Unterm Hengst schlafen
Zwei Uhr in der Früh. Ich rücke mir die Wollhaube zurecht. Mein Hengst Selim, neben dem ich im Kuhstall auf dem Boden liege, mampft das von mir abgesenste Gras. Wir logieren rustikalst auf der Rotsohlalm in einem Holzhäusl. Zwei Meter hoch nur der Raum, finster auch bei Tag. Ich war froh, dass Selim herein ging und sich am alten Trog festbinden ließ. Ein zugelaufenes Katzerl raschelt auf meinem Sattel, sehnsüchtig die Kärnterwürschtln in den Taschen schnuppernd. Sie will wohl noch mehr davon. Mein dicker Schipullover wärmt mich wohlig in dieser kalten Sommernacht. Ich mache mir Sorgen. Werde ich auf unüberwindliche Schranken oder Weideroste stoßen, Zäune, die sich auch mit meiner kräftigen Zange nicht öffnen lassen? Werde ich wahnwitzige Umwege auf mich nehmen müssen? Ich kann zwar gut Karten lesen, doch die besagten Hindernisse sind darin nicht eingezeichnet. Der Wind heult wenig verheißungsvoll. Hoffentlich transportiert er nicht noch mehr Regen herbei. Selims stoisches Kauen lullt mich wieder in den Schlaf.
Selim und ich waren von Graz-St.Peter aus zu dieser Wallfahrt nach Mariazell aufgebrochen. In Ermangelung von sowohl willigen als auch fähigen Reitpartnern allein. Allerdings kommt man sich als einsamer Reiter in all den Bergen und Wäldern schon recht klein und hilflos vor. Auf dem Handydisplay steht meist "Netzsuche". Ein Unfall wäre ungut. Aber passiert eh nix... Man muss halt ein gutes Pferd haben und Glück. Und solide Ausbildung des Pferdes und entsprechende Vorbereitung. Ein Pferd für alle Jahreszeiten und Lebenslagen.
Längsritt durch Graz
Ich stehe unheimlich auf das Murtal und reite gern an diesem schönen Seelen-Fluss. Mein Plan, entlang von Mur und Mürz bis nach Mitterdorf im Mürztal zu reiten und dann über die Hochalmen nach Mariazell, erwies sich als praktikabel und weitgehend genussvoll.
Welcher Reiter glaubt schon, dass man von Graz-St. Peter bis Weinzödl im Norden der Stadt lustig viel galoppieren und traben kann? In 90 Minuten hatte ich die Stadt durchquert. Das geht nur zu zweit oder allein. Karawanen erregen zu viel Aufsehen. Ich schlängelte mich durch Liebenauer Felder zum Radweg R 2. Dieser ist in Graz vernünftigerweise häufig nicht asphaltiert und erlaubt pferdefußschonend rasches Vorwärtskommen. Oft gibt es daneben Rasenstreifen zum Joggen und Wiesen zum Galoppieren. Am tollsten galoppiert es sich unterhalb des Marburger Kais auf der gesandeten Murpromenade mit Blick unter zwei Brücken hindurch. Mein Selim wartete mustergültig zwischen den Radfahrern an den Ampeln. Keiner schaute uns z’wider an, keiner stänkerte. Einige sagten "Super!", einige fotografierten uns mit dem Handy. Ich platzte vor Stolz über mein braves Pferd.
Beim Reitclub Frohnleiten in Schrauding war nach fünfeinhalb Stunden Feierabend für Selim. Frau Holzer, die Chefin, nahm uns liebenswürdig in ihrem wohl geordneten Betrieb auf. Und mein Dani-Schnuggi holte mich später mit dem Auto ab und verpflegte mich auf das paradiesischste. Es gibt schöne Tage im Leben.
Starke Tagesdosis
In Bruck an der Mur ritten wir cool am Bahnhof vorbei zum Radweg R5 und dann durch hübsche Mürzauen. Kapfenberg hat einen kleinen Flughafen mit Restaurant, wo wir auf ein Bier und einen Kübel Wasser einkehrten. Wenige Meter von uns landete ein Polizeihubschrauber und dann noch ein zweisitziges kleineres Modell. Selim rührte in all dem Krawall kein Ohrwaschel. Resultat von vier Jahren methodischer Ausbildungsarbeit. Ich hatte das Englische Vollblut als 4-jährigen von der grünen Wiese gekauft. Er stand anfangs mehr auf zwei Beinen als auf vier. Jedermann riet mir dringend zur Kastration angesichts dieses Feuerstuhls: "Wenn Ihnen beim Gasthaus die Schnitzelsemmel aus der Hand fliegt, werden's ihn schon schneiden lassen."
Ab dem Schloss Graschnitz ritten wir nach der Karte von Frauke Mayer, die herrliche Galoppaden ermöglicht! Von Wartberg wurde ich nach Mitterdorf eskortiert. Welch liebe Leute man beim Wanderreiten kennen lernt! Monika Rinnerhofer, die mit ihrer Familie einen schmucken Reit- und Bauerhof in Mitterdorf führt, bewirtete Selim und mich vorzüglichst. Welche Zuvorkommenheit! Welche Gastfreundschaft!
Selim übrigens wirkte auch nach harter Tagesetappe keineswegs zermürbt, sondern begrüßte in Imponierhaltung plärrend die Mitterdorfer Pferdewelt. Keine heißen Hufe, keine geschwollenen Sehnen, alles glasklar, kein Satteldruck.
Mühsamkeit des Höhengewinns
Am nächsten Morgen eröffnete mir Monika Rinnerhofer, nachdem sie nur ein lächerlich geringes Entgelt für die Luxusversorgung genommen hatte, dass sie mich zusammen mit einem ihrer Reitschüler, Franz, ein Stück begleiten wolle, nämlich bis zur Rotsohlalm (1429 m Seehöhe). Am liebsten wäre ich ihr vor Freude um den Hals gefallen. Als geborene Veitscherin kennt sie die Gegend wie ihre Westentasche, weswegen wir für den Weg, den ich mit 7-8 Stunden kalkuliert hatte, nur über 5 Stunden brauchten, und das für fast 1000 Meter Höhenunterschied. Ich hatte geplant, auf dem Weg 406 zu reiten. Doch Monika ging ein Stück in den Veitschgraben und dann steil bergauf auf unmarkierten Wegen zum Hundskopf, dann zum Pretal-Sattel, dann nicht den Almweg über Langeben, sondern westlich darunter. Viel von dieser Strecke weist gelbe Bodenmarkierungen vom "Grenzstaffellauf" auf. Man braucht meist nur auf die gelben Punkte auf dem Boden zu achten. Meist. Hübsche Trab- und Galopppassagen. Alle Weidetore dieser Strecke waren einfach ohne Werkzeug zu öffnen und zu schließen. Keine Weideroste. Rindviecher unaufdringlich. Und der Regen ließ sich aushalten.
Bis ich meinen Selim im Kuhstall versorgt, ihm ein Graserl abgesenst und mitgebrachten Hafer serviert hatte, mussten Monika und Franz schon wieder zurück nach Mitterdorf. Wie schön ist die Welt mit solch hilfsbereiten Menschen!
Zäh zum Ziel
Am vierten Tag meines Pilgerrittes gelangten wir auf dem meist gut markierten Weg 406 in zügigen 75 Minuten zum Niederalplpass. Dort brauste bald Dani-Schnuggi mit ihrem roten Polo herbei, und siehe, das Wetter klarte während frischer Jausensemmel auf.
Nun nahm Dani Platz im Sattel und ich führte sie auf die Wetterin Alm, wo wir links in den Weg 433 einbogen, die Sattelleiten steil hinunter und dann durch den Lieglergraben kommod Richtung Gusswerk. Dort im Ortszentrum zweigt rechts vor einer Bäckerei ein gemütlicher Wanderweg nach Mariazell ab, der bezaubernde landschaftliche Schönheiten bietet und feine Ausblicke nach einer Weile auf Mariazell.
Sich der Gnade physisch annähern
Angenehmste Sommersonne tauchte den herrlichen Platz vor der picobello renovierten Basilika in goldenes Licht. Das Wallfahren hat was! Es bringt einem Gott näher, wenn man das möchte. Es redet sich leichter mit Gott. Man nähert sich Gott physisch mühevoll an. Und die Belohnung des Angekommenseins beglückt. Wenn man glauben will. Wir walzeln zufrieden zum Hof Stockreiter hinunter, wo ich Selim im Kälberstall ein dickes Strohbett mache, Wasser, Gerste und Heu gebe.
Später gehen wir in die Basilika hinauf zur Abendmesse. Abendsonne durchflutet die herrliche Kirche. Auf dem Barockaltar umschlingt eine üble Schlange den Erdball und unser gekreuzigter Jesus entschwebt darüber in den Himmel. Heiter schaut uns die Gnadenmutter Maria aus ihren Prunkgewändern heraus an.
Tags darauf fahren wir den Pferdehänger holen, bringen Selim über den Seebergsattel nach Graz. Ende gut, alles gut. Und wenn sie nicht gestorben sind, so reiten sie noch heute.
Willst auch reiten? :-) Check this:
Gesamtlänge ca. 200 GERITTENE Kilometer.
Österreichische Karte 1:50.000: Mariazell #72, Kindberg #103, Leoben #133, Voitsberg #163, Graz #164.
Freytag & Berndt 1:50.000: WK 041.
bikeline: Murradweg, Radtourenbuch & Karte 1:75.000
Wanderreiten in der Steiermark, Landesfachverband für Reiten und Fahren (Frauke Mayer): Mürztal ab Schloss Graschnitz (alt, aber gut)
Und wie man prinzipiell wanderreitet und auch sonst fein reitet, steht hier:
Werner Poscharnigg: Das weite Land des Wanderreitens. CADMOS-Verlag (amazon.de).
Werner Poscharnigg: Westernfreizeitreiten. BLV-Verlag (amazon.de).
Und dann gibt’s den freundlichen Fragenbeantworter:
werner.poscharnigg@gmx.at
Text: © Werner Poscharnigg