Slow & Steady

Wie fördere ich die zügige Vorwärtsbewegung des jungen Pleasure-Pferdes

 

Scott Kyle ist Spezialist im Training junger, viel versprechender Pleasure-Pferde (Western Pleasure Prospects). Er war vielfach erfolgreich bei der AQHA World Show und beim AQHA All American Congress, sowohl in Western Pleasure als auch in Hunter under Saddle. Er führte in den letzten Jahren vor allem Paint Horses zum Sieg, darunter Reserve World Champion Western Pleasure Horse My O My und Superior Pleasure Horse Miss Dont Skip Zip.

Geboren in Tuscola, Illinois, trainierte Scott zehn Jahre lang in Ocala, Florida, und übersiedelte 2002 nach Gainesville, Texas.

Scott Kyle ist der Meinung, dass, wenn ein Pferd nicht genügend vorwärts geht, sein Training in die falsche Richtung läuft. Dieses Prinzip verfolgt er auch bei der Ausbildung junger Western Pleasure-Pferde. Er versichert, dass ein Pferd, das gezielt vorwärts geht, dazu tendiert, Geradlinigkeit, Versammlung, Balance und Kadenz selbständig zu entwickeln. „Schon der gesunde Menschenverstand sagt“, so Kyle „dass das Vorwärtsgehen das Pferd gerade hält. Wenn ein Pferd wirklich langsam geht und keine richtige Vorwärtstendenz hat, dann hat man ein Pferd, das seine Beine nicht richtig koordinieren kann. Es wird seinen Rücken senken und keine richtige Balance mehr haben!“

Obwohl eine langsame, konstante Gangart in der Western Pleasure wünschenswert ist, reitet Kyle die zweijährigen Pferde zunächst in jenem Tempo, bei dem sich sowohl Pferd als auch Reiter wohlfühlen. Es ist sein Ziel, einen langen und sicheren Schritt zu erreichen, um dem Pferd Balance und Versammlung zu lehren. Bevor das Tier nicht gelernt hat, eine Gangart gleichmäßig zu beherrschen, denkt er nicht daran, die Geschwindigkeit zu ändern.

Kyle, dessen Spezialität das Anreiten junger Pleasure-Pferde ist, legt Wert auf geduldiges und sorgfältiges Training. „Vor allem muss man die Beziehung zu einem Pferd aufbauen, denn diese prägt es bis ins hohe Alter. Ich verbringe viel Zeit mit dem “sacking out“ der Tiere, um ihnen zu lernen, Gelassenheit zu zeigen und sich leicht führen zu lassen. Ich versuche auch eventuelle Missverständnisse "auszuräumen", bevor ich sie anreite.“

„Die Pferde müssen lernen, Aufgaben zu bewältigen, weil sie es tun wollen und nicht weil wir sie dazu zwingen. Wenn ein Pferd nicht arbeiten will, dann wird es schwierig sein, mit ihm eine gute Leistung zu erbringen.“

Statt Balance und Gleichgewicht zu verlangen, bevorzugt Kyle eher, die Pferde in Situationen zu bringen, wo sie entdecken, dass eine gleichmäßige Gangart zu gehen, die Arbeit unheimlich erleichtert.

Im nachfolgenden Text erklärt Kyle seine Vorgangsweise, um ein Pferd für eine Karriere in der Western Pleasure vorzubereiten.

 

Feed Sack Session

„Ich nehme einen Futtersack und sacke das Pferd damit solange aus, bis es still steht und keine Angst mehr vor mir hat. Ich denke, dass ist wichtig und ich mache dies mit jedem Pferd, sogar mit älteren Pferden. Ich habe mit vielen Pferden zu arbeiten begonnen, die zuvor nie eine richtige Ausbildungsbasis hatten. Es tut nichts zur Sache, Rückschritte in Kauf zu nehmen. Man erlangt dadurch das Vertrauen des Pferdes und das Pferd wird besser.“

 

Line Dancing (Fahren vom Boden aus)

Indem er zwei Longen als Zügel verwendet, verbringt Kyle sehr viel Zeit damit, das Pferd vom Boden aus zu „fahren“, ehe er in den Sattel steigt. Er arbeitet das Pferd im Round-Pen und lehrt es, vorwärts zu gehen und in einem Kreis um ihn herum zu laufen.

„Die theoretische Überlegung dabei ist, schlechte Erfahrungen zu reduzieren oder zu überwinden, bevor man beginnt, ein Pferd zu reiten. Wenn das Reiten ein Kampf wird, dann gehe ich zurück zur Bodenarbeit mit den Longen oder zum Aussacken des Pferdes. Dann gibt es für das Pferd, das geritten werden soll, keine schlechten Erfahrungen mehr.“

Kyle bringt dem Pferd bei, den Zügeln nachzugeben und nach rechts oder links abzuwenden, und das sowohl im Schritt, als auch im Trab und Galopp. Man bringt dem Pferd bei, „zwischen den Zügeln zu bleiben“. Das Pferd wird begreifen, im Kreis zu galoppieren und seinem Kopf zu folgen. Dann wird es lernen, stehen zu bleiben, wenn der Reiter „Whoa“ sagt, und rückwärts zu gehen. Auch vom Boden aus sollte alles getan werden, was sonst vom Rücken des Pferdes aus gemacht wird.

Kyle überzeugt sich, ob ein Pferd den untergeordneten Level des Trainings beherrscht, bevor er mit der nächsten Trainingstufe beginnt. Zwei Merkmale zeigen, ob ein Pferd bereits eine Lektion beherrscht: „Beobachte die Übereinstimmung in der Ausführung der Übungen und die Augen des Pferdes, - denn zufriedene Augen bei der Arbeit zeigen, dass das Pferd versteht, was man von ihm erwartet.“

 

Arbeit im Sattel

Wenn Kyle mit der Arbeit unter dem Sattel im Round Pen beginnt, dann reitet er kleine Aufgaben und verbringt mehrere Tage damit, das Pferd daran zu gewöhnen, das eigene Gewicht und das des Reiters zu tragen. „Ich beginne mit Schritt- und Trabarbeit im Round Pen. Das Pferd kann bereits gelenkt werden und kennt schon Stops und Rückwärtsrichten, da es dies bereits vom Boden aus geübt hat. Aber es muss noch lernen, sich selbst zu tragen.“ Es dauert unzählige Runden im Round Pen, bis ein Pferd gelernt hat, das Gewicht des Reiters zu tragen, sein eigenes Gewicht auf die Hinterhand zu verlagern und vorwärts zu gehen. „Ich ziehe nicht an den Zügeln, außer um das Pferd nach links oder rechts zu wenden, und behindere es nicht in seiner Vorwärtsbewegung. Außerdem versuche ich dem Pferd so gut ich kann zu vermitteln, sich bei der Arbeit wohl zu fühlen.“

 

Chillin Out (vom Roundpen in die Arena)

Kyle vermeidet es, ein Pferd zu stoppen, wenn es noch die Energie für weitere Arbeit hat. Wenn er seinen Zögling verlangsamen möchte, reitet er ihn in einen engeren Kreis. „In den seltensten Fällen habe ich das Problem, ein pullendes Pferd zu stoppen. Dann bringe ich es aus dem Gleichgewicht oder drehe es zur Seite. Bedenke, dass ein Pferd jedes Mal, wenn der Reiter an den Zügeln zieht, Gegendruck leisten wird, und dass der Reiter in diesem Fall der Schwächere ist.

Das Pferd muss das Kommando „Whoa“ verstehen. Es soll diesen Stop als Belohnung ansehen. Dies wird das Jungtier am ehesten begreifen, wenn man versucht, ihm beim Anhalten die Möglichkeit zur Beruhigung und zum ruhig Atmen zu geben. Dann wird es verstehen, dass das Kommando „Whoa“ eine gute Sache ist, weil es ihm Entspannung bietet.

Bevor Kyle die nächste Stufe nach der Arbeit im Round Penn beginnt, versichert er sich, dass das Pferd das Gelernte verstanden hat und die Aufgaben korrekt ausführt.

„Die Pferde müssen die Gangarten Schritt, Trab und Galopp in sanfter und beständiger Weise gehen können, bevor ich mit ihnen das „Klassenzimmer“ Round Pen verlasse. Ich erwarte auch, dass sie Stops, Rückwärtsrichten und Wendungen beherrschen. Erst dann gehen wir in die Arena.“

 

Und wieder die Arbeit am langen Zügel

Wenn das Pferd nun in der Arena geritten wird, geht Kyle einen Schritt zurück und beginnt wieder mit dem Lenken des Pferdes mittels der langen Zügel vom Boden aus. „Ich reite kein junges Pferd gleich in der Arena, ohne es zuvor dort noch vom Boden aus gearbeitet zu haben. Das ist wichtig, um ihm beizubringen, dass es zwischen den Zügeln bleiben muss, auch wenn keine Umzäunung (wie im Round Pen) vorhanden ist. Es hilft zu vermeiden, dass das Pferd sich nicht mehr auskennt. Die meiste Zeit führe ich es im Kreis, aber ich lerne ihm auch, gerade Linien entlang der Arena zu gehen.“

 

Reiten von Zirkeln

Wenn Kyle dann weiterarbeitet, behält er die Routine aus dem Round Pen bei, d.h. er reitet das Pferd in Schritt und Trab im Kreis. Nachdem ein Jungtier so lange im Round Pen gearbeitet wurde, ist ihm das Bewegen in der großen Arena noch nicht so vertraut.

„Ich reite nicht viel den Zaun entlang – auch nicht mit älteren Pferden. Ein Pferd muss lernen, sein Gleichgewicht selbst auszubalancieren, bevor es entlang der Bande geritten werden kann. Wenn man zu früh mit der Arbeit entlang der Einzäunung beginnt, dann wird das Tier von der Bande abhängig, da es nicht von sich aus das Gleichgewicht halten kann, sondern den Zaun dafür zur Hilfe nimmt.“

Daher beginnt Kyle die Arbeit mit dem Pferd in der Mitte der Arena – und zwar in allen drei Gangarten und lenkt es mit seinen Beinen, um die Vorwärtsbewegung und das Gleichgewicht zu trainieren. „Ich reite viele Zirkel, um dem Pferd beizubringen, dass es sich auch am Viereck lenken und biegen lässt. Deshalb reite ich große und kleine Kreise. Pferde müssen sich im Zirkel mehr auf ihre Beine konzentrieren – wenn man einen kleineren Kreis reitet, muss das Tier die Kontrolle über seine Beine wiedererlangen. Damit lehrt man ihm den richtigen Einsatz seiner Beine. Mit dem Vergrößern des Kreises oder dem Geradeausreiten kann man das Pferd wieder etwas entlasten.

 

Trouble-Shooting

Übereinstimmung zu entwickeln, heißt, ständig die Bereiche von Steifheit und Verwirrung zu eruieren und diese Problematik zu lösen. „Man testet das Pferd“, sagt Kyle. „Alles, was nicht funktioniert, zeigt den Weg, wie man es dem Tier beibringen kann. Ich reite Kreise, Achten und gerade Linien und bringe dem Pferd bei, sein eigenes Gleichgewicht zu finden. Wenn es beginnt, sich an der Bande anzulehnen, dann zeige ich ihm einen anderen Weg. Wenn es beginnt, sich zu verspannen, und es losstürmen möchte, dann mache ich kleinere Kreise, die es dem Pferd erschweren zu pullen. Merke ich, dass es sich entspannt, lenke ich es in einen größeren Zirkel. Für alles gibt es eine Belohnung – oft ist die wirkungsvollste Belohnung für das Pferd, dass es geradeaus gehen darf.

 

Das angestrebte Ziel

Bei jedem Pleasurepferd ist es Kyles Ziel, einen ruhigen, entspannten und geradegerichteten Schritt, Trab und Galopp herauszuarbeiten. Das Wichtigste ist, dass die Rippenpartie, die Hüften und Schultern in einer Linie (straight up in the bridle) sind. Um ein Pferd bequem reiten zu können, muss das Tier sein Gleichgewicht finden. „Ein Pferd sollte nicht wie ein rasender Güterzug traben, sondern es sollte mit dem Reiter harmonieren und den richtigen Rhythmus finden.“

 

Reiten entlang der Bande

Obwohl Kyle das Pferd eigentlich nicht entlang der Bande reiten möchte, sieht er es als Trainingsalternative. „Wenn ich mit der Arbeit in der Mitte des Vierecks fertig bin, dann gehe ich dazu über, an der Bande zu arbeiten, indem ich beginne, dort zu halten oder Schritt zu reiten. Das Pferd kann so verstehen, dass dies ein Platz ist, wo es sich entspannen kann. Ich reite auch entlang der Bande, bevor ich mit einer Show beginne.

Man muss ein Pferd auch an der Bande arbeiten – keine Frage. Aber sobald ich es soweit vorbereitet habe, dass es sich gut anfühlt, werde ich versuchen, dies bis zum Start der Show beizubehalten. Die Idee dabei ist, dass man das Pferd nicht überfordern will. Da man bei einer Show entlang der Bande reiten muss, sollte es diesen Bereich auch kennen und mögen. Wenn man es täglich immer mit dem gleichen Programm reitet, wird es das irgendwann als langweilig empfinden. Kyle behält daher die gründliche Step by Step Methode-während des Trainings bei.“

Solange das Pferd noch nicht im Gleichgewicht ist und alle drei Gangarten noch nicht gleichmäßig beherrscht, arbeitet er auch noch nicht an der Kopfhaltung oder der Geschwindigkeit des Tieres. Ein zu schnelles Ausbilden hat keinen Sinn. Man sollte nicht mit den Zügeln am Kopf des Pferdes zerren oder es unvorbereitet mit der Arbeit an der Bande konfrontieren. Niemand lernt von heute auf morgen – dies ist vergleichbar mit einem Kind, das Mathematik lernt. Es wird zuerst auch einmal addieren und subtrahieren lernen, bevor es multiplizieren kann!