War es vor rund 15 Jahren in Österreich sehr schwierig, aus verschiedenen Satteltypen fürs Wanderreiten zu wählen und passten diese dann teilweise nicht auf unsere Pferde, so ist es heute eher umgekehrt: Man hat die Qual der Wahl.
Der richtige Sattel
Ein Wanderreitsattel soll eine Vielzahl von Wünschen abdecken. Hier einige sehr wichtige Kriterien zur allgemeinen Auswahl:
1. Passform für das Pferd
2. Passform für den Reiter
3. Möglichkeit zur Gepäckanbringung
4. Gleichmäßige Verteilung des Reiter- und Gepäckgewichts
5. Eigengewicht
6. Preis
Zu den Satteltypen
Beginnen wir mit jenem Sattel, der in Mitteleuropa am längsten verwendet wird:
Der englische Vielseitigkeitssattel
Die Vorteile liegen in der großen Auswahl an Passformen sowie dem geringen Gewicht. Auch hat der Pferderücken viel Bewegungsfreiheit (Springen). Zu den herausragendsten Nachteilen gehören neben der nur geringen Verteilung des Reitergewichts auch die fehlenden Anbringungsmöglichkeiten für Packtaschen. Diese liegen immer auf dem Pferderücken direkt auf und nicht auf den Trachten (Bars). Somit ist dieser Sattel für einen echten Wanderritt nicht gut geeignet.
Der Bocksattel
Er wurde beim Heer eingesetzt und ist speziell für langes Reiten mit Packtaschen geeignet. Seine Vorteile liegen in den vielfältigen Anbringungsmöglichkeiten für das Gepäck und dem dafür entwickelten Packsystem. Auch die Belüftung des Pferderückens ist optimal. Als Besonderheit sollte man seine vielseitige Passform erwähnen. Die Bars sind mit einem speziellen System aufgehängt, die in jede Richtung anformbar sind. Somit passt dieser Sattel wirklich jedem Pferd. Einziger Nachteil in diesem Zusammenhang: Natürlich bewegt sich der Sattel immer in jeder Bewegung mit und wirkt deshalb nicht stabil. Auch sitzt der Reiter sehr hoch über dem Pferd, Kreuz- und Gesäßhilfen kommen nicht gut zum Pferd durch.
Australian Stockman
Speziell für schwierigstes Geländereiten entwickelt. Der Sitz ist sehr tief und die Oberschenkel werden zusätzlich gestützt. Der Sattel ist mit und ohne Horn erhältlich, wodurch auch das Springen möglich wird. Durch den kurzen Baum passt er auch auf kurze Pferde. Das Reitergewicht wird nicht optimal verteilt. Auch liegen die hinteren Satteltaschen nicht am Sattelbaum, sondern auf dem Pferderücken auf.
Mc Clellan
Der Sattel der US-Armee! Leichter Sattel mit genügend Anbringungsmöglichkeiten für das Gepäck. Dreipunktgurtung (center fire). Großer Nachteil: Der Sattel ist sehr hart, auch die offene Sitzfläche mag gewöhnungsbedürftig erscheinen (Schaffell auflegen) – allerdings ist dadurch der Pferderücken besser belüftet. Ein Sattel also für eher harte Knochen.
Neben den genannten Sätteln gibt es aus vielen Ländern (Frankreich, Italien, Argentinien...) Hirtensättel, die sich z. T. sehr gut zum Wanderreiten eignen. Allen gemeinsam ist ein tiefer Sitz mit hohem Vorder- und Hinterzwiesel und eher großen Auflageflächen am Pferderücken. Dabei gibt es auch Sättel ohne fixem Sattelbaum, die lediglich aus Naturhaar (Filz) gefertigt sind. Auf dieses System hat sich auch ein österreichischer Sattelhersteller spezialisiert. Er versteppt Filz und Leder, Fork und Cantle aus Holz geben Stabilität.
Der Westernsattel
Gerade dieser Satteltyp hat in den letzten 15 Jahren viele Anhänger gefunden – und natürlich auch die damit verbundene Reitweise. War es anfangs fast unmöglich, für das europäische Pferd mit schmaler Schulter und eher hohem Widerrist einen passenden Sattel zu finden, ist heutzutage die Auswahl wirklich gut. Die großen Vorteile des Westernsattels liegen in der guten Auflagefläche und der damit verbundenen Gewichtsverteilung. Auch gibt es genügend Anbringungsmöglichkeiten für das Gepäck, das niemals auf dem Pferderücken direkt aufliegt, sondern auf den Trachten. Der Westernsattel setzt den Reiter bequem mit langen Beinen (keine schmerzenden Beine) tief in den Sitz. Für Reiter, die das Horn stört, gibt es sog. Endurance-Sättel. Oft schreckt das hohe Gewicht ab. Es ist klar, dass die großen Lederverkleidungen, die Fender und die schweren Steigbügel, auch Gewicht bedeuten. Allerdings wiegen leichtere Westernsättel auch kaum mehr als 12 kg, wenn es nicht gerade Roping-Sättel sind.
Als neues System hat eine deutsche Firma einen neuen Sattelbaum ins Konzept aufgenommen. Der Equi-Flex ist ein Baum aus einer Kombination von Holz (Cantle und Fork) und Kunststoff (Bars). Die Holzteile geben die allgemeine Passform am Pferd an, also ob Araber oder Kaltblüter. Die Bars sind aus einem speziellen Kunststoff gefertigt, der bei Arbeitstemperatur beweglich wird und sich so dem Pferderücken und der Muskelbewegung anpasst. Der Sattel wird seit März von mir erprobt. – Sicher einer der besten Westernsättel für Wanderreiter.
Allgemeines zur Passform
Da der Wanderreitsattel den ganzen Tag über auf dem Pferd ist und das Pferd oft auch mit mehr Gewicht als herkömmlich belastet wird, ist eine optimale Passform am Pferd besonders wichtig. Die Fork bestimmt die Schulterweite und auch die Widerristfreiheit. Die Bars sind die seitlichen Auflageflächen am Rücken. Dabei sollen „rock“ (Biegung über die Längsachse) und „twist“ (Drehung über die Längsachse) genau beachtet werden. Das Cantle fixiert die Bars im hinteren Sattelbereich. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Passkontrolle, z. B. Messgitter oder auch eine Computeranalyse.
Alle Systeme wirken bisher aber nur im Stillstand des Pferdes. Bei richtigem Reiten wölbt sich der Pferderücken auf, wodurch der „rock“ etwas verändert wird.
Zusatzausrüstung zum Sattel
Der Sattelgurt (Cinch) wird in verschiedenen Materialien angeboten. Von Schnürlgurten aus Kunstfaser oder auch Moha, über Fellgurten bis zu den modernen Neoprengurten kann man wählen. Der Gurt gibt viel Druck auf das Pferd, oft an einer nicht ganz unkomplizierten Stelle, da manche Pferde in der Gurtenlage viele Hautfalten haben, die gequetscht werden können. Auch schwitzt das Pferd dort viel, der Gurt soll also leicht zu reinigen sein, da Schmutz und Salz natürlich beim Wundreiben helfen.
Die Satteldecke oder das Pad sollen geringe Passveränderungen vom Sattel am Rücken ausgleichen (unterwegs nehmen Pferde fast immer ab). Auch dabei ist natürlich auf Sauberkeit zu achten. Viele Westerndecken sind schwer zu waschen, da sie sehr stabil sind, außerdem trocknen sie schlecht. Wen dies stört, der ist mit Antikubitusdecken, wie sie im Krankenhaus gegen Wundliegen verwendet werden, gut beraten. Ein nicht passender Sattel kann auch durch noch so viele oder dicke Pads nicht passend gemacht werden (Sattel schwimmt). Dies wird oft bei Problemen mit der Widerristfreiheit versucht. Ausschnitte an dieser Stelle können maximal 2 cm mehr Freiheit erreichen.
Jede/r Reiter/in sollte alle Vor- und Nachteile für sich abwiegen. Und übrigens: Das Billigste ist of das Teuerste.