Von der No Name City zur Pullman City

Teil III

Von Hans Pischinger

 

7. Etappe: Donnerstag, 19.08.04

Heute sollte es bis zu MA-HO`s Anwesen bei St. gyd gehen

Zeitig in der Frh sah ich nach Daysi. Sie stand im grnen Paradies und tat sich gtlich im grnen berfluss. Als sie mich sah, kam sie freundlich schnaubend herbei. Dies war die erste Nacht von etlichen, wo sie die Nacht ohne Gesellschaft anderer Pferde verbrachte. Offensichtlich war ihr dies nicht in irgendeiner Form unangenehm. Das schne, relativ kurze, aber doch sehr saftige Gras schmeckte ihr. Verspielt planschte sie mit dem halben Kopf in der groen Trnke mitten in der Wiese.

Nach einem ausgiebigen Frhstck, bei dem ich mir auch ein Lunchpaket fr unterwegs zubereitete, sattelte ich sie, schnallte die Packtaschen vorne und hinten samt der Schlafrolle auf und machte mich auf den weiteren Weg. Auf einem Weg, den schon seinerzeit die Rmer bentzten, ging es nordwestlich des Schneebergmassives dahin. Vor Schwarzau im Gebirge fhrte ich Daysi in die Schwarza, um sie wieder einmal trinken zu lassen und ihr die Beine im Wasser zu khlen. Danach fhrte ich sie wieder auf der Asphaltstrae die lngste Zeit. Etliche Kilometer nach Schwarzau bog ich beim Gasthof Rossbck den Weg zum Ottersbach und danach weiter ins Wassertal ein. Nach dem Einbiegen sa ich wieder auf.

Sowohl frs Aufsitzen als auch frs Absteigen hatte ich aufgrund des vollen Marschgepcks eine eigene Technik entwickelt. Die Deckenrolle hinterm Cantle erlaubte nur ein weites Vorbeugen des Oberkrpers beim Aufsitzen, um hinten das Bein ber die Rolle zu bekommen. Wollte ich absteigen, so schwang ich ein Bein vorne ber den Hals des Pferdes und rutschte seitlich mit dem Ges zum Pferdebauch aus dem Sattel.

Ohne Schaffell wre der ganze Ritt undenkbar gewesen. Meine Westerntrainerin und Westernreitlehrerin Barbara Hengge hatte mir die Steigbgel vor Jahren auf eine ihr richtig scheinende Lnge eingestellt und ich hatte mich an diese Lnge gewhnt. Bei dem 200-Kilometer-Ritt im Mai in die Pullman City hatte ich beim Absteigen und Fhren ganz arge Probleme mit den Kniegelenken, welche auch noch einige Zeit ber den Ritt hinaus anhielten. Ganz anders nun mit dem Schaffell. Nicht nur, dass es die Schweibildung beim Sitzen im Sattel minderte, auch der vielleicht nur um zwei Millimeter hhere Sitz entlastete meine Haltung in den Steigbgeln derart, dass ich, wenn ich abstieg und zu Fu mit Daysi im Schlepptau weitermarschierte, diesmal keinerlei Beschwerden in den Kniegelenken hatte. Also marschierte ich auf diesem weiten Wege mindestens ein Drittel der gesamten Lnge. Allein schon, um das Pferd mit dem vollen Marschgepck zu entlasten.

Das Wassertal hinauf ist herrlich zu reiten. Irgendwo beim Hintereck sollte es einen Abschneider hinber nach St. gyd geben. Zwei Versuche startete ich in diese Richtung, welche aber immer in einer Sackgasse endeten. Statt dessen trug es mich dann auf eine Hhenkamm-Forststrae in Richtung Hochreit bei Mitterbach. Der wundervolle Blick ber die Berge entschdigte mich der Mhen dieses weiten Umweges. Alsbald trafen wir auf einen Weg, den ich mit Daysi beim ersten Besuch heuer im April bei den Htterers schon einmal in die Gegenrichtung bei strmendem Regen mit einer vierzehnkpfigen Reitergruppe gegangen war. Auch Daysi erkannte den Weg sofort wieder. Ich merke es immer an ihrem Ohrenspiel und an ihrer Schrittbeschleunigung, wenn sie sich wieder auskennt. Herzlichst wurde ich bei Margit und Horst Htterer empfangen und zu einem Begrungsstamperl eingeladen.

Mit rund 42 Kilometern an diesem Tag war es nach der Tullnerfelder Querung die zweitlngste Etappe bisher. Daysi wie auch ich wuchsen mit der Summe der Kilometer, welche wir hinter uns lieen, in unserer Kondition und Ausdauer. Nach dem Versorgen des Pferdes, wo sie von Horst fr die Nacht eine Wiesenkoppel erhielt, und nach einer wohlverdienten Dusche meinerseits samt der nun bereits blichen Wsche meines Hemdes samt Unterwsche, fand ich mich in Htterers neu errichteter Imbissstube ein und verzehrte mit Heihunger ausgezeichnete gegrillte Rippchen.

Mit Felix, einem Freund von Horst, besprach ich meine weiteren Etappen. Felix riet mir, ber Annaberg den Edelweitalritt in Richtung Melk einzuschlagen. Zustzlich gestand er mir in dem Gesprch, mich im Frhjahr fr einen Grosprecher gehalten zu haben. Nun aber hatte ich den weiten Weg mit Pferd bis zu ihnen nach St. gyd vollbracht und er sah sich gezwungen, seine Meinung ber mich krftig zu revidieren. Fr diese Nacht bei den MA-HO`s in St. gyd hatte ich ein urliebe, kleine Holzhtte mit einem Stockbett zugewiesen bekommen. Bald befand ich mich nach dem mhevollen Wanderreitertag im Land der Trume. Wovon ich diese Nacht getrumt habe, erinnere ich mich nicht mehr. Sicher jedoch nicht vom Wandern und Reiten.

8. Etappe: Freitag, 20.08.04

Der nchste Morgen brach mit trbem Wetter an. Nebel lag im Tal, als ich zeitig in der Frh nach Daysi in der Nhe meiner Htte sah. Ich brachte ihr eine ordentliche Menge an Pellets. Mit dem Kraftfutter sparte ich auf allen Etappen nicht. Meiner Meinung nach konnte sie bei ihrer tglichen Marschleistung gar nicht genug vom Kraftfutter abbekommen, und unterwegs lie ich sie auch mglichst oft bei kurzen Pausen grasen. Dafr war das Knotenzaumzeug auerordentlich von Vorteil.

Margit versorgte mich mit einem exzellenten Frhstck, und mit Horst besprach ich dann meinen weiteren Weg. Er war der gleichen Meinung wie am Abend zuvor Felix, dass ich ber Annaberg nach Norden weiter gehen solle. Sobald meine Entscheidung hierfr gefallen war, rief er bei den beiden nchsten Etappenzielen an, um mich dort anzumelden. Bis Kernhof begleiteten mich er und Walter nebst zwei Reitermdels ein Stck des Weges. Nahe dem Kameltheater verabschiedete ich mich von der Reitergruppe, wo mir alle viel Glck bei meinem Vorhaben wnschten.

Da mir von der Gegend stellenweise Karten fehlten, hielt ich mich genau an Horsts Weisungen und whlte danach die sichere Strecke entlang der Straen. Das Wetter war den ganzen Tag hindurch trb und zeitweise nieselte es leicht. Ich befrchtete, dass die Wolken tiefer sinken knnten und ich dann im Nebel neben der Strae unterwegs wre. Fr diesen Fall hatte ich aber vorgesorgt und einen gelb reflektierenden berzug eingepackt. Auch die Wege in den Bergen mied ich an diesem Tag. Vor Jahren hatte ich mich einmal bei Nebel bei mir im Wienerwald, wo ich meinte jeden Stein zu kennen, total verirrt.

Gegen 17 Uhr erreichte ich das heutige Etappenziel, den Stadlerhof. Die Familie Wagner war begeistert von meinem Vorhaben und Herr Stadler bat mich, sollte ich mein Ziel in Eging erreichen, ihn davon in Kenntnis zu setzen. Daysi bekam wieder eine Weidekoppel fr diese Nacht, whrend ich wegen des vollen Hauses ein Bett neben der Sauna bekam. Nun, wir Wanderreiter stellen keine allzu hohen Ansprche und sind auch dankbar, wenn wir bei nicht so gutem Wetter wenigst ein Dach berm Kopf vorfinden. Fr mich htte es ein Platz in der Scheune genauso getan.

Frh am Morgen putzte ich Daysi und sattelte sie auch sogleich auf, ehe ich, Daysi angebunden und mit einer Schssel mit Kraftfutter versorgt, frhstcken ging. Der Fernseher im Speisesaal verhie Regen in der sdlichen Hlfte sterreichs.

Auf und weiter gings durch einige Weidetore hindurch. Daysi war dabei so brav, dass ich kein einziges Mal absteigen musste. Mit den Trailtoren von den Turnieren hatten diese Tore wenig gemein. Ich musste mich im Sattel halb verrenken, um die Ketten der Tore aufzumachen und hinterher wieder zu verschlieen.

Bald standen drei Rinder auf unserem Weg. Daysi sah mich einmal von links und einmal von rechts an, so als ob sie mich fragen wollte: "Auf welcher Seite weichen wir denn am besten aus ?" Ich war jedoch nicht der Meinung, dass WIR ausweichen sollten und lenkte Daysi direkt auf die Khe zu. Diese spritzten auseinander und ich lenkte Daysi sofort kurz hinter einer der drei her, welche dann sogleich noch schneller das Weite suchte. Da merkte sie, dass diese Gesellen wohl mehr Respekt vor uns hatten als sie vor ihnen hatte.

Gleich nach dem nchsten Gatter standen mehr als zwanzig Khe auf unserem Weg. Daysi, mutig geworden nach dem vorherigen Experiment, lie sich von mir mhelos mitten in die Herde hinein lenken und die Khe, denen wir dabei nahe kamen, trollten sich raschest, um uns unseren Weg frei zu geben. Auch hier spielte ich ganz kurz mit Daysi "Cowboy" und sie hatte spielend leicht so etwas wie Cowsense erlernt. Wre ich bei den ersten drei Khen mit Daysi vorsichtshalber ausgewichen, so htte ich es mit ihr durch die Herde hindurch nicht einfach gehabt.

Nach einer halbstndigen Plauderei mit einem auf seinem Traktor mir entgegen kommenden Bauern, den ich nach dem weiteren Weg fragte, ging es weiter Richtung Hlzerne Kirche. Dies ist ein wahrlich idyllischer Ort auf einer kleinen Wiese mitten in einem kleinen Tal, rundum vom Wald umsumt. Daysi lie ich frei grasen, whrend ich mich gut hundert Meter weit entfernte, um ein Foto von ihr samt der Kirche zu machen. An der Kirche bergab vorbei Daysi fhrend, hrte ich hinter mir, wie mehrere Eisen ber eine groe Steinplatte dahinglitten. Instinktiv wendete ich und sttzte Daysi an ihrer Brust mit meiner Schulter ab, um sie vor einem etwaigen Sturz auf dieser groen Steinplatte zu bewahren. Daysi erfing sich dadurch und wir marschierten weiter in dem sich verengenden Tal abwrts.

In Serpentinen gings steilst bergab. Htte ich mit Daysi einige Tage zuvor die Drre Wand nicht schadlos berstanden, ich htte mir vor Sorge um sie in die Hosen gemacht. Aber ebenso bravours wie sie alle Schwierigkeiten entlang des Abgrundes der Drren Wand gemeistert hatte, genauso gut und sicher schritt sie auch diesen steilen, serpentinenartigen Weg abwrts. Zwischendurch ging es als Zugabe noch ber einen schmalen Steg bei einer Quelle.

Hatte es vor der Hlzernen Kirche schon leicht zu regnen begonnen, so wurde dieser bei unserem weiteren Marsch immer strker. Meinen Regenmantel hatte ich ber den Sattel mit dem Schaffell und die vorderen wie auch die hinteren Packtaschen gebreitet, um all die darin befindlichen Utensilien und das Fell vor der Feuchtigkeit zu schtzen. Ich selbst hatte meine Regenjacke und die Regenhose angezogen. Einer meiner Stiefel hatte vom vielen Marschieren bereits ein Loch. Irgendwann begann es durch die obersten Nhte meines Outback-Lederhutes zu rinnen, bald bis in die Stiefel hinein. Beim einen rann das Wasser durch das Loch ja wieder raus. Im anderen wurde das Wasser mehr und mehr; ich meinte bald, ich wrde in diesem schwimmen. Solange ich jedoch unentwegt weiterging, war mir keineswegs kalt, obwohl ich gegen Mittag fast vollkommen durchnsst war.

Wegen des Regens hatte ich nicht viel links und rechts geschaut. Auch meinen Plan in der vorderen Satteltasche hatte ich nicht zu Rate gezogen und somit eine Markierung bersehen. Dadurch war ich zu weit in den Ort Schwarzenbach an der Pielach hineinmarschiert. Im Ort fragte ich nach dem Weg. Eine Autolenkerin, selbst Reitstallbesitzerin, riet mir, wie ich weiter gehen solle, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen.

Als ich gegen Mittag diesen erreichte, war ich so vollkommen durchnsst, dass ich mich zu einem Stall wendete, wo sich auen zwei Kaltblter auf der Koppel aufhielten. Als ich an die Tre klopfte, bellte ein Hund. Ansonsten war scheinbar niemand anwesend. Mir war mittlerweile alles egal. Da war eine offene Halle und ich stellte Daysi mit dem Kopf aus dieser herausschauend auf. Sie war froh, nur stehen zu drfen und sich ausrasten zu knnen. Ich selbst packte meine zweite Garnitur an Kleidung aus und zog mich zur Gnze um. Danach wartete ich ab, ob der Regen nicht doch etwas nachliee. Aber der Wettergott hatte an diesem Tag mit mir keinerlei Erbarmen. Unaufhrlich regnete es weiter. Nach einer guten Stunde Rast, Daysi hatte (Gott sei Dank) nicht gemistet, entschloss ich mich so gegen 13 Uhr im vollen Regen weiter zu reiten.

Als ich Frankenfels erreichte, war ich erneut vollkommen durchnsst. Es begann mir, auf Daysi reitend, in den Fen kalt zu werden. So stieg ich wiederum ab und whlte den weiteren Weg auf der Asphaltstrae, nicht den Reitweg, um mein Etappenziel Spiellaube zu erreichen. Irgendwann auf dem Weg dorthin war es mir dann schon egal, ob es regnete oder nicht. Solange ich fest marschierte, war mir wenigstens nicht kalt.

Durch Frankenfels hindurch traf ich nochmals auf jene nette Reitstallbesitzerin in deren Auto. Sie meinte, nun wre ich vollkommen vom Reitweg abgekommen. Ich sagte ihr, dass ich lieber auf diesem Wege meinem Ziel entgegenmarschiere als auf dem Reitweg auf dem Pferd zu frieren. Das leuchtete ihr ein und sie bat mich noch, in der Spiellaube Gre von ihr auszurichten. Wie ich spter dann dort erfuhr, war sie die Schwester der Reitstallbesitzerin von der Spiellaube.

Der Weg zur Spiellaube wollte kein Ende nehmen - endlos schien er mir. Gegen 17 Uhr erreichten wir dann endlich das heutige Ziel. Beim Einreiten dachte ich mir, so stelle ich mir meinen Stall einmal vor. Ich fand die ganze Anlage beispielhaft.

Das Begrungsstamperl des Herrn Putzenlechner weckte wieder meine Lebensgeister. Nach dem Versorgen meines Pferdes fand ich mich in einem geheizten Stberl wieder. Die Putzenlechners waren bei einem anderen Stall eingeladen und hatten mich schon dringend erwartet. Sie berlieen mir bald das Anwesen samt Stberl. Ich ntzte dies und zog all mein durchnsstes Zeug aus, um es vor dem warmen Ofen zu trocknen. Auch das Gewand aus den Packtaschen, welches ich aus Grnden der Feuchtigkeit in Plastikscke gesteckt hatte, konnte ich nun trocknen.

Gegen 18 Uhr traf meine Tochter Sabine ein, um mich fr die nchsten beiden Tage von hier abzuholen. Am Schaflerhof war fr den Sonntag ein Hausturnier angesetzt und am Montag wollte ich einige Erledigungen ttigen. Daysi wollte ich hier in der Spiellaube zwei Tage der Ruhe und Rast gnnen. Ich htte hierfr keinen besseren Ort fr sie finden knnen.

Das Hausturnier am Sonntag, dem 22.08.04, am Schaflerhof war von den Mitgliedern des WRC Kreuzenstein super organisiert und insgesamt ein groer Erfolg des jungen Vereins. Den darauffolgenden Montag ntzte ich u.a., um meine lchrigen Stiefeln zum Schuster zu bringen und mein altes Stiefelpaar mittels neuer Einlagen wieder fit fr neue Marschetappen zu bekommen. Dieses Stiefelpaar hatte ich schon bei dem Ritt im Mai von der Mhlviertler Alm bis zur Pullman City getragen, ohne irgendwelche Blasen zu bekommen. Damals waren wir von den rund 200 Kilometern insgesamt schtzungsweise mindestens 70 Kilometer nur bergab und vielleicht 10 Kilometer nur bergauf marschiert.

Am spten Nachmittag brachte mich mein allerbester Freund und Blutsbruder, wie ich ihn auch nenne, Peter Frnhammer, wieder zurck zur Spiellaube.

Die Putzenlechners hatten Daysi ohne groe Umstnde zu ihren Pferden auf eine ca. 5 Hektar groe Wiesenweide gestellt. Als wir ankamen, graste sie friedlich am Rande dieser Herde. Peter gefiel diese Art der Pferdehaltung der Putzenlechners ebenso gut wie mir. Ich hatte ihm schon davon vorgeschwrmt, wie schn es da fr Pferde ist.

Im gemtlichen Reiterstberl saen wir noch lange mit anderen Gsten zusammen. Unzhlige Reitergeschichten wurden erzhlt, ehe wir zur uns Nachtruhe begaben. Diese Nacht schlief ich im groen Matratzenlager der Spiellaube.