Trekking

Wanderreiten in Masuren – ein ferner Reitertraum

Im Juni 2006 war es endlich so weit. Der bereits lange und gut vom Europawanderreiter Albert Knaus geplante Wanderritt „Land der Sehnsucht, Land der Trakehner – Ostpreußen“ sollte uns zwei Wochen durch Polen führen.

Dieses reizvolle Ziel sprach viele Teilnehmer an, so waren wir eine relativ große Gruppe mit 14 Pferden und 17 Reitern, die sich zentral bei Würzburg und Berlin traf, um die Pferde von dort mit zwei großen LKWs einer Spedition nach Polen transportieren zu lassen. Unser Ziel, Masuren, lag (leider) ganz in Nord-Osten von Polen, und somit dauerte die Reise – auch dank der teils immer noch extrem schlechten Straßen – sehr lange.

Als wir unsere Pferde schließlich 24 Stunden nach dem Verladen in Würzburg in Galkowo bei Ukta ausladen konnten, waren sie ziemlich fertig. Unser höchst unverantwortungsvoller Spediteur aus Münsingen hatte nämlich unterwegs – neben einigen anderen Mängeln und trotz vieler Einwände von uns – kaum Ruhe-, Futter- oder Tränkpausen gemacht. Und dabei wollten wir den Pferden mit den LKWs eigentlich eine gemütlichere Reise ermöglichen als mit unseren eigenen PKW-Anhängern!

Zum Glück erholten sich unsere Pferde recht schnell auf dem wunderschönen Anwesen der Familien Ferenstein und Potocki. Somit wurde auch unser schlechtes Gewissen ihnen gegenüber wieder etwas leichter. Diese äußerst gepflegte Anlage mit liebevoll renovierten Gebäuden, hervorragender Küche, einem hochklassigen Reitstall und dementsprechender Pferdezucht wird von sehr interessanten, weltoffenen Leuten geführt. An gute Reiter verleihen sie auch Pferde. So bekamen wir für eine Teilnehmerin, deren Pferd kurzfristig vor dem Ritt ausgefallen war, eine tolle polnische Halbblutstute zur Verfügung gestellt. Dies ist natürlich auch eine Möglichkeit für Masuren-Ritte, falls man seinem Pferd solch eine Reise nicht zumuten möchte.

Unsere teilnehmenden Pferde waren bunt gemischt: von einer 5-jährigen Freibergerstute, für die es der erste große Ritt war, bis hin zu meinem 25-jährigen Haflinger Goldfuchs und einem gleich alten Fjord. Dazwischen gab es noch diverse Araber, Lipizzaner, Warmblüter, Traber und Kreuzungen. Die Reiter waren großteils erfahren im Wanderreiten, und so kamen alle auch mit schwierigeren Situationen gut zurecht.

Am nächsten Tag wagten wir uns auf die erste kleine Runde durch die schöne Johannisburger Heide. Da unsere Pferde noch immer etwas müde vom Transport wirkten, waren wir nicht unglücklich, für den folgenden Tag eine große Schifffahrt am Maurersee geplant zu haben. Doch zuvor gab es noch ein aufwändiges Willkommens-Dinner für uns in Galkowo.

Bei der Bootsfahrt sahen wir dann sowohl ein Naturschutzgebiet mit einer beeindruckenden, nur von tausenden Kranichen bewohnten kleinen Insel, wie auch in Steinort ein Anwesen aus den Zeiten der unter Masuren-Fans bekannten Gräfin Dönhoff. Währenddessen durften sich unsere Pferde in Boxen oder wahlweise auf Paddocks ausruhen. Schön zu beobachten war auch die große Zuchtstutenherde auf der angrenzenden riesigen Weide, die mehrmals täglich zur Wasserstelle vorbeizog.

Reitgierig zogen wir am nächsten Morgen endlich auf einen größeren Tagesritt zum Nidzkiesee los. Alle wieder wohlauf, unser Leihpferd brav, unerwartet gutes Wetter nach einer langen, feucht-kühlen Periode, gute, weiche Wege durch eine herrlich unberührt wirkende Landschaft, ein Picknick mitten im Wald. – So stellt man sich Wanderreiten vor! Auch das Reittempo pendelte sich langsam ein. Wir hatten diesmal ein Begleitfahrzeug und ritten daher nur mit „leichtem Gepäck“. Somit konnten wir auch flottere Passagen einlegen. Um in der großen Gruppe dabei allen gerecht zu werden, teilten wir uns öfters in schnellere und langsamere Abteilungen.

Danach ging es dann „richtig“ auf Wanderritt, über Nikolaiken, wo die Pferde im Vergleich recht einfach, aber immerhin in Boxen untergebracht waren und wir ziemlich luxuriös in einem kleinen Hotel in der Nähe an einem See übernachteten. Und wieder speisten wir sehr gut. – Von wegen in Polen gibt es nur Kraut, Kartoffeln und Schweinefleisch! Wir hatten oft Ente, Fisch, Wildschwein und auch gute vegetarische Gerichte zur Wahl. In punkto Gastronomie hat Polen wirklich aufgeholt. Jedenfalls im touristischen Masuren.

Nach einem Ritt durch die Altstadt von Nikolaiken kamen wir durch die erste für die Landschaft dort typische Allee. Teilweise stammen diese Bäume noch aus napoleonischer Zeit, gepflanzt als Schattenspender für marschierende Truppen auf Eroberungszügen. Gegen Ende unseres Rittes, als es immer heißer wurde, lernten auch wir diesen angenehmen Effekt zu schätzen. Flüsse und unendlich viele Seen begleiteten uns auf dem Ritt sowie idyllische Höfe und kleine Dörfer, oft noch mit Sandwegen und nur einer uralten, gepflasterten Hauptstraße. Und überall sieht man Störche auf den Dächern. Hier scheint die Zeit teilweise noch stehen geblieben zu sein.

Unser nächstes Quartier bei Milki war ein gemütlicher Stall mit schönen Weiden für unsere Pferde, einem urigen Stüberl „Zur alten Schiede“, wo man – welch Wunder – wieder hervorragend aß. Die Übernachtung erfolgte in einem nahen, netten Hotel an einem unvermeidlichen See. Dort stellte sich der deutsch sprechende Kellner als Künstler heraus, der jedoch seine ausgestellten Bilder nicht verkaufen wollte! Von dort unternahmen wir wieder Tagesritte um und zu weiteren schönen Seen oder Ausflüge zu bekannten Trakehnergestüten oder kulturellen Sehenswürdigkeiten. Ein wenig wurden wir dabei von einer lautstarken und staubigen Autorallye gehandikapt, die in diesem friedlichen Gebiet ziemlich fehl am Platz wirkte.

Beim Rückritt nach Galkowo auf einer anderen landschaftlich auch sehr reizvollen Strecke, wo wir sogar einmal einen Elch sahen, wurde es dann immer wärmer. Der Sommer und mit ihm auch die Insekten sind schließlich auch bis nach Masuren gekommen. Diesmal – zu Beginn der polnischen Sommerferien und des damit verbundenen Trubels – mussten wir leider auf ein anderes Hotel im nahen Krutyn ausweichen. Das ehemalige „Kurhaus zur Waldesruh“ (im Heimatmuseum des Dorfes konnte ich dieses Haus aus ostpreußischer Zeit wieder erkennen) war ein wenig einfacher, jedoch direkt an dem romantischen Fluss Krutynia gelegen, wo wir noch eine herrliche Kajak- und Kanufahrt erlebten. Wir nützten hier die Gelegenheit, Mitbringsel (sehr schöne Keramik und Bernsteinschmuck) auf einem Künstlermarkt einzukaufen, bei dem wir zuvor schon einmal vorbei geritten waren.

Schön langsam rückte die gefürchtete Rückfahrt näher, unsere Bedenken bezüglich des Spediteurs wuchsen. Einen Tag vor der geplanten Abreise begann dieser via SMS unerfüllbare Forderungen zu stellen, wie etwa, dass er keine Personen mehr mitnehme. Dies war aber vertraglich vereinbart und unbedingt nötig, alleine schon zum Wohle unserer Pferde und damit er nicht wieder völlig übermüdet ohne „Wachhalter“ einschliefe. Dies ging so weit, dass er uns schließlich völlig versetzte und nicht erschien. Wir mussten nun von Polen aus an einem Feiertagswochenende einen anderen Transporteur organisieren.

Wegen der vielen, teuren Telefonate und der großen nervlichen Anspannung konnten wir das Abschiedsessen und den interessanten Vortrag über Masuren von der Mutter des Galkowo-Hotelbesitzers Potocki leider gar nicht unbeschwert genießen. Die Frau kommt aus Deutschland und ist in den Zeiten des Umbruchs Korrespondentin der deutschen Presseagentur in Polen gewesen. Somit hatte sie alles hautnah miterlebt. Mit einem Tag Verspätung und einigen Unkosten kamen wir dank einer unvergleichlich besseren Pferde-Spedition aus Kassel gut zurück nach Deutschland.

Auch wenn Masuren weit entfernt ist und der Transport sich bei uns teils problematisch darstellte, so war es in jedem Fall die Reise wert. Die Landschaft, besonders zum Reiten und Entspannen, die Menschen und die Gastfreundschaft haben viel wieder ausgeglichen.

Falls jemand Interesse hat, auch für 2007 ist wieder ein Ritt durch Masuren geplant: knaus.wanderreiten@t-online.de, Tel. 0049/9326/1630