Western News 02/2007

 

Reiten unter dem Kreuz des Südens oder

Wie das Quarter Horse in die Wüste im Süden Afrikas kam

 

Es waren einmal zwei ungewöhnliche Menschen. Sie lebten und arbeiteten im ehemaligen Arbeiter- und Bauernparadies der DDR: Bernd und Babette. Und sie hatten zwei kleine Kinder: Linn und Felix.

Sie konnten so irgendwie die ganze Sache vom Paradies nicht glauben. Schufen mit einigen Freunden ihr eigenes, kleines Paradies am Rande von Berlin und spielten unter Sichel und Zirkel das Spiel des weißen Mannes im Wilden Westen. Nur eben unter den gestrengen Augen der Staatssicherheit im glorreichen Osten.

Dass dieses Spiel mit den Idealen des Klassenfeindes nicht lange gut gehen konnte, leuchtete den im Kalten Krieg der 70er- und 80er-Jahre politisch Geschulten ein. Also beschlossen Bernd und Babette, einen Ausreiseantrag zu stellen. Was in der Folge, man möchte sagen natürlich, mit erheblichen Problemen verbunden war.

Knapp bevor dann alles durchgestanden war – das Haus am Stadtrand von Berlin war um einen Pappenstiel verkauft worden –, kam eine eigenartige Nachricht im Radio: „Die Mauer ist auf!“

Als gelernte kritische Bürger wollten Bernd und Babette nicht so ohne weiteres glauben, was da zu hören war. Sie machten sich auf den Weg zur Mauer. Mitten in der Nacht, während ihre Kinder friedlich in ihren Betten schlummerten.

An der Mauer angekommen – was schon verwunderlich genug war, da man als Normalbürger an dieselbe kaum herankam –, wurden sie von einer Menschenmenge über die Grenze in den Goldenen Westen gespült. Die ganze Nacht ging es mit dem öffentlichen Bus quer durch Westberlin. Mit tausenden Gleichgesinnten bzw. gleich staunenden „Ossis“.

In der Früh wurden die Kinder geweckt und über die Neuigkeit informiert. Sie glaubten es erst, als keiner in der Schule war. Weil auch die Lehrer im Westen auf Tour waren.

So hatten Bernd und Babette alles zu einem Spottpreis verkauft und lange Zeit den politischen Druck ausgehalten – um jetzt ohne Hindernisse gehen zu können.

Über Umwege quer durch Afrika im Landrover „Fritz“ (Baujahr 1968) landeten sie in der ehemaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwest, heute Namibia.

Über 15 Jahre ist das nun her und die kleinen Kinder sind groß geworden. Felix arbeitet in Windhoek und ist nebenbei Hobbymusiker. Linn hat ihr Glück auf einer Farm am Rand der Wüste in Form des Farmersohnes Thorsten gefunden. Eigentlich hat sie ihn ja am elterlichen Pool gefunden. Aber von da hat sie Thorsten ins Outback verschleppt. Auf die Farm Namtib,

60 km vom nächsten Nachbarn, 120 km vom nächsten Shop und der nächsten Tankstelle und 600 km von Windhoek, der nächsten und einzigen richtigen Stadt in diesem Land.
Telefon, Radio und Fernsehen geht nur (um viel Geld) über Satellit. Ebenso das Internet.

Die Ruhe wird tagsüber nur durch den gleichmäßig schnurrenden Stromgenerator „gestört“.

Abends und nachts ruht auch er. Dann sind vereinzelt nur noch nachtaktive Tiere zu hören.
Nach einigen Tagen auf der Farm „schmerzt“ Musik, die ein um seine Gäste Besorgter aus einem CD-Player zum Frühstück erschallen lässt. Rasch ist er wieder abgestellt.

Man glaubt nicht, wie schnell man sich an diese Stille gewöhnen kann. Und die Weite des Landes.

Die Farm umschließt 16.400 Hektar Land. Das entspricht ungefähr einem Drittel von Wien.

Hier leben Walter und Renate Theile. Er, in Deutschland geboren und in Namibia aufgewachsen, hat sich während seines Studiums in Deutschland Renate angelacht und nach Hause mitgenommen. Seit 25 Jahren bewirtschaften sie gemeinsam ihr Stück Land. Ziegen und Schafe dienen als Lebensgrundlage. Dazu Wild, vor allem viele verschiedene Antilopen. Schakale, Hyänen, Löffelhunde und Erdwölfe sind auch da, aber meist nur nachts aktiv und daher tagsüber selten zu sehen. Ebenso in den Bergen Klippschliefer und vereinzelt Leoparden und Luchse.

48 verschiedene Vogelarten sind im Ökopark Namtib heimisch. Darunter viele Weber und einige Felsenadlerpaare.

Und dann sind da noch die Pferde. Wenn man fragt, wo sie sind, dann hört man: „da draußen im Feld“. Das „Feld“ ist 15.000 Hektar Weide- und Naturland. Der (schwarze) Hirte weiß, wo sie sind. Meist auf gutem Weideland in der Nähe von Wasserstellen.

Diese sind übrigens das Um und Auf im Farmbetrieb in einem Wüstenland wie Namibia. Der Wert eines Grundstückes wird vor allem durch die Zahl der Bohrlöcher und das Vorhandensein von Wasser begründet. Das ist auch eine der Hauptarbeiten des Farmers. Täglich Weiden und Wasserstellen zu kontrollieren.

Gäste sind das zweite Standbein einer Farm in Namibia. Urlaub am Bauernhof sozusagen.
Beim gemeinsamen Abendessen mit den Gastgebern erzählt Vater Theile diverse Schwänke aus dem Leben eines Farmers in Afrika. Und die Gäste hören sie immer wieder gerne. Und stellen immer wieder dieselben Fragen. Und Vater Theile beantwortet sie immer wieder mit derselben Geduld am abendlichen Feuer. Ja, es kann kühl werden abends nahe der Wüste. Es gibt Leute, die sagen, sie hätten nirgends so gefroren, wie in Afrika.

Bergsteigen, Wüstenwandern und Wildbeobachten im farmeigenen Truck sind bereits weit über die Grenzen bekannt und beliebt.

Walter Theiles Vater arbeitete auf den Diamantenfeldern um Lüderitz. Eine Hafenstadt im Nirgendwo. Heute noch ist die Umgebung Diamentensperrgebiet. 120 km sind es zur nächsten Ansiedlung. Die heißt, man möchte meinen bezeichnenderweise, Aus. Dazwischen nur Wüste.

Walter verbrachte seine Kindheit in Lüderitz. Diese Wurzeln hatten Bestand. Heute organisiert er für seine Gäste Ausflüge an die Küste. Und in die verlassene Geisterstadt Kolmannskoppe.

Angelegt während eines Diamantenfiebers, ähnlich dem Goldrausch in Amerika, vor 150 Jahren. Und, nachdem alle Diamanten aufgesammelt waren, genauso wieder binnen kurzer Zeit verlassen.

Auf seinem Segelschiff können See- und Wetterfeste bei Ausflügen Seehunde, Delphine und Pelikane besuchen. Oder besucht werden.

Und nach einem köstlichen Meeresfrüchtemahl - Austern zum Beispiel wachsen in den Gewässern des Südatlantik besonders gut und werden täglich frisch serviert - kann auch an Bord übernachtet werden.

Ursprünglich züchtete man American Saddlebreds auf Namtib. Eine im Süden Afrikas sehr beliebte und weit verbreitete Rasse. Mit Linn kam das Quarter Horse auf die Farm. Eine neue Idee war geboren. Und eine neue Aufgabe für die Nachwuchsfarmer. Reiten und Kutschenfahren sind die neuen Attraktionen auf Namtib.

Es gibt Paddocks beim Haus, um die Tiere besser hegen und pflegen zu können. Sogar ein Viereck wurde angelegt. So können sich Pferd und Reiter aneinander gewöhnen.
Und dann kommt der Höhepunkt für viele: geführte Ausritte morgens und abends, wohin die Beine tragen. – Das ist etwas, das wir uns hier im engen (oder soll ich sagen engstirnigen) Europa nur in unseren Träumen vorstellen können.

Oryx und Springböcke stehen und fürchten die Reiter nicht. Schakale schnüren vorbei oder dösen im Schatten einer Schirmakazie. Die Landschaft nimmt einen in sich auf. Man spürt plötzlich eine nie zuvor gefühlte Nähe zur Natur.

In Namibia, am Rand der ältesten Wüste der Erde, ist das ein Erlebnis, das uns unvergessen bleiben wird.

Und demnächst gibt es hier vielleicht auch kleine Quarter Horses. Vielleicht mit einem österreichischen Papa.

Farm Namtib: Google Earth - Koordinaten: 26°02'15'' S / 16°13'38'' E

 

Im Internet: http://www.namtib.com