �Ho!� zu br�llen. Damit ging das Ganze wieder von vorn los. Sie wissen schon, was ich meine.

Von da an konnte sich das Pferd nicht mehr beruhigen. Die Besitzerin zerrte, schlug und br�llte weiter und dachte, das w�rde schlussendlich etwas n�tzen. Es wurde aber nur noch schlimmer, weshalb die Besitzerin immer w�tender und das Pferd immer �ngstlicher wurde. Kurz darauf hatte die Frau vermutlich das Gef�hl, dass ihr Pferd zu viel Aufregung verursachte und f�hrte es zur�ck zum Stall. Auf dem ganzen Weg zerrte sie an dem Pferd herum, das vorw�rts sprang oder um sie herum kreiselte, nur um weiter geschlagen und angebr�llt zu werden.

In den Augen der Frau war das Pferd respektlos ihr gegen�ber, weil es nicht tat, was sie wollte. Vom Pferd aus gesehen machte seine Besitzerin ihm Angst, weshalb es so weit wie m�glich von ihr fort wollte.

Das zweite Erlebnis war das genaue Gegenteil hiervon. W�hrend eines Seminars, das ich ein paar Monate zuvor gegeben hatte, f�hrte ein Mann sein junges Pferd gerade aus dem Roundpen zum H�nger, um es abzusatteln. Wir hatten die Tage daran gearbeitet, das Vertrauen des jungen Pferdes zu gewinnen. Ich hatte den Eindruck, dass uns das ganz gut gelungen war. Das Pferd war das erste Mal von Zuhause weg, es hatte erst zwei- oder dreimal einen Sattel getragen und zum ersten Mal einen Reiter, und es hatte alles relativ problemlos akzeptiert. Einer der Gr�nde daf�r war, glaube ich, dass er die ganze Zeit ziemlich ruhig geblieben war und uns immer zu verstehen gegeben hatte, wenn er mit etwas, was wir ihm zu zeigen versuchten, Probleme hatte. Wir waren dann einfach ein paar Schritte zur�ckgegangen und hatten so lange auf dieser Stufe mit ihm gearbeitet, bis er sich wieder wohl f�hlte. Dann hatten wir den n�chsten Schritt in Angriff genommen.

Es war der letzte Seminartag, und es war das letzte Pferd vor der Mittagszeit. Auf dem Weg zum H�nger blieb der Besitzer des jungen Wallachs gleich neben dem Eingang zum Parkplatz stehen und unterhielt sich dort mit ein paar Leuten. Insgesamt standen vielleicht f�nfzehn oder zwanzig Personen um sie herum oder nahe bei ihnen.

Pl�tzlich kam ein Wind auf und hob das Tischtuch auf einem Richtertisch in der N�he an. Das junge Pferd erschrak, machte einen Satz und begann in halber Panik um seinen Besitzer herumzurennen. Die Leute wichen so schnell wie m�glich aus. Ich stand etwa 50 Meter entfernt und konnte alles ganz genau sehen. Es war ein riesiges Durcheinander. Menschen brachten sich in alle Richtungen in Sicherheit, das Pferd lief, M�hne und Schweif im Wind wehend, die Steigb�gel schlugen ihm in die Seite, das Tischtuch flatterte � alles schien in Bewegung. Alles � bis auf den Besitzer.

Mitten in dem ganzen Durcheinander stand ruhig der Mann, der das Pferd zum H�nger hatte f�hren wollen, und hielt den F�hrstrick fest, w�hrend das Pferd herumkreiselte. Er stand ganz ruhig da und lie� das Pferd einfach im Kreis laufen, das Gesicht immer dem Pferd zugewandt. Das Pferd rannte ein paar Runden wie wild und fing dann an, mit dem Kopf zu schlenkern, als ob es nach Hilfe Ausschau hielte. Rundherum war alles in Bewegung � �berall au�er gleich da am Ende seines eigenen F�hrstricks.

Ich w�rde sagen, es dauerte nicht mehr als f�nfzehn Sekunden, bis das junge Pferd sich beruhigte und zu seinem Besitzer getrabt kam, der nur die Hand hob und es am Kopf streichelte. Auch wenn das Tischtuch immer noch flatterte und die Leute in alle Richtungen rannten, hatte das Pferd seine Hilfe gefunden. Als der Staub sich legte, kamen die Leute langsam zur�ck, etwas vorsichtiger diesmal, und nahmen ihre Unterhaltung wieder auf. Das Pferd stand still neben seinem Besitzer und muckste nicht, bis die Unterhaltung beendet war und der Mann sich umdrehte und es zum H�nger f�hrte.

In den Augen des Besitzers hatte das Pferd sich erschreckt. Er wollte dessen Schrecken nicht durch irgendwelche negativen Reaktionen noch gr��er machen. Aus der Perspektive des Pferdes hatte es sich erschreckt und hielt sich an das Einzige (ob Mensch oder Pferd oder sonst etwas), was so aussah, als k�nne es ihm helfen, seine Angst zu �berwinden.

Der Besitzer hatte seinem Pferd gerade bewiesen, dass es seinem Urteil vertrauen konnte. Es war ein gro�er Unterschied zu der Frau, deren Pferd sich erschreckt hatte und das deshalb geschlagen worden war.

Was ich mit all dem zu sagen versuche, ist, dass einer der wichtigsten Bestandteile des Trainings mit Pferden mit dem Training selbst �berhaupt nichts zu tun hat. Es hat zu tun mit der F�higkeit zu verstehen, dass unsere Pferde m�glicherweise das Leben mit anderen Augen sehen als wir. Die Tatsache, dass sie sich manchmal nicht ganz in unserem Sinne benehmen oder uns sogar Angst machen, hei�t noch lange nicht, dass sie b�sartig oder respektlos sind. Ich glaube, wir sind nur zu schnell bereit, unerw�nschtes Verhalten unserer Pferde als Zeichen von Respektlosigkeit zu betrachten. In Wahrheit verhalten sie sich immer so, wie sie es f�r richtig halten, ob sie sich nun aggressiv, defensiv oder auch nur ruhig verhalten.

Das unerw�nschte Verhalten ist fast immer etwas, was sie von den Menschen, die mit ihnen umgehen, gelernt haben, auch wenn dies nicht in deren Absicht lag � zum Beispiel dr�ngeln beim F�hren oder r�ckw�rts ziehen, wenn man angebunden wird. Wir m�ssen verstehen, dass dies nicht angeborenes, sondern angelerntes Verhalten ist.

Wir m�ssen immer daran denken, dass Pferde von Natur aus sehr kooperative und soziale Tiere sind. Das m�ssen sie sein. Es ist der Kernpunkt des Lebens in einer Herde. Der einzige Grund, weshalb sie 50 Millionen Jahre �berlebt haben (und das �brigens ohne menschliche Einmischung), ist, dass sie gelernt haben, miteinander auszukommen und sich aufeinander zu verlassen.

Ich glaube, in den meisten F�llen wollen Pferde auch mit uns auskommen und sich auf uns verlassen. Das Problem ist, dass wir f�r sie nicht immer zuverl�ssig sind. Wenn sie in Schwierigkeiten geraten oder Angst bekommen, sehen sie sich deshalb manchmal anderswo nach Hilfe um.

Wenn wir das, was unsere Pferde tun oder was wir mit unseren Pferden tun, aus einer ein klein wenig anderen Perspektive sehen, k�nnen wir � daran glaube ich fest � auch Wege finden, mit ihnen auszukommen, ohne zuerst Dominanz aus�ben zu m�ssen. Das �ffnet ihnen die T�r dazu, in uns den wahren F�hrer zu sehen � jemand, der die meiste Zeit zuverl�ssig f�r sie die richtigen Entscheidungen trifft. Wenn uns das bei unseren Pferden die meiste Zeit gelingt, verzeihen sie uns den Rest.