Auf dem Jakobsweg durch Europa
aus Western News 6/00
Unterweienbach (Wanderreiterhof Kern) nach Santiago de Compostela
Es ist eine ganz besondere Pilgergruppe, die nach 637 Stunden im Sattel am 25. Juni 2000 vor der Kathedrale in Santiago de Compostela auftaucht: Acht erschpfte, aber zufriedene Reiter stellen ihre bunt gescheckten Pferde vor der imposanten Kathedrale ab und beenden mit einem Dankgebet und dem Besuch einer Messe standesgem ihren dreimonatigen Pilgerritt. Zuvor war die Gruppe in einer einmaligen Leistung vom Startpunkt im sterreichischen Mhlviertel insgesamt 3.100 Kilometer entlang des Jakobsweges durch sterreich, Deutschland, Frankreich und Spanien geritten.
Bei geschlossener Schneedecke, Schneetreiben und minus fnf Grad machen sich zehn Reiter am 20. Mrz 2000 vom Wanderreiterhof Kern in Unterweienbach (Obersterreich) auf den beschwerlichen Weg nach Spanien. Mit viel Respekt, aufmunternden Worten, aber auch manchem Kopfschtteln werden sie verabschiedet. Doch der Initiator, Reitfhrer und umtriebige Besitzer des Wanderreiterhofes, Felix Kern, zeigt sich von Beginn an zuversichtlich, dass seine sechs Pferde, extrem widerstandsfhige und lauffreudige Criollos aus Argentinien, diese Strapazen problemlos berstehen wrden. "Eigentlich wollten wir ja in den Kaukasus, aber das ist mit den Grenzen im Ostblock ist zu schwierig gewesen. Da durch die Europische Union die Grenzen in Mitteleuropa nun wieder offen sind und die Infrastruktur durch den Pilgerweg gegeben ist, whlten wir diese Route", erzhlt Felix Kern von seiner Idee, dem Alltag fr drei Monate zu entfliehen und eine Zeitlang "auerhalb des Kommerz der Wanderreiterei zu leben".
Vom Mhlviertel aus geht es durch anfangs noch recht bekanntes Gebiet die Donau entlang und weiter bis Braunau.
Nach dem Passieren der Grenze von sterreich nach Deutschland sorgt die idyllische Strecke entlang des Inns fr Begeisterung unter Zwei- und Vierbeinern. bernachtungsmglichkeiten und Pausenpltze suchen sich die Reiter selbst, beziehungsweise die Besatzung des vorgeschickten Begleitfahrzeugs mit Pferdehnger. Fr langfristige Vorreservierungen sind die Witterungsverhltnisse in Mrz und April schlichtweg zu unsicher, zudem mssen sich die Reiter anhand der vorbestellten, topografischen Karten im Mastab 1:50 000 und der Hilfe Ortskundiger den Weg bahnen und wissen im Voraus kaum, wie lange sie fr bestimmte Streckenabschnitte brauchen.
Doch fast berall wird das Reitervlkchen mit groem Hallo empfangen. Als besonders feierfreudiger Stopp bleibt die Hufeisen-Ranch in Pleiskirchen in Erinnerung, wo die Wanderreiter von Squaws, Indianern und Cowboys in die lokale Westernszene eingefhrt werden. Pferd und Reiter trotzen dem unsteten Mrzwetter und liegen nach zwlf Tagen voll im abgesteckten Zeitplan, auch wenn sie manchmal durch unvorhersehbares Wetter gestoppt werden. "Wir hatten Eisregen, Sturm und so einen Gegenwind, dass die Pferde offensichtlich Angst hatten, da haben wir es nach 18 Kilometern gut sein lassen", berichtet Armin Frisch aus Dsseldorf von einem der hrtesten Abschnitte nahe Wasserburg.
Der Abenteurer ist einer jener zehn Aussteiger auf Zeit, die alle eigene Beweggrnde fr die Mammut-Tour haben. Seine Freundin Bonnie etwa, mchte die Natur und die Kultur des Jakobswegs erfahren und dabei Abstand und neue Perspektiven gewinnen, whrend der 60-jhrige Salzburger Alfred Hubner diesen Ritt als Zeichen des Danks fr seine Arbeit und seine fortwhrende Gesundheit sieht. Die 43-jhrige Heilpdagogin Ulrike Bartling wiederum will auf das Wesentliche zurckkommen und auf dem Rcken des Pferdes Raum und Zeit in einer anderen Dimension erleben.
Diese neue Dimension bedeutet eine tgliches Durchschnittstempo von 35 Kilometern am Tag, so dass die Gruppe bereits drei Wochen nach dem Start das bayerische Voralpenland erreicht. Vom Starnberger See geht es ber Peienberg und den Bodensee in Richtung Schweizer Grenze. Da das sterreichische Fernsehen (ORF) und lokale Radiostationen regelmig von der "grten Reitergruppe auf dem Jakobsweg seit dem 13.Jahrhundert" berichten, knnen sich Ross und Reiter ber einen Mangel an Gastfreundlichkeit oder ffentlichen Aufsehens kaum beklagen. Immer wieder weisen ortskundige Pferdefreunde den "Pilgern mit einem PS" den Weg, zeigen ihnen die schnsten Reitwege und die raffiniertesten Abkrzungen. Aufgrund der harten Quarantne-Bedingungen drfen sie jedoch nicht in Schweiz einreiten - auch wenn die Pferde beim Trinken im Grenzfluss schon einmal mit der Nase in schweizerisches Hoheitsgebiet eindringen -, deshalb hlt sich die Gruppe weiter westlich und steuert nach 23 Tagen auf Frankreich zu.
Ein Viertel der Etappe (752 Kilometer) liegt zu diesem Zeitpunkt hinter der Gruppe, Sattelputzen haben die Reiter mittlerweile aufgegeben, immer wieder machen ihnen starke Regenflle, Schlammstrecken und durch Strme umgestrzte Bume zu schaffen. Doch nach exakt 26 Tagen berschreitet die Gruppe bei Mhlhaus den Rhein und erreicht Frankreich. Allerdings hat sich die Gruppe zu diesem Zeitpunkt bereits auf acht Reiter dezimiert, zwei Reiter brechen nach Satteldruckproblemen mit ihrem Tinker und ihrem Islnder den Ritt ab und bleiben in Deutschland.
Sechs Wochen fhrt der Weg von nun an durch Frankreich, "von einem Pilgerort zum nchsten - wie im Mittelalter", erinnert sich Felix Kern schmunzelnd. Doch die Pyrenen sind fr die Gruppe kein Kinderspiel, immer wieder heit es zur Schonung der Pferde absteigen und zu Fu die Anhhen erklimmen. "Das war sehr anstrengend, aber eine traumhafte Landschaft", so Kern. Je weiter Ross und Reiter nach Sdfrankreich vorrcken, desto flacher und asphaltierter werden die Strecken, organisatorisch entpuppen sich Land und Pilger-Route von Lucelle ber Eauze und Lichos bis Ostabat als uerst schwierig, zumal auch im Vorfeld kein Kartenmaterial vorbestellt werden konnte. Zum Problem wird hin und wieder auch die Frage der Unterkunft, da die Reitergruppe zwischen spartanischer Pilgertradition und touristischer Bequemlichkeit schwankt.
Aber genau nach 80 Tagen im Sattel ist ein weiterer denkwrdiger Schritt geschafft, die Reitergruppe hat die spanische Grenze erreicht. Eine der ersten Ortschaften ist Burguete, wo die Reiter im ehemaligen Zimmer des Schriftstellers Ernest Hemingway schlafen. Nach einem kurzen, aber lebhaften Abend im Trubel der Stierkampf-Metropole Pamplona geht es im strmenden Regen nach Puente de la Reina, wo die Dorfbewohner bei ihrer Fiesta angesichts der berittenen Gste gleich ein Stndchen anstimmen. "Wir haben dann zum aller ersten Mal in der Geschichte dieser Reisegruppe eine Abteilung gebildet, sind aufmarschiert und haben schulmig gegrt", erinnert sich Armin an einen eindrucksvollen Hhepunkt des Pilgerritts. Auf dem Weg nach Sden wundert es nicht, dass die Reiter die Einladung in die Kellerei eines alten Klosters nahe Valcarlos nicht ausschlagen - zumal den Pilgern neben den blichen Wasserbrunnen hier auch ein Weinbrunnen zur Verkostung offen steht!
Nur noch knapp 400 Kilometer fehlen, als die acht Pilgerreiter am 89. Tag in Leon einkehren. Es ist bereits Juni, die Temperaturen steigen in Spanien tageweise schon auf 30 Grad, doch bis auf manch losgetretenes Hufeisen, das gleich wieder aufgeschlagen wird, laufen die Pferde immer noch problemlos durch und stehen im Gegensatz zu den Reitern, die am Ende des Ritts bis zu elf Kilo abgenommen haben, durchwegs gut im Futter. Stundenlanges Trotten ber die ausgedrrte Hochebene lassen bei Ross und Reiter leichte Eintnigkeit aufkommen. Doch immer wieder warten Film- und Fernsehteams auf der Strecke und sorgen fr Abwechselung, wie etwa im spanischen Sahagun, als eine Mannschaft des brasilianischen Discovery-Channel die Gruppe interviewt und filmt. Nach einer Ensierra, einem Stiertreiben durch bevlkerte Gassen, landen die Pilger in Mansilla und nehmen sich einen Tag Zeit zum Kulturgenuss.
Durch idyllische Tler geht es durch sprlich besiedelte Drfer unermdlich Richtung Santiago de Compostela. "In Riego de Ambros haben wir ein paar Zigeuner aus Andalusien getroffen, die von Andalusien bis dorthin 70 Tage gebraucht haben, whrend wir das in 90 Tagen von sterreich aus geschafft haben", berichtet Felix nicht ohne Stolz. Gem dem Pilgerbrauch tragen die Reiter in Francebadon Steine zu einem alten Kreuz auf einen Pass hinauf, um symbolisch die eigenen Snden abzutragen. "Ich habe einen mittelgroen Stein genommen, weil ich dachte, so viele Snden knnen das ja nicht mehr sein", erinnert sich Felix schmunzelnd. Zu dieser Zeit haben er und seine Gruppenkameraden bereits 2.900 Kilometer im Sattel verbracht. Der Endpunkt rckt Huf fr Huf nher. Aus dem Radio "Studio Santiago" ertnen am 95.Tag folgende Sondermeldungen: 10.15 Uhr - Die Reitergruppe aus sterreich passiert den Kilometerstein 100 nach Santiago, 10.37 Uhr - Die Reitergruppe passiert die 3.000 Kilometer-Marke, ist also mehr als 3.000 Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt.
Dann ist es endlich soweit: 98 Tage, nachdem die Pilgerreiter vor ihrem Start in Unterweienbach vom Pfarrer gesegnet wurden, erreichen sie abgekmpft, aber glcklich die Kathedrale von Santiago de Compostela. "Es ist schwierig zu wissen, was einen wirklich dazu treibt, diese Strapazen auf sich zu nehmen, aber es war eine richtig einmalige Erfahrung", beschreibt Reitfhrer Felix Kern diese etwas ungewhnliche Pilgertour, die eines Tages vielleicht sogar eine Fortsetzung erfhrt.
Nhere Ausknfte rund um das Thema Wanderreiten erteilt Felix Kern unter Tel. 07956/71010 oder www.tiscover.com/kern.
Wanderreiterhof Kern, Landshut 28, 4273 Unterweienbach, Tel. 07956/7101-0, Fax 07956/7101-11, http://www.tiscover.com/kern