Das Ende eines Vermchtnisses

Das Heim des legendren Doc Bar wurde verkauft

bersetzung Karin Weigl - aus Western News 6/01 

Einer der letzten Gegenstnde, den Stephenie und Charlie Ward am 9. August, als sie ihr Heim in San Benito Lateral verlieen, in den Umzugswagen luden, war ein Grabstein. Gefertigt aus Holz mit einer Bronzeeinlage zeigt er das atemberaubende Profil eines hbschen Quarter Horse, dem wohl berhmtesten von allen. Seit 1992 hatte dieser Grabstein seinen Platz hinter dem Ranchhaus, nahe einer Koppel mit alternden Stuten, wo der berhmte Doc Bar, unbestritten das Quarter Horse mit dem grten Einfluss, begraben wurde, nachdem er am 20. Juli 1992 im Alter von 36 Jahre gestorben war.

Doc Bar, ein graziser und athletischer sorrel-farbener Hengst mit einem Stern zwischen den mandelfrmigen Augen und einer Schnippe auf der Nase, vernderte Amerikas Cutting Horse-Industrie. Sein Name ist so berhmt in der Quarter Horse-Welt wie der des Pferdes Secretariat in Thoroughbred-Kreisen. Sein Einfluss auf die Zuchtlinien lsst sich mit dem eines "Adam" vergleichen. Fast alle Pferde dieser Linie knnen bis zu einer idyllischen Ranch sdlich von Pinnacles National Monument zurckverfolgt werden, wo Doc Bar viele berhmte Pferde zeugte und letztendlich in hohem Alter starb.

Doch nun gibt es die Doc Bar Ranch, die das San Benito County ber mehr als 30 Jahre hinweg zum Epizentrum der Quarter Horse-Zucht machte, nicht mehr. Das Schild, das den Weg zu dieser berhmten Sttte zeigte, wurde abmontiert. Drei ltere, aber dennoch perfekte und wunderschne Tchter von Doc Bar, wurden in Transporter verladen und zu ihrem neuen Heim in Nevada gebracht. Damit fand eine lokale Legende ein abruptes Ende. "Viele Leute in San Benito wussten gar nicht, dass er hier war", erzhlt Stephenie Ward, die gemeinsam mit ihrem Mann Charlie beigetragen hatte, diese Legende aufzubauen, "Als wir noch mit ihm zchteten, war einiges hier los. Quarter Horse-Interessierte wussten um Doc Bar, aber nicht die ortsansssigen Menschen."

Doc Bars eleganter Kopf vernderte das Aussehen der Halter-Pferde, zumindest temporr. Als dieser Trend verschwand und andere Qualitten bei Halter-Bewerben gefragt wurden, fanden seine Besitzer eine andere Mglichkeit, Doc Bars Fhigkeiten optimal einzusetzen. Ein Beweis dafr, dass ein Geschpf oftmals erst ber Umwege seinen angestammten Platz findet.

Nach seinem Tod wurde Doc Bar umgehend in die Quarter Horse Hall Of Fame aufgenommen. "Es war seine Fhigkeit, Intelligenz und Athletik an seine Nachkommen zu vererben", so Charlie Ward. "Auerdem war er ein uerst nettes Pferd."

Gerade zwei Jahre ist es her, dass die Wards Gray Starlight, ihren letzten Hengst und gleichzeitig wunderschnen Enkel Doc Bars, fr fast 2 Millionen USD verkauften. "Doc Bar ist das, was Fachleute einen "Stop" auf Pedigrees nennen. Fragt jemand nach der Abstammung eines Fohlens, beginnt man die Ahnen aufzuzhlen. Endet man dann irgendwann bei Doc Bar, so ist es so, wie wenn Einwohner New Yorks ihre Vorfahren bis zur "Mayflower" zurckverfolgen knnen.", so Ward.

"Er ist der Stammvater des modernen Cutting-Pferdes", erklrt Jeff Hooper, Executive Director der National Cutting Horse Assoc in Forth Worth, Texas.

Stephenies Eltern, Stephen und Jasmine Jensen, kauften das Land, das spter zur Doc Bar Ranch werden sollte, im Jahr 1958. Doc Bar war zu dieser Zeit ein Zweijhriger irgendwo in Arizona. Fr Stephen war es in erster Linie, um am landschaftlich wunderschnen Ufer des San Benito River Erholung von seinem Beruf als Zahnarzt zu finden. Jasmine, die in ihrer Jugend Springpferde geritten ist, traf die Entscheidung, dass sie gerne Pferde zchten wrde. Sie besuchte Trainer im ganzen Land, kaufte Zuchtstuten und im Jahr 1962 fanden sie und Stephen ein ausdrucksstarkes, im Halter-Typ stehendes Hengstfohlen.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der grazise Doc Bar die Show Arena betrat, waren Halter-Pferde eher dick und stmmig. Seine Gewinne vernderten die Kriterien und der kleine, nur 14.3 Hands groe Hengst machte Furore. Die Jensens bezahlten USD 30.000,-, damals eine unvorstellbare Summe, brachten ihn auf ihre Ranch und offerierten ihn als Deckhengst.

Doc Bar wurde als Rennpferd gezchtet, aber bei vier Starts gewann er nur USD 94,- und wurde Vorletzter bei seinem letzten Rennen. Nach zwei Jahren in der Halter-Szene kam sein Typ aus der Mode und er war auch als Deckhengst nicht mehr gefragt. Allerdings nderte sich das bald wieder, nach dem Fizzabar, eine 1961 geborene Tochter, als Dreijhrige Champion Hackamore Horse of the West Coast und dann NCHA World Champion Mare wurde. Sie war auch der erste Nachkomme Doc Bars, der in die NCHA Hall Of Fame aufgenommen wurde.

In der Zwischenzeit halfen Stephenie und Charlie in dem immer weiter expandierenden Zuchtbetrieb mit. Charlie, ein professioneller Calf Roper, wollte sich mit Cutting-Pferden profilieren und hatte stndig einige Doc Bar-Nachkommen auf Shows dabei, um auf die Linie aufmerksam zu machen.

Wie Fizzabars Sieg zeigte, hatte Doc Bar die Fhigkeit, die wichtigsten Eigenschaften fr Cutting-Pferde zu vererben, obwohl er selber nicht in diese Richtung trainiert worden war. Die Telefone auf der Ranch liefen wieder hei. "Es gibt wenige, nur sehr wenige Pferde, die eine Kuh "lesen" knnen", so Stephanie. "Dies ist ein Mysterium und schwierig zu erklren. Auf irgendeine Weise hatte Doc Bar die Fhigkeit, diese Gabe zu vererben, obwohl er selbst gar nicht dafr gezchtet war. Das war das groartige an ihm, er gab an seine Nachkommen die Eigenschaft ein Rind lesen und verstehen zu knnen, weiter. Manchen mehr, manchen weniger, aber es war bei allen unverkennbar vorhanden."

Der Zuchtbetrieb boomte, das flache Gelnde der Doc Bar Ranch wurde in Koppeln eingeteilt. Die Weiden nahe am Haus waren den trchtigen Stuten vorbehalten. Jeden zweiten Tag kam Dr. Gary Deter mit dem Flugzeug, um nach den Mutterstuten zu sehen und die Neugeborenen und die Besamungen zu berwachen. Doc Bar wurde so bekannt, dass viele seiner Fohlen fr Tausende von Dollars verkauft wurden, bevor sie die neuen Besitzer berhaupt mit eigenen Augen gesehen hatten. Es gibt wenige Menschen mit Charisma, Menschen, die einen Raum erhellen, wenn sie ihn betreten. Es ist in der Art ihrer Bewegungen, ihrer Ausstrahlung. Genau diese Eigenschaft hatte auch Doc Bar und das unterschied ihn so sehr von anderen Hengsten.

"Er war ein richtiger Angeber. Sobald eine Kamera auf ihn gerichtet war, sprte er dies und prsentierte sich von seiner schnsten Seite", erzhlt Stephenie. "Ich habe viele Pferde gesehen und ich kann jederzeit die "wahren" Hengste heraussuchen. Sie verfgen ber eine besondere Prsenz, sie sind etwas spezielles. Es gibt nicht viele Pferde, die mich auf diese Weise ansprechen. Doc Bar hat mich gelehrt, auf diese Dinge zu achten."

Doc Bars Einsatz als Deckhengst war von relativ kurzer Dauer. Sie begann, als er 12 Jahre alt war und endete als er 18-jhrig unfruchtbar wurde. Nach seiner Pensionierung lebte er ein schnes Leben auf der Weide und seine Kinder und Enkelkinder fuhren fort, die Cutting Horse-Welt zu revolutionieren.

Im Jahr 1981, im reifen Alter von 26 Jahren, verlie Doc Bar "seine" Ranch zum letzten Mal. Er sollte im Cow Palace in San Francisco von der Pacific Coast Quarter Horse Assoc. geehrt werden. Doc Bar war mde von der langen Fahrt im Transporter und auch krperlich nicht mehr in der Verfassung, die man von ihm gewhnt war. Er war dnner und weniger elegant geworden. Charlie war besorgt, dass das Publikum beim Anblick dieser Legende enttuscht sein wrde. Doch als Charlie und Doc Bar die Arena betraten und der Hengst im Scheinwerferlicht stand, fand das alternde Pferd wieder zu seinem frheren Glanz zurck. Seine Nstern weiteten sich und er stolzierte durch die Halle wie der junge Deckhengst, der er einmal gewesen war. Das Publikum erhob sich zu tobendem Applaus. Die Wards bekamen eine Bronzestatue von Doc, die eigens fr diesen Anlass kreiert worden war. Diese Statue war neben dem Grabstein das letzte Erinnerungsstck, das die Wards beim Verlassen der Ranch in San Benito County mit sich nahmen.

Dr. Deter musste Doc Bar am 20. Juli 1992 einschlfern, ein Nachbar grub ein Loch zwischen Docs Stall und dem Stall der Stuten, in dem der Hengst seine letzte Ruhesttte fand.

Stephenie Ward pflanzte Blumen auf Docs Grab und sorgte dafr, dass sie das ganze Jahr ber blhten. Der bronzene Stein markierte die Stelle, an der der berhmte Quarter Horse-Hengst seinen letzten Atemzug gemacht hatte.

Die Wards nahmen alle Erinnerungsstcke an Doc Bar mit in die neue Heimat in Nevada. Stephenie entfernte die Blumen vom Grab des Hengstes. Bald wird Gras darber wachsen und die Stelle wird sich nicht mehr vom umliegenden Rasen unterscheiden. ber die neuen Besitzer der Farm sagt Stephanie, dass sie keine Pferde-Enthusiasten sind. Sie wrde vorziehen, wenn Doc Bars Grab in Vergessenheit geraten wrde und es kein Besucher in dem jetzigen Zustand mehr sehen wrde.

Die Doc Bar Ranch wird ab jetzt Windemere Properties genannt und von einem Knstler namens Thomas Kinkade bis zum endgltigen Verkauf betreut. Das alte Haus der Jensens wird ihm als Studio dienen. Kinkade wollte den Namen Doc Bar Ranch bernehmen, doch die Wards verweigerten ihm die Genehmigung. Sie nahmen alles mit sich, die Wegweiser, die Fotos, ihre Erinnerungen und den Namen Doc Bar.

"Wir hatten viele Angebote, Doc Bar zu verkaufen. Aber das stand nie zur Diskussion. Wir sagten immer: Alles auf der Ranch ist zu verkaufen, auer Doc Bar."

Bei ihrem Auszug aus San Benito County nahmen Stephenie und Charlie Ward die Erinnerung an das Vermchtnis des groartigen Hengstes Doc Bar mit sich, aber sein Name wird auch weiterhin in Cutting- und Quarter Horse-Kreisen auf der ganzen Welt weiterleben.