70 Tage im Sattel

Unterwegs mit Felix Kern von Estland bis nach �sterreich

Es ist vollbracht. Am Mittwoch, dem 29. Juni 2005, erreichten acht Wanderreiterinnen und vier Wanderreiter aus Deutschland, �sterreich und der Schweiz die Stone Hill Ranch auf der M�hlviertler Alm.

Sie sind lange unterwegs gewesen. Der Wanderritt dauerte 10 Wochen und f�hrte 2.000 Kilometer von Estland �ber Lettland, Litauen, Polen und Tschechien bis nach Ober�sterreich.

Die Idee stammte von Felix Kern, der in Ober�sterreich zwei Wanderreitbetriebe f�hrt. Da die baltischen L�nder sowie Polen und Tschechien der EU beigetreten sind, wurde ein solcher Ritt m�glich.

Die Planungen begannen bereits ein Jahr vor dem Start. Felix Kern war zweimal in Estland, um die richtigen Pferde zu finden. Im Oktober 2004 kaufte er 12 Pferde. Koit Tikk, ein estnischer Z�chter, war beim Pferdekauf behilflich und konnte Felix Kern vor Ort unterst�tzen. Die estnische Rasse steht f�r sehr robuste, motivierte und leistungsstarke Pferde, die in freier Natur aufwachsen. Und genau aus diesen Gr�nden sind sie optimal zum Wanderreiten geeignet. Koit Tikk war sofort von der Idee begeistert und entschied spontan, mitzureiten. Er ritt die 2.000 Kilometer ohne Sattel. Eine unglaubliche Leistung.

Dieser gigantische Ritt durch das neue Europa startete am 23. April 2005. Aufgesattelt wurde in Haapsalu, einer kleinen Stadt im Nordwesten Estlands. Mit einem geb�hrenden Fest wurden die Reiter mit viel Gesang, Tanz und Musik am Marktplatz verabschiedet. Das gesamte Dorf war auf den Beinen und wollte die verr�ckten Reiter sehen. Es war ein wirklich gelungener Start ins Abenteuer.

Pro Tag waren sie im Schnitt 35 Kilometer unterwegs, jede Woche wurde ein Ruhetag eingelegt. Die Route war im Vorhinein nur grob geplant. Es standen die genauen Grenz�berg�nge fest, und so wurde eine Luftlinie von einem Grenz�bergang zum n�chsten gezogen. Die detaillierte Routenplanung fand jeden Abend aufs Neue statt. Dadurch konnten hilfreiche Tipps von Einheimischen ber�cksichtigt werden, und man konnte sich vor Ort flexibel auf die Bed�rfnisse von Pferd und Reiter einzustellen.

Die �bernachtungsm�glichkeiten f�r Pferd und Reiter wurden ebenfalls jeden Tag neu organisiert. Dies war die Aufgabe des jeweiligen Begleitfahrers. Eine sehr anspruchsvolle Tagesbesch�ftigung. In Estland, Lettland und Litauen war eine 35-j�hrige Estin engagiert, in Polen begleitete die Truppe ein 50-j�hriger Pole und in Tschechien war ein junges P�rchen behilflich. Zuerst wurde grunds�tzlich eine sch�ne Koppel f�r die Pferde gesucht. Im Begleitfahrzeug, VW-Bus mit Pferdeh�nger, war alles N�tige dabei, um eine Koppel mit Elektrozaun aufzubauen, so dass lediglich eine freie Wiese mit gutem Gras ben�tigt wurde. Anschlie�end ging die Suche nach einem Quartier f�r die Reiter los. Je nachdem, was in der N�he zu finden war, wurde in Motels, Ferienh�usern, auf Campingpl�tzen oder direkt neben den Pferden im Zelt �bernachtet. So wussten die Reiter am Morgen nie, was sie am Abend erwarten w�rde.

 

Eindr�cke von Felix Kern:

Es war eine unvergessliche Zeit. F�r viele von uns ging ein Traum in Erf�llung.

In Estland wurden wir fast jeden Tag von Reportern begleitet. Es war eine gro�e Sache und wir standen oft in den Zeitungen. Wir wurden in allen L�ndern erst ungl�ubig bestaunt, anschlie�end herzlich begr��t. Oft wurden wir f�r Zigeuner gehalten, aber unsere Wachsm�ntel und die Cowboyh�te passten nicht ganz zum Image. Teilweise wurden wir von lachenden Kindern auf Fahrr�dern begleitet.

Die erste Woche ritten wir durch Estland. Im April ist es im Hohen Norden noch extrem kalt. Die ersten Wochen im Baltikum �bernachteten wir deshalb meist in Ferienh�usern, Pensionen und ab und zu auch einmal in einem Hotel. Unsere Unterk�nfte waren extrem unterschiedlich. Eine Nacht in einem wundersch�nen Ferienhaus mit gro�z�gigen Doppelzimmern und die n�chste Nacht Isomatte neben Isomatte in einer kleinen Sattelkammer auf dem Boden.

Nach Estland ging es eine Woche durch Lettland, wo wir kilometerlang am breiten, menschenleeren Sandstrand reiten konnten. Anschlie�end ritten wir eine Woche quer durch Litauen. Die Landschaften waren im Baltikum sehr �hnlich. Flaches Land, viele Felder, Wiesen und W�lder.

Zu Beginn des Rittes waren die Pferde noch sehr schreckhaft. Sie sind auf einer estnischen Insel aufgewachsen und keines der Pferde kannte Autos, LKWs, geschweige denn Motorr�der. Da mussten wir am Anfang schon gut aufpassen. Aber die Pferde lernten sehr schnell und sehr viel dazu.

An der Grenze zu Polen fing endlich der Sommer an. Uns erwarteten wundersch�ne, sattgr�ne H�gellandschaften, lang gestreckte Baumalleen und weitl�ufige Felder. Vier Wochen waren wir in Polen unterwegs. Das zivilisierte Leben hatte ein Ende und unser Abenteuer ging so richtig los. Am Abend bereiteten wir meist in einem gro�en Topf �ber dem Lagerfeuer ein leckeres Essen zu und genossen das gesellige Beisammensein. Wir �bernachteten fast nur noch in Zelten direkt neben der Pferdekoppel. Beim Einschlafen lauschten wir dem gen�sslichen Kauen der Pferde.

Unsere Anspr�che sanken schnell. Am Abend brauchten wir kein Badezimmer mehr. Da wurde kurzerhand im Garten einer gastfreundlichen polnischen Familie eine Duschkabine aufgebaut und wir freuten uns �ber die eiskalte Abk�hlung unter dem Wasserschlauch. Uns wurde bewusst, wie wenig man zum Gl�cklichsein ben�tigt.

In Tschechien wurde es landschaftlich fast noch sch�ner. Uns wurde ein neues, abwechslungsreiches Naturerlebnis geboten. Berge, bis zu 1.300 Meter, kleine Gebirgsb�che, viel Wald, wundersch�ne Blumenwiesen und ideale Reitbedingungen. Tschechien ist ein wahres Reiterparadies. In ganz Tschechien gibt es beschilderte Wanderwege, die wir mit den Pferden nutzen konnten.

Es war sch�n anzusehen, dass die Pferde von Tag zu Tag mehr Muskeln aufbauten und immer ges�nder aussahen. Aus �sterreich hatte ich eine M�slimischung dabei, aber die Pferde wollten es nicht fressen, weil sie es nicht kannten. So stellten wir auf Hafer um. Au�erdem waren auf der Koppel ein Mineralleckstein und ein Salzstein, so dass die Pferde ausreichend versorgt waren. �ber Nacht standen sie grunds�tzlich auf einer Wiese mit mehr als genug frischem, gr�nem Gras, so dass sich jedes Pferd satt fressen konnte. Die Pferde kamen in einem Top-Zustand in �sterreich an haben sich inzwischen bei mir auf der Ranch sehr gut eingelebt. Meine G�ste sind von der Herde begeistert.

Nicht nur die Pferde hat dieser Ritt zusammen geschwei�t. Wir waren eine wirklich tolle Gruppe und es hat einfach gepasst. Sicher, es gab hier und da kleine Reibereien, aber keine, die nicht zu l�sen waren. Wir haben uns gut zusammen gelebt, gegenseitig akzeptiert und viel gemeinsam erlebt. Es war wirklich eine tolle Gemeinschaft. Es gab vor dem Ritt ein gemeinsames Treffen, und wir haben viel diskutiert, so dass wir alle mit den gleichen Vorstellungen in dieses Abenteuer gestartet sind. Bei so einem Ritt muss jeder Teilnehmer tatkr�ftig mithelfen. Wir hatten bereits vorher festgelegt, wer welche Aufgaben �bernehmen m�chte und kann. Das hat uns w�hrend der Reise sicher viele Diskussionen erspart.

Au�erdem war so im Vornherein klar, dass es ein sehr anstrengendes Abenteuer wird. In erster Linie war nicht das reiterliche K�nnen, sondern die Kondition der Reiter ausschlaggebend, da wir sehr viel zu Fu� gegangen sind. Ungef�hr die H�lfte eines Tagesrittes haben wir die Pferde gef�hrt und wir waren t�glich meist sechs bis sieben Stunden unterwegs.

Es war wirklich eine unvergessliche, sch�ne und sehr pr�gende Zeit. Es waren einmalige Erlebnisse. Besonders, weil wir wirklich �berall sehr herzlich aufgenommen wurden und uns immer weitergeholfen wurde. Egal wo wir waren, wir haben immer alles gefunden, was wir brauchten.

Ich denke, als wir in Unterwei�enbach mit Trommelwirbel, Musik und Freibier willkommen gehei�en wurden, war uns das erste Mal bewusst, dass wir es tats�chlich geschafft haben. Wir legten in 70 Tagen gigantische 2.164 Kilometer zur�ck. Und das ohne gr��ere Probleme. Wir k�nnen stolz auf uns und unsere Pferde sein.

Wenn Sie noch mehr Informationen m�chten, ein interessantes Tagebuch von unserer Mitreiterin und Mitorganisatorin Sibylle Lescow mit vielen Erlebnisberichten ist unter www.stonehillranch.at/Presse zu finden. Schauen Sie doch mal rein und nehmen an diesem einmaligen Abenteuer teil.

 

Text: Sibylle Lescow