Sporen
Beitrag aus Western News 1/2004
Sporen gehören zum reiterlichen Outfit genauso wie Stiefel. Aber wie die Stiefel sind sie mehr als bloß Dekoration. Richtig eingesetzt sind Sporen das ideale Werkzeug, um die Schenkelhilfen des Reiters und die Leistung des Pferdes zu verbessern. Das falsche Einsetzen kann das Pferd jedoch irritieren bzw. ihm auch schaden und es sauer machen.
Im nachfolgenden Text diskutieren Champion Trainer, wie Ron Emmons (Emmons Show Horses in Plymouth/Kalifornien), Karen Qualls (Premier Performance Horses in Chino Hills/Kalifornien) und Judy Kitchens (Dressurtrainerin und Instruktorin der Stoney Meadow Farms in Bonner Springs/Kansas) ihre Theorien des richtigen Sporengebrauchs.
Präzisionsinstrument
„Hauptsächlich verwendet man Sporen, um das Pferd vorwärts zu reiten oder seitwärts zu treiben“, sagt Judy Kitchens, die FEI Trainings in Dressur praktiziert. Außerdem hat sie den Paint-Hengst Mr. Jet der Stoney Meadow Farm bis zum First Level der Meisterschaften in den USD/AHSA anerkannten Meisterschaften ausgebildet.
Ron Emmons, ein Weltmeister in den Disziplinen Cow Horse, Roping Events und Reining, ist derselben Meinung. „Manchmal braucht ein Pferd ein bisschen Ermunterung, um maximale Leistung zu erbringen. Sporen zu verwenden ist das gleiche, wie seinem Auto einen Ölzusatz zu geben, damit es eine bessere Leistung bringt.“
Sowohl in den höheren Dressurklassen bei Westernturnieren als auch bei englischen Reitturnieren helfen Sporen den Reitern, genaue und flotte Übergänge zu reiten – dies nennt Kitchens „right here, right now“-Präzision. (In niedrigeren Klassen haben Pferd und Reiter ein bisschen mehr Zeit für die Übergänge. Besonders in dieser Stufe ist es wichtig, dem Pferd zu lernen, die Schenkelhilfen auch ohne Sporen zu respektieren.)
Speziell Emmons benützt die Sporen meist, um ein Pferd dazu aufzufordern, einen „Roll over the briddle“ zu machen und in Versammlung zu bleiben. Der Einsatz von Sporen hilft dem Reiter, das Pferd sanft zu mehr Vorwärtsbewegung aufzufordern, und führt zu einer schnelleren Reaktion des Pferdes, als dies mit dem Einsatz der „nackten Stiefel“ der Fall wäre. Auch Emmons Frau Bobbie wendet die gleiche Taktik bei ihrem englisch gerittenen Pferd an. Bobbie Emmons verwendet Sporen für das Reiten von Spurwechseln in den Hunter Klassen und um ihr Pferd zwischen den Begrenzungen exakt zu führen.
Auch Karen Qualls meint, dass Sporen ein Pferd dazu auffordern können, seine Hinterhand vermehrt untertreten zu lassen und sich zu versammeln. „Ich verlagere mein Bein ein bisschen zurück und setze den Sporen ein – oder ich rolle mit dem Sporen ein wenig hinauf.“
Diese Profis verwenden Sporen auch für das Reiten von Seitengängen, Spins und Richtungswechseln.
„Beim Western Riding habe ich vor einem Galoppwechsel meine Wade oder den Sporen leicht an die Seite des Pferdes gedrückt“, sagt Qualls, die sowohl im Western Riding als auch im Trail Weltmeisterin ist. „Um den Wechsel vorzubereiten, drücke ich sanft zweimal mit dem Sporen an die Seite meines Pferdes, um es zur Seitwärtsbewegung zu animieren. Danach wechsle ich den Druck meiner Schenkel.“
Tatsächlich kann ein Sporen für jedes Manöver die Schenkelhilfe betonen, wenn man ein Pferd in dieser Art und Weise trainiert hat. Qualls berichtet, dass sie z.B. ihre Trail-Pferde so trainiert, dass sie aufgrund der Sporenhilfe ihren Kopf senken. „Wenn ich beide Sporen sanft an seinen Bauch drücke, ist das Tier dazu aufgefordert, den Hals zu senken und nach vorne zu schauen.“
Kitchen meint auch, dass Sporen dem Pferd und dem Reiter schwere Lektionen wie Piaffe und Passage erleichtern können.
Do’s und Dont’s beim Sporeneinsatz
Egal, was du von deinem Pferd verlangst, du wirst nicht die gewünschte Reaktion erhalten, wenn du die Sporen falsch einsetzt. Daher sollte man die Ferse mit dem Sporen vorsichtig ans Pferd drücken und nach dem Kommando gleich wieder vom Pferd wegnehmen. Ziehe die Fersen nicht in die Höhe, um die Sporen einzusetzen. Dies verschlechtert die Position deines Unterschenkels und deinen Sitz und beeinflusst auch gleichzeitig dein Gleichgewicht. Man sollte mit den Schenkeln das Pferd einrahmen, dies hilft, den Sitz des Reiters zu festigen. Auf keinen Fall darf man ein Pferd mit dem Sporen treten, warnt Qualls. „Wenn man mit dem Sporen zu fest hinklopft, dann kann dies zu einer Überreaktion führen.“ Der häufigste Fehler der Reiter ist, so Emmons, dass sie die Sporen stetig ans Pferd drücken. „Wenn man die ganze Zeit die Schenkel mit den Sporen ans Pferd drückt, dann ist das Tier irritiert – so als wenn man dauernd einen Schlag auf die Brust bekommen würde. Das Pferd wird es einem übel nehmen. Es wird und früher oder später abstumpfen und weder auf den Schenkeldruck noch auf den Sporen reagieren!“ Im Klartext erzieht man sich ein „schenkeltaubes“ Pferd. Daher sollte man, so Emmons, den Sporen nur kurz ansetzen und, sobald eine Reaktion erfolgt, gleich wieder wegnehmen.
Die Sporen zur Bestrafung oder Disziplinierung des Pferdes einzusetzen, ist ein absolutes Delikt. „Ich denke, es bringt ein Pferd durcheinander, wenn man es mit dem Sporen straft“, erklärt Kitchens.
Seid ihr bereit?
Sporen in richtigem Maße einzusetzen, ist nicht nur begründet auf Verständnis, sondern man muss diese Technik auch beherrschen. Selbst in den heiligen Hallen der spanischen Hofreitschule in Wien gilt es als besondere Auszeichnung, wenn ein Reiter Sporen verwenden darf. „Ich erkenne, ob ein Schüler reif für das Tragen von Sporen ist, wenn er seine Schenkel ruhig halten und sie vom Pferd auch weghalten kann. Denn wenn seine Beinhaltung konsequent ruhig ist, dann wird er die Sporen auch nur bei Bedarf einsetzen. Außerdem muss der Schüler auch reiterlich einen bestimmten Level erreicht haben, um zum Verfeinern der Hilfen Sporen einzusetzen“, sagt Kitchens. Qualls fügt hier noch die Fähigkeit des Reiters, Balance zu halten und seine Hilfen zu koordinieren, hinzu. Ohne diese Fähigkeiten kann es passieren, dass man das Pferd versehentlich mit dem Sporen berührt, und dies würde das Tier wieder verunsichern, weil es in diesem Fall die reiterliche Hilfengebung nicht versteht. Außerdem, meint Emmons, muss der Reiter bereits imstande sein, korrekte Hilfen zu geben, d.h. zum richtigen Zeitpunkt mit dem richtigen Maß an Druck den Schenkel und den Sporen einzusetzen. Das Tragen und der Einsatz von Sporen ist daher für Reitanfänger absolut TABU!
Sporen für jedes Pferd
So, nun wissen wir, wofür Sporen eingesetzt werden können – nur kann man sie bei jedem Pferd verwenden? Qualls und Emmons sind beide der Meinung, dass es besser ist, ein junges Pferd vorerst einmal ohne künstliche Hilfen zu reiten. „Erst dann, wenn ein Pferd meine Schenkel- und Zügelhilfen akzeptiert, beginne ich mit Sporen zu arbeiten“, sagt Emmons. Wann dies geschieht, hängt von jedem Pferd ab. Manche Pferde können niemals mit Sporen geritten werden.
„Wenn ein Pferd weder den Schenkel noch die Fersen des Reiters respektiert, dann hat es wenig Sinn, Sporen einzusetzen. Andererseits, wenn ein Pferd diese Hilfen nicht einmal mit vermehrtem Druck respektiert, dann wäre es doch angebracht, diese künstliche Hilfe einzusetzen.“ Qualls meint, dass es auch träge und faule Pferde gibt, die man damit ein bisschen aufwecken kann. Wenn jedoch ein Pferd vor dem Sporen Angst zeigt und scheut, dann muss man wieder einen Schritt zurückgehen. In diesem Fall gibt man die Sporen sofort weg und beginnt das Pferd vorerst wieder an den normalen Schenkeldruck zu gewöhnen. Erst wenn wieder Vertrauen vorhanden ist, kann man es langsam wieder an dieses Hilfsmittel gewöhnen. „Bei trainierten Pferden trage ich immer Sporen“, sagt Qualls, „und ich meine auch wörtlich „tragen“, denn ich setze sie wirklich nur ein, wenn ich sie tatsächlich brauche!“ Normalerweise sollte ein Pferd jedes Manöver einfach nur durch Schenkeldruck ausführen, aber für einen sanften 360° Spin ist der Einsatz von Sporen schon sehr empfehlenswert.
Auswahl
Ein weiterer wichtiger Teil ist die Auswahl des richtigen Sporen. Er soll auf den Fuß passen und auch während dem Reiten in Position bleiben. Weiters hängt es auch vom Pferd und der Disziplin ab, welches Produkt man verwendet. Man beachte die Länge der Sporenschenkel und die Auswahl des Sporenrades. Je größer das Sporenrad, desto sanfter die Wirkung am Pferdebauch. Sporenräder mit scharfen Spitzen oder Zähnen sind auf jeden Fall verboten.
Emmons bestätigt, dass Reiter mit kurzen Beinen, deren Fersen naturgemäß mehr am Pferd sind, Sporen mit kurzen Schenkeln verwenden sollten. Reiter mit langen Beinen benötigen eher Sporen mit langen Schenkeln, damit sie auch das Pferd erreichen können. Ebenfalls ist es empfehlenswert, kurze Sporen zu verwenden, wenn die Reitdisziplin einen engen Beinkontakt erfordert. Wenn man z.B. eine Disziplin wie Cutting ausübt, wo die Beine eher weiter weg vom Pferd positioniert werden, sind längere Sporen ratsam. Generell sind lange Sporen schärfer, besonders ungeübte Reiter könnten damit eventuell ihr Pferd verletzen.
Die Sporenräder gibt es in allen möglichen Variationen von ganz sanften bis zu sehr scharfen Spikes. Um ihre Schärfe zu testen, drückt man das Rad einfach gegen die eigene Hand.
Englische Sporen haben keine Räder, sondern enden mit einem stumpfen oder rechteckigen Ende. Je größer dieses ist, desto sanfter ist der Sporen.
Als Grundregel gilt: Je empfindlicher ein Pferd und je ungeübter ein Reiter ist, desto sanfter muss der eingesetzte Sporen sein. Es kann auch sein, dass man für verschiedene Situationen verschiedene Sporen benötigt. Z.B. wäre im Trail ein sanfter Sporen zu empfehlen, da der Reiter hier durch die gestellte Aufgabe oft vergisst, was seine Beine gerade machen. Das gleiche Pferd, in einer anderen Klasse geritten, könnte dann andere Sporen vertragen.
Weniger ist mehr
Kitchens sagt: „Wenn man keine Sporen benötigt, ist das wunderbar!“ Und Qualls meint: „Und wenn man welche braucht, dann sollte man immer bedenken, dass Weniger mehr ist, was die Wirkung auf das Pferd betrifft. Es macht das Pferd zufriedener, und das ist schließlich das, was wir wollen – ein glückliches Pferd!“
Anmerkung der Redaktion:
Beim Reiten im Gelände müssen hierzulande oft Straßen benützt werden, wobei die Pferde mit Autos und sonstigen furchterregenden Fahrzeugen konfrontiert werden. Hier kann der Sporen lebensrettend sein. Wenn ein schreckhaftes Pferd etwa gegen ein vorbeifahrendes Auto drängt, kann man es durch energischen Sporeneinsatz eher daran hindern, mit dem Fahrzeug zu kollidieren, als mit dem bloßen Schenkel.