Passive Leadership

Betrachtungen der Alpha-Theorie

Ist es notwendig, das Leittier zu werden?

von Mark Rashid

bersetzung: Ingrid Stiel

aus Western News 4/2002

Zu allererst mchte ich feststellen, dass ich davon berzeugt bin, dass Pferde uns sicher nicht als ihresgleichen, als Mitglieder ihrer Herde betrachten und auch niemals als solche betrachten werden. Ich denke, dass Pferde alles daransetzen, sich in "unserer" Herde zurechtzufinden. Sie sind unglaublich scharfsinnig und knnen sich rasch ihrer Umwelt anpassen, um von einem Tag zum nchsten zu berleben.

Ich sehe das so. Pferde sehen hunderte, mglicherweise tausende Menschen whrend ihres Lebens. Sicherlich wissen sie, es gibt unzhlige von uns. Ein Pferd, das von hunderten von Raubtieren umgeben ist, hat zwei Mglichkeiten: entweder zu sterben oder einen Weg zu finden, sich mit diesen Raubtieren zu arrangieren, damit es nicht gefressen wird. Ich vermute, die Spezies Pferd hat zweitere Wahl getroffen und sucht permanent eine Mglichkeit, um zu verstehen, wer wir sind und was wir wollen, damit sie sich in unserer Herde zurechtfinden knnen. Fast wie wir Menschen, wenn wir in ein uns unbekanntes Land mit fremden Sitten und Bruchen reisen.

Auerdem sollte man wissen, dass sich die meisten Sugetiere (uns Menschen eingeschlossen) ziemlich hnlich verhalten. An der Spitze der Herde steht das "Alpha", das strkste Herdenmitglied, dann gehts Stufe fr Stufe in der Rangordnung hinunter. Irgendwo in der Mitte der Herdenstruktur befinden sich die "Passive Leaders", wie ich sie nenne. Dies sind Herdenmitglieder (gleichgltig, ob Menschen, Pferde, Bffel, Rehe, etc.), die ganz einfach versuchen, mit jedem Mitglied der Herde gut auszukommen. Sie sind nicht notwendigerweise daran interessiert, in der Rangordnung aufzusteigen, um der "Alpha-Leader" zu werden, denn sie sind mit ihrer Position innerhalb ihrer Herde zufrieden. Diese Passive Leaders verhalten sich blicherweise konstant ruhig und bestndig bei ihren tglichen Aktivitten, und als Folge davon gewinnen sie das Vertrauen der anderen Herdenmitglieder.

Da Pferde von Natur aus passive und friedliche Geschpfe sind, versuchen sie natrlich, mehr Zeit mit jenen Individuen der Herde zu verbringen, die ihnen den wenigsten Druck oder Stress verursachen. Der Grund dafr, dass diese Passive Leaders den wenigsten Stress verursachen liegt darin, dass sie in ihren Aktionen zuverlssig sind. Sie wenden selten bis niemals Gewalt an, um ihren Status zu sichern, sondern scheinen durch ihr Vorbild zu beeindrucken. Wo immer sie auch hingehen, der Rest der Herde folgt ihnen willig Schritt fr Schritt.

Nun stellt sich also die Frage: Wie knnen wir es schaffen, zu unseren Pferden eine solche Beziehung aufzubauen, eine Beziehung, in der uns unsere Pferde folgen wollen und willig die Aufgaben erfllen, die wir an sie stellen? Ich denke, die Antwort ist sehr einfach:

Zuerst mssen wir einen Weg finden, unsere Pferde davon zu berzeugen, dass sie sich auf uns verlassen und dass sie uns vertrauen knnen. Das ist blicherweise fr viele Leute ein Problem, denn sie scheinen die Idee zu haben, dass Pferde unterdrckt werden mssen, um ihre Aufgaben zu erfllen. Das kommt daher, dass das Alpha der Herde Dominanz ausbt, um seine Ziele zu erreichen. Und viele Leute glauben, dass wir das Verhalten dieser Alphas bernehmen mssen, um Pferde zu trainieren.

Wie auch immer, wenn wir die Pferde innerhalb der Herde beobachten, werden wir feststellen, dass die Herdenmitglieder zwar ihrem Alpha seinen Respekt erweisen, dass sie aber nicht sehr viel Zeit in seiner Gesellschaft verbringen. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Herdenmitglieder ihrem Alpha nach Mglichkeit aus dem Weg geht. Wenn uns dies also bewusst ist, kann die beste Mglichkeit, ein Passive Leader zu werden, nur so sein, dass jede Gewalt unseren Pferden gegenber vermieden wird. Wenn unser Pferd die Aufgaben, die wir ihm stellen, nicht erfllt, sollten wir ihm helfen, diese Aufgabe zu meistern anstatt es dazu zu zwingen. Wir mssen ihm die Zeit geben, darber nachzudenken, was wir von ihm erwarten, ihm Zeit lassen, nach der richtigen Lsung zu suchen und sie herauszufinden. Meist wird es versuchen, das richtige zu tun, wenn ihm gengend Zeit gelassen wird, darber nachzudenken.

Zweitens mssen wir die volle Verantwortung fr das Wohlbefinden unserer Pferde bernehmen. Ich meine damit nicht nur, dass wir uns darum kmmern, dass die Trnken funktionieren oder dass ihr Futter in Ordnung ist oder dass sie regelmig geimpft werden, obwohl dies alles natrlich genauso wichtig ist, aber sie vor allem in jeder Situation so zu behandeln, wie es fr sie am besten ist. Wir sollten niemandem gestatten, mit ihnen zu arbeiten oder sie zu reiten, von dem wir wissen (oder das Gefhl haben), dass er gefhllos und grob mit ihnen umgeht. Wann immer jemand mit unserem Pferd auf eine Art und Weise arbeitet, die uns ein unangenehmes Gefhl beschert, mssen wir ihn daran hindern. Mit einem Wort, wir sollten keine Angst davor haben, fr unsere Pferde einzustehen!

Diese beiden Dinge, die so einfach klingen, scheinen oftmals das Schwierigste zu sein, was wir fr unsere Pferde tun knnen. Es liegt nicht selbstverstndlich in unserer Natur, sanft und bestndig zu sein. Unsere Art entspricht eher der Einstellung, sofort und gleich und mit Druck erreichen zu wollen, wonach wir streben. Pferde andererseits, sehen die Dinge nicht auf diese Weise. Wenn unsere Pferde, so gut wie sie es eben knnen, versuchen, sich in unserer Herde zurechtzufinden, ist es doch das geringste, was wir fr sie tun knnen, zu versuchen, ihnen dabei zu helfen. Wenn wir ihnen die Mglichkeit dazu geben, werden sie es auch schaffen.