Reiter und Jger...

Ethik und Strategien der Jagd

Teil 3

Ein Bericht von Peter Hnizdo aus Western News 2/02

Wenn wir die Geschehnisse der Jagd ber den Zeitraum ihrer Existenz betrachten, mssen wir feststellen, dass schon lange bevor der Mensch diese ausbte, Jagd immer eine Beziehung zwischen zwei Lebewesen war, von denen eines das Handelnde und eines das Leidende ist. Eines ist Jger und eines das Gejagte. Wre das Gejagte nur fr einen Moment und bei derselben Gelegenheit auch Jger, gbe es keine Jagd, sondern einen Kampf. Denn der Kampf ist, zum Unterschied zur Jagd, eine reziproke Handlung. Die Jagd ist niemals gegenseitig, weil sie eine Beziehung zwischen den Beteiligten schafft, die eine Gleichheit des Lebensniveaus zwischen beiden ausschliet.

Allerdings schliet die wesentliche Ungleichheit zwischen Jger und Gejagten nicht aus, dass der Gejagte in einigen Punkten dem Jger berlegen sein kann. Immer wird aber, in der Gesamtbilanz der Eigenschaften, der Jger, dem Gejagten gegenber, im Vorteil sein.

Diesen grundstzlich existierenden Vorteil des Jgers versucht die Natur durch die Evolution in Form der natrlichen Auslese zu eliminieren. Die strksten Beutetiere geben ihre Erfahrungen genetisch weiter und zwingen den Jger dadurch, seine Methoden zu verfeinern. Eine Anpassung der Gejagten an die neuen Verhltnisse ist die Folge. Dieser Vorgang zu Ende gedacht, wrde bedeuten, wre die Jagd niemals Evolutionsimpuls gewesen, htte der 'Egoismus der Gene' in der Fortpflanzung keinen Sinn.

Fr das Wesen der Jagd, ist es grundstzlich erforderlich, dass sie stattfindet, nicht jedoch, dass sie immer erfolgreich ist. Ebenso ist eine gewisse Seltenheit des Wildes fr das Jagen wesentlich. Die Erfolglosigkeit garantiert den Fortbestand der Jagd, denn htten die Anstrengungen und Strategien des Jgers immer Erfolg, wre dies keine Jagd, sondern die zeitlich absehbare Ausrottung der jeweilig gejagten Lebewesen.

Der besondere Reiz der Jagd besteht ja darin, dass diese immer unvorhersehbar verluft, denn in der Realitt definiert sich die Jagd als das, was ein Lebewesen ausbt, um sich eines anderen lebendig oder tot zu bemchtigen, welches einer Gattung angehrt, die der eigenen vital unterlegen ist; oder, um eine krzere Definition zu verwenden, Jagd ist das Aufeinandertreffen zweier Systeme von Instinkten.

Auch wenn den Abschluss des erfolgreichen jagdlichen Strebens der Tod ist, den der Jger bringt und ohne den kein jagdlicher Erfolg mglich ist, ist dies nicht zu verurteilen, weil sowohl dem Gejagten, wie auch dem Jger immer der Tod am Ende seines Lebensweges harrt. Darber hinaus, ist der Tod des Gejagten die natrlichste Form, um von ihm Besitz zu ergreifen, um dessen Ressourcen zum eigenen Bestehen zu verwenden.

Dieser Kreislauf hat, seit es Lebewesen auf diesen Planeten gibt, lange bevor der Mensch berhaupt existierte, bestanden und ist in seinen Reglement bis heute gleich geblieben. Nun war jene ursprngliche Jagd keine reine Erfindung des ursprnglichen Menschen. Er hatte sie von der bergangsform bernommen und geerbt, aus der sich die menschliche Spezies entwickelt hat. Man vergesse nicht, dass der Mensch ein Raubtier war bzw. teilweise noch ist. Ein unwiderlegbares Zeugnis dafr sind seine Augen und die Eckzhne, welche die eines Fleischfressers sind. Allerdings ist er auch Vegetarier, gleich dem Schaf; das wieder beweisen seine Backenzhne. Der Mensch vereint in der Tat die beiden uersten Veranlagungen des Sugetiers, und deshalb ist er sich auch sein Leben lang im unklaren, ob er ein Schaf oder ein Tiger sein soll.

Jagd ist demnach ein Vorgang, ein Ereignis, das von Anbeginn dieses Planeten um uns herum allgegenwrtig war und ist. Egal ob Mikrobe oder Eisbr, Insekt oder Adler, Eidechse oder Killerwal, alle sind darauf programmiert zu jagen.

Seit der allerersten Jagd ist unendlich viel Zeit vergangen und die Anforderungen an das Leben in freier Natur sind andere geworden. Doch von allen Geschpfen, ist nur der Mensch in der Lage, sich dessen bewusst zu sein.

Jedes Tier hingegen wird geboren und sofort von seinen Instinkten regiert, es ist alles vollkommen und in Ordnung. Seine Existenz hat Sinn und Zweck, die Evolution hat es nicht gentigt, sein Leben auszufllen, ihm einen Sinn zu geben.

Wie anders doch der Mensch. Wird er geboren, ist er das hilfloseste Geschpf dieses Planeten. Seine Instinkte beschrnken sich auf die Mutterbrust und darauf seinen Unrat vom Krper zu lsen.

Die herkmmliche Formel, der Mensch sei ein rationales Wesen, ist fast immer falsch verstanden worden. Dieses Missverstehen hat schwere Irrtmer in der Theorie und Praxis verursacht, denn es hat den Menschen immer dazu verleitet, sich bertriebene Illusionen ber sich selbst zu machen.

Zum Beispiel, dass dem Menschen, als er kaum anfngt, Mensch zu sein, die Macht, die wir "Vernunft" nennen, mit ausreichender Vollstndigkeit zur Verfgung hat. Es stimmt weder fr den ursprnglichen Menschen noch fr den Neugeborenen, dass er in irgendeinem angemessenen Sinn des Worts die Fhigkeit des vollendeten Denkens besitzt; er hat davon nur Anstze und Keime, die sich im Laufe der Entwicklung mit groer Langsamkeit unter schweren Mhsalen und mitunter entsetzlichen Rckschlgen entwickeln. Tatsache ist, dass die Spezies Mensch, die nach einer ungefhren Berechnung seit einer Million von Jahren auf der Erde lebt, noch unglaublich weit von einer zureichenden Rationalisation entfernt ist. Der Mensch ist via, auf dem Wege, vernnftig zu werden, weiter nichts.

Dem allen zum Trotz, triumphiert eines Tages der Geist ber den Krper. Der Mensch begreift die Zeit und deren Vergnglichkeit, er beginnt das Zeitma zu verstehen und er erkennt, dass sein Leben nicht ewig whrt. Die daraus zwingende Erkenntnis ist, dass der Zeitraum seiner Existenz, die ihm auf Erden gegeben, von ghnender Leere erfllt ist, die es auszufllen gilt. Dies ist der Moment, ber das Dasein und den Sinn des Lebens nachzudenken.

Ab diesen Augenblick ist der Mensch gezwungen, sein Leben stndig zu okkupieren. Er muss sich beschftigen, um sich in seinem Dasein, nicht in Stumpfsinnigkeit zu verlieren. Doch alle Beschftigungen, denen der denkende Mensch nachgeht, dienen der Befriedigung seiner Instinkte oder seiner glckhaften Bettigung. Nur der Erfolg aus diesen Ttigkeiten ist es, der seinem Leben Inhalt gibt und dieses nicht nutzlos verlschen lsst.

Eine dieser Ttigkeiten ist die Jagd. Jedoch beherrscht der moderne Mensch diese meist uerst unvollkommen. Ja es gibt sogar Menschen, die dafr vllig ungeeignet sind, weil sie ihre Urinstinkte, wie das Aufspren des Wildes, das Empfinden fr die Signale der Wildbahn, die Beharrlichkeit und Ausdauer des Ansitzens, das Hineindenken in die Reaktionen des Wildes und endlich, die wichtigste aller Jagdeigenschaften, das kompromisslose Tten, verloren haben.

Doch dessen ungeachtet, gehrt zum passionierten, menschlichen Jger eine Unruhe im Gewissen angesichts des Todes, den er der reinen, ausschlielich vom Instinkt geleiteten Kreatur bringt.

Nur der Mensch beansprucht fr sich den sogenannten natrlichen Tod, mglichst in seiner Bettstatt. Das Tier hingegen ist gewohnt, mit der Todesdrohung zu leben, da es kein Zeitempfinden ber die Endlichkeit seines Lebenszeitraum besitzt und sein Instinkt die Prioritten des berlebens ber alles andere setzt.

Sein Leben wird von den Jahreszeiten, von den Herausforderungen der Natur und von seinem instinktiven Verhalten zu den einzelnen Ereignissen geprgt. Tief in seinem inneren Empfinden ist die Existenz eines Jgers verankert und die Natur bedient sich des Mittels der Jagd, um das Gleichgewicht der Gene auf diesem Planeten aufrecht zu erhalten.

Die Existenz der Wildtiere besteht in der stetigen Erwartung eines Angriffes durch den Jger, der oft gar nicht da ist, wobei der Tod von allen Herausforderungen in der freien Wildbahn die selbstverstndlichste ist. Seinen Jgern und damit den Tod zu entgehen und daraus geschlossene Erfahrungen evolutionr weiterzugeben, ist der vordringlichste und wichtigste Lebensinhalt unserer Wildtiere.

Doch bei all diesen berlegungen gelten zwei wesentliche Voraussetzungen. Der Gejagte ist, wie bereits erwhnt, in der Summe seiner Voraussetzungen dem Jger immer unterlegen; trotzdem muss es fr ihn immer einen realistischen Weg des Entkommens geben. Ist dieser Umstand nicht vorhanden, dann geht der Sinn der Jagd, auf der einen Seite zu tten, auf der anderen zu entkommen und wechselseitig, aus beiden Ergebnissen zu lernen, verloren. Denn in freier Wildbahn unter den Wildtieren, fhrt nicht jeder jagdliche Versuch zum Erfolg. Hier wird nach dem Energieprinzip gejagt, bei dem die Entropiegleichung wenigstens auf Null ausgehen muss. Das bedeutet, dass die Katze, der Luchs oder der Tiger dann von der Verfolgung der Beute ablassen, wenn mehr Energie zur Erlangung ntig ist, als die Verwertung der Beute hergibt.

Damit diese Rechnung aufgeht, muss jeder Jger entsprechende Jagdstrategien beherrschen, die genau auf die Verhaltensweisen des Gejagten abgestimmt sein mssen, damit sie zum Erfolg fhren, ohne Ressourcenverluste zu beinhalten.

Von allen Arten zu Jagen, ist die Pirsch jene, die dem Ursprung der Jagd am nchsten kommt. Die Ursache liegt in der Strategie der Pirsch, die sich darauf beschrnkt, gegen den Wind, mglichst lautlos und mit offenen Blick, eben zu pirschen.

Wie kompliziert ist dagegen die Strategie des Treibens. Muss man doch dabei eine sehr ausgeprgte Kenntnis des Reviers besitzen und genau wissen, in welche Regionen das Wild in der Regel flchten wird, um erfolgreich zu sein. Nach Einteilung der Treiber und Fnger, sollten die einzelnen Triebe so erfolgen, dass die flchtenden und nicht gestreckten Stcke im nchsten und dann wiederum im bernchsten Trieb landen, dass schlussendlich im letzten Trieb noch einmal der Gejagte den Fnger anluft, um zur Strecke zu kommen.

Genau diese Strategie verfolgen Schimpansen, wenn sie im Urwald nach anderen Affen jagen, um ihren Bedarf an tierischem Eiwei zu decken. Auch ein Wolfsrudel ist Experte in der Treibjagd auf Schalenwild.

Oder im Vergleich die Strategie des Ansitzens, die wiewohl verlangt, dass durch genaues Spuren und Besttigung des Wildes jener Ansitz gewhlt wird, der den sichersten Jagderfolg verspricht. Wenn dann nach mehr oder wenig lngerem Ausharren kein Anlauf erfolgt, vergrmt dies den Jger, verleitet ihn zur Unruhe, er verliert die Konzentration, schlft eventuell weg und verpasst so unter Umstnden die beste Gelegenheit, das doch noch anwechselnde Wild zu erbeuten.

Der typische Vertreter der Ansitzjagd ist der Luchs der Berglwe oder unsere Hauskatze, die mit der Ausdauer die Katzen beim Jagen eigen ist, bei der Ansitzjagd zum Erfolg kommen.

All das ist bei der Pirsch ausgeschlossen. Der Jger bewegt sich in sicherer Deckung gegen den Wind und versucht, das Wild eher auszumachen als dieses ihn wahrnehmen kann. Das Wild selbst hat die Mglichkeit, sofern es den Jger eher bemerkt, hochzuwerden und zu flchten.

Doch so einfach die Strategie ist, so schwierig ist die Ausfhrung. Nur uerste Ruhe und Konzentration fhrt zum Ziel.

Der Jger muss die Umgebung ganz genau und immer wieder im Auge behalten. Sein Blick darf nicht starr gerade aus gerichtet sein, sondern er muss das gesamte Umfeld beobachten. Nur so ist es ihm mglich, zwischen den Blattlcken des Unterwuchses die unrhythmische Kaubewegungen eines Bockes im Lager zu registrieren. Manchmal zuckt das Stck auch fr einen Sekundenbruchteil mit dem Lauscher, sei es um ein Insekt abzuwehren oder einfach in einer nervsen Bewegung. Leichter ist es da freilich, wenn das Stck hoch wird, entweder es hat Ungewhnliches vernommen oder seine Ruhe wurde instinktiv gestrt.

Wie immer es auch sei, der Reiz der Pirsch ist unbestritten, denn dieser besteht ja gerade darin, dass das Pirschen immer unvorhersehbar abluft.

Das Aufeinandertreffen zweier Systeme von Instinkten beeinflusst und prgt keine andere Art zu jagen so sehr wie die Pirsch.

Auf der einen Seite das Wildtier in der stetigen Erwartung eines Angriffs durch den Jger, auf der anderen Position der Jger, der sich freiwillig die Schranke, die das Entkommen des Wildes ermglicht, auferlegt, um seinem definierten Begriff der Weidgerechtigkeit gerecht zu werden. Trotzdem steht er im inneren Zwiespalt, da nur eine erfolgreiche Jagd ihm wirkliche Befriedigung bringt. Doch erfolgreich jagen heit tten.

Von der Ethik her ist da die Pirsch richtig, weil im Augenblick, in dem der Jger die Kugel antrgt oder das Blei versendet, das beschossene Wild alle Chancen hatte, entkommen zu knnen. Nur die Tchtigkeit des Pirschenden, seine Anpassung an die Situation, sein Einsickern in die natrliche Umgebung, setzten ihn an die Stelle des Beutegreifers, wenn er schlielich erfolgreich war.

Ein weiterer Umstand ist, dass der Pirschende nicht wei, was am Ende der Fhrte seine Strecke sein wird. Hier ist vom Kapitalen bis zum Raubwild alles mglich.

Doch die Pirsch beginnt nicht, wenn der Jger abseits des normalen Weges den Wald oder den Rain betritt, weit gefehlt. Die wahre Pirsch beginnt mit der ersten ersphten Bewegung des Wildes, wenn die Kontraktion der Nerven und des Kreislaufes, hnlich den Symptomen des Erschreckens, den Pirschenden zum wachen Menschen machen. Dieser Reflex, das fossile berbleibsel eines Instinktes als der Mensch noch Raubtier war, lst zum Unterschied vom Schrecken keine Angst aus, sondern leitet das automatisch richtige Verhalten zur Verfolgung des ersphten Wildes ein. Unterschwellige Instinkte summieren sich und der Mensch wird zum Jger, tut den Schritt zurck aus seiner Zivilisation, wird Eins mit der Natur, die ihn zurckholte, gerade so, wie sie verfallene Gemuer berwuchert und mit neuem Leben fllt.

Damit nhern wir uns dem Ende der jagdlichen Szene. Dieses Ende, die Schluss-Szene ist in seiner hufigsten und natrlichsten Form der Tod.

Nun ist der Tod, besonders der absichtlich herbeigefhrte, immer etwas Schreckerregendes oder msste es wenigstens sein. Der Jger mht sich nicht nur in Tal und Fels ab, hegt und pflegt das Wild, sondern letzten Endes ttet er. Der Jger bringt den Tod. Doch ausschlaggebend ist, wie er das tut.

Der Arzt als Kurpfuscher kann nur bestehen, weil es auch hervorragende rzte gibt. So ist es auch mit dem Jger. Wenn es so viele mittelmige gibt, so darum, weil es auch einige hervorragende gibt.

Dieses Ethos, die Jagd zu empfinden, aufzufassen und auszuben, entspricht einer przisen Linie, und das ist es, was den wirklich guten Jger ausmacht.

Alles das betrifft diese letzte und unwiderrufliche Entscheidung, die das Fell des Tieres mit Blut befleckt und den Krper, der wundervolle Bewegung war, im Tode paralysiert. Doch dann, in diesem letzten Moment der Entscheidung, in dem der Jger dem Tier nher ist als jeder andere Mensch, berkommt ihn der Drang, die Jagd zu vollenden, das Tier zu besitzen. Wie anders sollte er das tun, als es zu tten. Erst wenn er die Kugel fliegen lsst, vor dem gesteckten Stck steht, kann er seinen Geist vom Drang der Instinkte befreien, die ihn gefangen halten. Erst dann wird er wieder ruhig und gelassen sein und kann fr kurze Zeit dem Drang widerstehen weiterzujagen.

Doch schon die nchste Bewegung, das nchste Gerusch, spannt die Sinne und fordert ihn aufs Neue.

Immer dann, wenn sich jagdbares Wild in der richtigen Entfernung zeigt, das im nchsten Augenblick wieder verschwunden sein kann und sehr wahrscheinlich wird sich dann keines mehr zeigen, dann wird er wieder die Gunst des Augenblickes nutzen und...

...jetzt steht der Fuchs frei, all seine Sinne sind zum Sprung auf die Beute konzentriert, er duckt sich ab, sein Krper spannt sich.... Da sprt der Jger den Rckschlag an der Schulter, das Blei fasst den Fuchs, der im Gras des Waldbodens untergeht.

Auch das ist Jagd, wenn der Jger zum Gejagten wird und dem System der Instinkte zum Opfer fllt.

Dann Stille, kein Rascheln, kein Knacken, selbst der Gesang der Vgel verstummt. Die Natur wirkt wie gelhmt und nur zaghaft setzen da und dort die Vogelstimmen wieder ein. Die Natur atmet auf, die Bedrohung ist an allen anderen vorbergegangen, das Leben geht wieder seinen gewohnten Gang.

Kein Trauergesang, keine Erinnerungen begleiten das Ereignis. Die Allmacht der Zeit hat den Vorfall bereits vergessen.

Nur der Mensch, der auch Jger ist, fragt sich, ob er im Recht war, ob er tten durfte, ob der Schuss richtig war. Er wird immer im Zweifel sein, trotzdem wird er es wieder und wieder tun. Denn der Mensch als Jger fand zurck zur Natur, sie nahm ihn auf, und seine Instinkte befolgen die uralten Gesetze der Wildbahn. Doch weil er gleichzeitig auch Mensch ist, ein Wesen, das gezwungen ist zu denken, muss er sich mit dem Geschehen auseinandersetzen, um sich vor sich selbst fr seine Handlungen zu verantworten.

Seine Geist und seine Ethik gebieten es ihm, wenn er in seine Zivilisation zurckkehrt.

Jetzt knnen wir bestimmen, welche Rolle der Vernunft bei der Jagd, die der Mensch ausbt, zukommt. Denn selbstverstndlich wirkt sie mit, wie in allem, was der Mensch tut: Die Frage ist nur, wie und in welchem Umfang.

Der Mensch der Morgenrte musste sich vollkommen der Jagd widmen, um leben zu knnen.

Die Jagd war also:

die erste Beschftigung,

die erste Arbeit und

der erste Beruf des Menschen.

Es ist fr uns beraus wichtig, dies im Auge zu behalten.

Da es unvermeidlich und praktisch das einzige war, beherrscht, orientiert und organisiert das Jagen, das ja Mittelpunkt und Wurzel jener Existenz war, das ganze Leben des Menschen, sein Tun und seine Ideen, seine Technik und seine Geselligkeit. Es war also die erste Lebensform, die der Mensch gewhlt hat, und das bedeutet ganz radikal -, dass das Sein des Menschen zuerst darin bestand, dass er Jger war.

Wenn wir uns vorstellen, unsere Gattung wre damals verschwunden wie die Dinosaurier, dann htte das Wort "Mensch" gar keinen Sinn. Statt diese Kreatur "den Menschen" zu nennen, mssten wir sie "den Jger" nennen.

Da die menschliche Spezies nicht unterging und da diese zentrale Beschftigung durch andere nicht weniger zentrale ersetzt wurde, bentigte man einen allgemeineren Begriff, der unendlich viele Seinsarten, unzhlbare Lebensformen umfassen konnte.

Diese Fhigkeit, unendlich viele verschiedene Dinge zu sein, ohne dass ein einziges vorstellbar wre, das man prinzipiell von der Mglichkeit ausschlieen knnte, ist die wahre Bedeutung des Wortes "Mensch' .

Aber zwischen dem wilden Tier, wie es der Menschenaffe war, und dem Entwurf der Menschheit, wie es der Mensch der ersten Altsteinzeit war, macht die Natur einen Sprung. Denn diese Natur, von der man so oft gesagt hat non facit saltus, hat fast nie etwas anderes als Sprnge gemacht. Der Lehre von der stetigen Evolution stellt man heute die Lehre von der Mutation gegenber, das heit, der sprunghaften Entwicklung.

Wir mssen uns aber diesen Menschen dem Tiere noch sehr nahe vorstellen. Er unterscheidet sich vom Tier darin, dass er einige Instinkte verloren hat oder, was hnlich ist, dass sie sich bei ihm abgestumpft haben, sodass sie die Kontrolle ber seine Reaktionen nicht mehr unmittelbar innehaben.

Dagegen verfgt er ber mehr Gedchtnis, Fantasie und Kreativitt. Er sammelt mehr Eindrcke, mehr Erfahrungen als das reine Tier, und das gestattet ihm, mehr Kombinationen zu ersinnen und sich eine innere Vorstellungswelt zu schaffen, die ihm ein "Innenleben" ermglicht, das dem Tier versagt ist. Die Rolle des Instinkts ist es, automatisch das Verhalten zu steuern.

Wenn bei diesem ersten Menschen, der noch das letzte Tier war, ein Instinkt versagte und das arme Wesen dastand und nicht wusste, was er in dieser Lage tun sollte, dann lieferte ihm die Fantasie das Bild einer mglichen Handlung. Diese phantastischen Projekte des Verhaltens waren unvollstndig und plump.

Aber dadurch, dass er es mit vielen versuchte, erwiesen sich doch einige als ntzlich und blieben als wunderbare Erwerbungen haften. Das und nicht viel mehr ist die Vernunft des ursprnglichen Menschen. Also bloer Ersatz fr die mangelnden Instinkte.

Zum Glck blieben diese noch zum grten Teil wirksam. Im wesentlichen war er noch Tier. Mit der sehr geringen Dosis Vernunft, die er schon besa, htte er sein Leben nicht behaupten knnen. Nur hie und da wirkte die Vernunft wie ein orthopdischer Apparat an einem gebrochenen Instinkt. Ohne sie wre er unter das Tier gesunken. Mit ihr vermochte er sich gerade noch ber dessen Niveau zu halten, doch war die Entfernung nicht grer, als sie zwischen einer Tierart und der andern blich ist. Die Vernunft des ursprnglichen Menschen hat fast denselben Aktionsradius wie der Instinkt, und fr die Zwecke der Lebenskonomie ist sie als ein weiterer Instinkt zu bewerten, der an die Stelle der verlorenen tritt.

Wir wollen also festhalten: Der Mensch der frhesten Altsteinzeit, der lteste, den wir kennen und der zufllig der Jger par excellence ist, ist der Mensch, der noch im Tierbereich lebt. Seine Vernunft ist noch nicht ausreichend, um ihm zu gestatten, den Bereich der tierischen Existenz zu berschreiten: Er ist ein Tier mit gelegentlichen Lichtblicken, ein Tier, in dessen innerem Halbdunkel von Zeit zu Zeit die Einsicht aufleuchtet. Das ist die primitive, ursprngliche Art Mensch zu sein.

Unter diesen Bedingungen jagt er. Bei dieser Ttigkeit wirken alle Instinkte mit, die bei ihm noch lebendig sind, aber auerdem gebraucht er soweit wie vorhanden seine ganze Vernunft. Es ist die einzige Jagdart von allen, die der Mensch ausgebt hat, von der man in Wahrheit sagen kann, sie sei "von der Vernunft gelenkte Verfolgung" gewesen. Immerhin erfindet man damals die ersten Fallen.

Der Mensch ist von Anfang an ein recht hinterhltiges Wesen. Doch auch die Spinne jagt mit ihren kunstvollen Netz, das gleichzeitig Falle ist. Die anfnglichen Waffen ermglichten es noch nicht, das einzelne Tier zu tten. Die Jagd war entweder ein Hinunterstrzen vom Felsen oder ein Fangen in der Falle oder in Netzen. Wenn das Tier einmal gefangen war, wurde es totgeschlagen.

Von diesem Schema ausgehend, muss man sich die sptere Entwicklung vorstellen.

Dazu ist doppelte Buchfhrung notwendig. Die Vernunft wird strker. Sie erfindet immer wirksamere Waffen und Techniken. Auf dieser Seite entfernt sich der Mensch immer mehr vom Tier, er gewinnt an Lebensniveau. Aber parallel dazu nimmt auch die Atrophie seiner Instinkte zu, und er entfernt sich von der ursprnglichen Verbundenheit mit der Natur. Der Mensch, der seinem Wesen nach Jger war, wird Hirte, das heit, er wird halb sesshaft. Bald wird er vom Viehzchter zum Ackerbauer, das heit, er wird ganz sesshaft.

Er verliert die Schnel1igkeit der Beine, den ausgeprgten Geruchssinn, den Sinn fr Orientierung, fr die Winde, fr die Spuren. Er kann normalerweise keine Fhrten mehr lesen. Dies verkrzt seinen Abstand vom Tier und hlt ihn auf einer Stufe von beschrnkter berlegenheit, welche die Gleichung des Jgers ermglicht.

In dem Mae, wie er seine Waffen vervollkommnete, hat er aufgehrt, Wilder zu sein, das heit, er hat als Kmpfer an Form verloren. Der Mensch, der heute ein Gewehr gebraucht, ist nicht der Mensch, der dauernd in der Steppe oder im Wald zu leben pflegt, sondern der fr ein paar Tage dorthin geht.

Der gebteste Jger von heute kann sich bei weitem nicht mit der Form vergleichen, in der sich die heutigen Pygmen oder ihre Artgenossen, die Indianer in Borneo oder im sdamerikanischen Regenwald im Freien bewegen.

So wird also der Fortschritt in der Waffe bis zu einem gewissen Grade durch den Rckgang in der Form des Jgers ausgeglichen. Das ist eine neue Besttigung dafr, dass die Jagd in der Gegenwirkung zweier Systeme von Instinkten besteht.

Die Pygmen oder Indianer jagen besser als der Waidmann, der aus Liebhaberei jagt, nicht weil sie vernnftiger sind als dieser, sondern weil sie weniger ermden, mehr an Berg und Wald gewhnt sind, besser sehen, und weil bei ihnen die Beuteinstinkte besser funktionieren. Der natrliche Jger riecht immer ein wenig nach Raubtier, und sein Auge ist das des Fuchses, des Marders oder des Frettchens.

Es ist wie die berlegenheit des Berufsjgers, der sein Leben ganz der Sache gewidmet hat, whrend der 'Liebhaber' ihr nur ein paar Wochen im Jahre widmen kann. Denn um Jagd zu beherrschen, mssen wir unser Sein vollstndig, ja sogar heroisch in diese Ttigkeit versenken, um sie zu beherrschen, um sie zu sein!

Sobald die Entwicklung der Vernunft einen Grad erreicht, wo die berlegenheit des Menschen fast absolut wird, verwandelt sich die Rolle der Vernunft bei der Jagd in ihr Gegenteil. Die erwachsende Vernunft wendet sich anderen jagdlichen Ttigkeiten zu. Wenn sie sich mit dieser befasst, so bekmmert sie sich mehr um Fragen, die ihr vorangehen oder am Rande liegen. Sie wird sich sehr ernsthaft darum bemhen, mit wissenschaftlichen Mitteln die geeigneten Tierarten zu hegen und zu schtzen, die Hunderassen auszuwhlen, gute Jagdgesetze herauszubringen und sogar Waffen herzustellen, die innerhalb sehr enger Grenzen zuverlssiger und wirksamer sind.

Aber bei all dem wird ein Gedanke vorherrschen: zu verhindern, dass die Ungleichheit zwischen Wild und Jger allzu gro wird; sie wird bemht sein, dieselbe Distanz zu wahren, die schon zu Beginn der Geschichte bestand, und sie, wenn mglich, zugunsten des Tieres zu verbessern.

In der Stunde des Jagens selbst wirkt die Vernunft in keinem hheren Mae mit, als sie es in der ersten Stunde tat, als sie nur ein elementarer Ersatz fr die Instinkte war. So erklrt sich die sonst unverstndliche Tatsache, dass die allgemeinen Linien des Jagens heute und zum Eintritt des Tieres 'Mensch' in seinem Lebensraum identisch sind.

Peter Hnizdo