Frhlingsritt nach Prag

ein Bericht von Britt Hammer

aus Western News 4/2002

Schlechte Erfahrungen haben mich vorsichtig gemacht, so will ichs schon genauer wissen: wie und vor allem wie viele Tageskilometer? Nun, ich kenne die Truppe, sie reitet besonnen und vor allem hat sie wieder Alex, das Orientierungsgenie, engagiert. Etwa 330 km sollen es sein, zwischen 20 und 70 km pro Tag, die lassen sich in sieben Tagen meistern.

Da soll doch ein Mustanghengst 1886 in 31 Tagen von Texas nach Vermont gelaufen sein, 1880 km, Tagesdurchschnitt 93 km. Pony Express-Reiter legten in drei Tagen 480 km zurck.

Wie viele lange Strecken unzhlige Pferde im Dienste des Menschen frher gelaufen sind, ist heute kaum mehr vorstellbar.

Dagegen ist dieser Ritt ein Sonntagsausflug, da kann ich ja sogar das Pferd zum Sattel whlen: der alte, Schbige soll mit, und dieser passt nur auf meine kleine "Schleichmarie" Kasa.

Wir - zehn Reiter und zwei Kutschen, Bus, Auto mit Pferdehnger - treffen uns in Drasenhofen, und traben schon am Vormittag, nach zwei Stunden Grenzaufenthalt, flott Richtung Lechovice.

Mittagspicknick machen wir, wie gewohnt, an idyllischen Pltzchen, wo wir von unserer Begleitung versorgt werden.

In Lechovice erwarten uns ein groer Stall, Boxen, schne Zimmer und ein gepflegtes Restaurant. Ich will den Sattel ins Zimmer nehmen die Ostroutiniers lachen darber, sogar den Bus mit unserem Gepck lassen sie unbesorgt unversperrt. Gestohlen wird nur in Touristenzentren, meinen sie. Es stimmt, nicht die kleinste Kleinigkeit ist abhanden gekommen.

Schon am zweiten Tag gibts Satteldruck (ein Dressursattel, mit Steppdeckchen darunter, wen wunderts) und somit ein zweites Handpferd. Das erste, ein zartes, altes Schimmelsttchen, muss neben seiner Leidensgenossin Sheela traben, die ihren Chef Franz (er)trgt. Sie hats nicht leicht, denn whrend wir viele Kilometer laufen, um die Pferde zu entlasten, sitzt Franz jeden Schritt im Sattel, den Kopf des Sttchens eng an sich gezogen. Und whrend wir alle zwei Stunden unsere Pferde rasten und fressen lassen, und sie wo immer mglich, an Teichen, Bchen oder an Brunnen in Drfern trnken, mssen seine Schimmel, hoch angebunden an einem Baum oder Mast, zuschauen. Selbst massive Drohungen ntzen nichts. "Beim Militr wars doch in alten Zeiten auch so", meint er. (bel sind sie, diese Mchtegern-Experten.)

Uns zum Trost leidet Franz auch (gerne). Er trgt eine weite Schlosserhose, wie in alten Zeiten, aber sein Hinterteil ist nicht so ledern wie die der alten Militrs. So muss Inge, wie schon bei frheren Ritten, wieder jeden Abend salben. "Die Wunde wird jeden Tag grer und dunkelrot, ist schon handtellergro, blau, schwarz, grn,... Aber natrlich, wir sind alle Narren, so eng anliegendes, modernes Zeug zu tragen...

Am nchsten Tag mssen wir viel traben, wir haben 70 km zu bewltigen, brauchen dafr 12 Stunden. Es ist trocken und sonnig und die Landschaft ist wunderschn. Auf leicht hgeligem Gelnde reiten wir durch Wlder, Wiesen, weite Felder (in den Traktorspuren wchst sowieso kein Hlmchen) und idyllische Drfer. Wie schn! Nicht Blechkolonnen, sondern Gemse- und Blumengrten an beiden Seiten der Hauptstraen; hier ist noch nicht alles zubetoniert und verrohrt, unkrautvertilgt, getrimmt und begradigt. Kinder spielen an Bachufern, und die Alten dsen ungestrt auf Bnken vor ihren Husern.

Zwei junge Tschechen, Cowboy und Cowgirl, fast original, haben sich uns angeschlossen. Noch reiten sie bhmische Warmblter, der Quarter im heimischen Stall muss noch wachsen.

Die Nacht mssen die Pferde in einem zugigen Stadel, angebunden an langen Stangen, verbringen. Am Morgen finden wir zwei von ihnen, noch an der Stange hngend, abgeschrft und blutend wieder.

Der dritte Tag, 45 km lang, ist der schnste. Wir reiten immer einen idyllischen, mandernden Bach entlang. Unzhlige Sommerhuschen, meist nur durch schmale Wiesenwege verbunden, schmcken die Ufer. Es ist der 1. Mai, so sitzen die Leute auf ihren Terrassen, sonnen sich, grillen und winken uns freundlich zu.

Am nchsten Tag mssen wir Schritt gehen, denn schon zwei Pferde haben Satteldruck. So brauchen wir fr 34 km 7 Stunden. Mittagspause im Pferdeliebhaber-Mrchenland: Eine blhende Kirschbaumallee fhrt zu einem einsam gelegenen Bauerngehft, umgeben von sanft hgeligen Wiesen und Wldchen. Um ein paar lppische Euro wre er zu kaufen! Leider mssen wir weiter. Unsere Kutschen sind schon weggefahren, sie sind immer viel schneller als wir.

In einem kleinen Dorf schauen die Leute wie immer ob der seltsamen Durchreisenden. Nur ein alter Mann kommt staunend immer nher. Kasa und ich spren seine Begeisterung, sie bleibt vor ihm stehen. Er umfngt sie mit beiden Armen, ruft gerhrt "Gonje, Gonje,..." (Pferdchen). Wo sind sie geblieben, die Nachkommen der Millionen Pferde, die noch vor 50 Jahren fr Land und Leute schufteten? Wir haben, auer in den wenigen Reitstllen, in ganz Bhmen keinen einzigen gesehen, ihre Gene sind fr immer verloren.

In Benesov wird uns eine Blechhalle an der Rennbahn zugewiesen. Die Pferde mssen angebunden eng beisammen stehen. Ein Stallbursche bietet sich an, Nachtwache zu schieben. Wir trauen ihm nicht, da schlafen wir (drei Damen) lieber selbst im Heu nicht gut, denn besonders die Stuten rasseln, quietschen und schlagen die ganze Nacht.

Am nchsten Morgen machen wir einen Rundritt durch idyllische, hgelige Landschaft, am Nachmittag bringt uns der Bus ins Zentrum von Prag, die Pferde haben wir einem Stallburschen anvertraut. Als wir zurckkommen, ist er nicht auffindbar, und auch zwei Warmblter sind verschwunden. Gut, dass sie nicht weit gelaufen sind.

Am nchsten Tag werden die Pferde in Transporter und Hnger verladen, wir in den Bus, und zurck gehts nach Lechovice.

Am 10. Tag werden wir zur Grenze transportiert. Es dauert vier Stunden, bis endlich aller Papierkram erledigt ist, denn die Stempel und Eintragungen des Grenztierarztes mssen erst vom Amtstierarzt besttigt werden, und der sitzt in der nchsten Grostadt. Nach einem kurzen Ritt sind wir bei unseren Hngern, und nach einem freucht-frhlichem Abschied bald wieder zu Hause.