Wanderreiturlaub auf der Mühlviertler Alm
aus Western News 01/2008
Meine Frau Helga und ich führen am Stadtrand von Salzburg eine kleine Pferderanch. Wie so manch andere Pferdebesitzer ziehen auch wir einen Reiturlaub mit unseren eigenen Pferden einem Faulenzerurlaub am veralgten Sandstrand der Adria oder noch weiter weg mit Sicherheit vor.
So buchten wir Mitte Oktober bei der Reiterherberge Gasthof Rameder in Mönchdorf, um auf der Mühlviertler Alm ein paar Sternritte zu genießen.
Wir verreisten mit unseren Quartern „Boggie“ und „Cody“ und unserer Australian Shepherd-Hündin „Leja“. Mit von der Partie waren auch die Nichte meiner Frau Kerstin und ihr Freund Thorsten, die vom Gasthof Rameder mit Leihpferden versorgt wurden.
Wenn Englein reisen, wird sich das Wetter weisen. Na ja, wir hatten traumhaftes Wetter, die Herberge für uns allein, auch auf den Ausritten trafen wir keinen einzigen Reiter. Wo haben sich die Wanderreiter alle versteckt? Keine einzige Fliege, Bremse oder Gelse, einfach nichts, was ein(en) Reiter/Pferd stören könnte. Sonnenschein, angenehme Temperaturen bei tiefblauem Himmel, das weite Land vom Mühlviertel. Alle Schönheiten, die der Herbst nur bieten kann. Man glaubt sich im Paradies.
Paradiesisch ist es aber nur, wenn man am Abend wieder heil zurück zur Herberge kommt. Denn es kann auch anders kommen:
Es folgt der für heuer letzte Urlaubstag auf der Mühlviertler Alm, denn morgen sollen wir wieder heim zu Haus und Hof. Wir planen für heute nur mehr eine kleinere Runde, die uns an der Burgruine Ruttenstein vorbeiführen soll. Es kündigt sich, wie die Tage zuvor, ein Traum von einem Reitwetter an. Nachdem sich ein paar Frühnebelfelder gelichtet haben, zeigen die Sonnenstrahlen, was sie im Herbst noch so drauf haben. Mit der Ausrüstung, wie es sich für einen Wanderreiter gehört, marschieren wir los. Das wirklich gut beschilderte Reitwegenetz auf der Mühlviertler Alm führt uns über traumhafte Wiesen-, Wald- und Traktorwege, über schottrige Forststraßen, aber auch über asphaltierte Straßen mit öffentlichem Verkehr.
Die Straße zur Ruine Ruttenstein hinauf wurde vermutlich aufgrund der Sanierung der Burg verbreitert und neu geschottert. Diese bewältigt man am besten im Schritt. Unglücklicherweise dürfte heute eine größere Baumaßnahme erfolgen, da bereits der vierte Betonmischwagen an uns vorbeikommt. Die meisten Fahrer nehmen wirklich Rücksicht auf uns als Reitergruppe, fahren langsam an uns vorbei oder bleiben sogar stehen und lassen uns mit den Pferden zuerst vorbeiziehen, bevor sie ihre Fahrt fortsetzen. Aber eben nicht alle! Denn gestern hat Kerstins Pferd bei einer Annäherung eines Lasters einen Umweg über die Böschung mit einem kurzen Trip durch den Jungwald vorgezogen, als daneben vorbeizugehen. Da unsere Pferde mit meinem Boggie an der Spitze cool genug sind, ist es auch nicht weiter tragisch, dass man hin und wieder an so einem Dreißigtonner vorbei muss.
Die bunt gemalten Laubblätter in den Mischwäldern mit den für diese Gegend typischen riesigen Felsblöcke sind für uns genauso eine Augenweide wie der Rundblick über das so dünn besiedelte hügelige Mühlviertel.
Kurz nach Mittag erblicken wir in einiger Entfernung die Raststation vor der Burgruine. Vor dieser wird vermutlich an einer Güllegrube betoniert. Die nächste Herausforderung heißt, wie passieren wir die Baustelle, bei der ein Pumpwagen und zwei 4-Achs-Mischer stehen und nebenbei der Rüttler in der Betonbrühe brummt. Wir überblicken aus sicherer Entfernung die Baustelle und checken die Varianten. Links geht nichts aufgrund einer Felswand bzw. wegen des Waldes. Rechts liegt die Wiese, in der sich der Aushub der Güllegrube befindet. Das nicht sehr große Feldstück fällt relativ steil bergab und könnte eine Möglichkeit bieten, sich unterhalb der Baustelle in einem Abstand von rund 30 Metern vorbeizuschwindeln. Aber der Ausgang hinter der Raststation ist nicht mehr einsehbar. Oder eben vor uns die Straße weiter, bei dem Pumpwagen vorbei und zwischen Gartenmauer und den Betonmischern hindurch?
Wir entscheiden uns, da wir ja wirklich ruhige, verlässliche Pferde haben, für die direkte Variante und sitzen ab.
So nähern wir uns zu Fuß der Baustelle. Gott sei Dank wird der eine Betonmischer gerade leer und fährt vom Pumpwagen weg. Der Brummifahrer sieht uns und bugsiert seinen LKW auf den engen Umkehrplatz. Der zweite Mischwagen probiert, für uns so viel Platz wie möglich zwischen ihm und der Gartenmauer herauszuholen und setzt noch einige Meter retour. Darum muss ich sagen, dass die Chauffeure, die normalerweise ja immer im Stress sind, durchwegs aufmerksam und freundlich zu uns Reitern waren.
Jetzt stehen alle LKWs wieder still und ich marschiere mit meinem Wallach an der Hand als erster durch die ca. 1,5 Meter breite Engstelle. Mein „Bub“ hat ein derartiges Vertrauen in mich, dass wir in aller Ruhe da hindurch marschieren, als würde so etwas täglich vorkommen. Mir folgt meine Frau mit ihrer Stute genau so cool, weil ihre Stute ja (meistens) dorthin geht, wo „ihr“ Boggie auch hingeht. Wir stellen uns mit unseren Pferden so weit hinter den Mischwagen zurück, dass wir aus sicherer Entfernung Blickkontakt zu unseren Kollegen halten können. Es folgt Kerstin mit ihrem Schimmel, der erst einmal verweigert. Sie bittet den Chauffeur, den Motor seines Brummis abzustellen, macht eine kleine Kehrtwende und lässt Thorsten den Vortritt. Auch er passiert mit seinem Pferd an der Hand den LKW, der mittlerweile den Motor abgestellt hat, zwar mit Respekt, aber trotzdem gut. Nun kommt letztendlich noch einmal Kerstin mit ihrem Leihpferd und es geht diesmal recht passabel. Soweit so gut. Kein „Mords-“Problem mit großen, grünen Betonmischern.
Nur, was mittlerweile die Quarter Horse-Stute meiner Frau inszeniert, wird zum Ernstfall. Da, wo wir mit unseren Pferden das Vorbeiziehen zwischen Gartenmauer und Betonmischer beobachten, stehen eine kleine Kapelle, eine kleine Bank zum Rasten und ein kleiner Brunnentrog. Neugierig, wie Cody nun ist, muss sie zuerst schauen, was in diesem steinernen Becken ist? Im Becken ist kein Stoppel, also auch nichts zu saufen. Ob der hauchdünne Wasserlauf, der aus einem leicht gebogenem Nirorohr in das Becken fließt, schuld daran ist, dass sie den Kopf wieder aus dem Brunnen reißt und sich dabei oberhalb des linken Auges das Rohr in die Stirnhöhle bohrt, kann man nur mutmaßen.
Erst als meine Frau aufschreit, wende ich ihr meine Blicke zu. Wir müssen mit Entsetzen feststellen, dass aus Codys Wunde das Blut nur so heraus schießt.
Meine Frau und ich haben im Jahr 2005 beim sehr geschätzten Herrn Dr. Kaun die Ausbildung zum Pferdesanitäter und heuer die Prüfung zum Wanderreitführer abgelegt. Ich denke, dass wir nur aufgrund dieser Ausbildungen und dem Wissen, was dabei gelehrt wurde, unserem Pferd die Wunden so gut versorgen konnten, dass sich unsere Stute heute wieder pudelwohl fühlt. Anders formuliert: Ich hätte sonst hierbei vermutlich die Nerven verloren! Ehrlich.
Nun, da stehen wir mit Codys blutüberströmten Kopf. Ohne zu zögern reißt sich Kerstin ihren Pullover vom Leib. Meine Frau probiert damit die Blutung aufzuhalten, während ich die Verbandspakete aus unseren Satteltaschen hole. Kerstin schreit auf der Sonnenterasse bei der Raststation um Hilfe. Zwei Gäste kommen mit, um mit Thorsten unsere drei Pferde zu halten. Mittlerweile hab ich mir eine Wundauflage, eine Mullbinde und ein Dreiecktuch vorbereitet.
Während meine Frau probiert, den Kopf des Pferdes möglichst ruhig zu halten, lege ich die Wundauflage auf das blutende Loch, darauf die Mullbinde als Druckpolster und schlinge das Dreiecktuch um ihren Kopf, um alles zu fixieren. Da aber Cody nicht stillhalten will, gelingt es erst beim zweiten Mal durch die Hilfe von Kerstins Händen. Das ganze sichere ich dann zusätzlich mit einer blauen, selbstklebenden Binde.
Der Verband sieht brauchbar aus und ich nehme mir Zeit, den Notruf abzusetzen. „Aber hab ich hier ein Netz?“ hab ich mich gefragt. Im Mühlviertel ist das nicht überall der Fall! Doch wir haben Glück und ich habe vollen Empfang am Handy. Das einzige, so denke ich, was ich mir vorzuwerfen habe, ist, dass ich mir keine Telefonnummern von Tierärzten aus dieser Region vorbereitet habe. So rufe ich meinen Gastgeber, die Reiterherberge Rameder, an. Die Chefin hebt ab und ich erkläre ihr, dass wir dringend Hilfe brauchen. Nach einer Minute ruft mich ihr Mann, Herbert Rameder, zurück. Er organisiert uns die Herbeiholung eines Tierarztes zur Burgruine und zum Abtransport einen Pferdeanhänger, mit dem er selber kommen wird.
Der Verband scheint ganz gut gelungen zu sein, denn die Blutung an Codys Kopf wird immer schwächer und hört tatsächlich auf. So können wir die übrigen Pferde am Anbindeplatz bei der Raststation versorgen und allesamt absatteln. Blutverschmiert stehen wir nun da und das Warten auf den Tierarzt kann beginnen.
Der Schock, der letzten fünfzehn - zwanzig Minuten lässt schön langsam nach. Wir erfrischen und reinigen uns am Brunnen ein wenig und genehmigen uns an der Raststation einen Drink. Hunger? Ja, ein bisschen, aber eigentlich keinen Appetit. Da wir Codys Verband auch über ihr Zaumzeug gewickelt haben, zerlegen wir Riemen für Riemen und ziehen diese vorsichtig unter dem Verband hervor. Bei ihrem Westernzaum ist das kein größeres Problem. Wir geben ihr ein weiches Schnurhalfter über den Kopf und gehen danach mit unseren Pferden ein wenig grasen.
Nach einer weiteren Stunde sind die Arbeiter mit dem Betonieren fertig. Die Mischer und auch der Pumpwagen fahren ab. Es wird ruhig um uns herum.
Es ist kurz nach halb drei Uhr. Ich höre das Geräusch eines Pferdeanhängers aus der Ferne. Es ist Herbert. Ihm folgt der Tierarzt mit seinem Landcruiser. Jetzt geht’s Schlag auf Schlag. Ich organisiere von der Sonnenterrasse einen Gartentisch und bitte den Wirt um eine Schüssel mit warmem Wasser. Während Cody sediert wird, schildert meine Frau dem Tierarzt den Unfallhergang und berichtet über unsere Maßnahmen. Der Tierarzt entfernt vorsichtig den Kopfverband. Es ist keine Blutung zu registrieren. Ich halte Codys Kopf, der schwerer und schwerer wird. Sie schläft mittlerweile tief und der Tierarzt beginnt mit seiner Arbeit. Er spricht dabei nicht sehr viel, doch ich kann es seinen Augen ablesen, dass hier eine gröbere Verletzung vorliegen muss. Er atmet tief durch und versucht zu erklären: „Es handelt sich hierbei nicht nur um eine Fleischwunde, sondern sie hat sich dabei auch den Stirnknochen durchstoßen. Hatte sie auch Nasenbluten - ja? Das ist durch die Stirnhöhle in die Nüstern gelangt. Wir müssen das Tier in eine Klinik bringen!“
Mich trifft diese Diagnose wie ein Faustschlag ins Gesicht, sodass ich mich setzen muss! Herbert löst mich an Codys Kopf ab und ich nehme abseits der Raststätte Platz, sonst hätten sie noch einen Patienten gehabt. Ich habe mich nach ein paar Minuten wieder gefangen und bekomme noch mit, wie der Tierarzt die Wunde provisorisch näht, sodass bei der Fahrt zur Klinik nichts in die Wunde kommen kann. Nachdem die Narkose beim Abklingen ist, machen wir uns zur Abfahrt bereit. Die Pferdeklinik in Tillysburg ist informiert. Cody steigt wie immer ohne zu zögern in den Hänger und Herbert und meine Frau fahren los.
Es ist mittlerweile ca. 15:30 Uhr und immer noch tiefblauer Himmel. Kerstin, Thorsten und ich satteln unsere Pferde. Wir machen uns auf den Heimweg nach Mönchdorf. Die Stimmung ist trotz des schönen Wetters derart mies, dass wir nicht viel tratschen. Meine Gedanken zumindest sind bei meiner Frau und Cody. Wir erreichen gegen fünf Uhr den Gasthof Rameder und versorgen unsere Pferde in den Stallungen.
Die Sorge um meine Lieben ist so groß, dass ich nun ein Telefonat starte, ob mittlerweile Neuigkeiten aus der Klinik zu berichten sind. Und die sind Gott sei Dank gut! „Die Operation ist bereits vorbei. Die Knochensplitter sind entfernt und die Wunde wieder vernäht. Nach Aussage der Klinik wird sogar der Knochen wieder verheilen. Es sind keine Sehnen verletzt, sodass vermutlich nicht einmal ein hängendes Augenlied zurückbleiben sollte. Sie muss zwar noch einige Tage zur Behandlung in der Klinik bleiben, aber sie wird wieder ganz gesund!“
Auf diese Nachricht gönnen wir uns eine Jause und ein Weißbier oder zwei.
Unser herzlichster Dank gilt dem Team von der Pferdeklinik Tillysburg, dem Tierarzt aus Grein (der uns an der Unfallstelle half) und vor allem unserem Gastgeber Herbert Rameder.
Herbert hat trotz der Arbeit, die ein Gastwirt so hat, den ganzen Nachmittag und den Abend unentgeltlich für uns und Cody geopfert. „Herbert, du bist ein richtiger Horseman!“
Wenn auch unser heuriger Urlaub auf der Mühlviertler Alm nicht wirklich positiv endete, war er trotzdem schön. Wir lernten ein paar wirklich nette Leute kennen und haben einen Freund –den Herbert – dazu gewonnen. Und Dank der Ausbildung bei „Doktor Kaun’schem Pferdespital“ konnten wir unsere „Notfallübung“ so meistern, dass unsere Cody wieder ganz gesund wurde.
Und weil ich heuer wieder keinen Wackelstein bewundern konnte, werden wir wohl nächstes Jahr wieder ins Mühlviertel fahren müssen.