Wanderreiten - Das richtige Pferd

 

Von Iris Muhm
Viele Reiter wollen den Großteil ihrer Freizeit mit Pferden verbringen, manche abseits von Reitbahn und Turnier. Für jene, die schon längere Zeit von einem mehrtägigen Ritt träumen und nur noch auf den Geschmack gebracht werden müssen, startet die Serie mit dem vorliegenden Beitrag.
 

Das richtige Pferd
Grundsätzlich kann man zwar mit (fast) jedem Pferd Wanderreiten, allerdings eignen sich manche mehr bzw. weniger dafür. Neben der Ausbildung gibt es zahlreiche physische und psychische Vor- und Nachteile.

Exterieur:
Als Exterieur bezeichnet man das äußere Erscheinungsbild des Pferdes. Man gliedert das Pferd zur Beurteilung in Vor-, Mittel- und Hinterhand. Weiters betrachtet man es von vorne und von hinten. Das belastbare Geländepferd sollte im Quadrat stehen, d.h. es sollte von der Bugspitze bis zum Schweifansatz ca. genauso lang sein wie vom Boden bis zum Widerrist hoch.
Den Kopf wünscht man sich nicht zu schwer mit genügend Ganaschenfreiheit, damit das Pferd keine Probleme beim Atmen hat. Das Pferd sollte auf keinen Fall einen Hirschhals haben, da dies meist ein Wegdrücken des Rückens mit sich bringt, sobald man nicht mehr in tatsächlicher Versammlung reitet. - Wer möchte sein Pferd schon einen ganzen Wanderritt lang versammeln?
Ein leicht markierter Widerrist lässt den Sattel besser sitzen. Bei zu hohem Widerrist findet man sehr schwer einen passenden Westernsattel. Der Rücken sollte nicht zu lang sein, was seine Tragfähigkeit einschränken würde. Außerdem sollte er gut geschwungen sein mit einer leicht abfallenden Kruppe. - Die Bewegungen schwingen dann besser aus, der Reiter wird nicht gestoßen.
Eine schräge Schulter bringt optimale Voraussetzungen für raumgreifende Gangarten mit. Eine zu lange Fessel ist nicht besonders belastbar, eine kurze wirkt sich auf die Geschmeidigkeit des Ganges negativ aus. Betrachtet man die Vorderbeine von der Seite, sollten sie vom Ellbogen bis zur Fessel gerade erscheinen. Auch von vorne gesehen sollen die Beine gerade auf den Boden treffen. Das gleiche gilt für die Hinterbeine von hinten betrachtet.
Ganz wesentlich ist auch der Huf. - Auf diesem muss das Pferd schließlich laufen. Nur in wenigen Ausnahmen können Wanderreitpferde barhuf laufen, was wiederum einen besonders guten Huf voraussetzt. Der Huf soll von der Krone bis zur Sohle leicht glockig verlaufen, in den Trachten weder zu eng (Zwanghuf) noch zu weit sein. Die Winkelung des Hufes soll in der Linie der Fessel weiter verlaufen. Zu flach = Flachhuf, zu steil = Bockhuf. Der Winkel in der Vorhand ist ungefähr 45°, in der Hinterhand 50°.
Das Horn soll hart, aber nicht spröde sein. Fleißige Wanderreitpferde laufen manchmal in nur 3 Wochen ihre Eisen durch, eine herkömmliche Beschlagsperiode wird jedoch mit 6-8 Wochen angegeben. Der Huf wird also stärker zernagelt als gewöhnlich.
 

Interieur:
Als Interieur wird das Wesen des Pferdes bezeichnet. Es versteht sich von selbst, dass ein gutes Wanderreitpferd über einen umgänglichen Charakter verfügen muss. Es soll Menschen gegenüber freundlich sein (man denke nur, was man mit einem bösartigen Pferd anfangen soll, wenn sein Besitzer unterwegs einen Unfall hat) und sich gut mit anderen Pferden vertragen, sonst ist ein Reiten in der Gruppe wohl sehr schwierig. Im schwierigen Gelände wird außerdem auch eine Portion Mut verlangt, das gleiche gilt im Straßenverkehr.
Auch ein fleißiges Temperament ist von Vorteil. Schlechte Erziehung soll jedoch nicht mit temperamentvoll verwechselt werden. Ebenso können natürlich auch gut erzogene Pferde fälschlich als temperamentlos eingestuft werden. Viele Pferde wissen sich oft nur aus Übermut nicht zu benehmen. Während des Trainings oder spätestens am Wanderritt zeigen auch sie sich vernünftig.
 

Rasse:
Die Rasse spielt keine große Rolle. Viele gute Wanderreitpferde sind sogar Mischlinge. Ich persönlich wünsche mir jedoch ein mittelgroßes Pferd um 150cm mit ca. 450-500kg. Auf einem Wanderritt muss man öfters auf- und absitzen. Wenn dann noch der Schlafsack hinten drauf ist... Kleinere Pferde sind auch häufig geschickter und besonders im Wald praktisch.
Als Faustregel gilt, dass das Pferd mit max. einem Fünftel seines Eigengewichtes belastet werden soll, wodurch sich eine gewisse Größe und sein Gewicht ergibt. Ein Pferd mit großen Muskelpaketen mag ja ein toller Gewichtsträger sein, ist jedoch langfristig weit nicht so belastbar wie ein drahtiges Pferd. So sind Pferde im leichten Warmbluttyp (oder ev. sogar Vollbluttyp) den schwereren Kollegen vorzuziehen.
Die Gänge sollen möglichst geschmeidig und raumgreifend sein. Gangpferde sind ideal.
Das Alter darf auf keinen Fall unter fünf Jahren liegen. Bis dahin ist ein Pferd nämlich sicher nicht ausgewachsen. Nach oben gibt es keine wirkliche Grenze.
Das Geschlecht spielt ebenfalls wenig Rolle. Natürlich muss man bei einem Hengst wesentlich erfahrener sein und auch immer entsprechende Bedingungen schaffen. (Was manchmal nicht einfach ist.) Stuten können während der Rosse ebenfalls ganz schön zickig sein. Der Wallach ist häufig das unkompliziertere Wanderreitpferd.

Training von Wanderreitpferden
Über das richtige Training von Wanderreit- und Distanzpferden sind schon ganze Bücher geschrieben worden. Viele Teile daraus sind sehr nützlich, andere sind einfach nicht anwendbar, denn wer trabt schon in einem stark hügeligen Heimatgelände 30 Minuten lang bergauf, bergab. Dennoch ist das Training des Pferdes vor jedem Wanderritt wirklich notwendig. Mehr als die Hälfte der Pferde sind schon nach Ein- bis Dreitagesritten mit Satteldruck, Lahmheiten und Erschöpfung außer Gefecht gesetzt.
 

Das Konditionstraining
Die meisten Wanderritte finden in der warmen Jahreszeit statt, also häufig zwischen Mai und Oktober. Obwohl natürlich auch im Winter Ausritte ihren Reiz haben und von passionierten Geländereitern praktiziert werden, sind diese Ritte aufgrund der Kälte dennoch meist wesentlich kürzer und auch langsamer. Auch hat ein berufstätiger Mensch meist gar nicht die Chance, im Winter jeden Tag nach der Arbeit ausreiten zu gehen, da er ja dann immer im Dunkeln reiten müsste. Wer also im Sommer z.B. einen Sechstagesritt plant, sollte mindestens zwei Monate vorher mit dem Training beginnen.
Das Tempo und auch die Dauer der Ritte steigern sich mit wachsender Kondition, sodass man nach acht Wochen einen Ritt von vier bis sechs Stunden als Test einlegen kann. Zur optimalen Bildung der Muskulatur, auch im Rücken, eignen sich besonders gut Hänge, die man am besten im Schritt bergauf reitet. Für Herz- und Lungentraining ist die Gangart Trab im leicht hügeligen Gelände bestens geeignet. Je schneller die Atmung und der Puls sich beruhigen, desto besser ist die Kondition. Dazu eine kleine Erklärung:
PAT-Werte

bedeutet    P-uls
                 A-tmung
                 T-emperatur
Der Ruhepuls eines Pferde beträgt ca. 30-50 Schläge pro Minute. Man kann den Puls an der Unterseite der Ganaschen oder der Schweifrübe messen (leichter Druck mit den Fingern). Die Ruheatmung eines gesunden Pferdes ist ca. 4-24 Atemzüge pro Minute. Man misst diese an den Nüstern oder der Flanke. Die Temperatur liegt bei ca. bei 37,5 bis 38,5 Grad Celsius. Man misst sie am besten mit einem nicht quecksilberhaltigen Fieberthermometer im After.
Bei einem gut konditionierten Pferd, das nicht überfordert wird, beträgt der Belastungspuls zwischen 70 und 75 Schlägen pro Minute, fällt aber nach 10 Minuten auf ca. 50 ab.
Jedes Pferd hat seine persönlichen PAT-Werte. Vor dem Training ist es somit ideal, die Werte an verschiedenen Tagen zu überprüfen und festzuhalten, da sonst die Belastungswerte nicht objektiv sind.
 

Das psychische Training
Für jeden Geländereiter sollte dies eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber nicht immer. Trifft man Wanderreiter, kann man oft das eigenartigste Fehlverhalten der Pferde feststellen. Z.B. lassen sich die Pferde nicht anbinden, stehen bei einer Pause nicht still und schon gar nicht beim Aufsitzen, lassen sich nicht stressfrei führen und sind im Straßenverkehr eine Zumutung. (Fast) alles lässt sich trainieren, natürlich bedarf dies einiger Zeit und zum Teil auch Kreativität. (Aber was sollte man denn sonst den langen Winter über tun, als sein Pferd an Regenschirm, Absperrband und Co. zu gewöhnen?) Auch mag es sinnvoll erscheinen, dem Pferd vor dem Wanderritt schon einmal eine Wasserfurt oder eine Brücke gezeigt zu haben. Auch ein Pferdeanhänger gehört in dieses Kapitel. Für ein gutes Wanderreitpferd sicher kein Thema - oder?
 

Das Rittigkeitstraining
Ich kenne Leute, die behaupten, mit einem Wanderreitpferd könne man sonst nichts machen - falsch!
Ein echtes Wanderreitpferd zeichnet sich durch Leichtrittigkeit aus. Praktisch ist ein Pferd, das in allen Gangarten einhändig geritten werden kann und dabei nicht mit perfekter John Wayne-Außenstellung herumgezogen wird. Auch wenn es nicht unbedingt die Winchester ist oder das Lasso, das in der freien Hand seinen Platz findet, so ist es vielleicht eine Wanderreitkarte. Ein paar Schritte rückwärts und auch seitwärts sind jedem Pferd beizubringen. So kann man ein Gatter vom Sattel aus passieren. Wer sein Pferd durch einen Turniertrail schicken kann, hat auch beim Geländereiten seine Freude. Auch Handpferdreiten kann den grauen Trainingsalltag bereichern - und ist bei verletzten Reitern unumgänglich.
Ich reite mein Pferd häufig am Zirkel in allen Gangarten. Je besser die Gymnastizierung, desto kleiner kann der Zirkel werden. Mit Hilfe von Pylonen oder Hindernisständern lassen sich Schlagenlinien und Slalom in allen Variationen reiten. Mit Stangen kann man gerades Rückwärts- und Seitwärtstreten üben.
Für Reiter, die das gewisse Etwas suchen, empfehlen sich Seitengänge wie Schulterherein und Travers. Ein so geschultes Pferd lässt sich im Gelände mit wenig Schenkeldruck bestens lenken. Gute Wanderreitpferde sind somit sicher für alles zu gebrauchen!