Warum nicht Amrum?
In Nordfrieslands "See"-Pferdeparadies
von HEINZ HBNER
aus Western News 5/2001
"A7: 50 km Stau zwischen Autobahnkreuz Hannover-Ost und Soltau-Sd, 5 km Stau vor dem Elbtunnel in Hamburg, zhflssiger Verkehr..." Selbst erlebt, gottlob ohne Pferde im Schlepptau. Aber auch ohne Stau sind 12 Stunden vergangen, bis man mit dem Hnger von Linz aus an der Elbe ist. Dies ist jedoch das Einzige, was gegen Reitferien auf der nordfriesischen Insel Amrum spricht.
Vorspiel:
In der Ausgabe 5/00 berichteten die Western News ber unseren Ritt von Linz an die Nordsee. Das wars, wissen wir dann daheim. Besser als das Wattreiten kanns nicht mehr kommen. Die vielen Autobahnstunden mit den Pferden verbieten eine Fortsetzung. Der Familienrat (Mutter und Tochter) beschliet: wunderschn, aber vorber. Der Vater brabbelt noch etwas von Husum, der alten Hafenstadt im Norden. Na ja, das wird sich schon geben.
Der Vater hat so seine Tricks: Von der Insel Neuwerk vor der Elbemndung, dem ultimativen unbertrefflichen Ziel des letzten Rittes, hat er ein Video ber das Vogelschutzgebiet im Watt mitgebracht. Und dieses flimmert zur Weihnachtszeit zufllig ber den Fernsehschirm, als die beiden Damen das Wohnzimmer betreten. Tags darauf werden die beiden zufllig Zeuge einer Diaschau vom Sommerurlaub. Mitgerissen von so viel Wunderbarem, beschliet der Familienrat (Mutter und Tochter) augenblicklich: Im nchsten Sommerurlaub geht es weiter die Kste entlang; zu der alten Hafenstadt im Norden. Nur der Vater muss noch dafr gewonnen werden.
TEIL 1: DER SCHIMMELREITER/Festland:
Ehrlich: Schleswig Holstein im kstennahen Bereich der Nordsee ist ein Flop fr jeden Wanderreiter, der keine Verbote missachten will. Pferde zieren viele Landes- und Kreiswappen Norddeutschlands, aber sie drfen hier auerhalb des Areals von Reitstllen nahezu nichts.
Natrlich drfen Deiche nicht beritten werden, weil die Zerstrung der Grasnarbe durch Pferdehufe zur Erosion fhrt und Deiche schlielich eine lebenserhaltende Funktion zu erfllen haben. Sturmfluten kosteten schon hunderttausende Menschenleben. Ein Schuft, der ber Deichgras galoppiert!
Weniger verstndlich ist schon das Reitverbot auf dem wunderschnen Radweg, der sich auf dem Vorland zwischen Deich und Meeresufer meist als breites Betonband an die drei Tagesetappen weit hinzieht. Ja schon zu Fu mit dem Pferd an der Hand macht man sich in den Augen des Deichgrafen strafbar. Ein Rckzug ins landschaftlich wenig reizvolle Landesinnere ist erstens witterungsmig unangenehmer und zweitens kommen wir ja wegen des Meeres so weit hergereist. Wo hier Wiesenwege existieren, sind sie in der Regel nicht benutzbar, weil das ganze Land von Stacheldrahtzunen und Kanlen durchzogen ist.
Am Festland haben wir durchwegs Schnwetter, d.h. direkt am Meeresufer angenehm, solange Wind weht. Wenn wir ins Landesinnere abweichen mssen, glauben wir uns in die sommerliche Poebene versetzt. Die hohe Luftfeuchtigkeit lsst die Temperatur viel hher erscheinen als das Thermometer anzeigt. Windstille und die vielen fliegenden Qulgeister verderben ein wenig die Freude. Fr uns werden es trotzdem tolle Tage.
Die fnf Reittage am Festland, ca. 160 km, fhren uns von Brunsbttel an der Elbemndung durch Kohlfelder zur Kste. (Hier im Kreis Dithmarschen werden jhrlich ca. 80 Millionen Kohlkpfe geerntet!) Weiter am Deich entlang zum Krabbenkutterhafen Friedrichskoog. Hier genieen wir bei Sonnenuntergang als Abendessen natrlich Matjesbrtchen mit Dithmarscher Bier. Es ist immer wieder ein eigentmlicher Anblick, wenn bei Niedrigwasser die Boote hilflos im Schlick stecken. Weiter gehts nach Bsum, ebenfalls mit buntem Kutterhafen. Viel Zeit bentigen wir hier fr die 3 km lange Strecke zwischen Tausenden Standkorbbentzern. Viele Badegste wollen in der Sptnachmittagssonne mit uns "Cowboys" "schnaken" oder "klnen", wie hier das Tratschen heit. Heute speisen wir in einer alten, zu einem Gourmetlokal umgebauten Windmhle.
Unsere Pferde staunen nicht schlecht, als am nchsten Tag an der Eider die groe Brcke der Autostrae B5 vor ihren Nasen hochklappt, um ein Segelboot passieren zu lassen. Jetzt verlassen wir den Kreis Dithmarschen und betreten nordfriesischen Boden. Und immer prgen Windparks die Landschaft mit. Windenergie wird hier gro geschrieben, und unablssig werden neue weie Flgel errichtet.
Fr die kommende Nacht im Karolinenkoog leiht man uns uralte Fahrrder fr die Verbindung zwischen den mehrere Kilometer auseinanderliegenden Schlafstellen von Mensch und Pferd. Einen Kulturtag legen wir im schnen Husum ein mit seinen alten Giebelhusern aus rotem Backstein und dem malerischen Binnenhafen.
Zielpunkt auf dem Festland ist der Hauke Haien Koog. Wo wir bisher unterwegs waren, war vor 100 Jahren meist nur Meer. Das Prinzip der Landgewinnung blieb ber Jahrhunderte gleich: Hinter dem Deich wird das Vorland mit Doppelpfahlreihen, sogenannten Lahnungen, und Reisig so gestaltet, dass die Flut dort Sedimente ablagern kann. bergangsformen vom weichen zum festen Boden entstehen, die Salzwiesen werden fester, und irgendwann wird an die Wasserfront der nchste Deich gebaut. Im letzten Jahrhundert sind so vor Nordfriesland allein an die 9000 Hektar Neuland entstanden. Gut fr die Bauern, die sich in den neugewonnenen Kgen zwischen den Deichfronten ansiedeln konnten, wichtig vor allem fr den Kstenschutz. 150 dieser Kge gibt es an der Westkste von Schleswig Holstein hinter der 400 km langen Deichlinie.
Wer liest heute noch Theodor Storm? In seinem "Schimmelreiter" beschreibt er den nicht endenden berlebenskampf der Menschen gegen das Wasser. Letztendlich strzt sich der Deichgraf Hauke Haien mit seinem Ross in die durch seinen Deich hereinbrechenden Fluten. Sehr grausig und romantisch!
Nun habe ich meinen Schimmel nicht vom Teufel erworben, sondern im sympathischen und erfolgreichen Gestt Chat. Auch mssen wir weder Sturmflut noch Deichbruch erleben. Gleichwohl scheint mir meine Beziehung zu diesem an sich schon faszinierenden Landstrich durch diese Novelle um eine nicht unbedeutende Facette erweitert. Reisen spielt sich halt auch im Kopf ab!
TEIL 2 AMRUM/Reif fr die Insel
Unsere Tochter Barbara hatte sich schon sehr auf den Sommerurlaub mit dem Haflo-Araber Gian gefreut. Ein Hufabszess eine Woche vor Urlaubsbeginn und damit das Aus fr Gian war natrlich eine Tragdie. Da wir dennoch den Urlaub gemeinsam verbringen wollen, absolvieren Evelyn und ich den Festlandsritt zu zweit, holen danach Barbara vom Bahnhof in Hamburg ab und teilen auf den Inseln die beiden Pferde unter uns Dreien - d.h. hauptschlich darf sie meine Saratoga reiten.
Eigentlich wollten wir bei Niedrigwasser vom Hauke Haien Koog zur Hallig Langeness reiten. Die Halligen sind kleine, etwas hher liegende Gebiete im Watt, die bei normalem Hochwasserstand nicht berflutet werden. Auf knstlich aufgeschtteten Hgeln, den Warften, stehen die Huser. Sie ragen (hoffentlich) auch dann noch aus dem Wasser, wenn eine Sturmflut den Rest der Hallig bersplt hat. Dann heit es "Land unter" und das 20 bis 30 Mal jhrlich, vorwiegend in der Winterzeit. Deswegen berwintert alles Vieh auf dem Festland.
Heuer ist an diesen Ritt vom Festland zur Hallig nicht zu denken, weil der Wattboden zu stark verschlickt ist und die Pferde weit einsinken wrden. Davon knnen wir uns zuvor durch eine Wanderung zu Fu berzeugen.
Wir werden noch am Ende unseres Reiturlaubes mit der Fhre dorthin kommen.
So mssen wir umdisponieren, verpacken die Pferde in den Hnger und machen eine 2-stndige Kreuzfahrt nach Amrum.
Die 15 km lange halbmondfrmige Insel trennt sdlich von Sylt in Nord-Sd-Richtung das Watt vom Meer. Wer die 300 Stufen des groen Inselleuchtturmes erklommen hat, erkennt die Dreiteilung Amrums:
Auen im Westen 15 km Strand, bis 1500 m breit! Aus feinem weien Kniepsand. Badefreuden zwischen bunten Strandkrben oder pure Einsamkeit zwischen den Schaumschlangen, welche die See ans Ufer splt, und dem mit Strandhafer bewachsenen Dnenrand. Ein Strand, ganz anders als wir ihn aus sdlichen Gestaden kennen. Lebendig, in steter Vernderung, in feuchteren Teilen farbig, mancherorts durchzogen von kleinen Dnen, nach Regen unter seichten Swasserseen.
In der Mitte die gelb-rosafarben-grne Mischung aus Sand, Heide und Wald. Durch die ganze Insel zieht sich der breite, bis 30 m hohe sprlich bewachsene Dnengrtel, ein Naturschutzgebiet, Brutgebiet fr heimische Mwenarten und Raststation fr viele Zugvgel. Seit den 50er-Jahren werden Kiefernwlder gepflanzt, um das Hinterland vor Sand zu schtzen. Fr die Rosafrbung der Insel im Sommer ist die blhende Heide verantwortlich.
Im Osten der Insel zum Festland hin breitet sich die grne Marsch aus mit viel Weidevieh und den vier Drfern. Den Abschluss bildet das braungraue Watt.
Wir wohnen in dem beschaulichen Ort Nebel mit seinen reetgedeckten Husern im Friesenstil. Auf dem Friedhof erzhlen die Grabsteine ehemaliger Seefahrer von der Zeit, als die Amrumer noch als Walfnger und Handelsleute zur See fuhren. Es gibt kein Hochhaus, kein Einkaufszentrum, keinen Flugplatz. Die Feriengste verlieren sich auf der Insel. Nur auf dem Radwegenetz ist immer Hochbetrieb, die meisten Urlauber lassen ihr Auto auf dem Festland. Viele Jahre Stammgast zu sein, ist ganz normal hier, und so manches Quartier ist auf Jahre hinaus ausgebucht. Die guten Restaurants haben viel Atmosphre, jedes bewahrt seine ganz spezielle Identitt und, was das Essen betrifft, so lag das Land der Phaken bestimmt nicht auf einer griechischen Insel, sondern auf Amrum. Hinter Namen wie "Ual mrang Wiartshs" oder "Likkedeeler" steckt alles, was man sich unter einer friesischen Gaststtte nur ertrumen kann: ein Abendessen als Hhepunkt des Tages.
Amrum ist teuer, aber ein Paradies ist selten billig!
Warum Reiten auf Amrum?
Seid ihr schon einmal auf tiefen Sandpfaden auf und ab durch Dnen geritten, vorbei an Mwenkinderstuben, das Meer in greifbarer Nhe, Leuchttrme zur Orientierung, meist kein Mensch zu sehen?
Seid ihr schon einmal mit dem eigenen Pferd ber den Strand geflogen, mit kreischenden Vgeln um die Wette? Der Himmel drohend eingeengt durch dunkelgraue Regensturmwand ber der offenen See, keine Grenze zwischen beiden.
Seid ihr schon einmal in Badehose und barfu durchs Meer galoppiert, blind vom Wasser, das ber euch zusammenspritzt?
Seid ihr schon einmal durch Priele geritten, die Pferdebuche im Wasser? Die Tiere genieen das ebenso ausgelassen wie wir Menschen.
Seid ihr schon einmal durch Wasser und auf Sandbnken von einer Insel zur anderen geritten? Bei ungnstiger Witterung kann schon einmal die ganze Strecke zwischen Amrum und der Nachbarinsel Fhr unter Wasser stehen. Ist der Sturm zu stark, muss man die berquerung eben sein lassen.
Wir hatten bereits Zimmer auf der Nachbarinsel gebucht. Wegen Sturmstrke 7 aus Sdwest mssen wir mit der Fhre hinber zum Zimmer, am nchsten Morgen mit der Fhre wieder zurck zu den Pferden und den bergang bei besseren Verhltnissen probieren. Es ist anzuraten, Wattfhrer um Rat zu fragen; sie sind hilfsbereit und sehr freundlich. Nicht vergessen darf man, den Schafbauern, durch dessen Deichweide man vom Watt ans Land will, um Durchgangserlaubnis zu fragen. Naturschutzgebiete Zone 1 drfen nicht betreten werden. Das Wichtigste, auch ohne Pferd, ist der Tidenkalender, welcher fr jeden Tag Auskunft gibt ber die schmalen Zeitfenster, die frs Wattreiten und auch fr das Schwimmen im offenen Meer zur Verfgung stehen.
Quartier bekommt man an Ort und Stelle keinesfalls, aber die Hilfsbereitschaft auf "unseren" Reiterhfen auf Amrum, Fhr und Langeness ist vorbildlich. Flexibilitt ist natrlich ntig.
Schluss: Nach drei Tagen auf der Hallig Langeness fahren wir wieder ans Festland und von dort nach Cuxhaven. Den letzten Urlaubstag knnen wir zu einem Ritt zur Insel Neuwerk nutzen, da frhmorgens und am Abend Niedrigwasser ist. Den Tag verbringen die Pferde auf der Koppel, welche sie schon im Vorjahr benutzten sie steuern sofort auf diese Koppel zu! Wir genieen den Sonnentag mit Baden.
Glcklicherweise ist die Heimreise wieder staufrei und wir sind nach 12 Stunden Fahrt wieder daheim.
Die Pferde ertragen ruhig den langen Transport. Evelyns nun schon 18-jhriger Wallach Picasso war auf den Inseln bermtig wie ein junger Hengst, und Saratoga bentigt zu Hause drei Ausritte, um zu begreifen, dass das Leben nicht nur aus gestrecktem Galopp besteht.
Und wieder im Bro die Frage meiner Michi: "Wie wars?" Dabei lacht sie, sie kennt nmlich schon meine Antwort: "Traumhaft, aber halt doch nicht Liebenau." Was heien soll, fr mich ist es am schnsten zu Hause im Mhlviertel.