Januar 2004 - Fortsetzung:
Buckaroo Flavour-Reise nach ION Country
Durch die n�chtlichen R�ckfahrten von der Ranch zum Hotel, was �ber zwei Stunden Fahrt bedeutete, waren wir am Montagmorgen leicht �berm�det.
Als wir ausgecheckt hatten, fiel mir ein, dass ich am Rande des Rodeo Ground ein nettes kleines Caf� gesehen hatte. Man sa� dort richtig auf St�hlen an Tischen und nicht in Boxen, der Kaffee war stark und der Kuchen selbstgemacht. Au�erdem war die Bedienung reizend und unaufdringlich - neben guter Musik ein unausgesprochenes Plus f�r uns.
Bevor wir nun auf die Longhorn Ranch fuhren, die eine Stunde n�rdlich sein sollte, versuchten wir noch, einen Ausr�ster zu finden. Den Namen hatte man uns gesagt - JR - aber die Adresse wusste niemand genau. Die Rancher wussten nur, wie man hinkommt. Da aber keiner von ihnen bei uns war, mussten wir auf eigene Faust suchen.
Die Stra�e, die sich am verhei�ungsvollsten anh�rte, war gesperrt. Also die n�chste rein. Die allerdings wand sich in endlosem Schlingerkurs �ber Land. Schlie�lich fragte ich ein paar Mexikaner. Die wiesen den Weg auf ihre vage Art. Aber tats�chlich, nach einer halben Stunde standen wir vor einer gro�en Wellblechhalle �in the middle of nowhere�.
Hinter der T�r tat sich dann eine Sattlerei mit Laden in betr�chtlicher Ausdehnung auf. Die hatten f�r jeden etwas. Und g�nstig war es auch noch. Also kaufte jeder von uns auch ein, und der Kreditkartenautomat ratterte friedlich seinen Blues, als ich meine Chinks bezahlte.
Nun waren wir sp�t dran, denn es war verabredet gewesen, dass wir uns um die Mittagszeit auf der Ranch einfinden w�rden. Wie so oft untersch�tzt man die Entfernungen in Amerika, muss noch tanken, verf�hrt sich aufgrund abenteuerlicher Beschilderung an Baustellen und dirt roads, und so kamen wir glatte zwei Stunden sp�ter an als erwartet. Das Essen war zum Gl�ck sowieso kalter Lunch gewesen. Die Gastgeber waren etwas besorgt gewesen, und so f�hrte man uns gleich �ber die sch�ne Anlage. Um ein gro�es Haupthaus lagen die Blockh�tten gruppiert, zentral ein Badehaus, nat�rlich nach M�nnlein und Weiblein getrennt. Alles picobello in Schuss und die Leute dazupassend.
Wegen unserer Versp�tung geriet deren Plan etwas durcheinander und so machten wir am Abend nur einen kleinen Ausritt.
Am n�chsten Morgen war Branding angesagt. Einige Cowboys aus der Nachbarschaft waren gekommen, hatten Pferde oder ihre Familie mitgebracht und standen mit hei�em Kaffeebecher auf der Terrasse. Von dort hat man einen guten �berblick. Die Longhorn-Rinder mit ihren K�lbern mussten erst einmal aus der gro�en Senke durch den Fluss auf den Corral zugetrieben werden, der idyllisch von alten, knarrenden Kiefern umrahmt wurde.
Die M�nner kippten den letzten Rest Kaffeesatz in die Gegend und stiefelten los, um ihre Pferde zu satteln.
Nach dem Auftrieb, als die bl�kenden K�lber neben ihren aufgebrachten M�ttern standen oder herumliefen, kam die Stunde, die neuen Chinks einzuweihen. Jeder musste mit anpacken, die kleinen Biester auf die Seite werfen, festhalten oder das Brandeisen ansetzen, dass es zischte und stank.
Der unvermeidliche Mann mit dem Eimer, der die �prairie oysters� einsammelte, war selbstverst�ndlich auch mittendrin.
Der Chef legte gelegentlich etwas Holz auf das Feuer, damit das Eisen hei� blieb. Derweilen standen die Sattelpferde der am Boden arbeitenden Buckaroos unter den B�umen im Schatten und d�sten.
Zum Mittagessen gab es heute eine gro�e Runde. Die K�che tischte eine herzhafte St�rkung auf und jeder griff nach getaner Arbeit kr�ftig zu.
Einer von den M�nnern sprach �berraschenderweise sogar ein wenig Deutsch. Er war mit der Army in Deutschland gewesen, hatte unsere Sprache aufgeschnappt, und nutzte die Gelegenheit, sein Repertoire anzuwenden. Wie so viele amerikanische Soldaten hatte er viele gute Erinnerungen an Europa mitgebracht. Bei manchen von ihnen konnte man sogar etwas Wehmut heraush�ren, wenn sie �ber die guten, alten Zeiten sprachen.
Nach hier oben in die W�lder der Mittelgebirge verschl�gt es wenige Touristen. Die meisten bleiben am Fluss zum River-Rafting.
Am Nachmittag ging es zum Schwimmen in den kleinen See nahebei.
Die Pferde liefen hier frei auf dem Gel�nde umher und fra�en sich am saftigen Wiesengras satt. Eines von ihnen, ein blue roan, hatte sich am Fu�gelenk verletzt und musste zur Behandlung weggebracht werden. Es war keines von den eigenen und daher sollte der Besitzer entscheiden, was mit ihm zu tun sei. So fuhren wir ihn einige Meilen ins n�chste Dorf im Tal und luden ihn ab. Dort unten waren bestimmt an die 40�C.
In der local bar liefen alle verf�gbaren L�fter auf Hochtouren. Eine alte Lady sa� onduliert im Rollstuhl vor dem Fernseher - umsorgt von einer j�ngeren Frau. Es stellte sich heraus, dass sie Stewardess war und ihre Mutter hier zur Betreuung abgegeben hatte. Am anderen Tisch ein Junge, der Hausaufgaben machte. Auch die Gemeindebibliothek war hier nebenbei untergebracht. Der Besitzer der Bar, ein abgekl�rter, �lterer Herr mit der notorischen Baseballkappe auf dem ergrauten Haupt, sa� vor seinem kippen�bers�ten Aschenbecher und rauchte Kette. Ein seltener Anblick heutzutage. Irgendwann im Laufe der Unterhaltung produzierte er einen Revolver aus seiner Ablage. Ein Gewehr habe ich auch noch, meinte er. Beides zusammen ging f�r 300 Dollar �ber den Tisch. Handschlag und fertig.
Am Abend gab es ein Lagerfeuer hinterm Haus, Steaks vom Grill und Alkohol nur, wenn man ihn in Dosen selbst gebracht hatte. Dank K�hlbox waren wir so frei gewesen und empfingen nun den Dank unserer durstigen Kehlen. Es war absolute Ruhe um uns her eingekehrt. Die Pferde kamen herbei, um zu sehen, was wir taten. Ganz zutraulich standen sie um das Feuer herum.
Die Ranch liegt ungef�hr 400 Meter �ber dem Meeresspiegel inmitten der feuergef�hrdeten W�lder Idahos. Hier war man verschont geblieben, und so sa�en wir friedlich beim Plausch und genossen die abendliche K�hle nach der Hitze des Tages.
In vierj�hriger Bauzeit war der Komplex aus landestypischen Holzh�usern mit liebevoll ausgesuchter Inneneinrichtung entstanden und suchte als Guest Ranch seine Kunden. Ein ziemlicher Kontrast zur Working Ranch in Oregon die Tage vorher.
Am n�chsten Morgen nach dem Fr�hst�ck hie� es Abschied nehmen. Zum Abschluss wurde noch eine Kutschenfahrt mit zwei Kaltbl�tern organisiert. Der Wagen rumpelte durch das Tal, vereinzelt sah man die Longhorns zwischen den B�umen oder im Geb�sch stehen und uns anglotzen.
�ber Boise, die cleane Hauptstadt Idahos, fuhren wir nach S�dosten, auf der Interstate 84. Die geraden Ziffern zerschneiden den Kontinent in Ost-West-Richtung, die ungeraden von Norden nach S�den. In Mountain Home, der Heimat von Ray Hunt, bogen wir ab. Die Hitze hatte uns und unsere K�hlbox wieder im Griff, sobald wir die T�r unseres Vans �ffneten. Was wir im Angesicht der gr��ten Wanderd�ne des Westens bei Bruneau nicht vermeiden konnten.
Kasten:
Die Namen sind hier oft franz�sischen Ursprungs, weil als erste wei�e Menschen Trapper aus Quebec hier durchgezogen sind und die Orte benannten. Aufgrund ihrer geografischen Kenntnisse haben auch Lewis & Clark auf ihrer Expedition 1804-06 diese M�nner als Scouts besch�ftigt.
Das Land westlich des Mississippi hie� vormals Louisiana Territory und geh�rte zu Frankreich, bevor es die Vereinigten Staaten Napoleon f�r wenig Geld abkauften. Der wiederum brauchte dringend Geld, um seine Kriege gegen England zu finanzieren.
Am fr�hen Nachmittag waren wir bei Tom Hall angesagt, einem Oldtimer in Sachen Buckaroos. Er lebt seit 1949 mit seiner Frau und Sohn Chuck im wei�en Holzhaus seiner Vorfahren und kennt jeden, der mit der Geschichte dieses Landstrichs etwas zu tun hat und noch lebt. Und jeder kennt ihn, denn er wird der Ambassador von Owyhee County genannt. Immer, wenn jemand eine offizielle Auskunft braucht oder einen Repr�sentanten sucht, ruft man Tom an und fragt zuerst ihn. In David R. Stoeckleins Bildband The Idaho Cowboy findet sich allerhand Stoff aus seiner Familiengeschichte.
Er hat aber auch ein kleines Museum aufgebaut, in dem er gerne G�ste umherf�hrt. Alte S�ttel, Waffen, eine immense Sammlung von Taschenmessern aus aller Herren L�nder, verschiedene Stacheldraht-Typen, speckige Chaps und zerbeulte H�te, Sporen von G.S. Grazie, die hundert Jahre alt und ein Verm�gen auf dem Sammlermarkt wert sind, eine Vorrichtung zum Schleifen benutzter Rasierklingen und so fort. Man ist platt �ber soviel Hingabe und Flei� des alten Mannes, der seinen achtzigsten Geburtstag gerade hinter sich hat und trotzdem noch jeden Tag aufs Pferd steigt.
Ich wei� auch schon, wo ich beerdigt werde, sagt er. Dort oben, wo meine Eltern begraben sind. Er zeigt auf einen H�gel mit einem kleinen Friedhof hinter einer Umfriedung. Aber daran denken wir noch nicht.
Erst schauen wir uns die Pferde oder R�sser, wie meine S�dtiroler G�ste sagen, und seine alten Z�umungen an.
Die Quarters und Kaltbl�ter stehen in einem Corral. Wir gehen durch einen alten Stall aus der Zeit der Indianerkriege, und die kostbaren Bits h�ngen hier einfach an einem Pfosten.
Er l�sst uns einfach so aufsitzen, und sein Sohn zeigt den Sattel, den er 1986 als Sieger beim Big Loop Rodeo in Jordan Valley gewonnen hat. Ein Prachtst�ck. Seitdem haben sie mich auch nicht mehr eingeladen, meint Chuck lakonisch, der heute Brand Inspector ist.
Die Zeit dr�ngt etwas, denn wir m�ssen heute nach Elko in Nevada, und das sind noch vier bis f�nf Stunden Fahrt � unter anderem durch ein Indianerreservat. Genau auf dem Grenzgebiet von Idaho und Nevada liegt die Siedlung Owyhee der Paiute und Shoshone Indianer. Erstaunlicherweise hat es mitten im August etwas zu regnen angefangen. Wir halten in einem Caf� an, um etwas zu trinken. Die h�bsche, schwergewichtige Eingeborene richtet unsere bleichgesichtige Aufmerksamkeit jedoch auch auf die Speisen, und so bestellen wir etwas Typisches. Es stellt sich heraus, dass auch Indianer Bohnen essen, aber da sie lecker verpackt sind, essen wir alles auf und ziehen zufrieden von dannen � nicht ohne noch die wei�e Frau hinterm Tresen zu begr��en, die aus Luxemburg stammt. Wenn man sich so etwas ausdenken w�rde, t�t es keiner glauben. Ist aber Realit�t.
Wieder �nderte sich die Landschaft. Die W�sten Nevadas kamen n�her. Wir durchquerten das Gebirge auf schmaler Stra�e, es gab fast keinen Gegenverkehr, und am fr�hen Abend fuhren wir in Elko ein. Zimmer im traditionellen Stockmens Hotel waren bestellt. Direkt neben der Rezeption bimmelten schon die Slot Machines, an denen haupts�chlich Rentner ihre Rente verzocken. Wenn man nach Nevada hineinf�hrt, dann steht da nicht wie in anderen Bundesstaaten Welcome to Nevada, sondern einfach: Nevada. Fertig. Hier ist all das erlaubt, was woanders verboten ist.
Elko ist eine alte Westernstadt. Heute f�rdert man hier Gold. Es ist die gr��te Mine weit und breit. Deswegen sind war aber nicht hier. Weil es n�mlich eine alte Westernstadt ist, gibt es hier sowohl das Western Folklife Center als auch Capriolas. Das erstere ist DAS nationale Zentrum f�r die Cowboy-Kultur mit einem ber�hmten Cowboy Poetry Festival Ende J�nner jeden Jahres und letzteres einer der legend�rsten Ausr�ster f�r Buckaroos im gesamten Westen.
Hier werden heute noch S�ttel in der alten Tradition hergestellt. Paula Wright, die Inhaberin, f�hrt uns durch ihr Museum im ersten Stock in die Sattlerei, wo eine Reihe Mexikaner arbeiten. Einer sitzt an einem Sattel, der mit Silber beschlagenen Tapaderos, lederbezogener Canteen und Satteltaschen seinen Auftraggeber in Arizona stolze 13.000 Dollar kosten wird.
Gute Arbeitss�ttel, die auch den Europ�er auf Anhieb �berzeugen, liegen bei 3000 Dollar.
Unten im Erdgescho� finde ich dann f�r meinen f�nfj�hrigen Patensohn das Richtige: blaue Buckaroo-Tischsets mit Glas-Untersetzern aus Plastik.
Alles mit sch�nen Motiven wie buckin� horses oder Rindersch�del. (Sp�ter wird er zu mir sagen: Amerika ist sch�n! und mit seinem kleinen Arm ein imagin�res Lasso schwingen. Selbiges ist �brigens seine Bestellung f�r�s n�chste Mal.)
Das Essen beim Mexikaner ist opulent und lecker. Weil einer meiner G�ste danach nicht schlafen kann, geht er nachts unten in die Spielhalle, f�ngt mit 25 Cent an, gewinnt innerhalb von zwei Stunden dreihundert Dollar und verspielt die H�lfte in der n�chsten halben Stunde wieder. Immerhin ein Achtungserfolg. Und das alles, ohne ein Wort Englisch zu sprechen.
Am n�chsten Morgen ist Elko County Fair. Weil es in der Nacht ein Unwetter gegeben hat - mit ungew�hnlich viel Regen f�r diese Zeit und Gegend (sowie einer gewaltigen �berschwemmung im s�dlich gelegenen Las Vegas), sitzen wir auf der Trib�ne zwar trocken im Sonnenschein, die Wettbewerber unten in der Arena allerdings k�mpfen mit dem Schlamm. Insofern war das Cutting nicht unbedingt ein Genuss und die Stallion Stakes auch nicht.
Trotz ber�hmter Namen wie der Van Normans (Gewinner Best Remuda Award 2001 f�r ihre Quarter Horse-Zucht) und anderer kommt die Sache nicht richtig in Fahrt und wir verabschieden uns gegen Mittag. Eigentlich wollte ich ja noch ins Star Hotel, das entgegen seinem Namen ein unbedingt empfehlenswertes baskisches Restaurant ist. Aber leider war es geschlossen, und so mussten wir erstmals ein St�ck auf dem schnurgeraden Highway in die Ein�de fahren, um in einem kleinen Kaff neben einem ausgestopften Puma zu dinieren.
Wenn man durch Nevada f�hrt, dann wird man immer ruhiger. Keiner sagt mehr etwas, jeder schaut nur noch die grandiose Landschaft. Stundenlang.
Am Abend halten wir in Bishop, wo einmal im Jahr die bekannten Mule Days stattfinden. Hier ist wieder Kalifornien und man muss nach dem Dinner aufpassen, nicht zuviel Trinkgeld zu geben, denn hier werden ohne zu fragen einfach 15% Trinkgeld auf die Rechnung draufgeschlagen. Die Abende sind wieder lau, der Asphalt hei� und das Bier kommt aus einheimischen Brauereien. Jumping Cow beispielsweise.
N�chsten Tag m�ssen wir unbedingt nach Los Angeles zur�ck.
Weil wir fr�h starten, bleibt noch Zeit f�r einen Einkauf in L�den der Lone Pine Indian Reservation, die wir durchqueren. Hier ist man Touristen gew�hnt. Sommers wie winters str�men sie hier durch. Wir auch.
Je mehr wir uns L.A. n�hern, desto hei�er wird es. Die Sierra Nevada weicht immer weiter zur�ck und schlie�lich sind wir in der Mojave-W�ste. Blo� nicht zu oft aussteigen.
In L.A. ist die Strecke zum Flughafen einigerma�en gut ausgeschildert. Die richtige Abfahrt zum Hotel zu finden, ist eine ganz andere Sache. Schlie�lich klappt es, wir laden aus, checken ein und freuen uns auf den Abschluss: eine Tour in der Stretch-Limousine nach und durch Hollywood. Ein alter Hase italienischer Abstammung sitzt am Steuer und erkl�rt uns die letzten siebzig Jahre der Filmstadt aus eigener Anschauung. Am Sunset Boulevard steigen wir aus, gehen den Walk of Fame entlang und haben schon fast die Ranches und ihre Pferde vergessen, w�rde es danach nicht noch ein saftiges Rindersteak zu gepfefferten Preisen im Hotel-Restaurant geben.
Damit gehen 14 Tage Rundreise durch die Buckaroo-Kultur zu Ende. Am kommenden Morgen startet der Flieger Richtung D�sseldorf und alles ist Erinnerung.
Bis zum n�chsten Mal... Mitte Mai 2004 geht's wieder los.
J. Dennis Timm, Prozessionsweg 419, D-48155 M�nster, Tel./Fax 0049/251/131858, herrtimm@muenster.de, www.dennistimm.de