Ohne Horsemanship kein Erfolg
von Renate Ettl aus Western News 6/01
Das richtige Umsetzen der Philosophie
Die Ausbildung der Pferde im Westernstil sowie das Erlernen der Westernreitweise sind eng mit der fr das Westernreiten geltenden Philosophie verbunden. Die korrekte Umsetzung ist der Grundstock einer erfolgreichen Ausbildung von Reiter und Pferd.
Vielleicht mgen sich viele Pferdefreunde der Westernreitweise zuwenden, weil sie darin die Mglichkeit sehen, ihren Kindheitstraum von der Lebensweise der Cowboys auszuleben. Sicherlich gefllt vielen Reitern die Cowboyromantik - angefangen von der "coolen" und lssigen Art zu reiten bis zur kameradschaftlichen Zusammenkunft am Lagerfeuer. Obwohl das Leben der Cowboys tatschlich weder romantisch noch lssig war, sondern vielmehr sehr hart und gefhrlich, hat weder die eine noch die andere Art mit der heutigen Westernreitweise zu tun.
Der Aufstieg der Westernreitweise
Die Verbindung zum Cowboy ist nur noch durch die Herkunft, dem Ursprung der Westernreitweise, hergestellt. Die Reitweise hat sich so stark entwickelt, dass lediglich ein Teil der Ausrstungsgegenstnde - meist aber in abgewandelter Form - heute noch verwendet wird. Ansonsten ist kaum mehr ein Bezug von der heutigen, modernen Westernreiterei zur damaligen Cowboyreitweise vor mehr als 100 Jahren vorhanden. Da die englische Reitweise zur sehr an Traditionen geknpft ist, ist es naheliegend, dass sich die Westernreitweise, die vor etwa 30 Jahren aus Amerika als neue Reitweise in Europa Einzug gehalten hat, am besten dafr eignete, eine ebenso neue Einstellung zur Reiterei in die Reitweise einzubinden, die der freizeitmige Umgang mit dem Pferd mit sich brachte.
Die Voraussetzung war mit der von den Cowboys bernommenen Reitweise grundstzlich besser gegeben, da ein allgemein lockererer Umgang mit den Pferden und eine Reitweise, die keinen geltenden Regeln und Gesetzen unterworfen ist, einfacher formbarer ist als ein festgefahrenes System. Die Entwicklung konnte darum rasch voran schreiten. Somit etablierte sich die Westernreitweise als geeignete Reitart fr die freizeitmige Beschftigung mit dem Pferd, wobei die Qualitt und das Reiten als Kunst keineswegs vernachlssigt wurden. Das Knnen eines guten Westernreiters muss genauso hoch eingestuft werden wie das eines guten Englischreiters. Schon damit wird deutlich, dass die Westernreitweise keineswegs leichter erlernbar ist als die Englische Reitweise. Die Art des Umgangs und der Einstellung zum Pferd ist in groben Zgen jedoch hufig anders, obwohl die Philosophie der Westernreitweise genauso gut auf andere Reitweisen bertragbar ist. Es gibt eben keine gute oder schlechte Reitweise, sondern nur gutes und schlechtes Reiten.
In Verbindung mit der Westernreitweise hrt man immer wieder den Begriff Horsemanship, der als berbegriff fr die Philosophie dieser Reitweise steht. Horsemanship ist notwendig, um die Reitweise korrekt und gut ausfhren zu knnen. Auch die Technik der Reitweise (Hilfengebung) ist darauf ausgelegt und kann ohne Horsemanship nicht funktionieren.
Die Bedeutung der Horsemanship
Horsemanship beinhaltet in erster Linie eine bestimmte Einstellung zum Pferd. Es vereint das faire Verhalten des Menschen dem Pferd gegenber mit dem Verstndnis fr die natrlichen Bedrfnisse des Individuums Pferd. Eine artgerechte Haltung des Pferdes gehrt ebenso dazu wie der richtige Impuls bei der Hilfengebung. Damit wird schon deutlich, dass es sich bei der Westernreiterei keineswegs allein um eine bestimmte Technik bei der Hilfengebung handelt, sondern dass das Westernreiten die gesamte Beschftigung mit dem Pferd samt seiner Haltung einbezieht. Der gesamte Umgang, selbst Ftterung, rztliche Versorgung und tgliche Pflege gehren zur Reitweise, weil sie auch durch diese Dinge und nicht nur durch die Hilfengebung nachhaltig geprgt wird.
Ein Pferd, das durch die Haltungsform seinem natrlichen Bewegungsdrang nicht nachkommen kann, gibt sich unter dem Sattel unwillig und nervig. Es kann den Anweisungen des Reiters kaum folgen, auch wenn es dies prinzipiell tun wrde, weil dies sein natrlicher Trieb nach Bewegung verhindert. Selbst eine unsachgeme Ftterung kann reiterliche Probleme verursachen. Deshalb spielen alle Dinge, die mit der Pferdehaltung und dem Umgang zusammenhngen, eine bestimmte Rolle innerhalb einer Reitweise.
Ein artgerecht gehaltenes Pferd ist seelisch und krperlich ausgeglichen und dies sind Voraussetzungen, um schlielich die Techniken der westernmigen Hilfengebung erfolgreich anzuwenden. Somit ist die reine Boxenhaltung abzulehnen. Wenn Pferde in Boxen gehalten werden mssen, muss mindestens ein mehrstndiger tglicher Weidegang gewhrleistet sein. Besser ist selbstverstndlich die Auslaufhaltung. Im Offenstall kann das Tier seinen natrlichen Bewegungsdrang nach seinen Vorstellungen ausleben. Der Kontakt zu Artgenossen darf neben der Bewegungsmglichkeit ebenfalls nicht vergessen werden. Pferde sind Herdentiere und bentigen ihre Artgenossen. Sie vermitteln ihnen das Gefhl der Sicherheit und Geborgenheit. Damit ist eine echte Erholung erst gewhrleistet. Tiere, die alleine gehalten werden, sind einem permanenten Stress ausgesetzt, der sie niemals zur Ruhe kommen lsst und schlielich psychische Strungen verursacht. Damit ergeben sich letztendlich auch reiterliche Probleme.
Natrliche Bedrfnisse beachten
Genauso wie sich haltungstechnische Probleme auf das Verhalten unter dem Sattel auswirken, geschieht dies auch durch eine unsachgeme Ftterung. Zuviel Hafer verkraften viele Pferde nicht. Das Ergebnis sind berreaktionen. Aber auch unnatrliche Ftterung, wie zu groe Portionen auf einmal anstatt der Verteilung der Futtermenge auf mehrere Mahlzeiten am Tag, knnen gesundheitliche Probleme verursachen. Es mssen keine ernsthaften Krankheiten auftreten, die durch falsche Ftterung, Haltung, aber auch Verletzungen usw. hervorgerufen werden. Allein schon allgemeines Unwohlsein beeintrchtigt die Leistung des Pferdes und die harmonische Zusammenarbeit mit dem Reiter. Es ist deshalb die Pflicht jedes Reiters, sein Pferd so artgerecht wie mglich zu halten, damit es rundum gesund und ausgeglichen ist. Nur natrlich gehaltene Pferde sind gesund und darum auch leistungsbereit.
Zur Zufriedenheit des Pferdes gehrt nicht nur die artgerechte Haltung, sondern auch ein faires und kompetentes Verhalten des Reiters und Pferdebesitzers seinem Tier gegenber. Die Voraussetzung hierzu ist grundstzliche Tierliebe, womit die Akzeptanz des Pferdes als Mitgeschpf gewhrleistet ist. Tierliebe allein reicht jedoch nicht aus, um dem Pferd in seinen natrlichen Belangen gerecht zu werden. Das Wissen um dessen Grundbedrfnisse ist dabei ein wichtiger Punkt.
Dazu gehrt auch das gegenseitige Verstehen, womit der Pferdebesitzer gefordert ist, die Pferdesprache zu erlernen. Er muss wissen, welche Bedeutungen die Mimiken und Verhaltensweisen der Pferde haben, um eine Kommunikation aufzubauen, die fr einen kameradschaftlichen Umgang notwendig ist.
Kommunikation bedeutet gegenseitiges Verstehen und ist die Voraussetzung fr die Umsetzung der Hilfen, die der Reiter an sein Pferd bermittelt. Bevor das Pferd jedoch die Hilfen begreifen kann, ist der Reiter gefordert, sie dem Pferd auf verstndliche Weise mitzuteilen. Hierzu bentigt der Pferdebesitzer bestimmte Tugenden, um den Grundlagen der Horsemanship gerecht zu werden. Er muss beispielsweise viel Geduld und Selbstbeherrschung an den Tag legen, denn Pferde bentigen eine gewisse Zeitspanne, um eine Lektion zu begreifen. In der heutigen hektischen Zeit wird die Lehre zur Geduld schon im Kindesalter hufig vernachlssigt. Um das Pferd nicht ungerechtfertigt zu strafen, ist die Selbstbeherrschung eine weitere Eigenschaft, die ein guter Horseman haben muss. Lieber verzichtet man auf eine gerechtfertigte Strafe, als dass man dem Tier zu Unrecht Schmerzen zufgt, die es nicht verdient hat. Hierbei wird viel mehr zerstrt als es der Ausbildung des Pferdes und dem Umgang miteinander dienlich wre.
Die Tugenden des Horseman
Trotz aller Liebe und Geduld muss man dem Pferd gegenber mit einer gewissen Konsequenz auftreten. Jedes Pferd ist darauf bedacht, seine Position in der Rangfolge einer Herde zu verbessern. Es fordert darum von Zeit zu Zeit auch den Menschen heraus, um die Rangfolge neu abzuklren. Ungezogenheiten, Aufmpfigkeiten und unerwnschte (oft gefhrliche) Handlungen des Pferdes darf man unter keinen Umstnden dulden. Das Pferd muss konsequent zurechtgewiesen werden, damit es den Respekt gegenber dem Menschen, der ja als ranghheres Herdenmitglied angesehen werden soll, nicht verliert. Ein gefhlvolles Taktieren ist notwendig, um den richtigen Grad der Konsequenz und die sinnvollen Grenzen zwischen Lob, Ignoranz und Strafe zu erkennen und abzustecken. Man wird feststellen, dass das Pferd mehr Lob als Strafe verdient. Im Regelfall ist ein Verhltnis von mindestens 90 Prozent Lob und hchstens 10 Prozent Strafe zweckmig, um ein diszipliniertes Pferd heranzuziehen. Oftmals kann man fast ohne Strafe auskommen, in hartnckigen Fllen muss man aber auch durchgreifen, dass mglicherweise bis zu 20% Strafe notwendig werden. Dennoch sollte man sein Hauptaugenmerk auf das Lob richten, weil es wesentlich mehr bewirkt als jegliche Strafe und das Verhltnis des Pferdes zu seinem Menschen stets positiv beeinflusst.
Mit viel Ruhe (Pferde lieben einen ruhigen Umgang), Nachsicht und Gefhl wird man eine Zufriedenheit erreichen, die man nicht nur als Reiter versprt, sondern auch auf das Pferd bertragen wird. Die meisten Tugenden, wie Geduld, ruhiger Umgang, korrekte Handhabung und - nicht zu vergessen - die Konzentration bei der Arbeit, sind mit gutem Willen von jedermann erlernbar.
Schwieriger wird es mit der gefhlsmigen Einschtzung einer Situation. Sie erfolgt oftmals intuitiv. Einige Menschen haben ein Gefhl fr das richtige Verhalten dem Pferd gegenber. Man spricht dabei von einer "guten Hand" fr Pferde. Solche Naturtalente sind selten, doch auch sie haben ihr Talent mit viel Wissen und vor allem auch Erfahrung erweitert. Erfahrung und Wissen bleiben keinem Reiter erspart, denn sie sind genauso wichtig wie das Gefhl, um ein Pferd gerecht zu behandeln.
Die richtige Grundeinstellung muss vorhanden sein, um sich erstens diese Tugenden anzueignen und zweitens sie auch in die Praxis umzusetzen. Der grundstzliche Wille muss im Vordergrund stehen. In der Westernreitweise baut man auf diese Prinzipien auf. Ohne Horsemanship ist korrektes Reiten auf Westernart berhaupt nicht mglich. Deshalb gehrt sie uneingeschrnkt zum Erlernen dieser Reitweise dazu.
Renate Ettl, D-94563 Otzing
Neuerscheinung:
Renate Ettl
Das western trainierte Vielseitigkeitspferd
Silver Horse Edition
200 Seiten, zahlr. Abb.
DM 24,80 / 12,80
Die vielseitige Ausbildung des Westernpferdes steht mehr denn je im Blickpunkt eines fundiertes Trainings. Sie erleichtert die Spezialisierung auf bestimmte Disziplinen, da sie das Pferd durch Abwechslung und gleichmige Belastung frisch und leistungsfhig erhlt. Aber auch nur durchschnittlich begabte Pferde, die den Groteil des Pferdematerials insbesondere im Freizeitbereich ausmachen, finden in der vielschichtigen Ausbildung Chancen, sich in der Szene zu etablieren. Denn Pferde, die sich in jeder Disziplin und in allen Situationen zurecht finden, bringen dem Reiter erst den Spa und die Freude, die er beim Reiten und im Umgang mit seinem Pferd haben mchte.
Renate Ettl, lizenzierte Western-Trainerin, zeigt in ihrem vllig neu berarbeitetem Buch ber das Training und die Ausbildung eines Western-Vielseitigkeitspferdes einen Weg zur harmonischen und erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Reiter und Pferd. Im Vordergrund steht dabei nicht hartes und stupides Training, sondern die richtige Einstellung zum Pferdetraining. Die Autorin will aufzeigen, dass die Leistungsbereitschaft des Pferdes nicht allein von seinen krperlichen Eigenschaften abhngt, sondern die Freude an der Zusammenarbeit mit dem Menschen wesentlich mehr Energien freisetzt als man vermutet. Auf diese Weise ergibt sich ein Weg, der selbst aus einem mittelmigen Pferd ein "Super Horse" macht.
"Das western gerittene Vielseitigkeitspferd" ist direkt ber den Verlag Silver Horse Edition, Graslitzer Strae 2, D-84130 Dingolfing, Fax 0049/9931/73626 oder per e-mail SilverHorseRanch@aol.com bzw. www.silverhorseedition.de erhltlich.